Die schönste Nebensache

«Was sind das für junge Leute, die heute trotzdem noch Journalist werden wollen?» Das fragt Fred David in einem Kommentar zum letzten «Mediensatz» von Daniel Weber. Zufällig fand ich eine Antwort, als ich grad wieder einmal etwas Zeit hatte, um in einer Zeitung zu blättern:

Corsin Zander hat eben ein Praktikum bei der WOZ» absolviert und macht nun eines bei der «NZZ». Ich kenne ihn leider nicht persönlich. Im «Medientagebuch» (online noch nicht zugänglich) der «WOZ» hat er letzte Woche aber ein paar Sätze notiert, die ich so beherzigenswert finde, dass ich ihn gerne kennenlernen würde:

«Ich stehe noch vor der Tür zum Journalismus, und schon höre ich ein lautes Gejammer, wie schlecht alles sei. […] Fast möchte ich mich entnervt abdrehen und einen anderen Weg einschlagen, aber es bereitet mir zu viel Spass …»

Und weiter:

«… Jene Redaktionen, die JournalistInnen ans Fliessband schicken, wo sie bloss Agenturmeldungen abzufüllen haben, sind doch nicht die einzigen, die uns offenstehen! Wer keine Redaktion findet, die zu ihm oder ihr passt, kann ein eigenes Projekt anreissen.»

Ich gehöre manchal auch zu den Jammeri. Aber wenn ich es merke, nerve ich mich über mich selbst. Jammern führt nicht weiter. Als Journalist sollte man Zustände nicht beklagen, sondern beschreiben und zu verstehen suchen (ohne dass man gleich das Gefühl hat, man könne schreiben, was ist).

Bei mir ist es allerdings so, dass ich – weil frei erwerbstätig und zudem durch andere Aufgaben belastet – immer weniger Zeit zum Zeitunglesen habe. Ich sitze aber täglich am Computer und bekomme so einiges mit von dem, was in der Welt geschieht. Die abonnierten Zeitungen – zufällig die beiden oben erwähnten – blättere ich nach Möglichkeit durch und lese einzelne Texte ganz. Aber im Kampf um meine Aufmerksamkeit unterliegen sie oft und stapeln sich dann ungelesen. Ich glaube nicht, dass ich damit ein Ausnahmefall bin.

Wenn ich mich zwischendurch bewusst entschleunige, halte ich es in der Regel für ratsam, nicht die ganze gewonnene Zeit in Zeitungslektüre zu investieren. Manchmal verliere ich dabei nämlich mehr als ich gewinne.

Das spricht nicht gegen den Journalismus: Guter Journalismus – ob Print oder Online – erfüllt eine gesellschaftliche Funktion. Er befriedigt nicht in erster Linie meine Neugierde, sondern beruhigt mein staatsbürgerliches Gewissen. Ich vertraue darauf, dass die nötige Aufklärungsarbeit geleistet, die wichtigen Debatten geführt werden und ich im Bedarfsfall erfahre, was ich wissen muss. Der Journalismus wird das auch in Zukunft leisten. Nur das eigenartige bisherige Finanzierungsmodell, das auf dem Verkauf unserer Aufmerksamkeit an Dritte beruht, hängt in der Luft, und ein neues ist noch nicht in Sicht.

Aber Journalismus macht Freude. Wir haben die Lizenz zur Neugierde, können allem nachgehen, was uns interessiert, dürfen und müssen alle Betreten-verboten-Schilder ignorieren. Journalismus macht man nicht, weil man möglichst viele Leser ansprechen will, sondern weil man etwas zu berichten hat; einige vielleicht, weil sie nicht anders können.

Journalismus ist für mich als Journalist das Wichtigste auf der Welt. Für mich als Leser ist er manchmal aber nur die schönste Nebensache der Welt.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Die schönste Nebensache»

  1. Das Gejammere ist besonders schön weil es seit Jahren (und gefühlt Jahrzehnten) herrscht. Anzeigeeinnahmen und Printerlöse sinken, aber durch eine aktive Fangemeinde mit Spenden sowie Selbstausbeutung oder durch Diversität der Verlage wurde das oft genug kompensiert. Klar werden einzelne Zeitungen scheitern, aber dafür wird es neue geben. Und klar wird der Arbeitsmarkt schrumpfen, aber dafür wird es neue Arbeitsfelder geben (gerade im Onlinebereich und Datenjournalismus).

    Das Gejammere hat letztlich auch was gutes – nur wirklich motivierte, idealistische Menschen versuchen sich als Journalist.

