Value-added-News

Der Verleger hatte die vielversprechende Nachwuchs-Schreibkraft ins «Schenker Stübli» geladen. Das noble, aber in einem Aussenquartier etwas versteckt gelegene Beizchen, frequentiert von Spesenrittern der Sanitärbranche, schien dem Verleger das richtige Ambiente zu sein, um den möglichen künftigen Chefredaktor seiner Flaggschiff-Zeitung auszutesten.

Die Frage war, ob die Nachwuchs-Schreibkraft ein konzises Rezept dafür hatte, wie der «NachrichtenAnzeiger» die Pressekrise überleben konnte: Digitalisierung, Erosion der Kleinanzeigen, Ausfall der nationalen Grossverteiler-Kampagnen und, vor allem, allgemeiner Leserschwund. Das Ziel: Der «NachrichtenAnzeiger» sollte ihm, dem Verleger, weiterhin ein angenehmes Leben garantieren, so, wie es noch für seine legendäre Mutter selbstverständlich gewesen war. Sie, die mit einem Wink an den ihr ewig verbundenen Chefredaktor Bundesräte zum Zittern bringen und zum Rücktritt zwingen konnte.

Die Vorspeise − je ein Haufen hausgemachter Nüdeli an einer Sauce aus Oberländer Doppelrahm mit eingeflogenem Piemonteser Trüffel − verging über einer Dreiviertelflasche Epesses und mit Smalltalk zum jüngsten Branchenklatsch: Die blutjunge Verlegerpräsidentin, Ur-Enkelin des mit 89 Jahren allzu früh verstorbenen Besitzers eines Lokalblatts im aargauischen Hirschthal, hatte am Galadiner des letzten Verbandskongresses im Grand Hôtel Mürtschenstock auf dem Tisch getanzt und dazu ihre paillettenbesetzte Abendrobe über Strumpfbandhöhe gelupft − zum Entsetzen des angegrauten Vorstands.

Beim Hauptgang, einem phänomenalen Ossobuco Cremolato, wie ihn nur Blagomir hinkriegt, der langjährige Koch des «Schenker Stübli», wurde die Diskussion ernster. Der Verleger und die Nachwuchs-Schreibkraft diskutierten den Angriff des amerikanischen Digital-Kingdom-Konzerns auf das Schweizer Online-Inserategeschäft, dann die strategischen Optionen der Mitbewerber auf dem Regionalzeitungsmarkt und schliesslich die steuertechnischen Vorzüge von Boesch-Motorbooten. Derart ins Gespräch vertieft merkten sie gar nicht, wie der 2007er Sangre del Capricornio aus dem nordspanischen El Bierzo zur Neige ging und Kellner Goran, ein Cousin Blagomirs, diskret eine zweite Flasche öffnete.

Auf ein Dessert verzichteten die Herren. Sie wandten sich dafür direkt dem Ristretto zu, genossen dazu eine hochprozentige Vielle Prune aus der Produktion eines weiteren von Blagomirs zahlreichen Cousins und rundeten die ganze Sache mit zwei dickbäuchigen Hoyo de Monterrey ab, die der Verleger von der letzten − der Pressefreiheit gewidmeten − General Assembly des Weltverlegerverbandes aus Havana mitgebracht hatte. Der Verleger beglückwünschte sich dafür, dass er seine Sekretärin im «Schenker Stübli» hatte reservieren lassen, wo das Fumoir grösser ist als der Rest des Restaurants, inklusive Küche.

Nun sah der Nachwuchs-Schreiber den Moment gekommen, den Verleger mit einem wohlvorbereiteten Business-Pitch davon zu überzeugen, dass er − und nur er − der einzig richtige Chefredaktor und eigentliche Retter des dahinserbelnden «NachrichtenAnzeigers» sein konnte. Zu diesem Zweck hatte er den grössten Teil seines Epesses und nahezu allen ihm zugedachten Sangre del Capricornio diskret dem Topf mit der Gummipalme hinter ihm anvertraut. Eines seiner zwei Gläser Vielle Prune war in der − ausserordentlich saugfähigen − gestärkten Serviette gelandet.

