Bös, klug, kurz

Werber Hermann Strittmatter hält Twitter für eine Form von «irreversiblem Kretinismus». Warum sagt das gerade dieser 76-Jährige, der mit weniger als 140 Zeichen klüger, böser und ironischer formulieren kann als die meisten der Generation SMS?

In einem Alter, in dem andere höchstens noch im Strandbad ihre faltige Haut bräunen, zieht Strittmatter immer noch fette Werbebudgets an Land. Gerade eben von Wirtschaftsverbänden den Etat für die Kampagne gegen die 1:12-Initiative, und zwar im Wettbewerb gegen Konkurrenten, die zu den «digital natives» gehören dürften. Damit kokettiert Strittmatter gern: «Ich fühle mich», diktierte er dem «Tages-Anzeiger» kürzlich, «in Kopf und Herz oft jünger als viele meiner Kollegen, die 20 oder 40 Jahre nach mir geboren sind».

In einem Punkt aber wirkt Strittmatter alt. So steinalt wie viele, von denen man annehmen muss, dass sie schon als Greise auf die Welt gekommen sind. Dieser Punkt betrifft die Sozialen Medien. Wenn jemand von ihm Werbung in Facebook oder Twitter verlangt, lehnt er immer ab. «Da bin ich intellektuell unterfordert, einfach nicht blöd genug», sagt Strittmatter.

Da trifft sich Strittmatter mit dem ein paar Jahrzehnte jüngeren Michael Furger von der «NZZ am Sonntag». Für diesen ist Twitter einfach voll «Geschwätz und Banalitäten», wie er uns in einer Sonntagspredigt anvertraut hat. Kurzum ein «Medium, das völlig überschätzt wird».

Das jüngste prominente Vorkommen von Internet-Rabulistik betrifft wieder einen reiferen Herrn. Der 68-jährige Botho Strauss formuliert im neuen «Spiegel» gerne etwas geschraubter: «Konformitäten, Korrektheiten und Konsensivitäten, die das juste milieu der kritischen Öffentlichkeit regeln, werden von den Bakterienschwärmen neuer Medien lediglich verstärkt.»

Alle drei müssten eigentlich im Zorn der Netzgemeinde ersaufen – wenn ihre Auslassungen nicht in geschützten Werkstätten hinter Bezahlschranken stattfinden würden. Es kann hier aber nicht darum gehen, nach Art des gemeinen Netzwutbürgers Gegenthesen an die Tür der Kulturkritik-Kirche der Strausse, Furgers und Strittmatters zu schlagen.

Gerade der Fall Strittmatter ist nämlich eigentlich zu bedauern. Dass ein «NZZ»-Autor oder ein Intellektueller der gehobenen Habermas/Sloterdjik/Strauss-Klasse sich nie und nimmer mit 140 Zeichen bescheiden kann, ist klar. Aber Strittmatter übt sich seit mehr als 40 Jahren in der Kunst der klugen Reduktion und sparsamen Ironie, die eine Botschaft knappst möglich auf den entscheidenden Punkt zuspitzen.

Strittmatters Werbespruch «Estermann. Demnächst.» ist in Zürich vielen besser in Erinnerung als der damit beworbene Stadtpräsident. Das gilt noch mehr für «Er sei kompetent, sagt man.» etc. Mit den Inserätchen für den letztlich glücklosen Stadtratskandidaten Marco Camin hat Strittmatter so subtil irritiert, dass ihm Journalisten und Camins Gegner auf den Leim krochen.

Und Strittmatter selbst ist dank seinen auf das Bösartigste eingedampften Verdikten inzwischen ja berühmter als alle von ihm propagierten Produkte. Etwa über den jüngsten Zürich-Slogan «World Class. Swiss Made.»: «Ein beliebiger globaler Tingel-Tangel-Bullshit – banal, trivial, überflüssig.»

Wetten, dass @HermannStrittmatter mehr bewirken könnte als mit teuren Inseraten. Er bräuchte die Aufträge nicht abzulehnen.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Bös, klug, kurz»

  1. Hansruedi Moser:

    «Da bin ich intellektuell unterfordert, einfach nicht blöd genug». Die Empirie gibt dem Herrn Strittmatter recht: http://www.10000flies.de zeigt, was Sozialmediatisierte am liebsten lesen.

    • was wollen sie damit genau sagen? etwa, dass nicht-some-gesteuerte medienkonsumenten andere und klügere themen favorisieren? wenn ja, können sie das belegen?

  2. @edgarschuler
    dass leute wie strittmatter sich den neuen kanälen so herablassend verweigern, ist natürlich jammerschade und leider ein weitverbreitetes phänomen in der medienbranche. aber dass diese „edelfedern“, würden sie twittern, konstant so träf eingedampfte tweets raushauen könnten, glaube ich nun auch wieder nicht.

  3. fst:

    «Dass ein ‹NZZ›-Autor […] sich nie und nimmer mit 140 Zeichen bescheiden kann, ist klar.»

    Ach ja. Schön, dass einige NZZ-Autoren dies Vorurteil unterdessen gepflegt ignorieren und sehr souverän mit der Bedingung 140 Zeichen umgehen.

  4. Fred David:

    Muss man lederhäutiger Hobby-Pensionär oder Bewirtschafter einer eingezäunten Sonntags-Parzelle sein, um sich eine abweichende Meinung zu erlauben? Zum Beispiel, dass Twitter zwar gelegentlich ein nützliches Hilfswerkzeug ist, ansonsten aber ziemlich fad und weitgehend zweckfrei? Und dass man mit dessen nur gelegentlicher Nutzung oder auch ganz ohne sehr gut informiert durchs Leben kommt – nicht nur hinter, sondern sogar vor dem Mond? Braucht man für solche Meinungen einen amtlich registrierten Waffenschein?

    ps. Von speedy Strittmatter würde mich im Übrigen viele mehr interessieren, wie er seine hoch bezahlte Anti „1:12“-Kampagne unauffällig-auffällig in die Medien einträufeln lässt….

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