Mehr Publikum wagen

Zu den absurden Aspekten des jeweils rund um die Veröffentlichung des Jahrbuchs «Qualität der Medien – Schweiz – Suisse – Svizzera» ablaufenden Rituals gehört, dass Verleger und Journalisten mit ihrer Diskussionsverweigerung immer wieder vollumfänglich alles bestätigen, was die Wissenschaft kritisiert.

Dass Wenn Tamedia als mit Abstand marktmächtigster Verlag die Studie des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) entweder auf allen Kanälen bekämpft oder dann einfach ignoriert, ist der Beweis dafür, dass die Sorge der Medienforscher über die zunehmende Medienkonzentration begründet ist. Wenn die «Basler Zeitung» am Tag der Studienpublikation ein munteres, aber vom Ballast jeder tieferen inhaltlichen Auseinandersetzung befreites Porträt über Soziologe Kurt Imhof publiziert, zeigt das, wie die Kritik an der zunehmenden Personalisierung und abnehmenden Einordnungsleistung ins Schwarze trifft. Und wenn schliesslich der Verband Schweizer Medien noch während der laufenden FÖG-Medienkonferenz per Communiqué mitteilt, die Studie sei «kein brauchbarer Gradmesser zum Zustand der Medien», ist das ein weiteres, verstörendes Beispiel für den Kontrollverlust des obersten Medienmanagements über die Wahrnehmung der Realität.

Die Selbstentlarvung entlarvt hat der twitternde Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti:

«Die meisten Journalisten, die sich nun gleichgeschaltet gegen Kurt Imhof empören, realisieren gar nicht, dass sie so seine Thesen bestätigen.»

Ausgerechnet da, wo jeder mündige und zunehmend medienkompetente Leser und Zuschauer mitreden will, kann und soll, − bei der Qualität des Produkts, das er kauft, konsumiert, sich leistet − ausgerechnet da zeigen die Medien über alle Stufen hinweg den Kunden ihre hässlichste Seite: Desinteresse, Arroganz und Abgehobenheit.

«Die Leute sind nicht dumm», sagte Tamedia-Verwaltungsrat Iwan Rickenbacher im SRF-«Medienclub». Damit hat er absolut recht. Nur hört den Leuten leider keiner zu. Oder wie es «BaZ»-Leser Peter Hagen auf Newsnet formuliert: «Wer sagt denn dass wir mit den Medien zufrieden sind – das sagen doch nur die Medien.» Und dafür sollen die User nun an der Paywall auch noch den Geldbeutel aufmachen?

Es ist geradezu grotesk, wie das Publikum im Diskurs über Medienqualität ignoriert wird. Auch im SRF-«Medienclub» diese Woche: kein Medienkonsument. Dafür vier Herren, die irgendwas mit Medien machen und sich redlich bemühten, eine kontroverse Diskussion zu simulieren.

Wie sehr hätte man sich gewünscht, dass Rickenbacher, der sich in der Runde primär als PR-Sprecher betätigte, in einem «Merkel-und-die-Leiharbeit»-Moment mit realexistierenden Leserinnen und Lesern konfrontiert worden wäre. Vielleicht ist das überhaupt die Rettung für das gescheiterte TV-Experiment SRF-«Medienclub»: die alten «Nachtschicht»-Kassetten aus dem Fundus holen und anschauen, wie Fernsehen ging, als das Publikum auch bei kontroversen Themen einbezogen wurde und nicht nur bei harmloser Swissness-Folklore auf dem Dorfplatz.

Den Lesern und Zuschauern zuhören lohnt sich. Es ist erstaunlich, was das Publikum zu sagen hat, wenn es gefragt wird. Oder sich gar erfrecht, in den Kommentarspalten der Medienportale eine Meinung zu haben, die von vielen Journalisten nur mit gerümpfter Nase beachtet wird, wenn überhaupt.

«Unser Bundespräsident hat die heutige Situation treffend auf den Punkt gebracht. Dass er mit seinen Worten bei den Medien mehr Pfiffe als Bravorufe erntet, ist verständlich. Die Debattierkultur ist wohl auch im Bundeshaus, in der Politik und vielen anderen Bereichen durch vorgegebene Ziele einzelner Interessengruppen ausgeschaltet worden»,

schreibt zum Beispiel «Blick»-Leserin Katha Keller zu einem Bericht über Maurers Medienschelte am Medienkongress.