  2. Schön, vielleicht braucht es nun mal einfach eine Welle an idealistischen, mitreissenden, sich aller Widrigkeiten zum Trotz zum Journalimus bekennenden Manifeste. Und wenn’s nur dazu dient, das ewige Gejammere zu kontern.

    Wie viele den eigenen Text wirklich lesen, wusste man ja schon früher nie wirklich. Und die Journalisten, die durch das Schreiben reich geworden sind, lassen sich wohl an einer Hand abzählen. Und trotzdem gibt es immer noch Junge, die schreiben wollen – und es auch tun. Zander hat Recht: Heute kann jeder sein eigenes Projekt starten. Der Medienspiegel zeigt wie’s geht :)

  3. Fred David:

    „Als Journalist sollte man Zustände nicht beklagen, sondern beschreiben und zu verstehen suchen“. Ja, so funktioniert u.a. Medienkritik, die ich aber nicht als Jammeriade verstehe.

    Gut finde ich den Hinweis von @Dorian Grey, dass der „Medienspiegel“ als Ein-Mann-Projekt zeigt wie’s auch geht: Kommt kein Geld rein, geht (fast?) keins raus und trotzdem funktionierts seit Jahren erstaunlich gut – weil dahinter einer mit guten Nerven und langem Atem steht, Martin Hitz. Darf man auch mal wieder sagen.

  4. «Heute kann jeder sein eigenes Projekt starten. Der Medienspiegel zeigt wie’s geht»

    Dieser alberne Satz ist beispielhaft für die mangelnde Denkschärfe und Vermischung von Kategorien, die in Diskussionen über Onlinemedien leider immer wieder zu beobachten ist. Auch ich finde den Medienspiegel eine tolle Sache. Aber der Medienspiegel ist ein Freizeitprojekt und ist als solches eine super Ergänzung, aber niemals ein Ersatz für professionellen Journalismus. Klar kann jeder in der Freizeit ein Blog betreiben, ich mache das auch, und es macht mir auch viel Spass. Aber der Wegfall von Hunderten von spannenden Jobs im Journalismus kann durch unbezahlte Freizeitarbeit niemals wettgemacht werden, denn:

    1) kann ein Blogger in der Freizeit nicht investigative Recherchen durchführen wie ein Journalist in einer professionellen Redaktion, der unterstützt wird von einem Verlag, der zB einen Anwalt engagieren kann, wenns brenzlig wird.

    2) wenn es im Journalismus weniger Jobs gibt, sind mehr Leute gezwungen, sich ein Auskommen zu suchen in anderen Branchen wie der PR.

    Die «Abbauschlacht» hat also verheerende Auswirkungen, nicht nur für die Journalist/innen, die ihre spannende Stelle verlieren, sondern auch für die Leser/innen, denen immer seichterer Lesestoff vorgesetzt wird. Man sollte Kritik an dieser Entwicklung nicht als «Gejammer» abtun.

  5. Ach, ach, Herr Grossweiler. „Albern“, nennen sie meinen Satz und finden er zeuge von der mangelnden Denkschärfe in der Diskussion um Onlinemedien. Diese mangelnde Denkschärfe beweisen eher sie, indem sie einen Medienspiegel oder ein ähnliches Onlineprojekt mit etablierten (Print-)Medien vergleichen. Das unterstellen sie mir, obwohl ich es nirgendwo gesagt habe. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass es heute möglich ist sein eigenes Projekt zu starten und damit eine, möglicherweise noch beschränkte, Leserschaft aufzubauen. Ein Medienspiegel wäre früher nicht möglich gewesen. Zumindest nicht mit vergleichbarem Aufwand. Dass ein Medienspiegel nicht ein Massenpublikum erreicht, liegt an seiner spezifischen Zielgruppe. Wen interessiert Medienjournalismus und Medienkritik ausser den Journis? Aber, dafür gebührt ihm Respekt, diese Zielgruppe fischt er ab. Das beweisen die prominenten Kommentatoren, die sich immer wieder zu Wort melden, wenn sie angesprochen werden.

    Nun zu ihren 2 „Argumenten“:
    1) Was ein Blogger kann und was er nicht kann, hängt von seinem Geschäftsmodell ab – und derer gibt es viele. Im deutschsprachigen Raum wurde diese Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, ja, noch nicht einmal ausprobiert. In den USA, England, Frankreich etc. gibt es hingegen diverse Beispiele für Onlinemedien, die von einer Gruppe Journis oder Bloggern, die Blogger sind, weil sie jung sind und noch keinen Job im Journalismus gefunden haben, geboren wurden. Onlinemedien von Leuten, die einfach Mal „angefangen haben etwas zu machen“. Wenn freie Journalisten investigative Recherchen durchführen können, wieso soll ein Blogger dazu nicht in der Lage sein? Ihre ganze Argumentation in diesem Punkt zeugt davon, dass sie immer noch dieser merkwürdigen Blogger/Journi-Differenzierung anhängen. Wenn sie ihren Blog als Hobby verstehen, geschenkt. Ich lese ihn gerne und wünschte mir, dass sie ähnliche Beiträge einem breiteren Publikum zeigen könnten. Aber es gibt Blogs, die sich professionalisiert haben (vielleicht noch nicht in der Schweiz, aber anderswo), und solche, die sich professionalisieren werden (auch in der Schweiz).

