Piggy hat genug

Von Zaccaria Palliopi, bap, ed Emil Palioppi, figl (minister a Pontresina) stammt der «Dizionari dels Idioms Romauntschs» (1895), dort findet sich das wunderbar schreckliche Wort, das für das deutsche Ohr lautmalt: fulaster, fulastera, adj. ausländisch, fremd, als Substantiv heisst es il fulaster, la fulastera, Ausländer, Fremder, Fremdling.

Für mich, die fulastera, klang das als Kind immer wie faules Ei, als Erwachsene höre ich − dialektal ausgesprochen − fauler Hund oder Faultier. Hätten einige «Weltwoche»-Leute den Begriff gekannt, sie hätten ihn mit Lust auf die Schweizer Minderheiten angewandt, etwa auf die faulen Welschen, die Griechen der Schweiz, die die alemannische Leitkultur unterminieren mit ihrer überflüssigen Sprache und Mentalität, oder wahlweise auf die Albaner, nach Bedarf auf die Roma, Roma wie …, ja, gehen wir wieder im Inland auf Tournee: auf die Romanen, also die Rätoromanen, viel zu teuer, die paar Katzen, schade, wussten wir nicht, was die für starke Wörter im Köcher haben, aber too late, es geht ums Prinzip, nur das Unkorrekte kann wahr sein, keine verwässernden Rücksichten, nicht auf Geschichtliches, auch auf die Deutschen nicht, die sind Haue gewohnt, zwei Weltkriege, man muss die Geschichte kennen, die U-krainer nehmen wir wegen des zwingenden Stabreims mit U-niversitätsprofessoren ins Programm,

f-u-l-a-s-t-e-r-s!

Was heisst das eigentlich, fragt einer. Ist doch egal, klingt einfach so herrlich elastisch und dissonant.

Elastisch und dissonant klingt auch «Rassismus». Die Anti-«Weltwoche»-Fraktion, Korrekte und Moralische bespielen diesen Begriff unermüdlich, denn nur das Korrekte, das Moralische kann wahr sein oder zumindest gerecht, «gerecht» ist das neue «wahr», aus Prinzip, auf der Mission für den, den wir als den Schwächeren definieren, d.h. vor allem für den Anderen, den fulaster, wenn er ins Raster passt. Rassismus ist alles, was in die falsche Richtung geht. Ein böses, spitzes Wort, «Rasse», geschichtlich hochbelastet, ausgezeichnet!

Geschichte spielt bekanntlich immer dann eine eminent wichtige Rolle, wenn wir sie gebrauchen können, für was auch immer, das Fälschen, das Bewahren, das Aufgeben, das Beine machen, eine griffige Waffe für alle, die keine Zukunft sehen ohne (ihre) Vergangenheit. Jawoll. Als Schulfach gehört sie abgeschafft, vor allem die Schweizer Geschichte, was wissen wir eigentlich über Burundi? Peinliches Schweigen.

Spielen wir zur Erholung ein bisschen «Piggy in the Middle». Warum will niemand in die Mitte? Keine Lust auf ein Spiel? Spielverderber! Warum gehst du weg? Komm, wir brauchen dich, sonst macht es keinen Spass. Denn du bist schuld, da in der Mitte. Ja, du! Komm zurück, du Tubel!

Fulaster. Im «Dizionari» von Palioppi gleich unter dem Wort fuirus, fuirusa, adj. mit dem Durchfall behaftet. Das stinkt auch. Zum Himmel, wie wir nach dem 9. Februar 2014 überall lesen konnten. Fertig fulasteramainta, ausländisches Gesindel. Bei Palioppi als Beispielsatz: Quaista marmaglia da fulasters ans faun ir suot la vschinauncha. Dieses fremde Pack lässt unser Dorf untergehen. Dorf ist gut. Eidgenossenschaft! Auch die Welschen? Gehören die denn dazu? Wenn wir untergehen schon. Sonst nicht. Je nach dem.

Die Schweiz ist ja so «rassistisch» geworden, schreit es. Fremdenfeindlich ist damit gemeint. Ein Resultat, aggressiv gegen Ausländer gerichtet, gegen Fremde. Beschleunigung. Auch hier. Na klar. Nein. Eben nicht. Eine ahistorische Sicht. Das kommt davon, wenn man die Geschichte absetzt. Dafür wissen wir bald alles über Burundi. Auch gut. Festzuhalten ist: Früher war alles anders. Meistens ein bisschen besser. Da wollten eben noch viele in die EU. Da wusste man noch. Und so. Einen Scheissdreck wusste man. Pardon my French. Das French ist heute in der Schweiz eben auch bedroht, man muss dagegenhalten. Wer war jetzt gleich gegen das Französische? Die Unkorrekten? Die Anderen? Wahrscheinlich die Welschen selber.

