Flüchtige Gäste

«Ich kann dieses ganze digitale Zeug nicht ausstehen», sagte der Filmregisseur Quentin Tarantino in einer Talkshow Ende letzten Jahres, in der er seinem Unmut über die modernen Produktionsbedingungen Luft machte. Er kann sich das leisten. Unsere Branche kann es nicht. Der Verwaltungsrat der NZZ-Mediengruppe zum Beispiel hat einen neuen CEO gesucht und in der Person von Veit Dengler einen gefunden, der «aus einem digitalen Umfeld» kommt, der Erfahrungen in der Telekomindustrie und im mobilen Internet gesammelt hat.

Brechen wir also frohgemut oder wenigstens mit dem Mut der Verzweiflung auf in die digitale Welt. (Geld gibt’s für die Presse auch da nicht genug.) Beglücken wir die mobilen und immobilen User mit unserem Geschriebenen. Und vergessen wir dabei die sozialen Netzwerke nicht, in denen wir unser Geschriebenes posten können und liken lassen, auf dass es möglichst weit in der Welt herumkomme. Denn so nah waren wir uns noch nie, wir Content-Producer und wir Content-User, vereint im permanenten Dialog.

Wer’s glaubt, kriegt einen Bitcoin. Von Carlo Imbodens «Reader Scan»-Untersuchungen her weiss man, wie wählerisch Leser mit Gedrucktem umgehen. Online sind sie dem Geschriebenen um keinen Deut gewogener. Das konnte man kürzlich im Online-Magazin «Slate» lesen, wenn man es denn lesen wollte. «You Won’t Finish This Article», heisst der Artikel von Farhad Manjoo, der vergnüglich darlegt, welch flüchtiger Gast der User ist. Manjoo hat dafür einen Spezialisten für Traffic-Analyse beigezogen, der ihm die Zahlen für die Nutzung der «Slate»-Artikel lieferte.

Die Ernüchterung setzt gleich zu Beginn ein. 38 Prozent der User fangen gar nicht erst an, den Artikel zu lesen, den sie angeklickt haben. Als sogenannte «Bouncer» sind sie gleich wieder weg, vermutlich weil sie irgendwas mit Sex gesucht und sich vertippt haben. (Aber sie bringen Traffic, schönen Dank auch!) Die nächsten hauen ab, wenn sie zum ersten Mal scrollen müssten, wahrscheinlich um ihren Mausarm zu schonen. Wirklich interessant ist aber, dass jene, die sich vorzeitig verabschieden, den Artikel, den sie nicht weiterlesen, noch schnell vertwittern. Was heisst das? Sollen doch die anderen dieses Zeug lesen?

Bevor die letzte Leserin, die mir bis hierher gefolgt ist, die Flucht ergreift, hier noch schnell ein Gedicht. Keine Angst, es ist kurz. Es ist von Günter Eich und geht so:

In Saloniki
weiss ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.

Das Gedicht heisst übrigens «Zuversicht».

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

18 Bemerkungen zu «Flüchtige Gäste»

  1. Peter Hogenkamp:

    Tarantino macht in dem Video allerdings einen generell etwas verwirrten Eindruck, oder täusche ich mich? Oder er spielt bewusst den temporären Verwirrten für den Effekt, dann irgendwann wieder ganz normal Filme zu machen.

    Was Du beschreibst, sind Adaptionsschmerzen. Das Alte funktioniert nicht mehr (so gut wie früher), und wir wissen noch nicht, ob und wie das Neue funktionieren wird. Das kann ich gut nachfühlen, aber es bringt uns nicht wirklich weiter. Stattdessen müssen wir nach wie vor gemeinsam herausfinden, wie das Neue geht. Ich gebe offen zu, dass wir dabei in den letzten drei Jahren den grossen Durchbruch noch nicht geschafft haben. Wie alle anderen auch übrigens. Wer viel digitalen Umsatz in seinem Jahresbericht stehen hat, hat meist Classifieds-Umsatz zugekauft. Weder das iPad noch die Paywall waren allein seligmachend, was aber eigentlich auch nie jemand ernsthaft geglaubt hat. Aber es gibt diverse Puzzlesteine, die sichtlich funktionieren, und die Mut machen. Mit Etienne Jornod und dem ganzen neu besetzten Verwaltungsrat sowie Veit Dengler an der operativen Spitze werden wir erheblich systematischer nach funktionierenden neuen digitalen publizistischen Ertragsquellen suchen als bisher, davon bin ich fest überzeugt.

