Saubere Medien, sauberes Wasser

Ich hoffe nur, die Wasserwirtschaft führt eine ähnlich quicklebendige Qualitätsdebatte wie die Medienwirtschaft. Unser Trinkwasser hätte es verdient. Möglich, dass die Medien für das Gedeihen demokratischer Institutionen ähnlich überlebenswichtig sind wie sauberes Leitungswasser für die Einwohner der Schweiz. Aber man mag das nicht so recht glauben.

Die Debatte darüber, wie unser Leitungssystem am wirkungsvollsten vor Legionellen zu schützen ist, geht, wenn überhaupt, in einem hermetischen System von Fachzirkeln vor sich (ausser die Infektion ist irgendwo akut). In den Medien dagegen herrscht das masochistische Bedürfnis, auf jede neue Blüte im Medienqualitätsdschungel einen grellen Scheinwerfer zu richten. Und dann werden diese Blüten in Leitartikeln, Kolumnen und Blogeinträgen bis zur Unkenntlichkeit zerzupft. Das weckt dann selbstverständlich den Widerspruch der selbst- oder vom Bundesrat ernannten Medienwächter. Und je nach Temperament dieser Professoren und pensionerten Journalisten hat man schon bald den schönsten Streit, kann Sendezeit, Zeitungsseiten oder neuerdings Twitter-Timelines füllen.

Das ist übrigens kein Phänomen der Medienkrise der letzten Jahre. Wer erinnert sich noch an die Expertenkommission für eine Mediengesamtkonzeption? Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts unternahmen 30 Experten unter Führung von Hans W. Kopp den heroischen Versuch, dem Bannwald der Demokratie eine Art forstwirtschaftliche Systematik angedeihen zu lassen. Dieser Berg gebar dann 1982 eine Maus. Die verewigte sich in Sätzen wie:

«Die Fragen, vor denen wir heute im Bereich der Medienpolitik stehen, sind von einer schwer überbietbaren Vielschichtigkeit und Komplexität.»

Wie wahr. Nur dass die seinerzeitige Komplexität schon ein paar Jahre später um ein Vielfaches überboten wurde. Es kamen die Privatradios, das Privatfernsehen und schliesslich kam, ganz ohne die gesetzgeberischen Mühlen der Eidgenossenschaft durchlaufen zu haben, das Internet. Keine von einem noch so klugen Kopf aufgestellte Gesamtkonzeption hätte je die Dynamik vorhersehen oder bändigen können, mit der Unternehmergeist und technische Entwicklung die Medienlandschaft umpflügten.

Man geht kein Risiko ein, wenn man voraussagt, dass auch die heutigen Medienqualitätsdebatten schneller obsolet werden, als denen lieb ist, die sie führen. Die ungeheure Energie, die in sie gesteckt wird, ist in der Trinkwasserversorgung besser investiert.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

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