Transparenz!

Ob Parallelwelten existieren, ist eine Frage, die Philosophen und Physiker seit der Antike beschäftigt. Denkbar ist, dass in anderen Universen gänzlich andere Naturgesetze herrschen. Erfahren, ob es sie tatsächlich gibt, werden wir nie. Wir sind in unserem eigenen All mit seinen Beschränkungen gefangen. Eine Art von Paralleluniversum hat sich allerdings vor unseren Augen gebildet: die Medienwelt.

Ausser Kraft gesetzt ist hier beispielsweise der gewohnte Anstand, die im Alltag notwendige Zurückhaltung. Hingegen gelten die strengsten Sittengesetze, die man sich denken kann. Es werden höchste moralische Ansprüche gestellt, ohne dass man sie selbst erfüllt, und über allem steht die Forderung nach Transparenz, nach Offenlegung auch privater Gründe und Hintergründe.

Dass Transparenz trügerisch ist, weiss, wer sich hin und wieder selbst erforscht. Nicht einmal unsere eigenen inneren Motive und Antriebe kennen wir – geschweige jene unserer Mitmenschen. Als Kind der Postmoderne weiss ich immerhin: Die Welt ist verwirrlich und im Grunde nicht zu erklären. Die Medien aber scheinen mehr und mehr einem einzigen Ziel verpflichtet zu sein: der Transparenz.

Als ich kürzlich Manfred Schneider über sein Buch «Transparenztraum» reden hörte («Tagesgespräch» auf Radio SRF1), fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Anspruch, Transparenz herzustellen, entspringt journalistischer Selbstüberschätzung. Die Affäre um den Badener Stadtammann bietet hiefür nur ein weiteres Beispiel.

Transparenz nämlich kann immer nur eine scheinbare sein. Nie weiss man, ob man alles weiss, ob man also in der Lage ist, ein abschliessendes Urteil zu fällen. Und immer ist die Information, die an uns weitergegeben wird, mit einem «Spin», einem Drall versehen. Was wir erfahren, soll etwas bewirken, soll schaden oder nützen – wem und weshalb auch immer.

Diese Selbstverständlichkeit scheinen wir im Medienkosmos mehr und mehr zu verdrängen. Transparenz ist so etwas wie die Währung unserer Branche geworden. Sie dominiert auch den Handel mit einem weiteren Paralleluniversum: jenem der Politik.

Ob die beiden Parallelwelten getrennt sind oder in Tat und Wahrheit ein einziges Raum-Zeit-Kontinuum bilden, kann ich aus meiner Warte als Medienkonsument nicht beurteilen. In beiden Welten kauft und verkauft man aber mit der Währung Transparenz das, wonach alle zu streben scheinen: Aufmerksamkeit und Einfluss. Transparenz! Das öffentliche Interesse fordert sie. Die Demokratie braucht sie angeblich.

Aber wie kann die Demokratie etwas nötig haben, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. In der Demokratie müsste man sich mit der eigenen Unvollkommenheit, der Begrenztheit des Wissen-Könnens abfinden. Man müsste sich mässigen. Aber die neu entstandene und entstehende Parallelwelt übt immer grössere Anziehungskraft aus. Wer nicht über ausreichend Bodenhaftung verfügt, wird an- und hinübergesogen in jene Welt, in der es darum geht, unbedingt recht zu haben und alles erklären zu können. Und in der Transparenz das höchste Ziel ist.
Ich glaube, die Absolutheit, mit welcher das öffentliche Interesse formuliert wird, ist ein Kennzeichen dafür, dass man – selbst verschuldet oder nicht – in einer der Parallelwelten gelandet ist. Die Grenzen der Erkenntnis sind dort unbekannt. Man weiss und hat zu wissen, was richtig ist und was nicht. Und man richtet, auf dass man nicht selbst gerichtet werde. Alles ist verkehrt in dieser Welt.

«Das verbotene Zitat»

Zu den Eigengesetzlichkeiten des Paralleluniversums gehört auch, dass Unwichtiges wichtig, Selbstverständliches zum Unerhörten wird. Dazu fällt mir ein harmloses Beispiel ein: Der «Schweiz am Sonntag» gelang es Ende März, also lange vor den Fussballweltmeisterschaften, ein Interview mit dem deutschen Bundestrainer Joachim Löw zu ergattern. Dabei sagte dieser unvorsichtigerweise etwas ganz Normales: Es sei gut möglich, dass er nach dem Gewinn des Weltmeistertitels aufhöre: «Nach zehn Jahren kann ich mir auch vorstellen, dass ich mal gerne wieder einen Verein trainieren möchte.» (s. dazu auch den «Klein Report»). Das war ein gewöhnlicher Satz eines gewöhnlichen Menschen. Im Paralleluniversum allerdings – das ist allen Kommunikationsfachleuten und Medienprofis heute klar – darf man solch normale Sätze nicht äussern. Man darf auf die Frage, ob man nach einem allfälligen Titelgewinn zurücktrete, nicht sagen: «Ich weiss es nicht. Gut möglich.» Auch wenn es stimmt. Deshalb wurde das Zitat nicht autorisiert. Der aufmerksame Pressesprecher des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) kennt sich im Paralleluniversum aus und hat die paralleluniversale Brisanz erkannt.

Die «Schweiz am Sonntag» strich die Aussage damals unter Druck des DFB aus dem am 30. März 2014 publizierten Interview. Allerdings entschied Chefredaktor Patrick Müller nach den Weltmeisterschaften und dem deutschen Titelgewinn, «das verbotene Zitat von Jogi Löw» am 20. Juli in einem kommentierenden Text zu veröffentlichen. Wahrscheinlich der Transparenz zuliebe. Damit die Wahrheit doch noch ans Licht kommt. Gerade noch früh genug. Am 23. Juli wurde bekanntlich bekannt, dass Löw seinen Vertrag, der 2016 ausläuft, erfüllen werde. Noch herrscht allerdings keine Transparenz darüber, was Jogi Löw danach tut. Er wird skandalöserweise wohl behaupten, dass er es nicht wisse. Das könnte ein Trick sein, um seine Ausgangslage bei den Verhandlungen zu verbessern. Wir wissen es nicht.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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