    Zum Thema «online zu Ende lesen»: Einer meiner allerliebsten Internetartikel (im Internet, über das Internet), und das seit dreieinhalb Jahren, ist «Standardsituationen der Technologiekritik» von Kathrin Passig: http://www.eurozine.com/articles/2009-12-01-passig-de.html. 25’000 Zeichen. Den habe ich schon etwa fünfmal gelesen, von A bis Z. Hilft mir jedes Mal.

  2. Mara Meier:

    Im flackernden, recht kurzsichtigen Auge keinerlei Geist mehr,
    Sie sitzen geknickt vor dem Rechner und fletschen die Zähne:
    Papier, wir schreiben deine letzte Rede, wir müssen, Scheisse nochmal,
    Wir schreiben in den Rechner den dreifachen Fluch und leeren Kafffee über die Tastatur, jawoll –
    Wir schreiben, wir schreiben!

    Ein Fluch ist das für die Qualität, zu der wir gebeten
    In Winterskälte (Ich erinnere an den Mai) und Hungersnöten (Muffins im Tibits ausverkauft, keine Cup-Cakes im Goethe mehr);
    Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
    Sie hat uns geäfft, die Technik, der sog. Fortschritt pah!, und gefoppt und genarrt –
    Wir schreiben, wir schreiben!

    Ein Fluch dem flüchtigen Gast „Leserin“, der Königin der neuen Reiche,
    Die unser Elend nicht konnte erweichen,
    Die den letzten Groschen von uns erpresst
    Und uns wie Hunde den Mond anheulen und die Finger wund tippen lässt –
    Wir schreiben, wir schreiben!

    Ein Fluch der komplett falschen Zukunft,
    Wo nur gedeihen Schmach und Schande und Dummheit,
    Wo jede Blume früh geknickt,
    Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
    Wir schreiben, wir schreiben!

    Der Cursor fliegt, der Bürostuhl von Eames kracht,
    Wir schreiben emsig Tag und Nacht –
    Feuilleton, Kultur, Stil, Bildung etc., wir schreiben deine letzte Rede –
    wir schreiben in den Rechner den dreifachen Fluch und beginnen wieder zu rauchen, es ist eh alles dahin –
    Wir schreiben, wir schreiben!

  3. gut, wenn mich das thema in ihrem heft nicht interessiert, lese ich auch nur das coiffeur inti. wenn ich zeit und lust dazu habe. wenn nicht, wandert das heft ins altpapier. früher hatte ich es jeweils noch drei wochen rumgetragen, um das coiffeur inti ev. doch noch zu lesen, was aber selten vorkam, weil ja jeder tag neuen lesestoff reinspült.

    will sagen: ich bin manchmal ein 100% ausfall für ihre leserquote im print. und sicher nicht der einzige. da man das im print aber so gut wie gar nicht messen kann, bleibt online der beelzebub und ihr text reine polemik.

    wenn der slate autor dieses gern gehypten artikels einen spezialisten für trafficanalyse angeheuert hat, muss ich etwas schmunzeln. in meinem blog hab ich seit gefühlt 5 jahren ein gratistool am start, in dem ich jeden einzelnen besuch sehe und wie lang er bleibt. stimmt, die meisten bleiben nur kurz, das weiss jeder blogger, der sich damit auseinandersetzt, seit jahren. dass das die schurnizunft erst jetzt und nur mit einem trafficspezialisten realisiert, passt ins bild. ein jammer.

