Lackierte Fliegenkacke

Sträflich unsystematische Beobachtungen zur Flughöhe des sogenannten Diskurses in Häppchenmedien. Das Ganze im Tram durch Zürich.

Medien sind angetreten als Läuterungsanstalt des gesellschaftlichen Gesprächs. Öffentlichkeit als Herrschaftszentrum der offenen Gesellschaft beziehungsweise Macht, die gar keine Herrschaft kennt, weil das interimistische Resultat des Gesprächs vom Montag am Dienstag neu zur Disposition steht. Und wenn einer meint, das sei jetzt richtig, der warte den Mittwoch ab, um am Donnerstag vielleicht eines Besseren belehrt zu werden − oder auch nicht. Und so fort. Medien sind ursprünglich nicht gedacht als institutionalisiertes Wadenbeissertum oder als Veranstalter von bengalischem Zauber in Barbiefarben. Das ist ein schreckliches Missverständnis.

Die Fächerung ist gross, der Mensch ist dem Schund nicht willenlos ausgeliefert, aber der Mensch ist bekanntlich faul, feige und geizig, er klaubt vom Tramsitz, was gerade daliegt und nutzt das, was alle nutzen, wenn es schnell gehen soll. Und es soll in der Regel schnell gehen. Das ist fatal für das gesellschaftliche Gespräch, das von Häppchenmedien nicht unbeeinflusst bleibt, weil der Mensch nicht unbeeinflussbar ist, ihn prägt, was er frisst.

Kürzlich beim Blut- und Tittenblatt «Blick» und im «Blick am Abend» der Aufschrei: Menschenrecht missachtet! Es muss an der Uni erlaubt sein, sich intellektuell selbst zu verstümmeln und die Reputation von unten zu morden. Zensur! Was war geschehen?

Publizistikprofessor Mark Eisenegger hatte den Studenten seines Instituts verboten, Gratiszeitungen in Vorlesungs- und Seminarräume zu nehmen, es sei denn zur Analyse. Die Leserkommentare, die jetzt für den Aufschrei aufflammen sollten, hauen dem «Blick am Abend» eins über die Rübe. Das Volk hat Verständnis für das Verbot. Dumm gelaufen. Und dann? Geht jetzt was? Gibt es neue Einsichten in der Redaktion? Bei den Studenten? Wir werden sehen.

Oh, Bellevue, meine Tramhaltestelle. Muss leider aussteigen.

***

Die Flugbahn der Kugel aus der Giesserei «Basler Zeitung» ist unter die Gürtellinie von Soziologieprofessor Kurt Imhof berechnet. Seine Biographie oder das, was zu fassen ist, wird beäugt, und triumphierend wird festgestellt, dass wenn der Mann eine Zeitung wäre, dann stilistisch «Blick», inhaltlich «WOZ». Vor allem die «Blick»-Metapher hätte sich via «Tagesanzeiger.ch» in die Köpfe der Leserschaft setzen sollen, um Imhofs Kritik an der Medienqualität zu disqualifizieren. Stattdessen weckte der Schuss das Publikum. Nicht vielstimmiger Applaus ging durch das Schweizerland, es pfiff und zwitscherte aus den Rängen: Fail! − Lehren? Entwicklung? Ich warte.

Ich warte, aber nur noch bis zur Gloriastrasse. Sorry, muss gehen. Meine Tramhaltestelle.

***

Menschen streiten, sind gemein, fair oder unfair. Manchmal streiten sie wegen der Ehefrau, des Geldes. Manchmal geht es um Qualität, um politische Standpunkte, und immer wieder kommen Argumente, die der Rede wert sind; es geht um eine Sache, um Erkenntnis, sehr selten, zu selten kommt der grosse mediale Sog, wie im Historikerstreit der 80er. Würde das die Leser von heute noch packen? Leser, die ihren Fremdstreitbedarf während fünf, sechs Tramhaltestellen befriedigen, weil da eine Gratiszeitung liegt, dieses gestampfte und beschriebene Glutamat, Geschmacksverstärker, der den Gaumen für den Unterschied zwischen Berner Rose und Pressfleisch abtötet. Oder die Timeline rumort, auch Fastfood, Opium. Ich habe nichts dagegen, mache selber mit in der Höhle, das Zeug wirkt. Bis zur allergischen Reaktion? Man stelle sich vor: erbrechende Fahrgäste. Oder richtet es eine neue Generation?

