Nein? Ja!

An Twitter gefällt mir, dass ich den gleichförmigen Strom meines Feeds unbeachtet vorbeirauschen lassen kann. Wenn ich Lust habe, tauche ich wieder ein; und ich hatte noch nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Manches ignoriere ich grundsätzlich: zum Beispiel Momentaufnahmen von Umstürzen wie letzte Woche in Kiew. Die aus der Hüfte geschossenen Tweets − «Jetzt am Maidan: Demonstrant fordert Rücktritt von J, Masse jubelt, Oppositionspolitiker ausgepfiffen #Euromaidan» − mögen Echtzeit-Junkies faszinieren. Ich lese lieber einen Tag später was ein Korrespondent, der auch auf dem Maidan war, mit reflektierender Distanz berichtet. Eher entbehrlich finde ich auch Tweets, die bloss mitteilen, dass jemand in einem lustigen Lokal seine Pizza bei einem Kellner bestellte, der verschiedenfarbige Socken trug.

Was ich hingegen nicht mehr missen möchte, sind Tweets, in denen die alte Wahrheit von Marshall McLuhan aufscheint: The medium is the message. Das sind etwa jene von Peter Glaser (@peterglaser), Schriftsteller und Journalist, Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs und Blogger bei der «NZZ». Täglich beweist er, wie elegant sich auf engstem Raum mit Wörtern jonglieren lässt − falls man, wie er, der Sprache eine Nasenlänge voraus ist: «Es soll in letzter Zeit häufiger vorkommen, dass arme Katholiken Tebartz-4 beantragen.» Oder: «Janukowitsch: Das Weg ist das Ziel.»

Ein anderer Favorit ist Nein (@NeinQuarterly), den ich erst kürzlich dank eines Retweets entdeckt habe. (Dass ihn das deutsche Feuilleton schon letzten Sommer feierte, merkte ich eben erst, als ich ihn googelte.) Zuerst dachte ich, hinter Nein müsste ein Kollektiv stecken – so beeindruckend ist sein Ausstoss. Aber bald wurde mir klar, dass der unverwechselbare Ton der Nein-Tweets nur zu einer Stimme gehören konnte. «Only two things wrong with the world today. The world. And today.»

Nein ist eine Kunstfigur, die Eric Jarosinski, Assistenzprofessor für Germanistik an der University of Pennsylvania, vor zwei Jahren erschaffen hat: ein verschrobener Dialektiker, ein gnadenloser Spötter und virtuoser Sprachspieler. «Ever had a sargasm?» Je mehr man von Nein liest, desto klarer wird einem, dass hier einer dank Twitter zur wahren Form seines Schreibens gefunden hat. «At Starbucks I order under the name Godot. Then leave.» Neins Tweets sind voller Anspielungen – Adorno, Nietzsche und Benjamin blitzen immer wieder auf – und zugleich von bestechender Einfachheit. «Go zweck your Selbst», twittert er, der mühelos das Englische mit dem Deutschen verbindet, um die Abgründe des Lebens und der Sprache auszuloten. 30’000 Tweets hat Nein in zwei Jahren abgesetzt, 60’000 Followers folgen diesem melancholischen Helden des Negativen. «My depression dreams of a life without anxiety. My anxiety dreams of a life without depression. This worries me. Then gets me down.»

Dass Neins aphoristische Gedankensplitter tatsächlich eine Twitter-Kunstform sind, zeigt sich, wenn man sie aus ihrem Kontext reisst. In der «Zeit» erscheinen seit zwei Wochen ausgewählte Nein-Tweets in einer gedruckten Kolumne. Was Eric Jarosinski sich davon verspricht, ist mir schleierhaft. Eingesperrt in einem Kasten auf einer Zeitungsseite sind seine Miniaturen bloss aufgespiesste Präparate. Wer ihnen hingegen in seinem Twitterfeed begegnet, wird Zeuge, wie sie plötzlich über dem Strom tanzen als wären sie lebendige Schmetterlinge.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Nein? Ja!»

  1. schön, steht hier mal etwas positives über twitter. der herr nein ist eine trouvaille. merci.

  2. Mara Meier:

    Alexandriner, Hexameter, Twitterstrophe?

    Danke für Text und Tipp, Daniel Weber.

    Darf ich auch empfehlen? Nein? Ja! Gut. Wenn das gewünscht wird, gerne:

    Peter Breuer @peterbreuer Werber aus Hamburg. Die gesammelte Twitteria liegt in Buchform vor, eine leichte, inspirierende Gutenachtlektüre, wenn die Kurzgeschichte nicht mehr drinliegt. Wird prompt geschickt.

    Der Mann vom Balkon @MannVomBalkon King of Konjunktiv. Sprachjongleur, verspielt, melancholisch, mit Hang zum Absurden, sprich: Trost.

    • Daniel Weber:

      Danke, Mara Meier! Mein Twitterfeed ist ab sofort um zwei Perlen reicher. Habe dafür Wolfgang Blau vom Guardian abgestellt, der unermüdlich sein Social-Media-Süppchen kocht.

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