Spielverderber

696 Demonstrationen gegen die Fussball-WM fanden bis zum Schlusspfiff am Sonntag in Brasilien* statt, 15 davon mit mehr als 50’000 Demonstranten. Dabei wurden acht Personen getötet, über 800 Personen verletzt und 2608 Personen verhaftet, darunter zehn Journalisten. Ach, Sie haben nichts davon mitbekommen?

Dann geht es Ihnen wie FIFA-Präsident Sepp Blatter, der am 4. Juli in der grössten brasilianischen Zeitung «Folha» mit den Worten zitiert wurde: «Wo ist sie denn geblieben, die soziale Unzufriedenheit? Wo sind denn jetzt die grossen Proteste?» Auch davon haben Sie nichts gehört, sagen Sie?

Wie denn auch. Die Medien haben darüber kaum bis gar nicht berichtet. Das WM-Spektakel hat Zeitungen, Nachrichtenportale und TV-Informationssendungen fast vollständig dominiert. Unterhaltung statt Information, distanzloser Jubel statt kritische Einordnung.

Besonders augenfällig wurde dies, als Israel am Abend des 8. Juli auf Raketen aus dem Gaza-Streifen erstmals seit Jahren wieder mit Bomben antwortete. Fussball hat den Krieg in die Randspalten verdrängt, ausnahmslos alle deutschsprachigen Nachrichtenportale machten mit dem Spiel zwischen Deutschland und Brasilien auf, in dem die deutsche Elf die brasilianische Seleção 7 zu 1 «niedermachte», wie der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck nach dem Match in die TV-Kameras sagte. Ein Jahrhundertspiel, sagen Sie, das an diesem historischen Fussballabend diese Gewichtung rechtfertigte? Okay, dann schauen Sie mal, wie «Spiegel Online», das Flagschiff des deutschsprachigen Onlinejournalismus, am 9. Juli, am Tag nach dem Jahrhundertspiel und am zweiten Tag des Krieges in Nahost ausgesehen hat – ohne die Fussballberichterstattung: so.

Während private Medien tun und lassen können, was sie wollen, also durchaus auch ihr Informationsversprechen brechen, rechtfertigen öffentlich-rechtliche TV-Sender ihre Gebührengelder mit ihren umfassenden Informationsleistungen, die sie nach journalistischen Relevanzkriterien erfüllen wollen und sollen. Ist die Grundlage für ein öffentlich-rechtliches Informationssystem noch gegeben, wenn das ZDF-«Heute Journal» am Abend des deutschen Sieges gegen Brasilien nach vier Stunden Fussballberichterstattung und vor weiteren drei Stunden Fussball 1:10 Minuten nach Tel Aviv schaltet und 2:30 Minuten nach Belo Horizonte vor das Fussballstadion?

Fast noch verstörender als die Tatsache, dass Medien bekanntlich immer stärker nach ökonomischen Kriterien funktionieren, in denen nur noch Klicks und Quoten zählen und das wichtige, medienethische Prinzip, nicht nur darüber zu berichten, was interessiert, sondern auch darüber, was wichtig ist, zunehmend keine Rolle mehr spielt, ist die beklemmende Beobachtung, dass dies Medienkonsumenten offenbar auch immer weniger zu stören scheint – zumindest, wenn es um Fussball geht. Nur so kann ich mir erklären, dass durchaus kritische Zeitgenossen kritische Einwände gegen die unverhältnismässig flächendeckende Fussballeuphorie in den Medien als unerhörten Angriff auf ihr legitimes Bedürfnis nach Spass und Ablenkung empfinden – je politisch linker positioniert übrigens, desto heftiger. Die gleichen, die nach der Fussball-WM dann wieder über das Medienversagen jammern, während der Fussball-WM aber Kritiker als Spielverderber geisseln.

Ich bin gerne Spielverderber. Das ist mein Job.

PS: Anzahl Artikel in den wichtigsten Schweizer Tages- und Sonntagszeitungen sowie Nachrichtenportalen über das auch die Schweiz betreffende und damit hochrelevante Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen der EU und den USA in den letzten sechs Monaten: 7.

PPS: Anzahl Artikel in den wichtigsten Schweizer Tages- und Sonntagszeitungen sowie Nachrichtenportalen über das Handelsabkommen für Dienstleistungen (Tisa) zwischen der EU und den USA, bei dem auch die Schweiz am Verhandlungstisch sitzt, in den letzten sechs Monaten: 0.

* In einer ersten Version der Kolumne waren die Zahlen zu den Protesten den vier WM-Wochen zugeordnet. Darin enthalten sind aber auch die Proteste vor dem WM-Beginn.

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Schweiz am Sonntag» sowie Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Spielverderber»

  1. fst:

    Wie sind denn PS: und PPS: gezählt? Zum TTIP finde ich allein bei NZZ.ch auf einen schnellen Blick sieben Artikel aus den letzten sechs Monaten, die sich im Kern mit dem Abkommen beschäftigen, dazu kommt eine Handvoll Meldungen via awp, teils durchaus ausführlich, und noch einige Erwähnungen des TTIP in Artikeln mit anderem Fokus (eine Rede Obamas, das TV-Duell Juncker/Schulz u.ä.). Und unter den ersten vier Treffern der Google.ch-Suche «tisa nzz» sind bei mir

    - aus dem März: http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/angst-vor-privatisierungswelle-1.18269896
    - aus dem Juni: http://www.nzz.ch/wirtschaft/langsame-fortschritte-bei-verhandlungen-zu-dienstleistungen-1.18332246
    - ebenfalls aus dem Juni: http://www.nzz.ch/wirtschaft/newsticker/eu-kommission-bestreitet-gefahr-fuer-datenschutz-durch-handelsabkommen-1.18326892

    (Disclosure: Ich arbeite für die NZZ.)

    • Christof Moser:

      Danke für das Feedback und die Frage. Ich habe in der SMD als Quellen NZZ, NZZ.ch, Newsnet/Tagesanzeiger, BaZ, Bund, Aargauer Zeitung, BLICK, Blick am Abend, 20 Minuten, Sonntagszeitung, NZZ am Sonntag, Schweiz am Sonntag und Sonntagsblick und nach den entsprechenden Abkürzungen gesucht, Artikel aussortiert, die die genannten Abkommen nur am Rande behandeln und Artikel, die in Print und Online erschienen sind, nur einmal gezählt. NZZ und BaZ haben nach meiner Beobachtung am ausführlichsten über das TIIP berichtet. Auf wie viele Nennungen stossen Sie mit Ihrer Methode bei TISA?

  2. Skepdicker:

    @ Christof Moser: In der NZZ bzw auf nzz.ch erschienen in den letzten 6 Monaten 5 Artikel mit Tisa-Nennungen:

    10. März: «EU/Vierte Gesprächsrunde zu US-Freihandelsabkommen begonnen»
    25. März: «Angst vor Privatisierungswelle»
    20. Juni: «EU-Kommission bestreitet Gefahr für Datenschutz durch Handelsabkommen»
    27. Juni: «Langsame Fortschritte bei Verhandlungen zu Dienstleistungen»
    8. Juli: «Zölle auf Umweltgütern sollen wegfallen»

    (Disclosure: Ich bin glücklicher NZZ-Abonnent und ehrenamtlicher NZZ-Fanboy.)

  3. Skepdicker:

    Die Berichtigung («In einer ersten Version der Kolumne waren die Zahlen zu den Protesten den vier WM-Wochen zugeordnet. Darin enthalten sind aber auch die Proteste vor dem WM-Beginn.») sollte meines Erachtens berichtigt werden. Die Zahlen enthalten nicht «auch die Proteste vor dem WM-Beginn», sondern ausschliesslich Zahlen zu den Protesten vor WM-Beginn. Die Statistik bezieht sich nämlich einzig und allein auf das Jahr 2013*.

