Verlagsdirektor Meier ärgert sich

Eigentlich hatte sich Verlagsdirektor Meier schon letztes Jahr vorgenommen, nun endlich definitiv und unwiderruflich der Verlegertagung fernzubleiben. Selbst die blutjunge Verlegerpräsidentin, Urenkelin des allzu früh verstorbenen «Lokalblatt»-Besitzers, hatte dem Anlass kein neues Leben einhauchen können. Gleich wie ihre weniger ansehnlichen Vorgänger jammerte und schimpfte die adrette Blondine zum Auftakt abwechslungsweise über das Malaise der Werbeeinnahmen und die staatlich gestützte Konkurrenz.

Dann folgten die üblichen Auftritte neu eingesetzter Verlags-CEOs. Sie gaben Parolen aus wie: Jetzt ins Ausland expandieren, unser Markt endet nicht an der Landesgrenze, sondern am Weissbier-Äquator! Oder: Humor ist der Kern der Leserbindung und gehört zum Qualitätsjournalismus wie die Butter aufs Brot! Meistens verkündeten dieselben Leute schon drei Monate später das Gegenteil: In der geografischen Konzentration liegt der Erfolg! Und: Die Leser wollen ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Relevanten, Lustiges vertreibt sie wie ein blutiges Steak die Veganer!

In der Regel waren die Leute nochmals drei Monate später abserviert, um durch neue Chefs ersetzt zu werden, die an der nächsten Verlegertagung wieder neue Weisheiten verkündeten.

Dass Verlagsdirektor Meier sich beim Stehlunch immer gezwungen sah, mit zwei Dutzend herumstreunenden Beratern Visitenkarten zu tauschen, machte die Sache auch nicht besser. Denn alle bemühten sich in den Wochen danach um einen seiner raren Termine. Sie wollten ihm mit Powerpoint-Präsentationen ihre Unterstützung bei der Strategieentwicklung andrehen, beim Konvergenz-Management oder bei der Kommunikation der neuesten und garantiert letzten Sparrunde. Zu Tageshonoraransätzen von 2000 Franken aufwärts, versteht sich.

Jedenfalls hatte sich Meier fest vorgenommen, diesmal nicht hinzugehen. Nur seiner Sekretärin erzählte er davon nichts. Die tüchtige Frau Hadorn aber meldete ihn an, Sekunden nachdem im Frühsommer die Einladung hereingeflattert war. Als Meier den Eintrag im Terminkalender bemerkte, war es zu spät. Bis zur Allerheiligen-Tagung dauerte es nur noch eine Woche, die exorbitante Teilnahmegebühr hatte Hadornchen längst überwiesen, und Meier wusste, dass er den Betrag nie im Leben zurückkriegen würde. Für einen Manager wie Meier, durch bittere Branchenerfahrung vom jovialen Spesenritter zum verkniffenen Rappenspalter geläutert, gab es nichts anderes, als die Vorträge abzusitzen. Und beim Stehlunch soviel zu futtern, dass die Tagungskosten amortisiert waren.

Also reiste ein mürrischer Meier nach Opfikon. Dort, zwischen der kommunalen Kläranlage und der Autobahnauffahrt, lag das Tagungszentrum Blue-Moon. Der vor kurzem mit pseudo-barockem Mobiliar aufgemotzte Betonbau aus den 80er-Jahren tat nichts dazu, seine Laune aufzuheitern.

Deshalb traf die Key-Note der blutjungen Verlegerpräsidentin den Verlagsdirektor völlig unvorbereitet. Statt zu jammern und zu schimpfen, erzählte die Urenkelin mit funkensprühenden Augen von ihrer Reise ins Silicon Valley.

Durch Zufall war sie in eine Grillparty geraten. Hier traf die Verlegerpräsidentin eine Handvoll 16-jährige Start-Up-Unternehmer und 22-Jährige mit Vollbärten. Letztere waren mit ihren genialen Ideen schon Milliardäre geworden und finanzierten jetzt die 16-Jährigen. Ein pickliger Hornbrillenträger in Shorts und Socken hielt galant für sie die Tofu-Wurst ins Feuer. Er erzählte ihr von seinem Plan einer Website, die Kontaktanzeigen raffiniert mit frei zugänglichen Grundbuchdaten verknüpft und Beiträge von verkannten Hobby-Lokaljournalisten dazu in Relation setzt. Aus dem Konglomerat erzeugt ein Algorithmus einen Index, der Immobilienmaklern erlaubt, drei Jahre im Voraus fundamentale Wertsteigerungen von Grundstücken zu erkennen. Die Verlegerpräsidentin war hingerissen.