Ist Frau Kellers Gedanke nicht für sich allein schon viel interessanter und anregender als die beleidigte Verteidigungsrhetorik, die «Bund»-Chefredaktor Artur K. Vogel der Leserschaft nach der Maurer-Rede zugemutet hat?

Es ist vielleicht kein Zufall, dass es «Schweiz am Sonntag»-Chef Patrik Müller als jüngster in der «Medienclub»-Runde sagte: 9 von 10 Reaktionen aus der Leserschaft auf Ueli Maurers Kritik an den Medien sind zustimmend. Ein Blick auf die Kommentare unter schönfärberischen Eigenlob-Texten zum Thema Medienqualität bestätigen diesen Befund.

Nehmen wir mal an, die Kunden einer Maschinenbaufirma würden sich in grosser Zahl über die Qualität der Produkte beschweren wie Mediennutzer dies über die Medien tun − Mängelrügen schreiben, eine Verbesserung der Produktqualität verlangen und reihenweise Bestellungen stornieren. Das Management würde umgehend auf die Kunden zugehen, ihnen zuhören und versuchen, die Probleme zu beheben, falls die Firma weiter erfolgreich am Markt bleiben will. Was aber tut die Medienbranche? Sie schickt unzufriedenen Kunden einfach den nächsten Werbeprospekt ins Haus, auf dass sie sich in den Kommentarspalten dann erneut ungehört und unbeachtet beschweren dürfen. Oder wie es «Blick»-Leserin Diana Karisma formuliert:

«Bravo Herr Bundespräsident Maurer! Selbstkritik gehört nicht zu den Stärken der Medien. Die Vielfalt kommt zu kurz, unbequeme Wahrheiten verkannt und die eigene Politikinteressen gehen vor, anstatt neutral zu berichten. Breite Meinungen des Volkes werden als unintelligent disqualifiziert.»

Dabei könnten Leser und Zuschauer durchaus Verbündete sein, würden die Medienmacher sie ernst nehmen. Selbst die Selbstkritik der Medienkonsumenten übertrifft jene der Verleger und Journalisten spielend.

«Wir Konsumenten müssen uns selber bei der Nase nehmen. Wir können nicht tiefgründigen, hochdifferenzierten, aktuellen Topjournalismus verlangen ohne zu zahlen. Die vierte Macht sollte uns einen Batzen wert sein, denn nur so können wir weiterhin auf unabhängige Information zählen. Sonst drohen 20-Minuten Einheitsbrei, SVP-FDP-UBS-Propagandakost, christlicher Kuschelsnack und Gewerkschaftsfrass»,

schreibt zum Beispiel «BaZ»-Leser Rolf Schumacher auf Newsnet.

Und Didi Klement meint:

«Hätte Maurer Recht, müsste man als Journalist auf mehr Antworten pochen können. Aber nein, immer wieder liest man bei den interessanten Geschichten, dass keine Stellungnahme von X und Y zu bekommen ist. So wird jeder Journalist gleichgeschaltet und unangenehme Wahrheiten bleiben unter dem Teppich.»

Verleger und Journalisten müssen mehr Publikum wagen. Die Medien haben verlernt, ihren Kunden zuzuhören, wenn sie es denn überhaupt je konnten. Das Publikum ist viel zu lange abgeschotteten Medienkartellen ausgeliefert gewesen, als dass seine Meinungen in den Verlagen ernsthaft gefragt gewesen wäre. Um Imhofs treffenden Vergleich mit den Bierkartellen weiter zu drehen: Die Leser und Zuschauer sollen die Pfütze trinken, die sie bekommen. Diese Haltung hat sich bei den Verlegern konserviert wie Dinosaurier-DNA im ewigen Eis − bei Verlegerpräsident Lebrument Kraft seiner Täler, bei Tamedia Kraft ihrer Marktmacht. Und diffundiert dann von oben herab bis zu den Journalisten, die das Publikum im Social-Media-Zeitalter ernst nehmen sollten, aber in den Verlegern kein Vorbild haben.

Kluge Medienmacher beziehen die Leser heute sogar bei der Themensuche ein, statt sie zu verachten. Ohne ihnen dann in der Berichterstattung nach dem Mund zu reden − so wie das die «Süddeutsche Zeitung» beispielhaft vormacht. Dafür braucht es einen mentalen Wandel, da reichen Publikums- und Leserräte nicht, die nur der Staffage und der Simulation von Beteiligung dienen.

