Terrorberichte im «Medienclub» Nr. 1 – eine halbe Sache

Darf ich eingangs gleich meine Befangenheit gestehen? Es gab schon einmal eine Variante des «Zischtigsclubs» unter dem Etikett «Medienclub», und zwar, wenn ich mich recht erinnere, geplant als jede vierte Ausgabe des «Clubs» am Dienstagabend. Als Chefredaktor hatte ich das Label «Medien» in den frühen 90er Jahren abgeschafft, weil es für einen festen Turnus (damals) zu wenig Anlässe gab. Weil ich als Medienethiker aber immer fordere, die Medien müssten mehr und kritischer über sich selbst berichten, hatte ich wegen meiner Untat vor 20 Jahren schon lange ein schlechtes Gewissen. Umso interessierter schaute ich mir Ende Mai die erste Ausgabe des wiederbelebten «Medienclubs» an.

Thema: «Machen sich die Medien zum Helfer des Terrorismus», wenn sie ihrem Publikum terroristische Taten vorsetzen? «Aufhänger» war die äusserst brutale Hinrichtung eines ahnungslosen englischen Soldaten auf offener Strasse in London.

«Blick.ch»-Chef Rolf Cavalli begründete, weshalb seine Website mehrere, von schockierten Augenzeugen aufgenommene Handy-Videos – ohne die eigentliche Hinrichtung – aufschaltete (die Videos können übrigens heute noch aufgerufen werden). «Wir zeigen, was ist», sagte Cavalli in der «Club»-Runde. Ob damit der Terrorismus beflügelt werde? «… Darüber habe ich bei der Video-Publikation nicht nachgedacht … es war den Lesern zumutbar»; die Einordnung folgte später. Allerdings gab auch die spätere Textvariante den Attentäter-Slogan wieder, die Regierung sei zu stürzen; solange Muslims stürben, würden Attentate nicht aufhören.

Diego Yanez, Chefredaktor SRF, war etwas präziser: Kein ganzes Video, keine Propgandaslogans, bloss Wiedergabe eines kurzen Bildausschnitts in der «Tagesschau».

Der Winterthurer Journalistik-Professor Vinzenz Wyss, sekundiert von «NZZ»-Medienredaktor Rainer Stadler, vertrat eine rigorose Haltung: «Der Terror lebt vom Journalismus». Das erfordere von den Redaktionen eine skeptische und restriktive Auswahl der Informationen über terroristische Ereignisse. Es gelte, jeder Instrumentalisierung durch die Terroristen – «Wir sind überall und treffen mitten ins Herz der westlichen Welt» – bewusst entgegenzuwirken.

In den letzten Jahren ist das zum Teil schon geschehen. Ich erinnere mich, wie vor zehn Jahren die Hinrichtungen von entführten westlichen Geiseln erst akribisch genau abgebildet wurden – im «Blick» einmal mitsamt Köpfung –, bis den Redaktionen bewusst wurde, dass die Terroristen genau das anstrebten. Heute werden Hinrichtungen nicht mehr gezeigt. Muss das bei jeder neuen Tatvariante wieder von vorne «gelernt» werden?

MAZ-Studienleiterein Alexandra Stark plädierte für «permanente Ausbildung» und Diskussion. Oft fehlt jedoch die Zeit für ergebnisoffene Gespräche. Cavalli, wenn ich richtig notiert habe, beschwor das «Gschpüri» in solchen Situationen. Das ist hochgradig subjektiv und erst noch vom Schlagzeilen- und Zuschauermarketing des Verlags abhängig.

Professor Wyss, ein «Regelethiker» – wie ich selbst – verlangte im «Medienclub» Nr. 1, dass die Redaktionen Reglemente mit ein paar Grundsätzen aufstellen. Richtig: Dann muss die Diskussion in zeitlich bedrängten Situationen nicht jedes Mal wieder bei Adam und Eva beginnen, sondern kann ein Wertfundament voraussetzen.

Beispiel: Richtlinie 8.5. der «Publizistischen Leitlinien» von SRF (PDF) sagt unter dem Stichwort «Terror»:

«In der Berichterstattung über politisch motivierte Gewaltanwendung ist darauf zu achten, dass Diktion und Forderungen der Täter nicht übernommen werden.»

