«Der ‹Blick am Abend› darf nicht den Seelenfrieden der Pendler belasten»

Der «Blick am Abend» darf zwar Realität abbilden, aber nur so weit, als das Zielpublikum beim Lesen der Geschichte zufrieden ist, denn «wir haben ja eine positive Grundhaltung», sagte der Chefredaktor im Zusammenhang mit einem damals erkrankten Bundesrat zu seinem News-Chef.

Zwar gehört die positive Grundhaltung nicht zum klassischen Boulevardjournalismus, wohl aber ganz zentral zum Konzept von «Blick am Abend». «Nett sein» ist journalistisches Programm: Der Chefredaktor wird zum Dienstleister der Pendler. Er sucht nach positiven Geschichten für erschöpfte Leute, die sich werktags zwischen Wohn- und Arbeitsort bewegen. Vorzugsweise spricht sein Blatt jüngere Menschen zwischen 14 und 32 Jahren an.

Das erfährt man in der Dissertation «Eine Zeitung in vier Stunden» (Zürich 2013, LIT-Verlag; Auszüge und Laudatio), die Franca Siegfried an der Universität Zürich eingereicht hat. Gerade im Umfeld der Universität Zürich bei Professor Otfried Jarren sowie an der Fachhochschule Winterthur sind in den letzten Jahren wichtige Arbeiten zur Befindlichkeit von Journalistinnen und Journalisten erschienen. Sie gingen von Hypothesen aus, die sie mit umfangreichen Befragungen und Inhaltsanalysen erhärteten. Franca Siegfried: «Was sich aber um den Journalisten herum abspielt, in seinem nächsten Umfeld, und was sich übergeordnet im Betrieb ereignet, kann mittels einer Befragung unmöglich erfasst werden». Antworten bei breit angelegten strukturierten Befragungen sind oft von idealen Erwartungen und Ideologien gefärbt. Die klassischen Befragungen operieren vorzugsweise mit Mitgliedern der Journalistenverbände, während Pendlerzeitungen meist Anfänger aus derselben «Alterskohorte wie das Zielpublikum» – also knapp unter Dreissigjährige – einstellen; sie sind noch kaum Verbandsmitglieder.

Für ihre Dissertation wählte Franca Siegfried deshalb die seltener gewählte Methode der «teilnehmenden Beobachtung» – seltener, weil man zuvor in ein Redaktionsbiotop aufgenommen werden muss. Ringier hat es – verdienstvollerweise – ermöglicht, dass Frau Siegfried, die seit 1999 als freie Journalistin, Teilzeiterin und Redaktorin für das Haus tätig ist, den noch jungen «Blick am Abend» für ihre Dissertation «teilnehmend beobachten» konnte. Sie sass mittendrin, nahm an Sitzungen teil, sammelte die einschlägigen Manuals, lebte den Alltag, arbeitete im Lifestyle-Ressort, führte lockere Interviewgespräche. Vier Tage widmete sie ausschliesslich der vorbereiteten Beobachtung. Heute sind die Verhältnisse bereits wieder etwas anders, weil «Blick am Abend» inzwischen in den Newsroom der «Blick»-Gruppe eingegliedert ist, dessen Aufbau sich nicht zuletzt auf die Pioniererfahrungen von «Blick am Abend» abstützte.

Was stellt uns Franca Siegfried vor? Im «journalistischen Programm» von «Blick am Abend» gelten wie in jeder Zeitung «Nachrichtenwerte», die die Journalisten bei der Auswahl der Meldungen anleiten sollen. 15 solche Werte gibt der angesehene Textchef den jungen Medienleuten mit – je mehr Werte ein Ereignis auf sich vereinigt, desto grösser ist dessen Chance, ins Blatt zu kommen:

Möglichst eindeutig soll das Ereignis sein; für ellenlange Erklärungen fehlen Platz und Zeit. Promis sollten involviert sein: Prominenz steht über Reichtum, Ruhm über Macht. Personalisierung, also die enge Vernüpfung mit einer Person, hilft ins Blatt. Emotionalität ist gefragt: Kinder, Tiere, Tote, schreiendes Unrecht. Zeit: Was am Vormittag passiert, hat Vorrang. Konsonanz: Was sich mit unseren Vorurteilen deckt, interessiert. Variation: «Drei Autounfälle? Wir nehmen nur den schlimmsten.» Unsere Zielgruppe, die urbanen Pendler zwischen 14 und 32, wollen Ausgang, Party, Handy, ÖV vorgesetzt bekommen.