  4. Daniel Weber:

    Da habe ich ja sogar drei Leser, nicht nur zwei :-)

    @Peter Hogenkamp: Ich habe mir den Artikel von Kathrin Passig ausgedruckt und ihn (auch ganz) gelesen. Lohnt sich, danke für den HInweis. (Obwohl sie ein paar Türen einrennt, die wir hier schon 1996 geöffnet haben: http://folio.nzz.ch/1996/februar/vernetzte-welt.) Natürlich haben wir keine andere Wahl als den Weg nach vorn und möglichst alles auszuprobieren in der Hoffnung, das Ding nicht vor die Wand zu fahren.

    @bugsierer: Was die Print-Leserforschung angeht, haben Sie völlig recht, da wird viel im Nebel gestochert. Die online erhobenen Zahlen sind viel präziser – und zeigen eben, dass man die User nicht idealisieren sollte. Welch lausige Leser sie sind, zeigt ein Blick auf die Netmetrix-Zahlen: Die Verweildauer auf den Medienwebsites ist erschütternd kurz. (Dass der Trafficspezialist herausfand, wie viele einen Artikel vertwittern, ohne ihn zu lesen, scheint mir schon bemerkenswert.)

    @ Mara Meier: Mir gefällt Ihr alttestamentarischer Furor. Ich bin als Leser immer gern bei Ihnen zu Gast.

    • Die Analyse des Slateautoren ist schon nicht ohne. Gewöhnlich analysiert man hierzulande nämlich einfach durchschnittliche Besuchszeiten und eventuell noch Klickpfade. Gerade die Besuchszeiten sind sowohl extrem schwierig zu messen (Besucher, die Tabs geöffnet lassen, ohne wirklich zu lesen), als auch komplex zu interpretieren. Jede Seite, beziehungsweise jeder Artikel will für sich studiert sein. Unsere Blogartikel haben je nach Länge eine sehr unterschiedliche durchschnittliche Besuchszeit (zwischen 2 und 9 Minuten), wohingegen die Startseite eine Besuchzeit aufweist, die gegen 20 Sekunden tendiert. Zudem: Haben die Leute, die 2 Minuten oder gar 9 Minuten (und es muss sogar welche geben, die 16 oder 20 Minuten verweilen, da Durchschnittszahlen) bleiben, die Artikel wirklich gelesen? Haben sie gescrollt? Wie schnell gescrollt? Eigentlich ist die Standardwebanalyse für Onlinemedien völlig unzureichend, denn eben diese zentralen Fragen kann man kaum beantworten.

      Natürlich, viele brechen die Lektüre schon nach den ersten paar Zeilen ab. Das Leseverhalten verändert sich. Ich beginne auch schon NZZ-Printartikel im dritten Absatz zu lesen und springe dann zum Anfang zurück.

      Für wen man schreibt? Für die zehn Prozent, die es braucht, um die Welt zu verändern.

      Ich persönlich freue mich jeweils nur schon ab den ersten zwei, drei Lesern auf unserem Blog. Zwei, drei wildfremde Menschen, die meine Texte lesen. Toll. Und dann werden es mehr und mehr und mehr. Ein geiles Gefühl (okay, so viele sind es dann doch nicht, aber naja). Das ist wahrscheinlich die naive Freude des Anfängers.

      • Mara Meier:

        Zu Ihrem Blog: Wer hat Ihnen erzählt, es gebe „ein Recht auf eine Antwort“, junger Mann? Sie sollten nicht so leichtgläubig sein, Dorian Gray.

        Der böse Mensch, der Ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, lachte sich ins Fäustchen, als Sie eifrig nickten, selig lächelten. Der böse Mensch hatte „ein geiles Gefühl“ dabei. Glauben Sie mir: Es war der Teufel persönlich.

