Putsch in Afrika

Wieder ein hektischer Morgen im Newsroom. Am meisten Quote auf der Newssite des «NachrichtenAnzeigers» macht der Putsch in Kharun. Warum der Umsturz in diesem gottvergessenen westafrikanischen Land das Bürovolk in der Schweiz an den Computerbildschirmen kleben lässt, weiss niemand. Aber Renggli, Nachrichtenchef Online beim «NachrichtenAnzeiger», ist sich sicher: Das interessiert. Da muss mehr her. Video, Korrespondentenbericht, Einordnung, Analyse, und zwar schnell, bevor der Traffic anderswohin abwandert.



Auch Rolf Schmid, Ressortleiter Ausland, ist aufmerksam geworden. Die Newsroomarchitektur, vom Chefredaktor bei der Einweihung vor einem Jahr als die «schweizweit, ja europaweit kommunikativste» gepriesen, verhindert zwar nahezu erfolgreich die Kommunikation zwischen Nachrichtenchef und Ressortleiter. Aber die beiden sind es gewohnt, sich über die gigantische Videowand hinweg schreiend zu verständigen. «Haben wir da einen Korrespondenten?» ruft Renggli Schmid zu. «Natürlich nicht, nicht mehr seit Effi 2008», tönt es zurück.

Renggli kratzt sich am Kopf. Das ist eine Aufgabe für Knuchel, Reporter im Newsteam, der Mann mit den meisten Experten-Handynummern im Outlook-Adressbuch. «He Knuchel, wir brauchen die Einschätzung eines Experten zum Kharun-Putsch, und zwar noch vor dem Mittag. Hast Du einen?» «Klar Chef. Ich probier’s mit Geilinger vom Afrika-Institut. Der war schon bei Mobutu und Idi Amin Spitze.» Auslandchef Schmid nickt. Wenn das Geilinger-Interview etwas taugt, ist auch die Printausgabe gerettet, ergänzt vielleicht mit etwas Agenturmaterial über die aktuelle Entwicklung.

Mittags ist das Interview online. Der Afrika-Experte erklärt wortreich die Hintergründe: die Ölfelder im Norden des Landes, der bitterarme Süden, der Einfluss der chinesischen Edelmetallschürfer, die blutige koloniale Vergangenheit, der korrupte Clan des Staatspräsidenten. Geilinger liefert auch die perfekte Schlagzeile: «Die CIA hat den Putsch provoziert».

Das Interesse des Online-Publikums bleibt erhalten, die Quote stimmt. Renggli ist zufrieden. An der Mittagssitzung wird Kharun als Frontseitenaufmacher gehandelt. Das Geilinger-Interview ist das Herzstück der Berichterstattung im Print, dazu eine grosse Karte mit den Öl- und Edelmetallvorkommen. Das Inland ergänzt mit einem Stück über die Verflechtungen wirtschaftsnaher Nationalräte mit dem Clan des Staatspräsidenten. Eine Recherche über die Bankkonten kharunischer Minenbesitzer in der Schweiz ist in Vorbereitung für den Tag danach.

Wieder einmal geht ein hektischer Tag im Newsroom in einen hektischen Abend über: Championsleague Rückrunde, dazu Federer, alles im Liveticker. Renggli ist zufrieden. Aber später, im «Eckstein» mit Knuchel und Schmid, stellt er nochmals die Frage: «Warum um alles in der Welt ist ein Putsch im gottvergessenen Kharun ein derartiger Quotenrenner?» Alle drei sind ratlos. Und bleiben es auch nach dem fünften Bier.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

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von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Putsch in Afrika»

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