Zurück auf die Bäume

Ich hätte es ja fast nicht zu hoffen gewagt, als die SRG ihr grosses Projekt, «Die Schweizer» ankündigte. Würden da die paar üblichen Verdächtigen, die Ü-50-Feministinnen, wie einer es später verächtlich nannte, bei Kaffee und Zeitung verärgert vor sich hin grummeln − aber sonst Ruhe in Blätterwald und Blogosphäre? Nein, es gab tatsächlich einen kleinen Aufschrei.

Gewiss, angeführt von den eher Älteren, doch das liegt in der heutigen Natur der Sache. Wir können Protest kaum von JungjournalistInnen erwarten, die zeitbedingt zur Geschichtsvergessenheit erzogen worden sind. Sie sind mit den Misswahlen am Schweizer Fernsehen grossgeworden, nicht mit der Analyse von Missständen medialer Frauenrepräsentation. Britney Spears ist ihre Referenzgrösse, nicht Germaine Greer. Der Trend von morgen, nicht die Geschichte(n) von gestern. Und die meisten Chefs verlangen von ihnen auch nichts anderes. «Frauenthemen» sind noch immer Stil- und Beziehungsfragen, Klatsch, Kinder und Küche − und neuerdings wieder Hochzeitstories wie einst im Vormai.

Die Reaktion auf den kleinen Aufschrei: Erst grummelten die üblichen Verdächtigen der Ü- und U-50-Männer, doch bitte die ewige Quoten-Diskussion nicht auch noch hier zu führen. Die Geschichtsschreibung kenne nun mal bis 1971 keine grossen Frauen, weil sie erst dannzumal zu vollwertigen Schweizer Bürgerinnen herangewachsen seien. Vorher waren sie halt klein und unsichtbar, ähnlich wie die Schwarzen in den USA: fleissige Feldneger, brave Hausnegerinnen hinter den Kulissen der Weltgeschichte, bis sie dann von heldenhaften weissen Männern grosszügig aus ihrer Unmündigkeit entlassen wurden. Die Afro-Amerikaner hatten immerhin, ein paar Jahre vor 1971, mit Martin Luther King schon einen ermordeten Märtyrer, während wir SRG-Schweizerinnen auch im neuen Jahrtausend noch immer gar nichts haben (ausser ein paar verbrannten Hexen).

Aber natürlich hat die SRG recht: Ein Geschichtsbild, das aus kostümierten Bärtigen im erweiterten Lendenschurz besteht, kann aus keiner Jane einen Tarzan machen. Mythen sitzen fest. Doch mittlerweile haben zahlreiche Medien (zum Beispiel die «NZZ am Sonntag» mit dem Historiker Carlo Moos) den SRG-Machern erklärt, warum diese Art von Geschichtsschreibung schon tief im letzten Jahrhundert kritisch aufdatiert worden ist. Nicht zuletzt dank der Frauenbewegung. Ich will hier gar nicht näher darauf eingehen. Aber all den Jungspunds wie Roger de Weck möchte ich ein bisschen Lektüre ans Herz legen, die ihnen Oral History, Geschichtsschreibung von unten näher bringt. Fangen Sie an mit dem Werk der schwarzen Feministin und Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Dort lernen Sie auch gleich noch, wie man ohne Hollywood-Heroisierungen Geschichte in Geschichten, also «fernsehgerecht» verpacken kann.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Zurück auf die Bäume»

  1. Oliver Baumann:

    Roger de Weck ist in der vergangenen Woche 60 geworden. Ein Jungspund?

  2. Oliver Baumann:

    Ich kann hier beim besten Willen keine Ironie erkennen. Horlacher schreibt ja auch: «Wir können Protest kaum von JungjournalistInnen erwarten, die zeitbedingt zur Geschichtsvergessenheit erzogen worden sind.»

    (Und dann diese Ausführungen noch mit irgendeinen Mist von wegen Misswahlen und Britney Spears ergänzt…)

    Wenn ich mich richtig erinnere, haben die ganze Geschichte drei «Schweiz am Sonntag»-Mitarbeiter ins Rollen gebracht, die sicher nicht zu den «Älteren» gehören, die den Protest gemäss der Autorin angeführt haben.

  3. der kleine aufschrei erinnerte mich an die nichtraucherdiskussion von vor zehn jahren. da konnte man auch jedem nationalrat ein mik vor die nase halten und man war sicher, dass er ein striktes rauchverbot als alternativlos bezeichnet. es war damals von links bis rechts die billigste art, sich positiv in die medien zu bringen. das raucher bashing gehörte zu einem vermeintlichen konsens wie heute das de weck bashing.

    dabei vermisse ich aber, liebe damen, den seriellen aufschrei unter dem jahr. z.b. vs. die unsägliche landfrauenchuchi, schwangerschaftsbesoffene pseudopopsternchen, aufgebretzelte sportmoderatorinnen, barbiehafte peopletussen, etcpp.

  4. Frank Hofmann:

    Das Geschichtsverständnis des RdW beginnt mutmasslich erst mit der Gründung seiner bewunderten EU. Offenbar mutet man dem Publikum keine Schweizer Geschichte ohne Helden und Mythen zu. Das sagt doch viel aus über das Niveau unseres Service public. Als Nebeneffekt hätten die Entscheidungsträger den Imageschaden vermeiden können. Aufgabe nicht erfüllt!

  5. Mara Meier:

    Roger der Jungspund de Weck über die Schweizer Geschichte von Thomas Maissen:

    „Das Wesentliche, ganz anders. Das ganz Andere, aber wesentlich. Die gross- und einzigartige Geschichte der Schweiz hat die Historiker, die sie verdient. Namentlich Thomas Maissen.“

    Reine Poesie. Man versteht kein Wort.

    Kein Wunder rennt da ungefragt eine gross- und einzigartige Rotte bärtiger Kerle über den Bildschirm, im heroischen Alleingang, in knappe Floskeln gehüllt, ganz ohne historischen Begleitschutz.

    Das ganz Andere, aber wesentlich: Eine bucklige Magd hätte es darstellen sollen. Zerschlissene Schürze, drei Uneheliche. Am Neuenburger See. Mit trüben Augen beim Herdöpfel schälen.

    S a u t r a u r i g. Wurde gestrichen. Zum Glück. Geht doch auf keine Kuhhaut. Wer will das schon sehen, dieses Wesentliche, ganz anders?

    Eine Geschichte der Schweiz in 100 Objekten. Das wäre ein Ansatz, der mich die Kiste anwerfen liesse. Aber so bleibe ich, während die ganz Anderen, aber Wesentlichen, auf den Bäumen hocken, unwesentlich hinter dem Ofen liegen. Schnarchend.

    Und jetzt trinken wir einen Cassislikör aufs mediale Leben, Frau Horlacher.

    Ex und weg.

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