        • Ach, der Teufel. Der hat uns allen schon ins Ohr geflüstert. Vielleicht war’s ja gar mein Spiegelbild. Oder das LAMM mit der Augenklappe. Aber um ihrer Kritik an meiner (scheinbaren?) Naivität was entgegenzusetzen:

          Das Recht auf eine Antwort habe ich als Konsument. Die Antwort zu verweigern haben die von uns befragten Unternehmen natürlich; so wie wir alle in bestimmten Momenten das Recht auf Aussageverweigerung haben. Aber diese Haltung ist oft selbsterklärend. Manchen wäre sie trotzdem zu empfehlen gewesen…

          Glauben sie denn, Dinge geschehen heute einfach so, grundlos, unkalkuliert?

  5. Fred David:

    Wir lernen: Die Gattung „Leser“ oder User“ existiert nicht wirklich. Es wird kaum etwas zu Ende gelesen oder „geused“, was über 10 Zeilen rausgeht.

    Ich bin jetzt im 45.Jahr Journalist und natürlich frage ich mich, für wen ich 45 Jahre lang geschrieben habe. Für mich selber vermutlich und meine zwei, drei Leser, die einen Gedankengang von vorn bis hinten nachvollziehen und den entweder gut oder blöd finden. Bei Regenwetter sind es vermutlich vier oder fünf.

    Ich habe mich früher beruflich intensiv mit Leseranalysen herumschlagen müssen, obwohl ich sie für unbrauchbaren Mist hielt. Bis ich eines dämmrigen Abends herausfand, dass nicht nur diese Werte hemmungslos gefälscht wurden, sondern auch die als einigermassen objektiv verkauften Reichweitenanalysen. (Stopp! Hier überschreiten Sie auf eigene Gefahr die magische 10-Zeilen-Grenze !) . Das Internet, weil gnadenlos messbar, machte diesem Unfug ein Ende, was aber leider auch nichts bringt.

    Ich stelle mir die Frage: Was sind das für junge Leute, die heute trotzdem noch Journalist werden wollen? Vielleicht antworten die mal? Aber, wie ich die Situation einschätze, verhallt die Frage in der Endlosigkeit des Webs. Denn sie wird ja weit jenseits der ersten Scroll-Hürde gestellt.

  6. Fred David:

    …ich möchte es nicht zu weit treiben, aber es hat sehr viel mit dem oben von Daniel Weber angerissenen Thema zu tun: Journalisten können den Sinn ihres Tuns weder erklären noch verstehen, sagt zumindest diese Studie http://de.ejo-online.eu/9655/ressortjournalismus/warum-journalisten-ausbrennen

  7. Einmal mehr dürfen wir das übliche Ritual erleben: Kaum stellt der geschätzte Martin Hitz eine intelligente Kolumne ins Blog, dessen Autor sich moderat kritisch mit einem Aspekt der Internet-Nutzung befasst, heulen die Internet-Gläubigen reflexartig auf. Doch Daniel Webers Kolumne enthält anregende Denkansätze.

    Es gibt einen simplen Grund, warum viele Leute Online-Artikel nicht zu Ende lesen: Sie sind gratis verfügbar. Man stösst darauf, weil jemand einen Artikel vielleicht «empfohlen» hat oder «geteilt» oder «geliked». Man stolpert über den Link und klickt mal rein, um zu checken, ob der Artikel was taugt. Doch der nächste Tweet und der nächste «empfohlene» Text folgt sogleich. Als Konsequenz des Gratisangebots, das niemand wirklich will, sinkt die Aufmerksamkeitsspanne der User.

