#Selfiegate: Die «NZZ» stöckelt und stolpert auf dem Boulevard

Da schlägt man am vergangenen Mittwoch nichtsahnend die «NZZ» auf − und staunt nicht schlecht: «Nackt-Selfies aus dem Bundeshaus» (online zusätzlich überschrieben mit «Freizügige Sekretärin»). Eine Bundeshaus-Angestellte soll über ihren Twitter-Account «regelmässig Nacktbilder aus ihrem Büro» publiziert haben, lässt uns das Zürcher Qualitätsblatt wissen. Und weiter:

«Auf den Bildern sind mitunter ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zu sehen.»

Zwar ist die «NZZ» in den letzten Monaten merklich «weiblicher und urbaner» − und damit auch «lifestyliger» − geworden (das «Tagi-Magi» lässt grüssen), aber gleich so? Als Feigenblatt für die knackige Geschichte wurden zwar arbeitsrechtliche Fragen herbeigezogen, aber wo genau ist die − excuse my French − Relevanz der Geschichte? Keine Bundesrätin, kein Bischof, ja nicht einmal ein Lehrer, sondern eine «einfache» Sekretärin, die ihren Exhibitionismus auslebt.

Hat man bei der «NZZ» eigentlich auch nur einen Augenblick über die möglichen Konsequenzen nachgedacht? Jene für die betroffene Frau etwa, aber auch jene für die eigene Reputation?

«Die NZZ hat die Identität der fraglichen Person nicht preisgegeben, weil auch Angestellte im Bundeshaus Anrecht auf Persönlichkeitsschutz haben. Deshalb haben wir Anfragen von Medienschaffenden prinzipiell abschlägig beantwortet»,

liess «NZZ»-Inlandchef René Zeller gegenüber der «Medienwoche» verlauten.

Das mag ja sein. Aber gehört es nicht auch zur Journalistenpflicht, einfachere Gemüter vor sich selbst zu schützen? Ist man an der Falkenstrasse denn allen Ernstes davon ausgegangen, dass die «qualitätsniedrigen» (Jahrbuch «Qualität der Medien») Boulevard- und Gratismedien die «NZZ»-Geschichte einfach auf sich beruhen lassen würden? Mit «Kollateralschäden» musste doch gerechnet werden.

Es kam jedenfalls, wie es kommen musste. «20 Minuten» setzte den Mob auf die mittlerweile schon fast bedauernswerte Frau an …,
20min_selfiegate

… und nur wenig später waren auf den Websites von «20 Minuten» und «Blick» auch schon die ersten Bilder der «Porno-Sekretärin» zu sehen:

Die «NZZ» twitterte derweil scheinheilig …

… nur um wenig später die «Sofortige Freistellung einer Bundesangestellten» vermelden zu müssen.

Die Twitter-Journi-Bubble blubberte auf Hochtouren, Instant-Beurteilungen von #selfiegate und #nzzgate folgten im Minutentakt − etwa auf Suedostschweiz.ch, Tagesanzeiger.ch, Bildblog.de oder bei den «Watsons».

Nicht nur Letztere fühlten sich dabei an den ähnlichen, mittlerweile gut fünf Jahre zurückliegenden Fall «Sado-Maso im Sozialamt» erinnert, in dessen Zusammenhang der «Blick» vom Schweizer Presserat wie folgt gescholten wurde:

«‹Blick› hätte die Sexbilder einer jungen Frau nicht abdrucken dürfen – auch wenn diese im Internet zugänglich sind. Der Schweizer Presserat bestätigt damit einmal mehr seine Haltung, dass Bilder aus dem Internet nicht automatisch frei für jede weitere Veröffentlichung sind. […] Für den Presserat rechtfertigt keinerlei öffentliches Interesse, dass der ‹Blick› diese Fotos von einer privaten Website abdruckt und damit einem wesentlich grösseren und ganz anderen Publikum zugänglich macht. Auch Amtspersonen haben ein Recht darauf, dass ihre Privatsphäre respektiert wird. Wenn Medien darüber berichten, dass von einer solchen Personen Sexbilder im Internet abgerufen werden können, befriedigt das allenfalls die Neugier des Publikums. Ein schützenswertes öffentliches Interesse an solchen Informationen gibt es in der Regel nicht – selbst dann nicht, wenn die Amtsperson eine hohe Stellung hat oder prominent ist.»

Update, 10. August 2014:
Twitter und Müll (Barnaby Skinner, «SonntagsZeitung»)

Update, 13. August 2014:
Porno aus dem Bundeshaus: «Nur» narzisstisch? (Peter Studer, «Schweiz am Sonntag»)

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

1 Bemerkung zu «#Selfiegate: Die «NZZ» stöckelt und stolpert auf dem Boulevard»

  1. Was ist bloss aus der Schweiz und den Parolen der linken Alt-1968er geworden? Freie Liebe, Love Life, Sex-Drugs-and-Rock ’n‘ Roll? Heute hat die Medienöffentlichkeit offensichtlich nur noch Moralprediger und Tatsachenverdreher zu bieten, die an Scheinheiligkeit nicht mehr zu überbieten sind. Alleine der NZZ einen Vorwurf zu machen, greift jedoch zu kurz. Die NZZ mag das Wild erlegt haben, doch die anderen sind keine Unschuldsengel. Sie haben sich wie die Geier auf die Story gestürzt und der NZZ den Rang abgelaufen.

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