Frühstück mit dem «NachrichtenAnzeiger»

Gilleron traute der Sache nicht. Er stand vor dem angemoosten Eingang zur ehemaligen Schokoladefabrik Edelmüller gleich bei der Auffahrt zur A15. Die Luft abgasgeschwängert, das Tor abgeschlossen. Aber hierhin hatte ihn Eddie Fricker bestellt, der Erfinder und Verleger des zurzeit angesagtesten Jugend-, Lifestyle- und Mode-Magazins «Raspberry». Gillerons Aufgabe: Für die nunmehr etwas angejahrte Rubrik «Frühstück mit…» des «NachrichtenAnzeigers» ein Interview mit dem alternativen Medienmogul zu führen.

Von Fricker munkelte man gerade, er habe seine zwölfte Million in eine Jacht in Portofino gesteckt. Die achte, neunte, zehnte und wohl auch die elfte waren beim irrsinnig öffentlichen Scheidungskrieg mit Mareike Lund, der Drittplatzierten bei «Deutschland sucht das Supertalent» 2007, draufgegangen.

Aber die Scheidungsmillionen spielten gar keine Rolle. «Raspberry» verkaufte sich wie wild. Nach der amerikanischen, englischen, deutschen und koreanischen Ausgabe war vor zwei Wochen gerade die russische neu herausgekommen, wie alle mit wahnsinnig vielen Inserateseiten von allen wichtigen Mode-, Schmuck- und Partnervermittlungs-Labeln, alles in Hochglanz.

Als Gilleron gerade unverrichteter Dinge abzotteln wollte, tauchte Eddie Fricker auf. Er nickte dem Reporter nur kurz zu, klopfte an das Fenster neben dem Eingang zur verlassenen Schokoladesiederei und flüsterte in den sich öffnenden Spalt nur ein Wort. Da ging die Türe zum Kaffeesalon Edelmüller auf, der Ort, an dem Fricker gerne frühstückt, wie er am Telefon gesagt hatte.

Gilleron staunte. Im sanften Licht antiker Kristalllüster schimmerten Edelstahlmöbel, offensichtlich einstige Operationstische, auf denen Medizinstudenten übungshalber Leichen seziert hatten. Daran sassen dicht an dicht Männer und Frauen, von denen Gilleron die meisten kannte, allerdings nur aus der Zeitung.

Da war Meyer-Schönbuch, Inhaber einer Kette von Coiffeursalons, die den weiblichen Thirty-Somethings hochgesteckte Sechzigerjahre-Frisuren verpassten. Naja, unter seinen Kundinnen waren wohl auch einige Fourty- und Fifty-Somethings, die das nicht wahrhaben wollten.

Anita Wohlgemuth, Drei-Sterne-Köchin im «Oberen Heugut», trank einen Cappuccino. Neben ihr stand ein Korb mit etwas, das aussah wie Seetang oder sonst eine Zutat für ihr Dessert du Marché. Von diesem hatte der Bundesrat und Gourmand Anton Hauenberger schon mehrfach öffentlich geschwärmt, und zwar, man staunte, sogar in seiner 1.-August-Rede.

Wohlgemuth plauderte mit Walter Heuer, dem Fernsehansager und Importeur von exquisiten italienischen Ledergürteln. Diese hätte Gilleron in den Gurtschlaufen der geflickten Armani-Jeans von Fricker und der meisten anderen Gäste entdeckt − wenn er denn einen Blick für solche Dinge gehabt hätte.

Der «Raspberry»-Chef setzte sich mit Gilleron an einen Nebentisch, bestellte einen Vegan-Latte und legte los: «Bei ‹Raspberry› haben wir schon immer die Regel gehabt, dass wir keine Regeln haben.»

Gilleron nickte eifrig und machte sich Notizen. «Darum haben wir Trends aufgespürt, bevor das überhaupt Trends waren», fuhr Fricker fort. «Das erklärt den Erfolg bei unserem Publikum.» Mit einer allumfassenden Armbewegung deutete der Jungverleger auf die Gäste im Kaffeesalon.

Gilleron glaubte zu verstehen, was Fricker meinte: In diesen Kreisen liest man «Raspberry», weil man selber alle Regeln bricht. Und weil man auf diese Weise einfach dazugehört. Das von den Eltern geerbte Abonnement für den «NachrichtenAnzeiger» haben diese Leute längst gekündigt. Sie beziehen ihre News aus dem Netz, dort erfahren sie auch, was heute angesagt ist. Für alles Wichtige aber verlassen sie sich auf «Raspberry». Da steht drin, was morgen angesagt sein wird.

Das Hochglanz-Magazin mit Underground-Charakter hatte schon über Meyer-Schönbuch geschrieben, als dieser noch einen Frisörsalon in Glattbrugg betrieben hatte. Über Wohlgemuth, als im «Oberen Heugut» Pensionierte morgens um 9 vor dem ersten Bier sassen. Und über Heuers Ledergürtel, bevor man sie zum ersten Mal an Kate Moss und Brad Pitt gesichtet hatte.

Fricker verzog das Gesicht, als er an seinem Vegan-Latte schnupperte. Da habe etwas mit dem Kolbendruck nicht gestimmt, liess er die blutjunge Kellnerin wissen. Anstandslos nahm diese den Kaffee entgegen, um ihm einen neuen zu bringen.

Da trat Fernsehansager Heuer an den Tisch, wechselte ein paar unhörbare Worte mit Fricker, gab ihm ein Couvert, tippte an seine Baseball-Mütze und verliess das Lokal. Fricker öffnete den Umschlag und zählte die Banknoten. Gilleron blickte ihn fragend an. «Ja, gratis kommt man bei uns nicht vor.» Gillerons Mund stand offen. «Ich sage ja», fuhr Fricker fort, «unsere einzige Regel ist, dass wir keine Regeln haben. Nur mit dem Kioskverkauf hätte ich mir die Scheidung gar nicht leisten können.»

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

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von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Frühstück mit dem «NachrichtenAnzeiger»»

  1. Markus Schär:

    Lustige Geschichte im neuen Buch „Think Like A Freak“ von Dubner und Levitt:

    Ein renommierter Weinkritiker eröffnete in Mailand ein fiktives Lokal mit einer ausgesucht miserablen Weinliste und schaffte es als Empfehlung in den Wine Spectator – weil es nur auf das Bezahlen ankommt.

    Einmal mehr: La réalité dépasse la fiction.

  2. Pingback: Kellermanns Abgang | Medienspiegel.ch

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