    Die Nutzung von Printmedien, so wie sie Fred David aus seiner 45-jährigen Tätigkeit kennt, hat so gesehen einen grossen Unterschied: Eine gedruckte Zeitung oder Zeitschrift kauft man, weil man sie haben und lesen möchte. Es braucht also eine Aktivität, um überhaupt einen Artikel lesen zu können. Niemand wirft einem die Zeitung vor die Füsse und sagt, das musst du lesen. Und wenn man die Zeitung gekauft hat und Geld dafür ausgegeben hat, dann ist auch der Wille entsprechend gross, das Investment zu nutzen. Nur schon deshalb ist die Aufmerksamkeitsspanne beim Printmedium grösser.

    Das zeigt:

    1. Was gratis ist, hat einen geringeren Wert in den Augen der Leser.

    2. Der Mythos vom «freien Internet», das die Bildung der Leute massiv verbessere, weil alles gratis verfügbar sei, hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun.

    3. Wenn man alles gratis ins Netz stellt, sinkt die Aufmerksamkeitsspanne der Leser im gleichen Mass, in dem die Zugänglichkeit der Texte steigt.

  8. Skepdicker:

    @ Andreas Gossweiler: Ich bin zwar ein Ministrant der orthodoxen Print-Kirche, aber trotzdem stellt sich mir die häretische Frage: Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass bei Print die Aufmerksamkeitsspanne höher ist? Gibt es dazu empirische Befunde oder handelt es sich um Ihre persönliche Meinung?

    Meine These: Das Leseverhalten mag sich zwar durchaus unterscheiden, die Differenzen werden aber von den Print-Inquisitoren aufgebauscht. Online-Zeitungen und eBooks erlauben überhaupt erst eine genaue Analyse des Leseverhaltens, die nicht nur auf den (bedingt wahrheitsgetreuen) Angaben einer Stichproben-Leserschaft beruht.

    • Skeptiker > Es gibt für mich keine ketzerischen Fragen, da ich keiner Kirche angehöre. Lassen Sie mich die Frage so beantworten: Wenn Sie in eine Wirtschaft gehen, ist Ihre Bereitschaft, den Teller leer zu essen, naturgemäss grösser, wenn Sie für das Mahl zahlen müssen, als wenn Sie das Essen gratis erhalten und Sie wissen, dass es an der gleichen Strasse hundert andere Wirtschaften gibt, in denen Sie ebenfalls umsonst essen können. Als angehender Ökonom sagt Ihnen TANSTAAFL sicher etwas. Na, klingelt’s?

  9. Kurt Imhof:

    Es gibt in der Tat, wir wissen es, eine Fülle beunruhigender Entwicklungen, im und um den Informationsjournalismus, die gesunkene Aufmerksamkeitsspanne ist eine davon. Eine Ursache ist die Entkoppelung der Träger guter bis hoher Bildungsabschlüsse von Qualitätsmedien (bei der Kohorte bis 34). Diese gehörten normalerweise zu den kontinuierlichen Nutzern des Informationsjournalismus, weil es zum Status gehörte.
    Dieser Effekt entzieht sich leider nicht der Alltagsbeobachtung: Die dummen Gebildeten vermehren sich unter uns auf beunruhigende Weise, weil diese Spezies u.a. durch den Anerkennungswettbewerb in den Social Media versklavt wird. Dies zum Phänomen der nur angelesenen aber trotzdem verlinkten Artikel. Sie dienen dem Ich-Fetisch, d.h. sie sind Material der Selbstinszenierung in den egozentrierten Netzwerken. Also nicht eigentlich gänzlich nutzlos.

