Die Unanständigen

Es war während des «Die-Schweizer-sind-alle-Rassisten»-Sommertheaters. Ich sass mit einer Freundin im Café auf dem Storchenplatz, gleich um die Ecke jener Edelboutique, wo schwerreiche Frauen sich Krokodilleder-Handtaschen für 40’000 Dollar kaufen können. Oder eben nicht, falls sie schwarz sind. Nicht einmal, wenn sie wie Oprah Winfrey in den USA die grössten Fernsehstars sind. Denn die Schweiz ist bekanntlich ein Land voller Rassisten, Fremdenfeinde und Islamophoben (nur der Antisemitismus scheint ziemlich ausgerottet, falls man nach seiner Erwähnung in den Medien urteilt). So jedenfalls der Tenor in Zeitungen, Fernsehen und Radio.

Und die Rassisten sind natürlich immer die andern. Der Schriftsteller Jonas Lüscher hat das kürzlich in der gewohnten Selbstgefälligkeit des Juste Milieu im «Tages-Anzeiger» kundgetan: «Die unanständige Mehrheit» hiess der Artikel, und er war gehobener Stammtisch in Reinkultur. «Us and them», wie die sagen, die zur «aufgeklärten Bevölkerung» gehören, «weltoffen, zuversichtlich, kosmopolitisch, vielsprachig, mobil und weit gereist, interessiert an Neuem, am Fremden, an der Welt». Im Gegensatz zu eben den andern, den Unanständigen, der grossen Mehrheit in der Schweiz.

Natürlich kommen auch wir am Storchenplatz auf das «Täschligate» zu sprechen. Weisst Du was, sagt meine Freundin, blond, blauäugig, Universitätsprofessorin und keine SVP-Wählerin. Wäre ich in diese Nobelbude gegangen, mit meiner No-name-Jeans und meinem Dutzend-Shirt und diesem Plastiksack hier, die Verkäuferin hätte mich exakt gleich behandelt wie Oprah.

Ja, sage ich, aber nur wie Oprah, von der sie nicht wusste, dass sie Oprah ist. Hätte sie aber gewusst, dass Oprah Oprah ist, wäre Oprah ganz bestimmt zuvorkommender behandelt worden als Du.

Fast wollten wir unsere Behauptung testen, aber zu diesem Zeitpunkt wäre die Ausgangslage bereits verfälscht gewesen. Wie auch immer: Der Fall ist exemplarisch nicht für den Rassismus in der Schweiz, sondern für das politische Schwarz-Weiss-Denken, das so viele Medien so leichtfertig befördern (glücklicherweise gibt es noch Gastautoren wie Michael Hermann im «Tages-Anzeiger» vom 13. August).

Denn die Rassismus-Gefahr in der Schweiz ist heute ungefähr so gross wie der Anteil von Schweizern, die auf einen sozusagen reinrassigen helvetischen Stammbaum zurückblicken können. Also ziemlich klein in einem Land, das seit Jahrzehnten europaweit den grössten Anteil an Immigranten relativ erfolgreich integriert, und in dem ungefähr jede zweite Familie Wurzeln ausserhalb der Schweiz hat. Nicht, dass Rassismus überhaupt nicht existierte (gerade unter Immigranten ist übrigens seine Urform, der Sexismus, weit verbreitet).

Doch Oprahs Rassismus-Vorwurf, den die Medien hier so kommentarlos übernehmen, ist ein amerikanischer, kein europäischer. Anders gesagt, der Skandal in ihrem Fall ist kein rassistischer, sondern ein ökonomischer. Er ist eine Fussnote zum guten alten Vasella-Skandal, wie wir ihn mittlerweile unter den verschiedensten Namen kennen. Und diese Fussnote stellt einfach einmal mehr die Frage, wie wir es in der Schweiz zu solchen − amerikanischen − Zuständen haben kommen lassen, in denen Leute für ein Accessoire den Jahreslohn einer Verkäuferin ausgeben können. Es hat Jahrzehnte neoliberaler Begeisterung und linker Anpassung der Superanständigen gedauert, bis die ersten Medien sie überhaupt gestellt haben.

Die Kluft, die hier manifest wird, ist nicht die zwischen Schwarz und Weiss. Es ist eine Kluft der Klassen, und sie wird immer breiter. Aber nicht zwischen dem milliardenschweren weissen Herr Vasella und der milliardenschweren schwarzen Frau Winfrey. Die beiden trennt in diesem Fall gar nichts. Auch nicht die Hautfarbe.

