Stumme Küchenzurufe

Jedes journalistische Vorhaben, ob Reportage oder Leitartikel, sollte auf einen Höhepunkt zulaufen, der den Leser erstaunt oder entzückt – und zwar dergestalt, dass er sein Aha-Erlebnis unbedingt mit jemandem teilen möchte. Diesen Höhepunkt nennt Wolf Schneider unter Berufung auf Henri Nannen, seinen einstigen Chef beim «Stern», der offenbar hartnäckig danach verlangte: den Küchenzuruf.

Denkt man sich den Mann, der in der Stube die Zeitung liest, ebenso weg wie die Frau, die derweil am Herd hantiert, ist der Küchenzuruf heute aktueller und einfacher denn je – man braucht nicht einmal seine Stimme zu erheben, um einen Artikel zu «sharen». Und je mehr «Shares» und «Likes», desto besser. Darauf gründen die Social-Media-Strategien der Medienhäuser.

Das hat mir bis gestern eingeleuchtet. Ich nutze Twitter selber ja genau so: Ich retweete Artikel, die ich lesenswert finde, und lese Texte, die andere empfehlen. Zum Beispiel jenen von Peter Wälty, der gestern auf persoenlich.com als Blogbeitrag erschienen ist. Darin feuert der «20 Minuten»-Mann eine gewaltige Breitseite gegen die «Heilslehre Social Media» ab, die er mit harten Zahlen unterlegt.

Bei den «Social-Media-Lesern» (Facebook und Twitter) liegt «20 Minuten» mit 232’000 schweizweit einsam an der Spitze. Ihr Anteil am Traffic auf der Website ist jedoch verschwindend klein: Facebook drei Prozent, Twitter drei Promille. Ist also die neue Währung «Friends und Follower», von der die Verlage gern sprechen, nichts anderes als wertloses Muschelgeld, wie Wälty sagt?

Vielleicht geht es bei den Social Media ja gar nicht um Traffic. Aber worum geht es dann? Ich bin wahrscheinlich nicht der Einzige, der für einen erhellenden Küchenzuruf dankbar wäre.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Stumme Küchenzurufe»

  1. Martin Akeret:

    Ich warte auch, seit dem 8.5.2014.

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