Finales Selfie

Ein Politiker hat für einmal keine saisonal verantwortungsvolle Torte aus einheimischen Bio-Rüebli gebacken, sondern etwas nicht gebacken bekommen. Das geht uns soviel an wie sein Geheimrezept für die Rüeblitorte, nämlich gar nichts. Aber alle schauen hin, weil das, was da missraten ist, klingt wie ein saftiger Doppelschlag mit der Fliegenklatsche: Sex-Chat.

Alles klar. Sex. Kurz und bündig. Aus dem Englischen. Chat. Auch. Super! Weil alles klar. Denn, das lehrt uns der Meister: «Ein Wort ist umso verständlicher, je weniger Silben es hat. Die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch!» (Wolf Schneider)

Stimmt. Müsste die Zeitung auf Verdichtung und Fokussierung verzichten und über irgendetwas mit «Geschlecht» oder «Verkehr» oder «sexuelle Betätigung (unter Brücksichtigung von…)» schreiben, sie könnte nicht so kompakt berichten. Die Reduktion von Komplexität und das angelsächsische Beicht-Lüftchen, das Sex umweht, schlägt sich im Diskurs kongenial nieder.

Unsere Zivilisation besitze, sagt Foucault (und meint nicht nur die USA), zumindest auf den ersten Blick, keine ars erotica. Dafür sei sie freilich die einzige, die eine scientia sexualis betreibe (und) «das Geständnis ist und war bis heute die allgemeine Matrix, die die Produktion des wahren Diskurses über den Sex beherrscht.» (Der Gebrauch der Lüste, Sexualität und Wahrheit 2, Suhrkamp Verlag, 1989).

Der Politiker unterwirft sich der Logik des Beichtenmüssens, reist in die Beichtzentrale Zürich und tut, was man erwartet: Er schlägt die Augen nieder und bereut vor seinen Richtern, was nur ihn allein etwas angeht. Das war ein Fehler. Aber wer macht schon keine Fehler, wenn er mit diesem verdammten Einsilber erpresst wird?

Sex markiert in einer Welt voller Pornographie noch immer Skandal. Irgendwie beruhigend. Wir sind noch nicht tot. Trotzdem lachen wir zu wenig. Wir lachen zu wenig über einen Chefredaktor, der sagt, die Medien hätten die Situation prima gemeistert. Man stelle sich einen Bundesrat vor, der sagt, der Bundesrat habe die Situation prima gemeistert. Wir lachen nicht darüber, dass Irina Beller seit Neustem unter einem Pseudonym im Editorial der «Weltwoche» schreibt, leicht unterkomplex, aber durchaus unterhaltsam. Wir lachen zu wenig darüber, dass ein simples Schwanzbild, das als prächtiger Monolog gelten darf, uns nun plötzlich als hochstehendes Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau verkauft wird.

Preisgabe von Intimität und Torpedierung des Politikers, narrativ ein Märchen für Erwachsene? Eher Science-Fiction und Fantasy, Star Wars. Nicht nur weil das Märchen schematisch eng ist und keine Antihelden zulässt (der Antiheld ist Ausdruck des modernen Subjekts), sondern weil es in der Erzählung wackliges Personal braucht. Und die, die am Plot herumwerkeln und sich ankeifen, lassen Dinge geschehen, von denen wir hofften, sie seien nicht von dieser Welt.

Die Erzähler haben keinen Hang zum Märchen, der Politiker findet in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, es herrsche Krieg. Wer zuerst schoss, ist klar. Die Aargauer Artillerie (sie sei an allem schuld, hört man). Aber dann: Wer griff aus der Luft an? Und zu welchem Zeitpunkt? Drohnen? Wer rollte mit dem Panzer heran? Wo waren die Heckenschützen? Der Feldpriester? Care-Team? Wer spielte Ambulanz? Warum? Dienstverweigerer? Deserteure? Spione? Überläufer? Partisanen? Die Feldherren, die Felddamen?

Und warum habe ich alles über diesen Bocksmist gelesen? Weil ich die Sache für exemplarisch halte: Eine komplett irrelevante Geschichte wird uns ab Mitte August drei Wochen lang um die Ohren gehauen. Unzählige Artikel werden darüber verfasst (+1). Dem Entscheid des Ständerates hingegen, Embryo-Tests im grossen Stil zu erlauben, wird wenig Beachtung geschenkt. Ein Paradigmawechsel der hygienischen Art schlüpft elegant durch. Fahrlässig und blauäugig − wie künftige Kinder auf Wunsch ausgestattet sein werden in der schönen neuen Welt der Selektion. Einmal Parlamentblau! Aber bitte nicht so kurzsichtig!

Ruhe und Ordnung, verordnete Gesundheit, gute Laune, eine kostengünstige Krankenkasse für alle, die als lebenswürdig definiert wurden. Nur eine Frage der Zeit, bis Linkshänderinnen und zukünftige Glatzenträger aussortiert werden. Der Trend geht zu Menschen ab 1,75m, BMI 21, mit gutem Sprungbein und einem IQ nicht unter 115, aber bitte auch nicht über 130, denn das wird zu teuer für das System. Garantiert ohne Depression und ohne Humor.

Und könnten Sie das Lachen meines zukünftigen Sohnes etwas dimmen, Frau Doktor? Sie müssen wissen, mein Mann lacht immer viel zu laut, aber da lässt sich leider nichts mehr machen. Ich wäre Ihnen ja so dankbar. Und stimmt es, dass man den Babys das Schreien jetzt auch schon vorher entfernen kann? Und den Geschlechtstrieb? Den braucht nun wirklich kein Mensch. Ein Karrierestopper par excellence.

Störenfriede jeder Art, ästhetisch oder verbal, müssen schon bald mit einer rückwirkenden Abtreibung rechnen. Selber schuld. Packt halt das Köfferchen für die Spitalfahrt! Aber für dieses Mal gilt: Das Selfie vor dem grossen Finale auf keinen Fall vergessen!

Romana Ganzoni, Autorin, Celerina.

von Romana Ganzoni | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Finales Selfie»

  1. Jürg Fischer:

    Sehr geehrte Frau Ganzoni
    Nur weil Sie sich in den letzten Wochen bei der Medienlektüre offensichtlich von journalistischem Bocksmist ablenken liessen, heisst das noch lange nicht, dass die parlamentarische Kehrwende in der Präimplantationsdiagnostik nicht auf dem Radar der Journalisten gewesen wäre. Das Gegenteil ist der Fall: Sie können es in der Schweizer Mediendatenbank nachlesen. – Sooo miserabel ist der Zustand der Medien nun auch wieder nicht.
    mfg. Jürg Fischer

    P.S. Obs zum Paradigmenwechsel kommt, werden übrigens noch die Stimmbürger an der Urne entscheiden.

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