Die Liebesnacht in Big Sur liess sie in ihrer Ansprache aus. Sie erzählte bloss, wie sie den Sockenträger auf der Stelle angeheuert und in die Schweiz mitgenommen hatte. Dort verkaufte sie über Nacht das ererbte «Lokalblatt» an den Verleger des «NachrichtenAnzeigers», versteigerte die Sammlung frühbarocker Madonnenstatuten ihres Urgrossvaters und gründete mit dem Geld localproperty.com. Der Sockenträger ist jetzt Chief Information Officer und offiziell angetrauter Ehemann, sie selbst Delegierte und Präsidentin des Verwaltungsrats.

«Klar», sagte sie den Verlegern, «es ist ein Risiko, den stetig sinkenden, aber immer noch stetigen Cash-Flow des ‹Lokalblatts› aufzugeben und allein auf diese eine Karte zu setzen.» Aber: «Alles dreht sich um die Technologie, und die müssen wir als Chance verstehen. Gross denken und schnell handeln, lautet die Devise!»

Mumpitz, dachte Meier und blickte verstohlen nach links und rechts. Auf beiden Seiten erstarrte graue Anzüge. Niemand machte Anstalten, die Hände auch nur zum Höflichkeitsapplaus zu heben.

Beim Stehlunch redete sich Meier in Rage. «Kein Wunder, ist die Branche heute so ratlos,», schrie er einem schwerhörigen Kollegen ins Ohr, «wenn unsere Leithammel sich von Kerlen in Socken die Wurst ins Feuer halten lassen − und die ungepflegten Jungs dann auch gleich noch heimschleppen.» «Ja», bestätigte ihm sein Gegenüber, «eine Website für Immobilienheinis − das soll ein Geschäftsmodell der Zukunft sein?»

Zurück im Büro wies Meier Frau Hadorn als erstes an, ihn nie wieder zur Verlegertagung anzumelden. Dann zog er sich in sein Büro zurück und brütete noch zwei Stunden über dem Sparprogramm «Efficiency Now and Forever (ENAF)». Der Verlagsdirektor wollte die Kosten seiner Redaktion damit wieder auf das um 14 Prozent geschrumpfte Werbevolumen hinunterholen.

Heute, fünf Jahre später hat localproperty.com Ableger in Deutschland, Frankreich, Südamerika und im Nahen Osten. In den USA gibt es einen Lizenznehmer. So richtig geht die Post aber in China ab. Dort ist localproperty.cn Marktführer im boomenden Immobilien-Consultancy-Markt.

Die Verlegerpräsidentin hat ihr Verbandsamt abgegeben, ist Mutter von vier Kindern und nach wie vor Verwaltungsratspräsidentin von localproperty.com. Mit den kummulierten Gewinnen aus dem laufenden Geschäft und dem Börsengang hat sie ein Anwesen am Zugersee erworben. In der Villa hängt ein Dutzend Anker-Gemälde, die sie gegen Christoph Blocher um die Wette ersteigert hat.

Die meisten Journalisten des «Lokalblatts» und des «NachrichtenAnzeigers» sind arbeitslos. In ihrer spärlichen Freizeit neben den obligatorischen Weiterbildungskursen (C++, Ruby und Interactive Web Design) schreiben sie für localproperty.ch Feuilletons über Nachbarschaftsstreitigkeiten und ältere Witwen in verschlafenen Familiensitzen. Sie ahnen nicht, dass sie mit ihrer Fronarbeit über verschlungene Software-Loops Preissignale aussenden, die der ehemaligen Verlegerpräsidentin wieder Millionen in die Kasse spülen.

Verlagsdirektor Meier verbringt seine Tage mit Spaziergängen im Stadtwald. Er hat als letzter in der Firma von den grosszügigen Frühpensionierungskonditionen profitiert. Aber auch davon lebt es sich eher schlecht als recht. Mit Schaudern erinnert er sich an jene Verlegertagung zurück, als die Präsidentin den Untergang seiner Welt verkündete. Und er nichts davon verstand.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

8 Bemerkungen zu «Verlagsdirektor Meier ärgert sich»

  1. Fred David:

    @) Edgar Schuler, ein gelungener amüsant-süffisanter Seitenblick ins Miliöh. Das schreit nach mehr: das hat Schlüsselroman-Qualität. Tsüri Wörld Sity und seine einschlägige Szene, inkl. Blue-Moon z’Opfike drängt sich als leicht zu beschreibendes Feuchtbiotop geradezu auf. Die Dialoge lassen sich live vor Ort abpflücken. Parallel zum Roman – nicht mehr als 150 Seiten – sollten Sie dann eine Rätselliste ins Internet stellen, wer mit dem Sockenträger, wer mit der adretten Blondine etc. gemeint sein könnte. Yummiiii!

  2. Gibt es einen Grund, wieso der Artikel Weblinks auf zumindest eine Spam-Website enthält?

  3. kenneth angst:

    edgar, so kenn ich dich gar nicht! hammer! sans gruässt, ka

  4. Charlotte Heer Grau:

    Das schreit tatsächlich nach mehr! Oder Starterdrehbuch für eine Mockumentary-Serie? – Jedenfalls ein hübscher kleiner Leckerbissen!

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