    2) Ja, traurig, aber eben, man hat immer eine Wahl. Und es wird immer Leute geben, die qualitativ gute Inhalte lesen wollen – und dafür bezahlen werden. Dafür wird es gute Leute brauchen. Idealisten, denn reiche wird man als Journi auch dann nicht werden, wenn Onlinemedien eine „Bezahlkultur“ (Unwort) etabliert haben.

  6. Fred David:

    Und hier noch ein Link , der weiträumig zum Thema pass. Journal21 publiziert ihn: http://www.journal21.ch/der-t%C3%A4glich-inszenierte-weltuntergang

    Die Länge nicht scheuen, Stephan Russ-Mohl, kommt gnadenlos auf den Punkt (als Schweizer darf man auch erst beim Absatz „Mitschuld am Meltdown der Finanzmärkte?“ einsteigen).

    Allerdings bleibt das Ende sperrangelweit offen, wie immer: Der Journalismus, den er fordert, ist in herkömmlichen Strukturen nicht zu finanzieren und wird auch in Zukunft nicht zu finanzieren sein.

    Wie dann? Ein Hinweis mag sein, dass die Daimler-Benz-Stiftung seinen Vortrag (und der anderer) finanziert hat. In dieser Richtung – und zwar ohne Berührungsängste – muss man das Geld für ordentlichen, unabhängigen, nachhaltigen Journalismus suchen, nicht in herkömmlichen Medienhäusern.

    • puuh… was für eine breitseite von herr russ-mohl. merci für den hinweis.

      habe soeben ein stück von christoph moser gesehen, das seine thesen anhand eines aktuellen schweizer beispiels bestätigt (#snowden #prism)
      http://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/Edward-Snowden-das-Prism-Programm-und-die-Medien

    • Martin Akeret:

      Die Breitseite überzeugt mich nicht ganz. Es gibt keinen Beweis, dass mehr warnende Berichte über eine Krise dieselbe verhindert hätten. Oder ob die schwierige Lagerung von Atommüll nach einer breiteren Thematisierung die deutsche Energiewende in Gang gesetzt hätte.
      Und der Vergleich von den 700 Artikeln zu den 200’000 funktioniert auch nicht so glatt wie dargestellt. Der grösste Teil der 200’000 Artikel werden vermutlich irgendwelche simple Firmen- und Börsenmeldungen sein.
      Mehr überzeugen tut mich da schon die Geschichte mit den verseuchten Gurken.

  7. Hanspeter Spörri:

    Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Medien tatsächlich an vielem schuld sind. In der Regel operieren sie nicht unabhängig, sondern sind Teil eines politischen und wirtschaftlichen Systems. Häufig funktionieren sie als Verstärker oder Echokammern. Sie förderten beispielsweise im früheren Jugoslawien das nationalistische Fieber, sie bereiteten in der Weimarer Republik den Boden für den Nationalsozialismus und unterstützten in ganz Europa vor dem ersten Weltkrieg Chauvinismus und Militarismus. Vernünftige, mässigende Stimmen – wie in der Schweiz während dem 1. Weltkrieg jene Carl Spittelers („Unser Schweizer Standpunkt“) sind meistens einsame Rufer in der Wüste. Und heute? Eine gewissse Neigung zum Hetzerischen ist vorhanden. Das hat auch damit zu tun, dass wir Angst haben, als profillos zu gelten, wenn wir unsere Analysen nicht mit starken Meinungen unterfüttern.

  8. Fred David:

    …und das gehört weiträumig ja auch noch zum Thema, was der Kollege Stadler von der NZZ meldet: 36% der Schweizer halten ihre Medien für korrupt bis extrem korrupt. Optimisten sagen: Hab ich doch immer gesagt, 64% der Schweizer halten ihre Medien für nicht korrupt. Optimisten haben es im Leben eben leichter, als die ewigen Miesmacher (Vorsicht: Könnte schlimmstenfalls als Ironie gewertet werden): http://medienblog.blog.nzz.ch/2013/07/11/journalisten-im-sumpf/

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *