Das Resultat ist Aufregung

In Rüdiger Safranskis neuem Goethe-Buch lässt sich nachlesen, wie der Dichter die Diskussionen über Für und Wider der Französischen Revolution wahrnahm. Unter den politisch Aufgeregten seien die guten Sitten und der höfliche Ton auf der Strecke geblieben. Man gebe «dem unwiderstehlichen Reiz nach, andern wehe zu tun», weil jeder glaube, mit seinen persönlichen Ansichten vertrete er zugleich Menschheitsinteressen (Seite 401).

Wie aktuell! Auch in den schweizerischen Auseinandersetzungen um Masseneinwanderung, Rentenklau und Abzockerei, um die Steuerkonflikte mit der EU und den USA verhalten sich die Meinenden als Aufgeregte. Vielleicht vertrage ich die Medien deshalb nicht mehr so gut. Sie enthalten mehr und mehr Meinungen auf immer dünnerer Faktenbasis. Beim geringsten Medienkonsum nötigen sie sich meinen Gedanken auf, zwingen mich in Auseinandersetzungen, die ich gar nicht zu führen gedenke – die ich nicht führen kann, weil ich zu wenig weiss.

Die verbreitetste Art von Meinungen – Schawinski, Köppel, Mörgeli – gibt sich nicht damit zufrieden, Meinung zu sein. Sie gebärdet sich als Faktum, als Wahrheit, als höhere Einsicht. Und sie begründet sich nicht auf der Basis von Fakten, sondern als Gegenmeinung zu anderen Meinungen.

Anscheinend sind solche Meinungen ansteckend. Jedenfalls hat man sie überall. Sie vermitteln ihren Trägern das Gefühl, den Durchblick zu haben – und zwar als einzige weit und breit. Zugleich geben sie den Meinenden das wohlige Gefühl, Teil einer intellektuellen oder moralischen Elite zu sein, deren Aufgabe es ist, diese oder jene Werte zu verteidigen. Es wird im höheren Interesse gemeint.

Einst bin ich durch Kolleginnen und Kollegen in die journalistische Praxis eingeführt worden, die mich vor allem gelehrt haben, Meinungen zu misstrauen – gerade auch den eigenen. Mir wurde beigebracht, dass eine Meinung etwas durchaus Unfertiges sei, zwar zu respektieren, aber nie als die einzig richtige anzusehen. Unfehlbarkeitsansprüche seien zurückzuweisen.

Natürlich gehört es zum journalistischen Handwerk, dass man Meinungen in den Wettstreit treten lässt. Dies kann Spannung erzeugen und unterhaltend wirken. Allerdings sei darauf zu achten, dass Meinungen als solche erkennbar blieben, sagte einst mein geschätzter Chef: «Meinungen sind bloss Meinungen, nichts weiter».

Weil aber auch Medienleute immer weniger den Durch- und Überblick haben, weil sie zu wenig über die Hintergründe wissen und von der Nachrichtenflut und dem Mangel an Fakten überfordert sind, nehmen sie Zuflucht zu immer mehr Meinungen. In der Regel versuchen sie auch nicht mehr, die Aufregung zu dämpfen. Der Aufreger ist ein Synonym für den Aufmacher, für das, was auf die Front gehört. Und das Resultat ist hohle Aufregung und Ratlosigkeit. Wir sollten uns nicht wundern.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Das Resultat ist Aufregung»

  1. Esther Kamber:

    Für dieses Phänomen hat der Volksmund eine Redewendung: Alle haben eine Meinung, niemand weiss Bescheid. Trifft aber nicht nur auf Medien zu, sondern – wie es aussieht – ist leider auch Zeitgeist (siehe z.B. Online-Kommentare).