Kritiker aus den eigenen Reihen würden die Branchen schlechter reden als sie ist, lieber Herr Rickenbacher? Keine andere Industrie macht sich selber so schlecht wie die Medienbranche? Nein, nicht Selbstkritik ist geschäftsschädigend, sondern als müder Witz getarnte, arrogante Herablassung wie zum Beispiel diese hier.

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Schweiz am Sonntag» sowie Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

16 Bemerkungen zu «Mehr Publikum wagen»

  1. Stefan Metzler:

    Niemand liest Zeitung, aber jeder kritisiert sie. Auch das ist Mainstream. Der Tagi berichtet heute über die Studie. Er ignoriert sie nicht, wie Sie schreiben.

    • Manuel Meiendorf:

      nein, Herr Metzler. Ignoriert wurde letztes Jahr, und zwar in allen Medien der Tamedia. Hat sich offenbar ebenso wenig bewährt wie die pauschale Kritik vor zwei Jahren. Nun halt eine neue Strategie. Aber ob die Studie gelesen und verstanden wurde?

      • Stefan Metzler:

        Die Einleitung handelte von heute. Moser hat den Tagi nicht gelesen, kritisiert ihn aber. Das ist interessant, weil viele Kommentarschreiber in den Online-Medien genau so funktionieren. Ueli Maurer übrigens auch. Der sagte: „Ich habe keine Zeit, Zeitungen zu lesen.“

        • Christof Moser:

          Selbstverständlich lese ich jeden Tag den Tagi, lieber Herr Metzler, so wie ein Dutzend andere Zeitungen auch. Manuel Meiendorf liegt richtig: die Festellung bezieht sich auf die Strategie der letzten Jahre, wie sie auch an der verlinkten Medienkolumne sehen können.

          • Daniel Foppa:

            Lieber Christof, du schreibst: „Dass Tamedia die Studie entweder auf allen Kanälen bekämpft oder dann einfach ignoriert, ist der Beweis dafür, dass die Sorge der Medienforscher über die zunehmende Medienkonzentration begründet ist.“ – und verschweigst, dass der Tages-Anzeiger am Tag nach Erscheinen der Studie darüber berichtet hat. Das ist unredlich und unfair.

            • Christof Moser:

              @Daniel: Der Beschrieb des Rituals bezog sich auf die Vorderjahre, was ich mit dem Link auf eine Medienkolumne aus dem Jahr 2012 unterstreichen wollte. Ich sehe aber ein, dass die Passage missverständlich formuliert ist. Jetzt ist aus dem „Dass“ ein „Wenn“ geworden – und hier sei nochmals ausdrücklich festgehalten, dass der Tages-Anzeiger die Studie dieses Jahr erstmals mit einem ausgewogenen Beitrag gewürdigt hat.

  2. sie haben recht: jede andere branche würde bei einem solch maroden umgang mit der kundschaft implodieren. und zwar betrifft das bei vielen medienhäusern nicht nur die leser. als werber, der ab und zu inserate bucht, staune ich auch des öftern, was man in den verkaufsabteilungen so zu hören bekommt. öd bespielte telefonwarteschlaufen, inkompetente beratung und nicht selten pure arroganz. das ist manchmal wirklich der hammer, das kenn ich so von keiner anderen branche.

  3. David Sieber:

    Wenn ich das richtig verstanden habe, so lautet einer der Befunde sinngemäss: Zeitungen, die auf Vertiefung und intellektuelle Leistung setzen, verlieren in der Lesergunst, während „qualitätsniedrige“ Zeitungen eher mehr Erfolg am Markt haben. Hmmm. Müsste man dann den konstatierten qualitativen Niedergang der Medien nicht als Ausdruck besonderer Kundenorientierung loben? Es ist so ein bisschen die Huhn-Oder-Ei-Frage, die ich mir stelle.

    • Fred David:

      @ David Sieber: Wer die Eierfrage stellt, gibt auf, weil es keine Antwort auf die Frage gibt.

      Ich glaube ebenso wie du, dass längst nicht alle Leser erpicht sind auf „Qualität“, obwohl sie es behaupten. Aber man sollte ihnen genau zuhören.