    Das ist ein schwacher Trost für guten Journalismus, aber immerhin. Ein anderer Trost ist eine andere Sichtweise auf Informationsmedien. Das werte Publikum hat grossmehrheitlich schon in den Zeiten von Beromünster und Parteizeitungen nicht alles bis auf das letzte Wort verinnerlicht (und eifrig diskutiert). Aber in den Situationen in denen es auf etwas anzukommen schien, in Zeiten des Umbruchs, der Polarisierung, der wahrgenommenen Gefahr, entwickeln sich aktivierte, themenzentrierte Öffentlichkeiten, die durch breiten und intensiven Medienkonsum charakterisiert sind. Ein aktuelles Beispiel sind die sprunghaft gestiegenen Einschaltquoten des brasilianischen Parlamentsfernsehens im Kontext der massenhaft auf die Strassen getragenen Forderung nach verbesserten öffentlichen Einrichtungen (http://www.nzz.ch/aktuell/international/uebersicht/schrei-nach-mitbestimmung-1.18107030).
    Von solchen themenzentrierten Öffentlichkeiten sind Perioden eher passiver Öffentlichkeit zu unterschieden, in welchen viele Bürgerinnen und Bürger den Selbstkontrollmechanismen im liberalen Rechtsstaat vertrauen, nicht zuletzt der Kritik- und Kontrollfunktion der Medien und derjenigen, die diese auch jetzt verfolgen. Kurz: Die Bürgerinnen und Bürger als intensive Medienkonsumenten werden nicht immer gebraucht, dafür aber immer wieder. Den Journalismus hingegen brauchen wir immer. In Zeiten passiver Öffentlichkeit dient er vor allem den Funktionseliten, den Betroffenen von spezifischen Entwicklungen und den am öffentlichen Diskurs stark interessierten Zeitgenossinnen und -genossen.
    Mit anderen Worten: Journalismus hat Ähnlichkeiten mit der Feuerwehr. Wir brauchen sie immer, damit sie da ist wenn wir sie rufen. Allein schon deshalb lässt sich Journalismus, wie die Feuerwehr, nicht rein kommerziell finanzieren.

  10. Fred David:

    @)Kurt Imhof: Ihr Vergleich mit der Feuerwehr gefällt mir im ersten Moment. Aber im zweiten? Denn: Feuerwehrleute hängen die meiste Zeit ihres Daseins rum. Man muss sie mit irgendwelchen Gelegenheitsarbeiten bei Laune halten. Die nennen das „auf Pikett stehen“, was aber das Gleiche ist wie rumhängen.

    Sie freuen sich, wenn’s endlich mal wieder ordentlich brennt. Dann werden sie gebraucht, dann sind sie wer. Manchmal sogar Helden, für einen Tag. Es sind aber auch Fälle von Feuerwehrleuten bekannt, getarnte Pyromanen, die selber Feuer legen, um umso grossartiger löschen zu können. Hmm.

    Was dann aber wieder total stimmig ist: Eine Feuerwehr lässt sich nicht rein kommerziell finanzieren, auch nicht mit flotten Werbesprüchen:“Sie brennen. Wir löschen. Zuerst mal unsern Durst. Mit Stephansthaler Klosterbräu.“

    Wenn man eine Feuerwehr will, auf die man sich verlassen kann, die im Notfall wirklich hilft, und die bereit ist, mal den Kopf hinzuhalten, kostet das was. Man muss sie ordentlich ausstatten. Sonst vergammelt sie. Die Leerzeiten müssen auch bezahlt sein. – Doch, der Vergleich hat was.

