Farbbeutel

Vielleicht ist es Zufall, vielleicht Glück, wahrscheinlich aber die erste Frucht der «Online first»-Strategie: Kaum hat die «TagesWoche» ihren Kurs korrigiert, kann sie erstmals auch deutlich machen, warum es sie braucht – nicht nur in Basel. Nehmen wir mal an, es gäbe in Basel nur die «Basler Zeitung».

Was wüssten wir über den Polizeieinsatz an der Art Basel? «Das anfangs friedliche Happening auf dem Messeplatz wurde gewaltsam aufgelöst», berichtete das Blatt am Montag nach dem Eklat am Freitag zutreffend. Begleitet von einem Kommentar, der sich durchaus kritisch mit den Verantwortlichen der Art Basel beschäftigte, die ihrer Spiessigkeit mit einer Strafanzeige gegen das Happening von Kunstaktivisten am Rande der Favela-Installation eindrücklich Ausdruck verliehen. Zumindest im Regionalteil kann die gedruckte «Basler Zeitung» also Journalismus, der Fakten mit nachvollziehbaren Meinungen kombiniert.

Anders dagegen die Berichterstattung auf «baz.ch», die via Newsnet auch Zürich und Bern zugemutet wird. Da ist seit Samstag von «Favela-Chaoten» die Rede, von «randalierenden Partygängern», da wird über «mitgebrachte Farbbeutel» berichtet (die auch den Weg in die Print-«BaZ» schafften), und «Polizisten, die versuchten, mit Gummigeschossen und Tränengas die Lage unter Kontrolle zu kriegen».

Man könnte dahinter fast eine Strategie vermuten: Christoph Blocher mag das Internet für eine vorübergehende Modeerscheinung halten, aber bei der «BaZ» scheint man begriffen zu haben, dass man via Newsnet grösseren Einfluss auf die öffentliche Meinung haben kann als mit der schwächelnden Printausgabe – und erst noch weit über das bisherige Verbreitungsgebiet hinaus. Moderat für die Stadt, stramm für das Land. Dass «baz.ch» einen kritischen Kommentar von «TagesAnzeiger»-Journalistin Michèle Binswanger aus dem Programm gekippt hat, passt ins Bild.

Wahrscheinlicher ist aber: Auf «baz.ch» findet sich der leider immer noch verbreitete, übliche Online-Schmuddel. Der übrigens für die Polizei genau so schädlich ist wie für die Bürger, die sich informieren wollen: Tränengas wurde an der Art Basel nicht eingesetzt, es war Pfefferspray. Das Resultat dieses Schmuddels lässt sich dann in Hetzschriften bei den Leserkommentaren ablesen.

Nicht zuletzt deswegen fällt die «TagesWoche» mit ihrer «Online first»-Strategie so wohltuend auf: Plötzlich wird dort Online-Journalismus betrieben, der diesen Namen verdient. Mit dem Strategiewechsel, den der neue Redaktionsleiter Dani Winter vollzogen hat und mit dem das Internet ins Zentrum aller publizistischen Aktivitäten rückt, sind Ressourcen frei geworden, mit denen die «TagesWoche» jetzt online und damit auch gleich landesweit punkten kann. Mit unverzichtbaren Recherchen jenseits von Schmuddel und Propaganda.

Ohne die Videobilder zweier «Tageswoche»-Reporter wäre die skandalöse Unverhältnismässigkeit dieses Polizeieinsatzes an der Art Basel nie ans Licht gekommen. Dass die «TagesWoche» mit Aufnahmen eines Lesers nachlegen konnte, zeigt die heutige Bedeutung einer eingebundenen Community. Ohne «TagesWoche» würden wir immer noch von Farbbeuteln ausgehen, die nur ein Behältnis für Fingerfarben waren. Wir hätten nicht mit eigenen Augen gesehen, dass das Protest-Happening völlig friedlich verlief, bis «Polizisten versuchten, mit Gummigeschossen und Tränengas die Lage unter Kontrolle zu kriegen». Wir wüssten nicht, dass die Art Basel als Mieterin des Messeplatzes gar keine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstatten kann. Und wir hätten die üble Reaktion des Basler FDP-Sicherheitsdirektors Baschi Dürr auf eine Videoanalyse («Eine Frau läuft weg. Obwohl sie der Polizei nichts tut, wird sie mit Reizstoff besprüht») nie erfahren: «Sie lief zu langsam weg.» Fast könnte man vermuten, die Stadt Basel sei tatsächlich das Türken-Ghetto, das die «BaZ» immer wieder herbeischreiben will. Istanbuls «Lady in Red» lässt grüssen.

Die «TagesWoche» leistete damit einen wichtigen Beitrag zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Und genau darum, nicht mehr und nicht weniger, geht es heute mehr denn je, wie der Blick in die Welt zeigt. Ob’s dann etwas nützt, ist wieder eine ganz andere Frage.

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Der Sonntag» und Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Farbbeutel»

  1. Vielen Dank für die Blumen! Es war vermutlich eine Verknüpfung von mehreren Umständen, die uns diesen hübschen Erfolg bescherte. Das abenteuerliche Handeln der Polizei spielte dabei ebenso eine Rolle wie das ulkige Verhalten von Art und Messe Basel. Die unrühmliche Rolle der ehedem Besten aller Zeitungen hast du ja hinlänglich und treffend geschildert.

    Gewiss ist der «Dauerscoop» auch ein bisschen Resultat unserer neuen Online-first-Strategie. Die findet bislang aber vor allem in den Köpfen statt. Ja, wir haben jetzt einen Newsroom. Aber der ist noch nicht einmal komplett bestückt. Will meinen: Es ist ein Weg, bis wir dort sind, wo wir mit der TagesWoche hinwollen. Und auch wenn wir fleissig sind, sind wir doch ein überschaubarer Haufen. Vor übertriebenen Erwartungen wird gewarnt.

  2. ras.:

    Diese Video-Bilder erklären mir gar nichts. Eines ist im entscheidenden Moment noch geschnitten.

  3. XSXS:

    @ras.

    Genau, das war eine der beliebten Sommer-Openair-Theater-Inszenierungen. Das äusserst populäre Stück „Let the sunshine in – und den Knüppel aus dem Sack!“

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