Der Weihnachtsapéro

Früher konnte es im grossen Sitzungszimmer richtig eng werden. Ältere Redaktoren, die den letzten drei zunehmend mickriger abgefederten Frühpensionierungsaktionen entgangen waren, erinnerten sich an den legendären Weihnachtsapéro. Der fand jeweils schon früh im Dezember statt, kurz bevor die sechsköpfige Chefredaktion und die drei Mann starke «Stabsstelle Redaktionsmanagement» in die Weihnachtsferien nach St. Moritz, Klosters oder auf die Malediven abreiste.

Für Getränke und Häppchen war seinerzeit Fridolin «Freaky» Meier zuständig, der langjährige Verlagsleiter. Er liess Jahrgangschampagner auffahren. Der stammte aus dem Restbestand eines Gegengeschäfts, rätselhafterweise nicht mit einem Weinhändler, sondern mit einem Metzger, der seit urdenklichen Zeiten an drei Tagen pro Woche oben rechts auf der Lokalaufschlagseite inserierte. Zu unschlagbar günstigem Preis, versteht sich. Dass Freaky dabei privat auch nicht schlecht fuhr, versteht sich ebenfalls von selbst.

Damals mochte das grosse Sitzungszimmer die Redaktion kaum fassen. Das Lokale, der Sport, die Kultur und das Ressort «Reportagen und Hintergründiges» waren immer vollzählig versammelt. Man hatte schliesslich nicht weit. Wenn nicht gerade eine Bundesratswahl anstand, war auch das Inland in corpore vertreten. Von der Wirtschaft kam pflichtbewusst der Ressortchef − die meisten anderen liessen sich mit dem Hinweis entschuldigen, dass dieser oder jener Geschäftsleitungsvorsitzende zu einem Hintergrundgespräch in die «Kronenhalle» oder das «Schenker Stübli» geladen habe.

Nicht nehmen liess sich den Weihnachtsapéro der Mittelamerikakorrespondent. Er musste dafür zwar jedes Mal ein paar Tausend Kilometer anreisen und verpasste mindestens drei Staatsstreiche, die der «NachrichtenAnzeiger» dann mit Agenturmaterial vermelden musste. Aber er wusste, dass dies die beste Gelegenheit war, um nach seiner dritten, vierten oder fünften Scheidung den Chefredaktor um eine dringende Gehaltserhöhung zu bitten. Der gewährte sie gern. Nicht weil er die Arbeit des Mittelamerikakorrespondenten besonders wichtig fand oder überdurchschnittlich schätzte, sondern um den Langweiler für den Rest des Abends loszuwerden.

Pflicht war der Weihnachtsapero für die drei Volontäre. Oder besser: Volontärinnen. Denn seit den frühen 70er-Jahren bestanden die Chefredaktoren des «NachrichtenAnzeigers» darauf, ausschliesslich weibliche Nachwuchskräfte einzustellen. Nach aussen schufen sie sich damit das Image progressiver Vorgesetzter, die die Frauenfrage frontal anpackten. Intern nannte man das jährlich wechselnde Volontärstrüppchen politisch unkorrekt «Frischfleisch». Und der Weihnachtsapéro war die Gelegenheit, sich darüber herzumachen.

Die langjährige Redaktionssekretärin jedenfalls wusste von mindestens fünf Journalistenehen, die sich an einem Weihnachtsapéro angebahnt hatten. Vier davon waren längst wieder geschieden. Drei illegitime Sprösslinge waren in den frühen Morgenstunden nach solchen Weihnachtsapéros gezeugt worden. Davon wurde einer ein erfolgreicher Kolumnist, ein anderer sogar Chefredaktor des «NachrichtenAnzeigers».

Genau dieser aber war es, der an einem düsteren Novembertag der Redaktion via neu eingerichtetes elektronisches Anschlagbrett verkündete, dass das grosse Sitzungszimmer künftig von der Verkaufsmannschaft eines Online-Altwagenhändlers als Grossraumbüro benützt werde. Der «NachrichtenAnzeiger»-Verlag hatte das Portal kürzlich zu einem wahrscheinlich überrissenen Preis dem lokalen Konkurrenten «Neuer Stadt-Anzeiger» abgejagt. Die 11-Uhr-Sitzung und somit auch der Weihnachtsapéro, teilte der Chefredaktor mit, fänden künftig im Gang zwischen Korrektorat und Druckvorstufe statt.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Der Weihnachtsapéro»

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