«Was der ‹NachrichtenAnzeiger› jetzt dringend braucht», sagte die Nachwuchs-Schreibkraft mit kristallklarer Stimme, «ist die konsequente Ausrichtung seiner journalistischen Arbeit auf die Nachrichten-Wertschöpfungskette.» Und das lieber heute als morgen, so der Chefredaktionsaspirant weiter. «Der ans Gratisangebot des Internets gewöhnte Newskonsument von heute hungert nach dem Added-Value von News, wie sie nur die Redaktion des ‹NachrichtenAnzeigers› wertsteigernd aufbereiten kann», fuhr er fort. «Der Zeitungsleser ist in diesen Zeiten von Twitter und Facebook nur dann bereit für ein journalistisches Angebot einen Teil seines sauer verdienten Gehalts auszugeben, wenn wir ihm erkennbaren Zusatznutzen liefern können: News plus Recherche, News plus Service, News plus Entertainment, News plus Einordnung und Analyse − Value-added-News eben», sagte die Nachwuchs-Schreibkraft und schob ein paar Begriffe nach, die ihr aus drei Semestern abgebrochenem Betriebswirtschaftsstudium noch irgendwie bekannt vorkamen: Due Diligence, Compliance, Return on Equity.

«Dass wir die Wertschöpfungskette sowohl über alle digitalen Kanäle hinweg − online wie mobile − als auch über die herkömmlichen analogen Vertriebswege als gemeinsames Ganzes wertsteigernd bewirtschaften müssen, versteht sich von selbst», führte die Nachwuchs-Schreibkraft weiter aus. «Dafür müssen wir die Organisation unseres künftigen Newsrooms voll auf die verschiedenen Kadenzen des Nachrichten-Produktionsprozesses hin ausrichten.»

Um die Mehrwertabschöpfung in der News-Dimension konsequent auf die Bedürfnisse der zahlenden Rezipienten auszurichten, sei eine neuartige Matrix-Organisation unabdingbar. Er habe da schon ein Konzept im Sack. Aber er brauche dafür noch zwei, drei Mitstreiter, etwa seinen Sandkastenfreund, den ehemaligen Produzenten eines vor drei Jahren eingestellten People-Monatsmagazins aus einem Konkurrenzverlag. Und die gerade erst freigestellte Nachrichtenchefin eines privaten TV-Senders, der kürzlich von einem italienischen Kabelkonzern aufgekauft worden war.

Durch den überdimensionierten Cognac-Schwenker hindurch betrachtete der Verleger das enthusiasmierte Gesicht der Nachwuchs-Schreibkraft. Er nahm nochmals einen Schluck und bot dem Gegenüber das Du an. Die beiden wurden sich schnell handelseinig. Die Nachwuchs-Schreibkraft übernahm die Leitung des «NachrichtenAnzeigers» per Anfang November, startete das «Neukonzept 2014» und wechselte die Hälfte der Ressortchefs und einen Viertel der übrigen Redaktion aus.

Den Auflagenschwund und die Umsatzanämie konnte sein Konzept aber auch nicht bremsen. Der mittelständische Verlag, dessen Flaggschiff der «NachrichtenAnzeiger» war, löste sich in einem internationalen Konglomerat auf.

Dann und wann treffen sich die Veteranen des «Neukonzepts 2014» noch bei Blagomir im «Schenker Stübli», sprechen einem schweren, wenn auch nicht mehr ganz so teuren spanischen Roten zu und schwärmen von den guten alten Zeiten, als Verleger wagemutigen Nachwuchs-Schreibkräften noch die Chance gaben, den Journalismus neu zu erfinden.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Value-added-News»

  1. Marion Hirzel:

    Ist da einer frustriert, weil er sich mehrmals als Chefredaktor bewarb und nie hinkam?

    • Kurt Imhof:

      Eine Illusion: Der Transformation der Summe Bösartigkeiten unter den Bediensteten der Branche im gemeinsamen Einsatz für guten, bezahlten Journalismus könnte kaum jemand widerstehen.

      Ausserdem: Ich finde das eine mutige und gelungene Satire.

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