SRF 1: Künstliches Geplauder in der neuen Markenwelt

Im Zuge der Konvergenz und im Hinblick auf die Lancierung der neuen Markenwelt habe SRF die Programmprofile analysiert und überarbeitet, teilte man dem Publikum vor Jahresfrist mit. Ziel sei es, den Nutzungsbedürfnissen des Publikums künftig optimal zu entsprechen. Und so klingt das nun:

Kaum schaltet man Radio SRF 1 ein, erfährt man, dass Frau Ambrosini schlecht geschlafen hat, weil Herr Ambrosini schnarchte. Wer die Mitteilung trotz mehrfacher Wiederholung und Vertiefung verpasst hat, wird am nächsten Tag gleich nach den 7-Uhr-Nachrichten nachträglich ins Bild gesetzt. Beruhigt werden wir mit der Zusatzinformation, dass Frau Ambrosini in der zweiten Nacht in Rüeterswil nun besser geschlafen habe.

Zwischendurch mag solches Geplauder amüsant sein. Es steckt wohl sogar eine aufklärerische Absicht dahinter: «2 Familien, 1 Schweiz», lautet das Motto der Haustauschwoche. Ambrosinis sind sympathisch, klug, – «fadegrad», wie Moderator Sven Epiney sagt. Und sie sind locker drauf.

Gegen das Lockersein habe ich an sich nichts. Der Moderationston auf SRF 1 ist mir durchaus sympathisch. Auch Joschi Kühne, Thomy Scherrer, Dani Forler oder Reto Scherrer reden einfühlsam mit Hörerinnen und Hörern, sind witzig, einfallsreich und korrekt, auch politisch.

Aber sie reden andauernd. Und langsam wird es zu viel. Die Party auf SRF 1 nimmt einfach kein Ende.

Auch die morgendliche Presseschau ist nicht mehr, was sie einmal war: knapp und informativ. Man erfährt kaum noch, welche Positionen einzelne Blätter zu umstrittenen Themen einnehmen, wird nur noch selten auf interessante Kommentare und Analysen hingewiesen, muss stattdessen einer Plauderei zuhören, die künstlich und hölzern wirkt und in der es zumeist um die grossen Schlagzeilen geht, die man schon kennt, oder um banale Füllerthemen.

«Mehr Aktualität und Vertiefung» im Begleitprogramm versprach uns die Medienmitteilung vor einem Jahr: «Regelmässig sind Morgengäste zu hören, die Interaktion mit dem Publikum spielt eine grössere Rolle, die Presseschau wurde zur Medienschau erweitert.»

«Ach haltet ein – ich bitte euch!», möchte ich den Verantwortlichen der neuen Markenwelt zurufen: «Orientiert euch nicht an den Lokalradios, sondern bleibt, was ihr sein solltet: verlässlich und informativ. Limitiert das Geschwätz!»

Künstliche Plaudereien findet man übrigens auch in den Printmedien. Die Rubrik «Auf einen Espresso mit Frank A. Meyer und Marc Walder» in der «Schweizer Illustrierten» gehört dazu. Ich muss gestehen, dass ich sie fast immer und häufig gerne lese. Aber manchmal übertreiben es die beiden Herren: «Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sollen Mütter arbeiten gehen oder zu Hause bleiben und sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern?» Das fragt der CEO der Ringier AG den Journalisten in der neusten Ausgabe. «Ich bin kein Experte für Mütter. Und ich verstehe auch wenig von Vätern», gibt dieser zu bedenken: «Aber ich habe doch den Eindruck, dass auch berufstätige Frauen ihre Kinder kompetent erziehen können – vielleicht nicht rund um die Uhr, aber doch mit ganzer Intensität. Und darauf kommt es schliesslich an.» – «Da haben Sie sicher recht», erwidert der CEO. «Aber …»

Ich verstehe selber auch nicht viel von Müttern und Vätern, habe aber den Eindruck, derartiger Smalltalk sei überflüssig, sogar in der «Schweizer Illustrierten».

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «SRF 1: Künstliches Geplauder in der neuen Markenwelt»

  1. Fred David:

    Ich fuhr letzthin mal wieder längere Zeit durch Frankreich und kriegte unzählige lokale und nationale Radiosender nachgeschmissen: von einem Schwatzprogramm ins nächste, selbst die Musik dazwischen wird hemmungslos zerschwätzt. Französisches Radio ist wie der französische Film: unendliche Schwatzkanonaden.

    Davon ist SRF1 noch weit entfernt – aber wohl auf dem Weg dahin. Der Aufruf zum Marschhalt ist berechtigt.

    Aber in einem speziellen Punkt möchte ich SRF1 doch in Schutz nehmen. Mit der „Presseschau“. @Hanspeter, du schreibst: „Man erfährt kaum noch, welche Positionen einzelne Blätter zu umstrittenen Themen einnehmen.“ Dafür kann SRF1 nichts: Die einzelnen Blätter haben zu umstrittenen Themen kaum noch eine wahrnehmbare Position, zumindest keine, die sie von den andern unterscheiden würde.

    • Frank Hofmann:

      Bei RTS la 1ère wird durchgehend geschwatzt pardon parliert. Dieser Sender bietet Radiojournalismus in Reinkultur. Ein Sender mit klarer Programmstruktur. Zwischen SRF und den Welschen liegt nicht nur der Röstigraben, es sind Welten: Niveau, Themen, Eloquenz. Debatten wird da nicht ausgewichen. Wer sich daran gewöhnt hat, hält die D-CH Sender nicht mehr aus.

      • Theo:

        Auch deutsche Sender wie DLF oder SWR2 sind eine Wohltat für die Ohren. Die Moderation ist klar und präzise, die Sprecherstimmen sind angenehm und die Musik ist meist sehr gut. Also das pure Gegenteil der Deutschweizer Sender.

  2. Seit ich vor ein paar Jahren auf die Sender von Radio Suisse Romande umgeschaltet habe, eigentlich nur um mein Französisch zu polieren, halte ich die DRS-Sender kaum mehr aus. Dieses wie beschrieben hölzerne Gerede, die forcierte Munterkeit, die Telefonspiele, das obligate Lächeln ins Mikrofon (weil man das ja hören tut) – ich kriege schon fast einen Ausschlag nur beim Gedanken daran.

    Ganz anders die Romands – abgelesen wird da kaum, sondern echt dialogisiert, kontroversiert, ausgerufen; die Moderation hochprofessionell schafft es immer wieder, extreme Standpunkte einzubetten, auf den Boden der Tatsachen herunter zu holen. Sendungen wie Histoire Vivante, eine Stunde wochentäglich, ein neues Thema jede Woche, sind eine Glanzleistung und gehören längst schon prämiert.

    Bei der kürzlichen Programmreform sind ein paar mir liebe Sendungen rausgeflogen, ich finde es nun ein wenig verwässert, aber immer noch meilenweit über den Inhalten von DRS, muss ich mir deren Sendungen mal antun weil kein Empfang der Romands.

    Aber vielleicht bin ich ja ungerecht und die Deutschschweizer haben, seit ich sie vernachlässige, ganz extrem aufgeholt. Der Bericht hier lässt nicht darauf schliessen.

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