    Obwohl ich mich damit der Gefahr aussetze, erneut als Troll oder Korinthenkacker beschimpft zu werden: Die edle Stossrichtung eines Artikels ersetzt nicht einen gewissenhaften Umgang mit Zahlen und Quellen. Durch das Verschweigen der Tatsache, dass sich die Zahlen auf das Jahr 2013 beziehen, liegt über dem ersten Abschnitt («Ach, Sie haben nichts davon mitbekommen?») ein Hauch von Manipulation des Lesers im Dienste der Pointe.
    Zudem insinuiert der Autor, dass sich die genannten Zahlen einzig auf Demonstrationen «gegen die Fussball-WM» bezögen. Dies ist falsch. Die Zahlen beziehen sich auf sämtliche sozialen Proteste des Jahres 2013.

    * Die Zahlen stammen aus der Publikation «Brazil’s own goal» der Menschenrechtsorganisation «Article 19» vom 29. Mai 2014:
    http://www.article19.org/data/files/medialibrary/37570/Brazils-own-goal—WEB.pdf

    • Christof Moser:

      Nein, lieber Skeptiker, Sie sind kein Troll. Habe ich das je behauptet? Ihre Präzisierung stimmt. Ich bin seit gestern daran, die Zahlen mit Journalisten vor Ort zu verifizieren, weil es Verwirrung gab über den Zeitraum, auf die sich die Zahlen berufen. Eine aktualisierte Datenbasis wird derzeit erarbeitet. Eine Manipulation ist es trotzdem nicht. Die Proteste während der WM haben, was die Anzahl der Demonstrationen betrifft, zugenommen, an denen aber weniger Menschen als 2013 teilgenommen haben. Der Vorwurf, das Spektakel in den Vordergrund gerückt zu haben und die Proteste verschwiegen zu haben, ist unverändert richtig. So kam es zum Beispiel am Rande des Finals zu einer «FIFA go home»-Demonstration, die von der Polizei gewaltsam aufgelöst wurde (siehe hier: https://twitter.com/HuffPostUKPics/status/488401481788559361/photo/1 und hier: http://copadomundo.uol.com.br/noticias/redacao/2014/07/13/pm-bloqueia-protesto-no-rio-apos-conflito-que-deixou-6-feridos.htm). Haben Sie davon was mitbekommen?

      Auf die Zahlen zu TISA komme ich zurück. Danke für Ihre kritische Begleitung.

      • Skepdicker:

        Danke für die dickhäutige Reaktion. Das spricht für Sie.

        Trotzdem möchte ich nochmals nachhaken: Ihr Text insinuiert, dass sich die Zahlen (8 Tote, 2608 Verhaftete, über 800 Verletzte etc.) auf Proteste «gegen die Fussball-WM» bezögen. Die sozialen Proteste im Jahr 2013, auf die sich die genannten Zahlen beziehen, richteten sich allerdings nicht hauptsächlich gegen die Fussball-WM. Letztere diente eher als Symbol, Aufhänger oder medialer Aufmerksamkeitsverstärker für sehr heterogene Demonstrationen gegen Korruption in der Verwaltung, Verschwendung für Prestigebauten (nicht nur WM-Stadien!), höhere Tarife im öffentlichen Verkehr, Polizeigewalt, Kapitalismus, Inflation, hohe Steuern und mangelhafte Qualität der öffentlichen Dienste (insbesondere im Bildungswesen).
        Die Behauptung, bei den sozialen Protesten in Brasilien handle es sich um Proteste gegen die WM, ist nicht gänzlich falsch. Nach dieser Logik darf man aber auch die Aussage, die Maidan-Bewegung sei faschistisch, nicht als falsch ablehnen.

        Sie schreiben in Ihrer Replik: «Eine Manipulation ist es trotzdem nicht. Die Proteste während der WM haben, was die Anzahl der Demonstrationen betrifft, zugenommen, an denen aber weniger Menschen als 2013 teilgenommen haben.»