  11. Zunächst möchte ich mich schuldig bekennen: Ich vertwittere ab und zu Artikel, die ich nicht ausgelesen habe. Natürlich ist das, wie Kurt Imhof anmerkt, teilweise Selbstinszenierung: Ich zeige meiner Timeline täglich, wie vielfältig meine Quellen doch sind. Aber nicht nur: Ich tue das oft auch, weil die Artikel entweder gut oder schlecht geschrieben sind. Gut heißt, es ist absehbar, welche Argumente mit welchen Belegen noch folgen werden, und ich muss die nicht lesen, um den Gehalt und die Aussage eines Artikels einschätzen zu können. Und schlecht sind die Artikel, die zu lang sind. Viele Blogtexte sind zu lang, viele Online-Zeitungstexte auch. Zu lang heißt: Teile davon könnten separate, thematisch eigenständige Artikel ergeben, die per Link eingebunden werden könnten. Auch wenn aus Links Likes geworden sind, wie z.B. Kathleen Fitzpatrick in ihren Analysen der wissenschaftlichen Möglichkeiten zur Onlinepublikation konstatiert, so haben Links trotzdem einen Einfluss auf die Struktur und die Lesegewohnheiten.
    * * *
    Die These, dass der Preis, der für einen Artikel bezahlt wurde, die Lesegewohnheiten beeinflusst, halte ich für sehr interessant, aber auch für entsprechend abenteuerlich. Meine Introspektion würde sie widerlegen: Ich kaufe oft belletristische Neuerscheinungen als Hardcoverausgaben und lese wohl nicht die Hälfte davon zu Ende; ungefähr die gleiche Quote erreiche ich bei Taschenbuch- oder EBookkäufen. An vielen Schulen sagt man, die Schülerinnen und Schüler sollen für Theaterbesuche zahlen, weil sei dann bemerken, dass Theater einen Wert hat. Ob sie zahlen oder nicht korreliert meiner Erfahrung nach überhaupt nicht mit ihrer Aufmerksamkeit; vielmehr die Qualität der Aufführung. Und ich habe noch jede Ausgabe von NZZ Folio, das der Montagsnzz gratis beiliegt, intensiver gelesen als die teuer gekauften DUs. Aber vielleicht bin ich ein Sonderfall.

    • Philippe > Deine Gegenargumente sind, mit Verlaub, einigermassen konfus:
      – Taschenbücher und Ebooks sind nicht gratis. Ich habe nie behauptet, bei Hardcoverausgaben sei die Aufmerksamkeitsspanne länger. Eine solche Behauptung wäre absurd.
      – Die NZZ, der das Folio beigelegt ist, ist nicht gratis.
      – Wenn Schüler gezwungen werden, Theateraufführungen zu besuchen, ist der Tatbestand der Folter erfüllt. Das ist ein anderes Thema.

    • Mara Meier:

      Philippe, die Nabokov-Hardcover-Gesamtausgabe mögen viele genauso wenig oder genauso entflammt und süchtig lesen wie die mit liederlicher Zerfleddertheit lockenden Reclam-Büechli. Vererben wirst Du deinem Kind die erste Ausgabe. Ich glaube sogar, Du wirst sie eher zur Hand nehmen in ein paar Jahren oder an einem einsamen Nachmittag, auch wenn bisher nur Robert Ludlum über Stunden und Tage und Nächte fesseln konnte. Du wirst über den Buchrücken streichen und bereuen. Ich weiss, wovon ich spreche.

      Eine Studie des MIT belegt: teure Placebos lindern den Schmerz deutlich besser.

      http://www.sueddeutsche.de/wissen/placebo-effekt-teuer-wirkt-besser-1.282958

      Du siehst, so tief kann der Mensch an einem Sonntag sinken. Mit einer Studie aufwarten, um einen vorgefassten Standpunkt zu belegen; vor kurzem wäre man in einem Psalm fündig geworden. O tempora!

      Die Betonung der Kostenoptimierung geht an der wahrhaft menschlichen Logik vorbei. Das mittel- und langfristig geschätzte Zeug, dem man treu wird, dem man treu ist und bleibt: Es muss kosten.

      Sei es – bezogen auf Texte in einer Zeitung – wegen der objektiven Qualität für die, die lesen u n d denken können, die den Eros des Informativen, Analytischen und Intellektuellen ohne barbusigen Knalleffekt ehrlich lieben und geniessen oder wegen des (auch trockenen) Glamours, das ein Produkt ausstrahlt, wegen der Aussage, die man über den Konsum und über das Zurschaustellen der Marke macht, sei es der Anschluss an eine Tradition oder der soziale Druck der Umgebung.