Und dann taucht plötzlich Frau Mgubi auf. Das ist ja Total Birgit! Die geschwärzte Visage von der Steinegger am zwangsgebührenfinanzierten und minderheitenhörigen TV, ausgerechnet, die Frau Mgubi bringt den Rassismus von Oprah − reiche Schwarze gegen arme Weisse − nicht optimal zur Geltung, finden die einen, ich glaube, es sind die, die immer für Kultur sind, die nach dem 9. Februar an der Buchmesse in Leipzig sagen, dass sie sich schämen und: «In jeder Gesellschaft gibt es 30% Idioten.» Ist das jetzt Rassismus oder die nackte Wahrheit? Keine Ahnung. Dass Frau Mgubi auch zu den Idioten gehört, ist auf alle Fälle nicht rassistisch, sondern wahr, finden die Korrekten. Ein schwarzer Fleck im Reinheft ist das, dieser billige und rassistische Humor. Wie die Schweiz in Europa. Ein schwarzer Fleck auf einem hellen Kontinent. Darf man das sagen? Egal. Sicher ist: Grosser grosser Schrecken, grosse Schande. Die Oprah? Nein, die Birgit natürlich. Ach so.

Enorm, was da alles gleichzeitg abgeht. In Amerika Herr Fishbourne, der sich aufregt, dass einer alle Schwarzen für gleich aussehend hält, das ist schon ein Problem, hier kann jedes Kind einen Aargauer von einem Schwaben unterscheiden, der Schwabe ist ein fulaster, falls er in der Schweiz wohnt. Und wenn der Aargauer in Deutschland wohnt, dann wird er inspiriert, aber nur in Berlin. Aber er bleibt ein Schweizer, denn er ist vor allem kein Deutscher (und er ist auch kein Franzose, er ist kein Italiener, er ist kein Österreicher und er ist auch kein Liechtensteiner, das wäre ja noch schöner).

Als Ich-bin-das-und-das-und-das-Nicht hat er es ganz schön weit gebracht, insgeheim staunt er selber, der schlitzohrige Korrektling direkt an Gottes Ohr. Ein bisschen schlechtes Gewissen bleibt auf dem Podium, wird aber rasch weggeschoben, wenn die Felle wegschwimmen, so rheinabwärts. Zur Not können wir den Rhein in die Rhone umleiten, dann bleiben die Felle bei uns.

Migranten, die in Massen kommen, alle schröcklich, sagen die einen, die anderen versuchen es mit Verniedlichungstaktik, auch bekannt unter positiver Rassismus. Schon mal gehört? Die Migranten sind die besseren Menschen etc. Das findet auch ab sofort der Literaturbetrieb, es sind nicht nur die besseren Menschen, es sind auch die einzigen, die Weltliteratur betreiben. Genug haben wir von diesen ewigen Arztsöhnen, von Mittelstandstussis und einheimischen Abgängern des Literaturinstituts Biel. Verbrauchte Sprache, abgelutschte Prosa, korrekte Grammatik. Was hat so eine Schweizerin denn schon erlebt? Ein Nachkriegsdeutscher? Nichts. Rein gar nichts. Aber er könnte auswandern. Nach Burundi. Dann wäre er dort Migrant, das wäre doch ein Anfang.

Romana Ganzoni lebt und schreibt im Engadin. Erzählungen in Anthologien und Literaturmagazinen. Novel in Progress.

von Romana Ganzoni | Kategorie: Mediensatz

16 Bemerkungen zu «Piggy hat genug»

  1. Jürg Fischer:

    Sehr geehrte Frau Ganzoni
    Erlauben Sie mir eine elastisch dissonante Frage: Was heisst eigentlich auf Rätoromanisch «Ich habe diesen abgelutschten Aufsatz geschrieben, nachdem ich in Burundi gegen eine Laterne gelaufen bin»?
    mfg
    J.F.

    • Romana Ganzoni:

      Ganz einfach: You just made my day.

    • Kurt Imhof:

      Das ist Literatur (und das im Medienspiegel!) Sie Kostverächter. Worauf macht uns die Autorin aufmerksam? Auf die grassierende simple, binäre, moralisch-emotionale Dividierung der Welt in Täter und Opfer, gut und böse, Fleissige und fulasters, …. Deshalb schickt sie uns zum Schluss und zu Recht nach Burundi um in der Peripherie wieder Differenzierung zu lernen.

      • Jürg Fischer:

        Sehr geehrter Herr Imhof
        Frau Ganzonis Aufsatz ist sosehr Literatur, wie Ihre «binäre, moralisch-emotionale Dividierung der Welt» bloss eine zweiteilige, sittlich-gefühlsmässige Teilung der Welt ist, also Mumpitz. Je mehr man sich sprachlich aufplustert, umso weniger hat man meistens zu sagen – w.z.b.w.
        mfg.
        J.F.

        • Hanspeter Spörri:

          Wie verhält es sich denn bei Ihnen mit der sprachlichen Aufplusterung, geschätzter Herr Fischer? Was ist eine «elastisch-dissonante Frage»? Was sagt uns das Wort «abgelutscht»? Und wieso soll es «Mumpitz» sein, wenn jemand eine Wahrnehmung beschreibt, die Sie anscheinend nicht teilen?

          • Jürg Fischer:

            Sehr geehrter Herr Spörri
            Die «elastisch dissonante» Frage ist ein Zitat aus Frau Ganzonis Aufsatz, ebenso das Wort «abgelutscht». Sie müssen halt zuerst Ihren Aufsatz lesen. Sprachlicher Mumpitz ist für mich eine «binäre Dividierung». Erklären Sie mir doch bitte einmal, wie die funktioniert. Sie dürfen dazu gerne auch beide Hände und beide Füsse benützen.
            mfg.
            J.F.

            • Kurt Imhof:

              Oje, man kann auch durch 3 dividieren, das wäre schon eine Differenzierung …

            • Hanspeter Spörri:

              Dass ich das nicht bemerkt habe… Aber im ursprünglichen Zusammenhang wirkten die Wörter aus meiner Sicht nicht deplatziert. Ich empfand sie als ironisierend-literarisierende „Zitate“.

              • Jürg Fischer:

                Ich kapituliere: Wenn der Schwarm der Mediensatz-Kolumnisten dekretiert, der Aufsatz der Kollegin sei Literatur, dann ist er Literatur. Von mir aus sogar ironisierende Literatur. Das meine ich durch und durch unironisch.

        • Romana Ganzoni:

          Sehr geehrter Herr Imhof
          Sehr geehrter Herr Spörri

          Herr Fischer entschuldigt sich in aller Form für die Ihnen durch seine unüberlegten Äusserungen zugefügten intellektuellen Schmerzen, und er lässt mich nach einem langen klärenden Telefongespräch den Schleier lüften:

          Herr Fischer ist gar nicht Herr Fischer, sondern meine Mutter.

          Seitdem ich für den Medienspiegel schreibe, bin ich für meine Mutter unabkömmlich, statt drei Mal pro Tag melde ich mich nur noch zwei Mal, was tatsächlich gegen das biblische Gebot verstösst, wie ich heute anerkannte.

          Auch ich möchte mich hier in aller Form entschuldigen bei ihr und danken. Vor allem, dass sie sich bereit erklärt hat, die Geschichte mit dem Konfiglas vor zwei Jahren zu vergessen. Ich bin sehr erleichtert.

          Mit freundlichen Grüssen

          Romana Ganzoni

  2. Enorm, was da alles gleichzeitig abgeht… in der Kommentarspalte. Mit dem neuen Wissen im Kopf, dass es sich beim vorliegenden Text um Literatur handeln könnte, las ich ihn nochmals. Es geht im Text also um die binäre Dividierung der Welt in gut und böse. Das ahnte ich schon vorher. Das suggeriert ja schon der Titel: Piggy hat genug. Aber von was hat Piggy genug? Das ist mir auch nach der Lektüre von Kurt Imhofs Gebrauchsanweisung so schleierhaft wie zuvor. Klar, Literatur darf alles. Aber von einer Kolumne im Medienspiegel würde ich erwarten, dass ich nach der Lektüre ein wenig schlauer bin als vorher. Ich verstehe aber trotz Imhofs Gebrauchsanweisung nicht, was uns die Autorin mitteilen möchte. Was sollen wir in Burundi lernen? Dass Migranten nicht die einzigen sind, die Weltliteratur betreiben? Ich habe nie geglaubt, dass Migranten die einzigen seien, die Weltliteratur betreiben könnten. Und ich habe auch nie gehört, dass sonst jemand das glauben würde. Trotz Kurt Imhofs Interpretationshilfe wirkt der Text weiterhin konfus und weitgehend inhaltsleer. «Rassismus klingt elastisch und dissonant»… «nur das Korrekte kann wahr sein»… «gerecht ist das neue wahr»… bei solchen Sätzen verstehe ich nur «staziun». s-t-a-z-i-u-n!

    • Mich überfordert der Text auch – oder anders gesagt: Er weckt in mir den Verdacht, hier ginge es darum, den Rassismus-Begriff literarisch aufweichen zu wollen, was meiner Meinung nach auch dann nicht nötig ist, wenn man erkannt hat, dass Zugehörigkeit, Fremdheit, Kultur und Durchsetzung von Meinungen komplexe Phänomene sind, die sich in Pole zerlegen lassen.

      Aber die Verbindung von Migranten und Literatur kann ich trotz allen Schwierigkeiten entschlüsseln: http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller

      • Jürg Fischer:

        Sehr geehrter Herr Wämpfler
        Ich gebe gerne zu, bisher nicht erkannt zu haben, dass sich komplexe Phänomene in Pole zerlegen lassen. Aber ich glaube gleichzeitig zu wissen, dass der sprachliche Schwulst, der sich in diesem Thread ansammelt, langsam aber sicher auf keine Kuhhaut mehr geht. So viel zur Durchsetzung meiner Meinung.
        Mit freundlichen Grüßen. JF.

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