Die in Agenturmeldungen anzutreffende Formel vom «Übernehmen der Verantwortung» sei zu vermeiden. Besonders müssten von Terroristen verwendete «Begriffe aus der [westlichen] Jurisprudenz» wie «Gerechtigkeit», «Urteil» oder «Strafe» unterbleiben. Wäre das nach dem Londoner Attentat beherzigt worden, hätten ein paar fahrlässige und weitschweifige Entsetzenszelebrierungen in Schweizer Medien unterbleiben können.

Den Schweizer Journalistenkodex und seine Instanz, den Presserat, habe ich hier nicht erwähnt. Er ist im neuen Terrorzeitalter noch nicht angekommen. Einmal erwähnt er zwar «Terrorakte», dies aber nur im Rahmen von «Schutz der Privatsphäre». Das Bedrohungsspektrum hat sich inzwischen erweitert, liebe Kollegen.

Rein handwerklich hätte ich mir vom ersten «Medienclub» gewünscht, dass er im Bildmedium auch ein paar Bilder vorgeführt hätte, wie ich es etwa in einer deutschen Sendung sah. Die Grenzen von Terrrorbebilderung kann man nur nachvollziehbar machen, indem man in einer spätabendlichen, medienkritischen Sendung auch textlich gut eingebettete Bildelemente zeigt − wie das der Presserat 2006 im Übrigen schon im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen empfohlen hat (damals heftig getadelt von «NZZ» und «Tages-Anzeiger»). Bilder kann man nicht nur bereden, man muss auch etwas zeigen.

Der Jurist Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens. Später präsidierte er den Schweizer Presserat. Er schreibt über Medienrecht und Medienethik.»

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Terrorberichte im «Medienclub» Nr. 1 – eine halbe Sache»

  1. Kurt Imhof:

    Mein Interesse an dieser Debatte im Club bezog sich auf die Bedeutung von immer auch ethischen Regeln und Diskussionen über Regelanwendungen im journalistischen Handwerk. Jedes Handwerk bzw. jeder Beruf ist regelgeleitet. Dies ist das Resultat einer arbeitsteiligen Professionalisierung oder Spezialisierung, der wir einen wesentlichen Teil der Entwicklungsdynamik der Moderne verdanken. Entprofessionalisierungen manifestieren sich organisatorisch durch die Auflösung von Spezialisierungen und durch Verlust von Regeln und darauf basierenden Diskussionen der Regelanwendung.

    Leider hat die Sendung meine negativen Erwartungen bestätigt. In ihr zeigte sich ein state of the art der Entprofessionalisierung des Journalismus in einer bedrückenden Regelvergessenheit und einer dadurch strukturlosen Debatte, die zwangsläufig nur noch im „Gspüri“ handelnder Journalisten einen vermeintlichen Boden findet.

    Diese Entprofessionalisierung des Journalismus, die sich organisatorisch in der Auflösung von Spezialisierungen in Gestalt von Ressorts und Redaktionen äussert, ‚passiert‘ einem Berufsstand, der selbstverständlich über tradierte Regelwerke verfügt (die in ihrem Urspung erst noch auf die Aufklärung zurückgehen), die aber in der praktischen Lösung journalistischer Probleme kaum mehr eine Rolle zu spielen scheinen. Vor allem können sie die Diskussion nicht mehr strukturieren. Ein Handwerk, das seine Regeln so weit vergisst, dass diese in Diskussionen keine Rolle mehr spielen, führt zu „Idiotes“, ursprünglich diejenigen Bürger im antiken Athen, die sich am politischen Leben nicht beteiligen. Später wurde der Begriff für einfache Soldaten verwendet, die keine Übersicht haben müssen und über die bloss verfügt wird. Und noch später, wir wissen es, für Menschen, die von dem, was sie verstehen müssten, nichts verstehen. Alle diese Bedeutungen sind dem Journalismus nicht zu wünschen. Auch nicht die Peinlichkeit, dass Nicht-Journalisten Journalisten darauf hinweisen müssen, dass Berufe auf Regeln basieren.

    Die Regelvergessenheit zeigte sich schliesslich auch darin, dass es zwischen Journalisten kein Qualitätsverständnis mehr gibt auf das man sich einigen könnte. Ein klassisches Qualitätsverständnis stand einem relativierten und damit aufgelösten Qualitätsverständnis verständnislos gegenüber.

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