        Es ist meines Erachtens schon ziemlich manipulativ, einen Konnex zwischen den genannten Zahlen aus dem Jahr 2013 und «Demonstrationen gegen die Fussball-WM» während der Fussball-WM herzustellen, um die These der angeblichen Jubel-Trubel-Berichterstattung seitens der Medien zu stützen. Ich nehme an, dass Ihnen beim Verfassen des Textes nicht bewusst war, dass sich die genannten Zahlen auf das Jahr 2013 beziehen (ansonsten müsste man Ihnen bewusste Manipulation unterstellen).
        Die Sache wird durch einen Verweis auf noch nicht zitierfähige, aktuellere Daten aber nicht unbedingt weniger manipulativ: «Proteste während der WM» und «Demonstrationen gegen die Fussball-WM» sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Seien wir ehrlich: Die von Ihnen genannten Zahlen haben im ersten Abschnitt schlicht und einfach nichts zu suchen. Der Kausalzusammenhang zwischen Ihrer These und den Zahlen ist praktisch inexistent.

        Weg von der Korinthenkackerei und zur inhaltlichen These:
        Die NZZ druckte sowohl im Jahr 2013 als auch unmittelbar vor der Fussball-WM zahlreiche Texte zu den Hintergründen der Proteste ab (wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, waren darunter auch ein paar ganzseitige Texte im Feuilleton). Dies gehört meines Erachtens eher zur Pflicht eines Qualitätsblattes als die Erwähnung einer Demonstration mit 300 Teilnehmern gegen die FIFA (zum Vergleich: die Demo für die Schliessung aller Schlachthöfe in Bern hatte am Samstag 700 Teilnehmer) irgendwo in einem kleinen Kästchen.

        Wer sich während einer Fussball-WM seriös informieren will, kann das ohne Probleme. Meistens liegt es am Wollen (der Nachfrage), nicht am Können (dem Angebot), dass dies nicht passiert. Auch viele Qualitätsjournalisten vertwittern vornehmlich Leichtkost und Knackiges (oftmals von Interessengruppen mit einem schönen Spin versehen).

  4. Skepdicker:

    Wenn wir schon beim Fact Checking sind (und uns noch beliebter machen wollen, als wir es ohnehin schon sind…):
    Der Autor schreibt: «Besonders augenfällig wurde dies, als Israel am Abend des 8. Juli auf Raketen aus dem Gaza-Streifen erstmals seit Jahren wieder mit Bomben antwortete.» Die Luftangriffe der IDF (israelische Luftwaffe) auf den Gaza-Streifen begannen am frühen Morgen des 8. Juli, nicht am Abend. «Spiegel Online» veröffentlichte dazu am 8. Juli um 7.25 Uhr einen Artikel.

  5. ras.:

    MIr ist – zumindest in der gedruckten Presse – nicht aufgefallen, dass die Fussball-WM die schweren Nachrichten zugedröhnt hätte. WM-Infos wurden ja oft in separate Rubriken ausgelagert. Aufgefallen ist mir allerdings, dass aus der Fussball-WM unzählige Nebensächlichkeiten zur Nachricht aufgekocht wurden. Die Häufigkeit der WM-Berichte konnte wohl den Eindruck erzeugen, es sei nur noch darüber berichtet worden. Interessant wäre zu untersuchen (an die Arbeit, liebe Wissenschafter!), ob die News- und Berichterstattungsintensität betr. WM 2014 im Vergleich zu den vorangehenden zugenommen hat. Dies auch im Hinblick auf die Aktivitäten in den sozialen Netzwerken und die Guerilla-Marketing-Aktionen diverser Unternehmen, was ja einen Rückkoppelungseffekt auf die Berichterstattung hat(te).

  6. Pingback: ruff linkage 201429

  7. Pingback: Rundes Leder Browserdienst 29/14 | «Zum Runden Leder»

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>