Einiges, was der Textchef ordert, ist auch für den klassischen Oldie-Journi vorbildlich: «Übernehmen wir Informationen aus einer Zeitung oder online, weisen wir das aus.» «Das zeigt, wie breit wir Infos sammeln, und es hält unsere Leser vom herumsurfen ab.» «Blick am Abend» ist eben ein Hybrid zwischen Print- und Online-Journalismus, folgert Siegfried.

«Das beschleunigte Arbeitsprogramm verlangt Geschwindigkeit an Redaktionssitzungen.» Der Chefredaktor wählt, ohne zu zögern: «Als erste Geschichte machen wir die Karriere der Brüste von Pamela. Das Bild zeigen wir nur angeschnitten mit ihrem Decolleté. Dann käme Kate Moss. Den Marlon Brando machen wir für ältere Leser.» [Thank you, Peter Röthlisberger!].

Eine junge, noch grüne Redaktorin: «Mir gefällt die Arbeit mit der Sprache […] und zum andern der humanitäre Gedanke: Aufklären.» Siegfried kommentiert: «Mit zunehmender Berufsrealität wird auch bei ihr eine Entidealisierung einsetzen […] der pragmatische Umgang mit den Zwängen der Märkte.» Redaktoren schreiben über Filmpremieren, Sportanlässe und Tourneen von Stars, damit die Leser Lust bekommen, sich Tickets zu kaufen.

Online-Stellenanzeige vom Juli 2008: «[…] Dank Ihrem breiten Allgemeinwissen und Ihrer journalistischen Fachkompetenz bringen Sie unserer Leserschaft Themen von In/Ausland und Wirtschaft einfach und präzise näher.» Siegfried spottet: «Fachkompetenz ist gerade nicht gefragt.» Der Chefredaktor nennt seine Redaktion das Farmingteam für Nachwuchsjournalisten. Gefragt ist Routine, noch mehr Leichtigkeit. Spiegeln sollte sich die Lebenseinstellung: Jungsein, Spass, Lifestyle, Partytime. Der Textchef: «Mitbringen musst Du Talent zum Schreiben, Interesse für Dich und die Welt.»

«Nähe zum Publikum» findet zunächst im Kopf des Journalisten statt – nicht wie beim klassischen Lokalredaktor, indem er sich unter die Leute begibt. Der Chefredaktor fordert, die Journalisten müssten kreative Zweitverwerter sein. Siegfried: Redaktoren leben von Informationen aus zweiter Hand. Sie recherchieren im Netz und finden Informationen, die sie als News verarbeiten. In Online-Quellen wie Spiegel.de, Bild.de, 20minuten.ch, Tagesanzeiger.ch, Google, Facebook, Verwaltungsportalen. Der Chefredaktor: «Im Internet die ganze Welt ‹abscannen›, Originalität und schnelle Schreibe – das müssen meine Redaktoren können […] Sich überall etwas auskennen, aber nirgends vertieft.» Gutes Copypaste als Ehrenmerkmal.

«Multitasking» ist Trumpf – nebeneinander oder in kürzesten Abständen surfen, klicken und texten, Kontakte abrufen, Coca Cola trinken, essen. Alles unter dem Dogma der Aktualität und der Deadlines gegen Mittag, die unbedingt eingehalten werden müssen. Den Kopf einziehen, wenn der Textchef eine Korrektur verlangt (Diskussionen wären Zeitverschleiss). «Speed Recherche» heisst denken im Minutentakt bei Kenntnis aller Newsquellen. Das alles im «Garagen-Groove» eines Grossraumbüros und im Austausch mit einer ebenfalls jugendlichen Peer-Group, mit der einen das Lebensgefühl, aber sonst wenig verbindet. Quintessenz: Ein 175 Jahre altes Berufsbild, nämlich jenes eines der Öffentlichkeit und Demokratie verpflichteten Journalismus, wird umgepflügt. Beschleunigt.

Der Jurist Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens. Später präsidierte er den Schweizer Presserat. Er schreibt über Medienrecht und Medienethik.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu ««Der ‹Blick am Abend› darf nicht den Seelenfrieden der Pendler belasten»»

  1. Thomas Hitz:

    Für mich ist der Artikel von Herr Studer genauso passend für http://www.watson.ch. I’m too old for that shit. Vermutlich.

    • Kurt Imhof:

      Ich verstehe diese Reaktion. Allerdings: Wenn wir ein solches Angebot der real existierenden Informationsindustrie als Generationenphänomen betrachten, dann geben wir die Erwartungen an Standards und das Verständnis von professionellem Informationsjournalismus indirekt auf.

  2. Pingback: „Nicht den Seelenfrieden der Pendler belasten“ : EJO – European Journalism Observatory

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