Und täglich grüsst die Asylstatistik

Kürzlich fragte mich ein Ausländer: «Habt ihr eigentlich keine anderen Probleme?» Das frage ich mich inzwischen auch. Gestern war es mal wieder so weit. Erste Hauptmeldung bei SRF: Flüchtlingszahlen. Im Radio wie im Fernsehen. Anderntags dann noch in der Zeitung, dort (thank God!) immerhin nur noch als Kurzmeldung.

Jede Monatsstatistik wird unterdessen verkündet, und mag sie, für sich genommen, noch so wenig aussagen. Etwas bedeutungsschwanger wird es dann hingegen mit «15 Prozent mehr als im Vormonat, drei Prozent weniger als im ersten Quartal vor einem Jahr, 54 Syrer, 234 Nigerianer, 142 Kosovaren …».

Bis zur Erstausstrahlung von «Flüchtlingsbarometer Aktuell», fünf Minuten vor jeder «Tagesschau»-Hauptausgabe, dürfte es nicht mehr lange dauern.

Wo bleibt da die vielgepriesene Relevanz? Was hat das mit unser aller Lebensrealität zu tun? Im Vergleich dazu (geschönte) Arbeitslosenzahlen jeden Monat, bitte gerne, immerhin ist davon ein/e jede/r aktiv oder passiv betroffen. Gegen eine schön aufbereitete Asylstatistik − hin und wieder − ist prinzipiell auch nichts einzuwenden. Aber jeden Monat als Topmeldung?

Könnte man nicht wenigstens − wenn das Bundesamt für Migration schon so fleissig Zahlen liefert und die Abläufe in Newsrooms dermassen fix justiert sind − also könnte man nicht wenigstens jeden zweiten Monat einfach mal so über einen Menschen berichten, der uns besuchen kommt? Oder über Frontex? Oder über Flüchtlinge, die es gar nicht bis hierher schaffen? Oder über [hier selber brainstormen]? Journalistische Ansätze gäbe es genug.

In keinem anderen europäischen Land, das ich medial einigermassen verfolge, sind die Medien dermassen asylbarometerfixiert. Spontan kann ich mich in den letzten drei Jahren nicht an eine einzige Politdebatte im deutschen oder italienischen Fernsehen erinnern, die sich genuin dem Thema «Asyl» oder «Migration» gewidmet hätte. Drei Sendungen pro Jahr dürfte hingegen eher «Arena»-Durschschnitt sein. Wir huldigen also doch ziemlich exzessiv einem einzigen politischen Themenkomplex.

Und wie finden wir aus dieser kollektiven Obsession wieder heraus? Journalismus statt Zahlen könnnte ein Anfang sein.

Ugugu ist u.a. als Blattmacher in der (umgezogenen) Journischredderei tätig.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Und täglich grüsst die Asylstatistik»

  1. Vielleicht beobachten wir diese Zahl so argwöhnisch, weil wir ängstlich auf die Welle warten, die doch irgendwann kommen sollte, der 400%-Anstieg, Monat für Monat. Darauf müssen wir uns doch vorbereiten, verkünden uns gewisse Politiker fast schon bei jeder Gelegenheit. Und so unlogisch erschiene das ja gar nicht, schliesslich geht es uns doch hier so viel besser. Und so beobachten wir die Zahlen. Und beobachten. Und beobachten. Und beobachten. Und sehen nichts.

  2. @DorianGray: Schöne Erklärung. Mit jenen Politikern, die das Thema nun schon eine ganze Weile erfolgreich bewirtschaften hat es natürlich auch eine ganze Menge zu tun. Eine Lega Nord in Italien spielt allerdings auf einer sehr ähnlichen Klaviatur, ohne dass die ganze Medienlandschaft den gleichen Kanon anstimmen würde. Trotz Schengenaussengrenze, trotz Lampedusa.

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