Zirkus und Artischocke

Haben Redaktionen Lesertypen vor Augen? Den dynamischen Kreativen? Die esoterisch angehauchte Seniorin? Den Fussballfan? Und Kranke? Spielen keine Rolle? Kranke sind die dankbarsten Leser. Nicht, dass Krankheit läutert. Der Rekonvaleszente wird nicht veredelt in den Büroalltag entlassen. Einem Herzinfarkt können neue Einsichten folgen, aber sie dürfen auch ausbleiben. Niemand ist verpflichtet, freundlicher, empathisch oder moralisch zu werden, nur weil es ihm dreckig ging. Es ist in Ordnung, nichts gelernt zu haben oder das Begriffene gleich wieder zu vergessen. Krankheit als Korrektiv? Das hat etwas Zynisches. Aber Krankheit verändert Wahrnehmung und Bedürfnis, sie nährt eine andere Empfänglichkeit.

Ich war krank. Eine banale Grippe. Aber sie ging nicht mehr. Sechs Wochen. Viele Stunden im Bett. Halbschlaf. Tageszeiten, die sich in Schlieren auflösen; ich kannte das als Kind. Das Schöne damals war, man wurde über Nacht gesund, konnte plötzlich besser Seilspringen. Nun vielstimmiges Summen in den Ohren, es klang warm, ähnelte dem Gesang der Grillen, wenn man mit dem Velo sehr schnell an ihnen vorbeifährt, eine Bündelung, die auf beiden Seiten in den Kopf fliesst oder raus. Die Vermutung, im Garten vergnüge sich längst der Sommer mit allen anderen und dass das so bleiben werde. Tee und Spott halfen nicht. Alles fiel schwer, auch oder besonders das, was man seit Ende der ersten Klasse für gegeben hält: Lesen und Schreiben.

Ein kluges Buch, die Augen brennen, die Hälfte nicht kapiert. Die Lust auf Facebook und Twitter sehr klein. Aber okay, man will nicht zum Totalausfall werden und lügt nach zwei Wochen: Es geht mir besser, danke. Postet dies und das. Schaut auf den kleinen Bildschirm des Telefons und sagt sich, es gibt dich ja noch. Die Lust auf News weg. Grössere Freude als sonst an der «NZZ» auf Papier. Zwei kurze Texte haben es mir besonders angetan. Überraschende, inspirierte. Meine Kinder würden sagen: Existenz-Shit in der Zeitung, was? Nein, sinnlicher Shit. Sprit. Beim alltäglichen Blättern in der Zeitung.

Ich kam mir vor wie ein Schatzfinder, obwohl niemand etwas vergraben hatte. Das Angebot liegt jeden Tag vor meiner Nase. Prima. Aber die Schwäche brachte neue Dankbarkeit. Ich werde sie wohl wieder vergessen, denn Krankheit läutert ja nicht, habe ich oben behauptet. Und ich will mir jetzt nicht im selben Text widersprechen.

Alois Feusi berichtet über das neue Eingangszelt des Zirkus Knie auf dem Sechseläutenplatz, elegant gebogene metallene Dachsparren, der Teppichboden knallrot, die Lichter im grossen Chapiteau, das Zirkusorchester, anmutige Pferdedressuren, drollige Elefantenkühe, der Clown mit Charme, seine Tochter an den Strapaten-Gurten, die Hundenummer komisch, chinesische Diabolo-Virtuosinnen, der Kraftathlet im Handstand, Hasardeure auf dem Todesrad und eine dreijährige Zirkusprinzessin mit ihrem Grossvater.

Im Zelt will man sein, Publikum unter grossen roten Sternen, zirzensische Flüchtigkeit atmen, den Atem anhalten, das Spiel mit Erotik und Todesnähe sehen, Kitsch, Glamour, lachen will man, still sein. Vergängliches Glück, heute fragil, morgen schmetternd, mit Trommelwirbel bitte. Die Kunst, das Leben, der ganze Zirkus soll her! Selber wieder in die Manege, auf einem Bein stehend. Schaut, was ich kann!

Samuel Herzog widmet sich der Artischocke, der dornigen Krone des protestantischen Lebens, wie Paul Roby 1888 schreibt. Der Protestant mühe sich ab «eine halbe Ewigkeit lang … um endlich erschöpft vor dem Herzen der Dame anzulangen … Man versteht die Katholiken, denen der Zweck solcher Präambeln nicht einleuchten will. Sie … sind … im Nu bei der Sache.» Beim Spiel mit dieser Grande Dame kulinarischer Résistance seien wir ständig gefordert: Auf welcher Höhe setzen wir unsere Zähne bei den äusseren Blättern an? Ab welchem Zeitpunkt lohnt sich diese Saugerei nicht mehr? Die Eroberung selbst sei bei der Artischocke das Ziel, nicht das Erobert-Haben, so Herzog.

Am Tisch will man sitzen, taktische Pläne schmiedend, Geduld und Triebaufschub oder lieber doch nicht, lautet die Frage. Die Artischocke läge bereits in der Küche. Ihr Aroma mag nicht als frivol durchgehen, sie dufte erdig, nach Blumenkohl und Pilzen, mit metallisch-schwefliger Note, die Artischocke bleibt ein liederliches Gemüse − gezupft oder gekaut, genagt oder geschnitten. Vinaigrette dazu. Und Rotwein.

Die beiden Texte erschienen am 10. und 11. Mai 2014. Am 12. ging es mir etwas besser. Magie-Shit, was?

Romana Ganzoni lebt und schreibt im Engadin. Erzählungen in Anthologien und Literaturmagazinen. Sie ist eine von 14 Autorinnen und Autoren, die im kommenden Juli in Klagenfurt um den Ingeborg-Bachmann-Preis wettlesen werden. Novel in Progress.

von Romana Ganzoni | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Zirkus und Artischocke»

  1. Jürg Fischer:

    Sehr geehrte Frau Ganzoni

    Es verhält sich so:
    – Wenn eine banale Grippe sechs Wochen lang nicht mehr geht, dann ist sie erlahmt.
    – Wenn Grillen singen, dann hatten sie Gesangsunterricht.
    – Wenn eine Bündelung auf beiden Seiten in den Kopf rein- und rausfliesst, führt das zu Kopfschmerzen.
    – Wenn es den Beruf des Schatzfinders gibt, vergräbt keiner mehr Schätze.
    – Und wenn wir uns überlegen, auf welcher Höhe wir unsere Zähne bei den äussern Blättern ansetzen sollen, beissen wir uns im besten Fall in die Zunge.

    mfg. Jürg Fischer

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