Sander ärgert sich

Es war einer dieser Tage, an denen Sander das Wort hinter seinem Namen im Impressum des «NachrichtenAnzeigers» verfluchte. «Nachrichtenchef», höhnte er im Café Anglais vor sich hin, «Nachrichtenchef!». Der Mann zwei Tischchen weiter schaute ihn über seinen Café crème hinweg irritiert an. Im Anglais hört man um diese Zeit sonst höchstens Zeitungspapier rascheln. Claire, die Wirtin, kennt die Stammgäste und ihre Wünsche. Und im Anglais verkehren nur Stammgäste.

Sander nickte dem Rentner entschuldigend zu und verlegte den Dialog mit sich selbst ganz in die stille Innenwelt seiner Grosshirnrinde. «Von wegen Nachrichtenchef. Die Nachrichten sind der Chef, und ich bin ihr Sklave, ihr armer, missbrauchter, von 20-jährigen Reportern gehasster, ewig hinterherhinkender Sklave.»

Anlass für Sanders Ärger war wieder einmal «tutto il giorno», die örtliche Konkurrenz. Das Blatt mit dem geschniegelten italienischen Namen und den, wie Sanders fand, unterentwickelten ethischen Standards, hatte einmal mehr einen Scoop gelandet. Ruth, Tochter des stockkonservativen Bürgermeisters Meyer, hatte heimlich die Partnerschaft mit ihrer bis dato unbekannten Lebenspartnerin eintragen lassen. Im Standesamt im Rathaus, zwei Bürotüren von Meyers Amtsräumen entfernt. «tutto il giorno» hatte unscharfe Bilder von der Zeremonie und dem vor Ärger purpurroten Gesicht Meyers, der aus Zufall in die Hochzeit seiner eigenen Tochter geplatzt war.

Meyer war vor fünf Jahren in einer denkwürdigen Wahl mit hauchdünnem Vorsprung Bürgermeister geworden. Weil in der Lokalredaktion niemand den Frontkommentar schreiben mochte, war spätabends Nachrichtenchef Sanders eingesprungen, nach dreizehn Stunden atemlosem Dienst zwischen drohendem Krieg in Transnistrien, einem Geheimplan der Mitte-Links-Parteien gegen die Zauberformel, fortlaufender Bankgeheimniskrise und den ersten Federer-Zwillingen.

Sander hatte damals kommentiert, die entscheidenden vierzehn Stimmen für Meyer stammten garantiert aus dem Lager des Vereins «Pro dignitate et libertate». An der Generalversammlung der klandestinen Vereinigung hatte Meyer drei Wochen vor der Wahl gegen die Homoehe gewettert. Auch damals war das ein Scoop des «tutto il giorno», wie Sander sich jetzt bitter erinnerte.

Aber Sander wäre nicht Sander und vor allem nicht Nachrichtenchef des «NachrichtenAnzeigers», wenn er aus seinem stummen Grübeln nicht sofort in den Modus des blitzschnell entscheidenden Blattmachers gewechselt hätte. Den auf morgen geplanten Frontaufmacher, ein historisches Stück zum 70-Jahr-Jubiläum der alliierten Landung in der Normandie, würde er natürlich sofort spülen. Hauser, die vielversprechende Reporterin, und Düblin, den alten Hasen in der Lokalredaktion, würde er augenblicklich zum Recherchieren losschicken. Wo ist das Liebesnest der Bürgermeistertochter? Welche Mitglieder der Stadtregierung haben homosexuellen Nachwuchs − oder sind gar selber schwul oder lesbisch? Gerber, die Kleine vom Politikressort, würde ein Interview mit irgendeinem Politologen machen. Stossrichtung: Was bedeutet das Outing von Meyers Tochter für Meyers Partei in der anstehenden Ständerats-Ersatzwahl? Das Filet-Stück aber, den Frontkommentar, reservierte Sander für sich selbst. Sander war sich sicher: Das geballte Infopaket morgen auf drei Seiten würde alle Welt vergessen lassen, dass der Scoop von «tutto il giorno» stammte, nicht vom «NachrichtenAnzeiger».

«Claire, zahlen!» rief Sander und ignorierte diesmal den irritierten Blick über dem Café crème. Er zählte die 4 Franken 50 auf die Marmorplatte und wollte schon in den Mantel schlüpfen − als ihm siedend heiss einfiel, dass er gar nicht mehr Nachrichtenchef des «NachrichtenAnzeigers» war. Bei der letzten Reorganisation des Newsrooms («Was für ein Wort», hatte Sander gedacht) war er vom Verleger höchstpersönlich verabschiedet worden − mit warmen Worten für die dreissig Jahre im Dienst der Zeitung. Das war Balsam für Sander, dem die neue Chefredaktorin eine Woche vorher knapp eröffnet hatte, dass es im digitalen Zeitalter keinen Dinosaurier wie ihn mehr brauche bei einer modern gemachten Zeitung.

Sander legte den Mantel wieder über die Stuhllehne und setzte sich. Dann langte er in seiner Jackentasche nach dem Samsung Galxy S5, das ihm die Redaktion zum Abschied in die Frühpensionierung geschenkt hatte. Der Bildschirm zeigte vier Push-Meldungen an, alle vom «NachrichtenAnzeiger». Die erste stammte von gestern Nachmittag, als die Zeitung den Primeur mit der Bürgermeistertochter lanciert hatte.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

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von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Sander ärgert sich»

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