Während wir uns unterhalten, kommen die ersten besoffenen Fasnachtskinder von der Street Parade, um an die Hauswände zu pissen und in die Limmat zu kotzen. Zürich offerierte ihnen Brot und Spiele, Alkohol und Drogen ohne Diskriminierung nach Herkunft und Hautfarbe. Die Edelboutique um die Ecke macht wohl bald zu fürs Wochenende. Am Montag schreibt ein Kommentator, die «bunte, überschäumende» Street Parade sei die beste Korrektur gegen das Rassismus-Image der Schweiz. Da hat einer wieder mal viel begriffen.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

8 Bemerkungen zu «Die Unanständigen»

  1. Ich finde es wenig produktiv, Diskriminierungsprozesse wie Rassismus, Sexismus und die Klassenkluft gegeneinander auszuspielen. Es gibt in der Schweiz alle Formen von Diskriminierung und es ist kein Trost, denen, die unter Rassismus in verschiedensten Formen leiden entgegenzuhalten, dass auch Sexismus schlimm sei. Mir scheint es produktiver, Diskriminierung im Sinne der Intersektionalität anzuschauen und Betroffenen eine Stimme zu geben, statt aus unserer privilegierten Position als Schweizerin und Schweizer zu mutmassen, wie und ob es Rassismus in der Schweiz gebe. Etwas ausführlicher habe ich hier argumentiert: http://philippe-wampfler.com/2013/08/13/die-schweiz-ein-rassistisches-land/

  2. Manuel Meiendorf:

    „Denn die Rassismus-Gefahr in der Schweiz ist heute ungefähr so gross wie der Anteil von Schweizern, die auf einen sozusagen reinrassigen helvetischen Stammbaum zurückblicken können.“

    Da würden aber viele meiner Freunde – hier aufgewachsen, aber mit „unschweizerischen“ Namen – vehement widersprechen. Völlig unabhängig von der lächerlichen Oprah-Geschichte: Rassismus ist in der Schweiz alltäglich. Der wahre Erfolg der SVP ist es, dass wir das schon gar nicht mehr erkennen

  3. Fred David:

    Ein Land, das sich so oft selbst bestätigen muss, es habe dänn öppe keinerlei Probleme mit Rassismus, Xenophobismus, wachsender Intoleranz etc. hat ein erhebliches Problem mit eben diesen Themen. Dass diese alberne Täschli-Story das Land derart in Aufruhr zu versetzen vermag, ist ein deutliches Symptom. Ein Land und seine Medien, die mit diesen Themen einigermassen im Reinen wären, würde souveräner, vielleicht sogar mit Ironie reagieren, jedenfalls nicht wie ein hyperventilierender Hühnerstall. Tiefer graben, auch wenn’s ein bisschen unangenehm wird.

  4. Fred David:

    …wobei das mit den wachsenden Klassengegensätzen und den sich daraus ergebenden Spannungen ein brisanter Ansatz ist, nur lässt die Autorin den Gedanken dann frei und unverbindlich in der Luft baumeln. Bloss nicht zu nahe ran.

  5. Klaus Peters:

    Apropos Selbstgefälligkeit: Woher nehmen Sie, Frau Horlacher, eigentlich das Recht zu bestimmen, ob es in der Schweiz Rassismus gibt oder nicht? Wenn ich also z.B. sagen würde: „Papperlapapp Horlacherli, in der Schweiz gibt es keinen Sexismus!“ – müssten Sie mir das dann genau so glauben wie der Neger Ihnen Ihr dummes Geschwätz?

  6. Die Krokotaschengeschichte und die Streetparade eignen sich schlecht, um über die Ausländerfeindlichkeit der Schweiz zu diskutieren, denn es ist nicht ganz klar, was im Krokotaschengeschäft wirklich ablief. Und in Zürich ist die Stimmung ganz anders als in der Innerschweiz oder im Kanton Aargau.

    Es ist mir schleierhaft, warum Pia Horlacher und vor ihr Michael Herrmann die ausländerfeindliche Strömung ernsthaft bestreiten wollen. Die Fakten sind zu deutlich: In den letzten Jahren gab es das Minarettverbot, die Ausschaffungsinitiative, kürzlich das Badeverbot für Asylbewerber und viele ähnliche Episoden. Pia Horlacher erwähnt sie nicht in ihrem Text. Und Michael Herrmann wischt sie beiseite mit der Bemerkung, in anderen Ländern könne man gar nicht erst über Minarette abstimmen. Mag sein – aber das ändert nichts daran, dass Episoden wie das Minarettverbot eine Stimmung der Angst und der Selbstgerechtigkeit zeigen. Eine Mehrheit der Stimmberechtigten hat das Minarettverbot angenommen. Diese Tatsache passt wie die Faust aufs Auge zu Horlachers und Herrmanns Vorstellung einer offenen, aufgeschlossenen Schweiz.

  7. Jürg Fischer:

    Sehr geehrte Frau Horlacher
    Sie schreiben: «Nicht, dass Rassismus überhaupt nicht existierte (gerade unter Immigranten ist übrigens seine Urform, der Sexismus, weit verbreitet).» Damit insinuieren Sie, Rassismus sei hierzulande, wenn schon, insbesondere bei Immigranten verbreitet. Im Zusammenhang des Themas Ihres Aufsatzes ein entlarvender Satz.
    Zudem: Mich würde interessieren, woher Sie die Theorie haben, Sexismus sei die Urform von Rassismus.

  8. Mara Meier:

    Frau Horlacher hat gesprochen, die Leserin prostet ihr vergnügt zu.

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