  2. Kurt Imhof:

    Richtig, das moralisch-emotionale Aufschaukeln ist Geschäftsprinzip geworden. Vom flatterhaften Meinungsfetisch im Newsgeschäft hat sich im Carlos-Getümmel auch die alte Tante befallen lassen. Und das im Kielwasser des Blick, der durch die Empörungsbewirtschaftung einer Dok-Sendung des SRF den CH-Rudeljournalismus in der Carlos-Affäre 2013 in den Wochen 35-38 durchgehend auf den dritten Rang der Schweizerischen Medienhitparade anführte. Nun hat die NZZ den Lead übernommen. Leider muss man sagen, weil sie sich bei der 2013er Carlos-Welle nicht nur auf das Deo, Kosten & Thai-Boxen bezog, also das, was alle voneinander abschrieben, sondern besondere Probleme im Vollzug des Jugendstrafrechts auch als besondere Probleme gelten lassen wollte.

    Jetzt hat die NZZ zum Halali geblasen und Boulevard & Gratis & SRF mitsamt dem Rest fokussieren auf ein Holländisches Wellness-Hotel (gibt es überhaupt noch Hotels ausserhalb von Städten, die nicht Wellness anbieten?) und vermitteln uns im Chor Zimmerpreise. Dazu natürlich Meinung en masse. Allen voran auch hier die NZZ, und daselbst Thomas Ribi am 6.3. („Es reicht! Man kann es schlicht nicht glauben: …“). Er hat das Berufsschicksal im Zürich-Teil immer mal wieder den Doppelhänder sausen lassen zu müssen, um der NZZ in diesem Ressort das richtige Meinungsprofil zu verpassen. Allerdings führte den ersten Streich der Feuilleton-Chef Meyer, der am 4.3 die alte ‚Böse-Täter-gute-Opfer-Keule’ in der Carlos-Affäre nochmals hochwuchtete, die der Blick bereits 2013 in Endlosschleife sausen liess.

    Tröstlich bei der neuen Rolle der NZZ als Rudelleaderin ist vielleicht, dass sie diesen Job noch nicht beherrscht. Sie widerspricht sich selbst und damit geht auch die Konsistenz flöten, die von einer funktionierenden Redaktion zeugt. Brigitte Hürlimann (1.3) und auch Rainer Stadler (4.3) verwiesen noch auf „Carlos-Hysterie“ in den Medien und auf „Skandalisierungswellen“…

  3. Frank Hofmann:

    Ein seltsam blutleerer Beitrag von H. Spörri, in dem er dem Eunuchentum im Journalismus wie auch in der Politik das Wort redet. Geradezu absurd ist der Verweis auf Mörgeli (der Seitenhieb auf ihn und bes. auf Köppel durfte natürlich nicht fehlen, das verschafft Zustimmung in der Peergroup) und Schawinski. Sind sie Journalisten, nur weil sie Kolumnen schreiben? Gibt es meinungsfreie Kolumnen überhaupt bzw. interessieren die irgendwen? Meinungen verkündet auch, wer Tatsachen verschweigt oder gar leugnet. Was nichts als Manipulation ist. Etwa vor Volksabstimmungen.

    • Mara Meier:

      Der Text verzichtet auf Knalleffekte, blutleer ist er nicht. Sie regen sich auf, weil Hanspeter Spörri recht hat.

      • Frank Hofmann:

        Sie scheuen offensichtlich die offene, sportliche Debatte. Weshalb sollten Journalisten oder Politiker aufgrund der bekannten Fakten im Fall C. nicht zu unterschiedlichen Meinungen kommen? Und diese nicht auch äussern dürfen? Wer 6000 im Monat verdient, sieht die Ausgaben für einen Renitenten in einem andern Licht als der Uniprof, dessen Honorar sich etwa auf der Höhe der Kosten für das Sondersetting bewegt. Ganz abgesehen von der Angemessenheit der Massnahmen. Keine Meinung zu haben, oder wenn, dann die des Chefs, war schon immer der Königsweg, um aufzusteigen, und sei es nur, um als Pressesprecher eines Departements oder Bundesamts zu enden, dafür mit doppeltem Salär. Es ist falsch, „Konsistenz“ in einer Redaktion zu postulieren. Will man zurück zu den Parteiblättern und den Maulkörben? Widerspruch und Debatte innerhalb einer Redaktion tun der Zeitung/Zeitschrift gut. Man soll seinem Kollegen oder auch dem Chef öffentlich widersprechen dürfen. Wer das nicht aushält, sollte in die PR wechseln. Die NZZ und auch die Weltwoche machen das genau richtig.

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