Steige aus. Rehalp.

***

Boris Becker und Oliver Pocher gifteln gleich neben Nassim Taleb und Rolf Dobelli oder Niall Ferguson und Paul Krugman. Wer saftige Metaphern hat, ausfällig wird, witzig ist oder wortmächtig schweigt, wird verbreitet. Denn das unterhält während sechs Tramstationen. Sechs Tramhaltestellen Glutamat in den Augen, ein bisschen Opium. Aussteigen. Pappsatt.

Stampfenbachplatz.

***

Und jetzt noch ein Kränzchen für einheimisches Gewächs, für Regula Stämpfli. Ihre Metaphern sitzen. Kontrahent Michael Hermann verfüge über den politischen Reflektionsgrad eines Planktons. Wie er Aufsteiger- und Verlierer-Parteien der ersten Legislaturperiode errechnet habe, sei «lackierte Fliegenkacke», «Zählpornografie». Damit ist das akademische Diskurs-Personal in der Klamotte und Wrestling-Show angekommen, entzaubert. Stämpfli und Hermann geben sich Saures, «20 Minuten» und «Blick» jubilieren, der Unterhaltungsfaktor ist hoch. Beide stehen mit Positionen da. Eigentlich. Aber spielt es eine Rolle? Ich meine: im Ernst? Nö.

Schiffbau. Freue mich.

***

Um 1800 entstand die Vorstellung einer streitbaren Öffentlichkeit. Kant spricht von Reibung. Zwei Meinungen stehen einander gegenüber, klopfen sich ab, ringen, reiben sich, bis das Mein der Meinung abgerieben ist und etwas übrigbleibt von festerem Wert. Hegel stellt sich eine grosse Versammlung vor, hungrig und gierig stürzt sich eine Gescheitheit auf die andere. Die Debatte als Streit des Fressens und Gefressenwerdens. Nicht ein Herumstolzieren und Auftrumpfen der eigenen Meinung (von der keinen Millimeter abzurücken als Tugend gesprochen wird) und möglichst viel «Mein» darin und tolle Wortkreationen, wie das heute im Schwange ist, sondern eine Sichtweise, die es auf die Verdauung und Ausscheidung angelegt hat. Alles, was nicht brauchbar ist, was der Ratio, dem Argument, der Logik nicht standhält, soll ausgeschieden werden, bis eine Art Höhe der Verallgemeinerung erreicht ist. Gerne spreche ich von der Höhe, weil das ja heute gar nicht mehr geht. Alles ist gleichwertig, die Dialektik mit ihrer dreischritthaften Vorstellung der Verfeinerung, Raffinierung und Erhöhung können wir braten, das ist «lackierte Fliegenkacke», weil nicht zu machen bis Tiefenbrunnen.

Gibt es überhaupt noch ernsthaften, produktiven Streit im Zeitalter des Shitstorms?

Verzeihen Sie, ich muss jetzt auf den Zug.

Romana Ganzoni lebt und schreibt im Engadin. Erzählungen in Anthologien und Literaturmagazinen. Novel in progress.

von Romana Ganzoni | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Lackierte Fliegenkacke»

  1. Hanspeter Spörri:

    Mir gefällt das «Unsystematische» in diesem Text. Genauso unsystematisch nehmen wir wahr. Und genau so versinkt die Öffentlichkeit im publizierten Schlamm. Da ist nichts Dialektisches mehr auszumachen.
    Kulturpessimismus? Mitnichten. Das Wesentliche findet man anderswo.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *