Richter und Gerichteter

Wenn man liest, was Frank A. Meyer jetzt über sich lesen kann, gewinnt man den Eindruck: Der Mann hat nicht nur Gegner, sondern Feinde, nicht nur Kritiker, sondern Neider. Und jetzt ist die Zeit der Häme gekommen; der Leitwolf zeigt Schwäche.

«Noch können wir es nicht fassen. Wochenende für Wochenende, seit bald dreissig Jahren, teilt er im ‹Sonntagsblick› die Schweiz und die Welt ein in gut und böse, links und rechts»,

schreibt Martin Furrer in der «Basler Zeitung»:

«Meyer ist der moralisierende Zeigefinger der Nation. Das A vor Meyers Familienname steht für André. Es könnte auch für Amen stehen.»

Etwas Bewunderung schwingt mit:

«Nun ist es zugegebenermassen nicht ohne Vergnügen, als Leser Scharfrichter Meyers Prozessen beizuwohnen. Amüsiert nehmen wir zur Kenntnis, dass der Ringier-Mann die Konkurrentin ‹NZZ› als ‹Weltblättchen› betitelt, das ‹jedem Boulevardesken abhold› sei. Lachen dürfen wir über die Charakterisierung des Wallis als Kanton, ‹wo der liebe Gott nicht nur CVP-Mitglied ist, sondern auch per Du mit dem örtlichen Bauspekulanten›.»

– Ja, Meyer ist gut, sogar wenn die «BaZ» ihn zitiert.

«Meyers Texte – sind es Kommentare? Leitartikel? Analysen? Es sind Abrechnungen», schreibt Furrer. Hat er übersehen, dass auch sein Artikel der Versuch einer Abrechnung ist? Dass er sich – was er Meyer vorwirft – als «ferndiagnostizierender Psychiater» betätigt. Meyers Bild im «Sonntagsblick» zeigt ihn laut Furrer als Biedermann vor dem Brandenburger Tor, in Poloshirt und legerem Kittel: «Nur das aristokratisch anmutende Poschettli beweist, dass da einer eigentlich mehr sein will, als es das Bild verspricht.»

Das Poschettli beweist gar nichts. Wer will, kann vermuten, dass Frank A. Meyer eitel sei. Das liegt nahe. Irgendwie und irgendwo tragen wir Medienleute aber alle unser Poschettli. Meyer jedoch gehört – wie auch Roger Köppel – zu jenen Grossjournalisten, die bei aller Brillanz vor allem eines tun: eine Meinung haben. Man liest sie gerne, wenn man sie teilt.

Unter ihrem stilbildenden Einfluss hat das Urteilen in der Branche überhand genommen – obwohl doch seit 2000 Jahren empfohlen wird, nicht zu richten (auf dass man nicht gerichtet werde).

Nicht nur meinungsstark ist der moderne Journalismus. Er sucht auch wieder die Nähe zur Macht. Auch da zeigt Frank A. Meyer, wie das geht – und was dabei passieren kann. Eigentlich schade.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Richter und Gerichteter»

  1. Fred David:

    Wie sich der Tsüri-Journalismus – betrifft nicht dich @Hanspeter Spörri, du bist ja ein Ossi mit Distanz – am Phänomen FAM seit 30 Jahren abarbeitet, hat etwas Neurotisches. Was FAM nicht alles an Wunderkräften zugeschrieben wird! Der Oberschamane des eidgenössischen Journalismus.

    Ich habe mit ihm gut zusammengearbeitet, weil wir gegenseitig eine Sicherheitsdistanz vereinbart hatten. Das klappte. Ich habe ihn auch nicht geduzt und liess mich ausdrüklich von ihm nicht duzen. Er respektierte das, wenn auch mit Erstaunen. Aus Diskussionen habe ich von ihm meistens mehr profitiert als er von mir, was mich gelegentlich ärgerte.

    Journalisten, die FAM zu nahe kommen, versprechen sich häufig eine Karrieregarantie oder sonstige Vorteile. Das dies selten funktioniert, jedenfalls nie auf längere Sicht, hat schon manchen überrascht, der sich sicher wähnte. Das werden mitunter dann seine heftigsten Gegner, um nicht zu sagen: Feinde. Das ist aber nicht FAM anzulasten.

    Sein Verhältnis zu Michael Ringier blieb mir immer ein Rätsel, das ich aber nicht lösen musste. Ringier liess ihn durchaus auch gelegentlich zappeln. Eigentümervorteil schlägt Intellekt. Das ist überall so.

    Ich halte ihn noch immer für einen der besten politischen Kommentatoren (ausser wenn er über den Islam schreibt, davon versteht er nichts) und einen selten guten Stilisten. Dass das immer noch so ist, liegt nicht allein an FAM, sondern auch an den Schwächen des politischen Journalismus in der Schweiz, der sich vor Klartext fürchtet. Gleiches lässt sich über den Wirtschaftsjournalismus sagen.

    Klartext-Schwäche kann man FAM nun wirklich nicht vorwerfen. Und das ist für einen Schweizer Journalisten über so lange Zeit schon viel.

  2. Fred David:

    …und noch eins: Michael Ringier stattet FAM seit Jahrzehnten weit überdurchschnittlich aus. Das führt unüberhörbar zu Neidgegrummel im journalistischen Umfeld. Aber FAM ist mit diesem Hintergrund eben auch nicht bestechlich. Das ist in unserem Gewerbe für jemanden in dieser nur sehr vage definierten Position durchaus von Bedeutung – und überhaupt nicht selbstverständlich.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *