What’s your Mehrwert, Watson?

Denk ich an «Watson», wohnen zwei Seelen, ach! in meiner Brust. Ein paar schlampig sortierte Gedanken zum Start von «Watson»-News. Meiner «Listicle»-Allergie zum Trotz als Liste:

1. «Watson» ist in vielerlei Hinsicht das Innovativste, was Schweizer Verlage in den letzten zehn Jahren ins Netz gestellt haben. Ein konsequent auf mobile Geräte ausgerichtetes Nachrichtenportal hätte man zwar früher erwartet, aber jemand musste ja mal anfangen.

2. Braucht die Schweiz ein weiteres Boulevardportal? Ja und Nein. Je früher die durch die direkten Konkurrenten − «20 Minuten» und «Blick am Abend» − verursachten Papierberge aus dem öffentlichen Verkehr verschwinden, desto erfreulicher. Auch online haben dieselben (und noch ein paar andere) Klickmaschinen ernsthafte Konkurrenz verdient.

3. Aus journalistischer Sicht hat «Watson» den eigenen Start spektakulär verpennt. Zum Launch hätte man mindestens eine Eigenleistung erwartet, die überregional für Furore sorgt. Oder wenigstens einen Pseudoprimeur à la Sonntagspresse. Zumal «Watson» den eigenen Start in aller Ruhe bestimmen konnte. Ich interpretiere das mal wohlwollend als neue Unaufgeregtheit.

4. Tatsächlich kommt sogar leise Hoffnung auf, dass «Watson» (zumindest im journalistisch ernsthaften Bereich) nicht gnadenlos auf Boulevard setzt. Im gleichen Zeitraum – «Watson» ist ja noch keine drei Wochen alt – verbraten andere Nachrichtenportale mindestens vier Blocher-, zwei Hitler- und fünf Apfelbaumstories. Aber vielleicht freue ich mich da auch zu früh.

5. Womit wir beim Knackpunkt wären, dem noch zu diffusen journalistischen Profil. Was man an Eigenleistung über das internationale Geschehen nicht zu erbringen vermag, liefert der grosse Bruder aus Hamburg. Die Einbindung von «Spiegel Online» («SpOn») verleiht dem Portal zwar eine gewisse Grundseriösität. Nur ist es damit noch nicht getan. Image ist bis zu einem gewissen grad transferierbar, Ernsthaftigkeit muss man sich erarbeiten. Daneben gibt es bislang fleissig Hinweise auf Newsnet-Geschichten. Verlinkungsmöglichkeiten gäbe es jedoch noch ein paar andere.

6. Das Ressort «Gesellschaft und Politik» besteht zu gefühlten 95 Prozent aus «SpOn»- und «SDA»-Geschichten. Meine Wahrnehmung ist subjektiv, gewiss. Ich habe auch nicht nachgezählt. Dennoch halte ich diese, meine ganz persönliche Wahrnehmung, für fatal, sollte denn überhaupt ein Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz bestehen. Durchaus vorhandene journalistische Eigenleistungen − und damit meine ich nicht den zusammengestöpselten Plunder in den Trashkategorien − werden tendenziell unterverkauft.

7. Optischer Gesamteindruck: auf mobilen Geräten topp, auf dem Desktop grenzwertig. Vielleicht liegt es aber auch einfach an mir. Zu viele interaktive Elemente, (Panorama-)Bilder und Grafiken im Lauftext mögen die Phantasie anregen, überfordern aber meine Synapsen. Zu aufdringliche Unterbrechung reizt zum Wegzappen. Ist mir alles insgesamt noch etwas zu zappelig.

8. Ausnahme: Die Boulevard-Paradedisziplin Sport. Dort finde ich all die hibbeligen Elemente genau richtig eingesetzt. Bis jetzt klar die Stärke von «Watson»-News. Wenn ich künftig ein verpasstes Tor oder einen Zieleinlauf nachholen möchte, ist vorläufig «Watson» meine Anlaufstelle.

Fazit: Noch ist nicht ganz klar, was «Watson» mir genau mitteilen möchte und weshalb «Watson» für die Unterhaltung zwischendurch zur ernsthaften Konkurrenz für meinen Twitterstream werden sollte. Aber vielleicht finde ich das ja noch heraus.

Ugugu hat seine angestammte Tätigkeit als Journischredder zunehmend auf Twitter verlagert.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

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