Ueli Gregor Maurer-Rutz?

Während sich die einen noch fragen, ob Bundespräsident Ueli Maurer überhaupt Zeitungen liest, rätseln die anderen, wer wohl Maurers Kampfrede (Abschrift des gesprochenen Textes) für die diesjährige Verlegertagung geschrieben haben könnte.

Sein Kommunikationschef im VBS war’s offenbar nicht.

Freie Kapazitäten hätte möglicherweise Ex-Bundesrat Blochers Redenschreiber, der Nidwaldner SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Journalist Peter Keller. Zutrauen würde man einige der ätzenderen Bemerkungen («selbstverfügte Gleichschaltung», «faktische Einheitsmedien») defintitiv auch einem Christoph Mörgeli. (Ob er als Co-Autor mitgewirkt hat?)

Viel naheliegender scheint mir aber eine andere Person: SVP-Nationalrat Gregor Rutz. Motive für eine «bundesrätliche» Retourkutsche an die Medien hätte der ehemalige FDP-Jungpolitiker jedenfalls genug.

Gregor Rutz als Parteisekretär und der ehemalige Parteipräsident Ueli Maurer haben die SVP Schweiz in den Nullerjahren in eine schlagkräftige PR-Zentrale verwandelt. Fraktionspräsident Caspar Bader, der dritte des damaligen Dreigergespanns, lobte Rutz nach seinem Rücktritt in den höchsten Tönen als zuverlässigen Coach und Einflüsterer.

Während Rutz 2008 sein Amt als Parteisekretär abgab, um ein eigenes Beraterbüro zu gründen (welches, der Zufall will es, auch Redemanuskripte anfertigt), landete Ueli Maurer, der seinen Rücktritt beinahe zeitgleich verkündet hatte und ebenfalls in die Kommunikationsbranche wechseln wollte, im Bundesrat.

Rutz sitzt im Vorstand der «Aktion Medienfreiheit». Davor war er bereits Mitglied des inzwischen aufgelösten «Medien-Forums», der Nachfolgeorganisation des «Hofer-Clubs», der in den 70er- und 80er-Jahren gegen die angeblich linke Unterwanderung der SRG ankämpfte.

Schon vor vier Jahren hatte Bundesrat Maurer die versammelte Schweizer Medienbranche wenig charmant als «Kurtisanen der Macht» verhöhnt. Einige Argumente jener Rede scheinen auch im jüngstem Referat durch. Ob in Maurers Reden oder im Grundsatzpapier der «Aktion Medienfreiheit», nirgends fehlen darf die obligate Huldigung John Stuart Mills und dessen Diktum der Medien als freier Marktplatz der Ideen.

In Maurers jüngster Kampfprosa tritt überdies auch der deutsche Flüchtling und radikal-liberale (heute würde man sagen: «renitente») Ludwig Snell als Kronzeuge auf. Der Vordenker einer modernen Schweiz wohnte damals übrigens, wie Gregor Rutz heute, in Küsnacht. Was auch immer das bedeuten mag.

Vor allem aber über einen Satz aus Maurers 2009er-Medienschelte bin ich gestolpert …

«Denn bereits 1911 hielt das Bundesgericht in einem Entscheid ausdrücklich fest, die Presse habe den Auftrag, allfällige Missbräuche im Gemeinwesen aufzudecken.»

… und zwar auf der Website von Gregor Rutz:

«Das Bundesgericht hat 1911 in einem Entscheid festgehalten, die Presse habe den Auftrag, auf die praktische Lösung eines die Öffentlichkeit beschäftigendes Problem hinzuwirken und ‹allfällige Missbräuche im Gemeinwesen› aufzudecken.»

Wieviele Schweizer Politiker können hundertjährige Bundesgerichtsentscheide zum Thema Medien auswendig zitieren? Ich vermute: einer.

Wenn Ugugu nicht gerade über Bundesratsredenschreiber orakelt, ist er u.a. auf Twitter sowie als Blattmacher in der Journischredderei aktiv − einmal mehr, einmal weniger.

Update, 21. September 2013:

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

9 Bemerkungen zu «Ueli Gregor Maurer-Rutz?»

  1. Eine Nachfrage bei Herrn Rutz wäre sinnvoll, nicht?

    • welchen sinn soll das haben? die antwort ist absehbar: no comment.

    • Der Sinn wäre Anstand und Integrität. Und auch »no comment« ist eine Stellungnahme.

      • @PhilippeWampfler: Gewiss, man soll sich nicht am Niveau politisch anders Denkender orientieren, trotzdem kommen mir bei den Stichwörtern „Anstand“ und „Integrität“ unweigerlich all die Messerstecher-, Ratten-, und Schäfchenplakate in den Sinn, die Rutz als damaliger Parteisekretär mindestens mitzuverantworten hat. Aber grundsätzlich gebe ich dir Recht: Nachfragen würde nicht schaden.

        • Mara Meier:

          Ugugu, lieber und geschätzter Meistens-anders-Denkender, ich bitte Dich! Was faselst Du da vom „Niveau politisch anders Denkender“, an dem „man“ sich nicht orientieren solle? Hier ein Grappa gegen die Ratrack-Dogmatik. Und dann die schreckliche Vermutung: Der Arschlochfaktor ist wohl in allen Parteien etwa gleich hoch, die paar selbstständig Denkenden vergleichbar anregend. Ob „Niveau“ da unbedingt eine Kategorie sein muss? Was soll das sein? Nicht auf den Boden spucken? Keine Fluchwörter? Anstand und Integrität. Wem gegenüber? Reichen nicht Argument und Logik? Ein bisschen Frechheit dazu – und, ja, Leidenschaft kann auch nicht schaden, vgl. Ugugu. – Cheers! (Und: Den Maurer finde ich richtig gut, ist mir piepegal, vom wem der abschreibt)

      • na ja, man sollte nicht päpstlicher tun als der papst. am ende fordert noch jemand, ugugu hätte seine these noch durch eine plagiatsentdeckungssoftware jagen sollen, bevor er sie hier als kecke kolumne einfach mal in den raum orakelt.

      • Frank Hofmann:

        Anstand und Integrität, nach dem Vorbild der SP-Vize Roth und Mehrwut.

  2. @ugugu: gut geschnüffelt.

  3. Christof Moser:

    Die Rede hat Maurers persönlicher Mitarbeiter Matthias Müller geschrieben.

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