      Qualität ist kein Massenprodukt. Das ist auch bei Staubsaugern so. Oder bei Giesskannen. In allen Branchen ist das so. Es gibt eine Schicht, sie regt sich ungeduldig, und ist bereit mehr Geld für publizistische Qualität auszugeben, weil es ihr wichtig ist (es gibt dazu empirische Untersuchungen). Aber dann will sie auch garantierte Qualität (wie immer die definiert wird).

      Diese Schicht (keine Ahnung , wie gross sie ist, aber sie ist sicher nicht klein) ist in der Schweiz publizistisch unterversorgt.

      Es können nicht alle alles machen. Vielleicht liegt der Schlüssel in der Spezialisierung. Der Preis ist eine noch deutlicher verringerte Auflage. Das setzt neue Finanzierungsmodelle voraus. Das müssen nicht zwangsläufig bisherige Medienhäuser machen, die verkaufen inzwischen lieber Tickets und Kartoffelschäler und entwickeln zunehmend andere Interessen.

      Die Digitalisierung erlaubt die Spezialisierung.

      Wer an Wirtschaft und Politik schwerpunktmässig interessiert ist, der braucht nicht auch noch einen üppigen Sportteil. Und umgekehrt. Die Regionalzeitung braucht nicht auch noch einen Auslandteil undsoweiter.

      Solche Konzepte gibt’s ja bereits Aber sie werden nicht konsequent umgesetzt, weil sie immer noch sehr stark inseratenabhängig sind, was bedeutet, dass sie sich in die Breite anpassen müssen, woraus zwangsläufig jener konturlose Einheitsbrei entsteht, der nicht allein dem Bundespräsidenten nicht mehr schmeckt.

      Und nein, Iwan Rickenbacher, (fast) niemand wünscht sich Parteimedien zurück, dafür solche, die sich unterscheiden, durchaus auch politisch und die auch Positionen vertreten. Aber eben nicht bloss nach rechts – auch um diesen Brei sollten man nicht bloss drumrumreden.

  4. David Sieber:

    @Fred David: Von Aufgeben kann keine Rede sein. Natürlich braucht es neue Konzepte, doch ich glaube nicht, an Spartenzeitungen, wie Sie es vorschlagen. Unser Weg ist ein anderer: mehr Interaktion, mehr Service. Und noch sind Tageszeitungen ein Massenprodukt. Wenn sie nur noch eine „Elite“ erreichen sollen, dann muss diese ganz schön kaufkräftig sein.

  5. Fred David:

    @) David Sieber: Regionalmedien haben ihren Jekami-Markt, meist als Monopole, in der Region, nicht darüber hinaus. Das ist ja auch gut so.

    Aber es gibt auch noch eine ziemlich konfuse Welt jenseits der Region. Und daran ist nicht nur eine schmale „Elite“ interessiert.

    Beispiel: Die „Zeit/Schweiz“ – eine deutsche Zeitung also – schafft es, aus ihrer winzigen Schweizer Nische mit einem Personalbestand von, glaube ich, zweieinhalb Mann, spannende, attraktive, eigenständige Themen auch digital zu lancieren, die man in den aufgeschäumten Sonntagszeitungen vergeblich sucht.

    Abgesehen davon sind überregionale Medien wie die „Frankfurter Allgemeine“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Zeit“ , „Spiegel“ „taz“ durchaus erfolgreich, wenn auch z.B. die FAZ Auflage verliert, aber digital hinzugewinnt. Die sind durchaus nicht elitär, aber trotzdem keine reinen Massenprodukte, die sich nur immer in die Breite anpassen.

    Aus beruflichem Interesse kenne ich den niederländischen Medienmarkt relativ gut. Da ist das überregionale publizistische Angebot einfach ungleich besser, vielfältiger, obwohl die die genau gleichen ökonomischen Probleme haben wie hiesige Medien. Und die Niederlande sind nicht sooo viel grösser als die Schweiz.

    Ich meine: Man gibt sich hier zu schnell mit dem zufrieden, was ist. Und schaut im übrigen der rasant voranschreitenden Medienkonzentration einfach zu.

  6. @christof moser: dann schalte mal das posten auf deine facebook-chronik frei ;)

  7. ras.:

    @Fred David: In den Niederlanden leben drei Mal mehr Leute als in der Deutschschweiz. Da liegt ökonomisch für die Medien einiges mehr drin. Wenn die Deutschschweiz drei Mal grösser wäre, könnte die NZZ auch eine „Jugendausgabe“ wie das NRC Handelsblad starten.

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