      Wer aus der Süddeutschen zitiert, beweist einen gewissen Stand, gehört einem Kreis an, möchte einem Kreis angehören; vielleicht interessiert ihn die neuste Besprechung des angesagten XY nicht besonders, ob und weshalb die Texte gut sind, kann er vielleicht gar nicht beurteilen. Schwer auszumachen. Nicht alle Leser von Qualitätszeitungen sind qualitätsbewusst, aber immer wird Qualitätsbewusstsein demonstriert. Und die Lektüre tut das Ihre.

      Weiter steckt das, was die Macher sich selbst zutrauen und über sich behaupten den an, der das Produkt kauft. Ausstrahlung. Der demonstrierte Selbstwert als Wegweiser für die, die daran teilhaben wollen.

      Hat sich daran etwas geändert? Nein.

      Der Preis muss hoch sein.

      Zwei Beispiele, die nicht direkt auf den Zeitungsmarkt zielen, aber eine Haltung verdeutlichen: Warum bevorzugen die meisten Frauen die Original-Chanel-Tasche für 2000 Pfund an der Bond Street, warum begehren sie den lupenreinen Einkaräter von Gübelin oder Tiffany’s und nicht den Zirkon von Christ bei Manor? Unter uns: Der funkelt genau gleich. Die Fake-Tasche vom Vucumprà am Strand in Jesolo für 60 Euro tut ihren Dienst genau gleich. Aber niemand würde sie beim Kürschner flicken lassen, wenn eine Naht versagt. Ein Zirkon ist es nicht wert, nach 20 Jahren neu gefasst zu werden. Ein verwaschenes Abercrombie-Shirt sieht besser aus als eines von H&M. Why? Eigentlich stimmt das ja gar nicht, aber ich finde es auch.

      Der Verkäufer der Murano-Appliken in Venedig sagte, als ich den Preis runterhandeln wollte: Wieviel sind Ihnen diese Objekte wert? Scham durchfuhr mich, und ich zahlte sofort den verlangten Preis. Er hat mir eine Lektion erteilt. Und ich gehe nicht davon aus, dass meine Mitmenschen schwerer zu erziehen sind.

      Jetzt konkret. Was würde ich für ein NZZ-Abo zahlen wollen? Nichts natürlich. Aber noch lieber zuviel; es sollte ein bisschen schmerzen. Gerade, weil Qualität letztlich keinen Preis hat, ergo einen extrem hohen.

      Die Schüler bezahlen für die Theatervorstellung nichts (sprich: Franken Null), sofern sie nicht zu den Angefressenen gehören, die sich aus dem McDonald’s Besuch mit ihren Eltern, mitten aus ihrem Happy-Meal-Feeling in den Pfauen schleichen, um zum vierten Mal hechelnd mitzuerleben, wie Walterli vom Helden, der aus dem Boot sprang, exekutiert wird (und das alles mit dem Geburtstagsgeld bezahlen). Sprich: niemand. Das Beispiel: streichen.

      Mein Zusatz, der der Sache ebenfalls nicht dient (bitte auch streichen): Wenn Erwachsene Theater- oder schlimmer Opern-Abonnemente besitzen, klatschen sie jedem Seich zu. Aber da geht es mehr um ihren Sozialstatus, den erbrachten Kultiviertheitsbeweis der Füdlibürger am Dienstagabend, der beklatscht wird, als um die Qualität der Aufführung. Manchmal wird auch ein sehr geglückter, ja beglückender Theater-Abend mit dem gleichen temperierten Kleinbürger-Klatschen verabschiedet.

      Dem Wunschring möchte man zuflüstern: Mehr Unterscheidung, eine Kultur der Buhrufe u n d des Blumenschleuderns!

      „Gut heisst, es ist absehbar, welche Argumente mit welchen Belegen noch folgen werden…“ Ein Text muss demnach möglichst antioriginell und berechenbar sein? Eine, sagen wir, eigenwillige Aussage.

      „Und schlecht sind die Artikel, die zu lang sind.“

      Ich fasse zusammen. Ein guter Text ist: antioriginell, berechenbar und kurz?

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