Kurt W. Twittermann

Was Mikroblogging anrichten kann, haben wir in den vergangenen Wochen erlebt: Da werden erfundene Attentäter von Boston zum Freiwild, es werden massenhaft falsche Fährten gelegt und Terroristen, die am helllichten Tag einen Soldaten mit Hackbeilen niedermetzeln, bekommen ihre wirren Botschaften via Handy-Filmchen über die ganze Welt gestreut. Als die RAF in den Siebzigerjahren ihre Geiseln fotografierte, war es immerhin noch den Redaktionen überlassen, ob die Bilder gedruckt oder gesendet würden. Heute wird dies in Sekundenschnelle durchs Netz erledigt.

Doch twittern, facebooken und anderes ist ein Muss. Kurt W. Zimmermann, unentwegter Medienschelterer der «Weltwoche», hat in der letzten Ausgabe derselben eine seiner gefürchteten Statistiken publiziert. Demnach gibt es ein paar Chefredaktoren, die fleissig twittern und dadurch Zimmermannsches Lob verdienen (Rang 1: Patrik Müller, «Schweiz am Sonntag»; Rang 2: David Sieber, «Südostschweiz»), es gibt aber auch solche, die nicht mal ein Twitter-Account haben. Zimmermannn folgert nun messerscharf, dass ausgerechnet Medienleute die Revolution der sozialen Medien beschwörten, sich selber aber einen Dreck darum kümmerten.

Man muss Zimmermann in einem Punkt recht geben: Soziale Medien sind unverzichtbarer Bestandteil der Infomationsbeschaffung geworden. Früher galt es auf Redaktionen, möglichst viele Zeitungen, Amtsblätter, Vereinspostillen und Quartierblättli durchzuackern, viel Radio zu hören und TV zu schauen. Journalistinnen und Journalisten, die dies taten, hatten die meisten Infos und Ideen für Stories. Wer heute Twitter und Facebook zur Informationsbeschaffung nicht nutzt, vernachlässigt eine wichtige Quelle. Und wenn Journalisten ihre Geschichten via Twitter anteasern, dann ist das auch wichtig und gut. Ist es hingegen nötig, dass Pietro Supino und Michael Ringier twittern, wie Zimmermann behauptet? Für 80 Prozent der Schweizer Medienprominenz sei Twitter kein Thema, jammert er. Die digitale Zukunft der Medien gehe an deren Exponenten vorbei.

Ich bekomme täglich 20 Briefe, unzählige Prospekte und Werbezeitschriten sowie etwa 200 E-Mails. Ich muss sie alle zumindest anschauen, etwa die Hälfte davon bearbeiten. Es gibt inzwischen eine umfangreiche Literatur, die sich dem Thema der Verspamisierung des Alltags widmet. Es gibt das Krankheitsbild des Informations-Junkie, der beständig nach neuen Mails Ausschau hält und Entzugserscheinungen zeigt, wenn ihr Strom stockt. Man bekommt Anleitungen, wie man sich im allgemeinen Datenstrom den Kopf freihalten kann, indem man Mails strukturiert bearbeitet, sich Freiräume schafft und Pausen zum Abschalten nutzt. Es scheint auch erwiesen zu sein, dass das ständige Info-Bombardement und das dauernde Hin und Her zwischen verschiedenen Thematiken die Effizienz hemmen, das Denken zerfasern und uns letztlich zu Psychopathen machen.

Muss ich da auch noch wissen, dass Patrik Müller just heute keinen Heuschnupfen hat?

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

21 Bemerkungen zu «Kurt W. Twittermann»

  1. Müssen Sie wissen, ob Patrik Müller Heuschnupfen hat oder nicht? Nein. Aber sie müssen ihm ja auch nicht folgen. Das tun Sie freiwillig bei Twitter. Niemand wird bei Twitter dazu gezwungen, auf lange Frist unerwünschte Banalitäten zu erhalten.

    „Ist es hingegen nötig, dass Pietro Supino und Michael Ringier twittern, wie Zimmermann behauptet?“

    Das behauptet Zimmermann nicht, ich konnte die betreffende Passage im Text jedenfalls nicht finden.

    Aber die Antwort lautet Ja. Denn Twitter erschliesst sich erst, wenn man es selbst ausprobiert. Als Aussenstehender kann man nur bedingt verstehen, was der Reiz, der Sinn, der Gewinn von Twitter ausmacht. Wenn man Twitter ausprobiert hat und dann findet, dass man darauf verzichten kann, ist das eine Haltung, die man dann vielleicht auch begründen kann. Ich finde, Medien- und Verlagsangestellte wie Michael Ringier, Pietro Supino und Andrea Masüger sollten sich schon mal genau anschauen, wie denn nun eines der erfolgreichsten Sozialen Netzwerke so funktioniert. Oder anders gefragt: Was soll die konservative Haltung?

    Fast jeder, der Twitter ausprobiert hat, kann es bestätigen: Das Urteil nachher ist anders als das Urteil vorher war. Bei mir übrigens auch, aber das ist nun auch schon wieder fünf Jahre her.

  2. Fred David:

    Natürlich muss man im Strom mitschwimmen, insbesondere wegen der Links, die einem sonst entgehen, aber überbewerten würde ich es auch nicht.

    Was wurde für ein Geweses um facebook veranstaltet, und heute gilt es bereits als etwas muffig. Seniorentauglich. Geht auch ohne. Dann eben Twitter, bis zum nächsten Hype, ohne den das Leben absolut unmöglich ist.

    „….dass das ständige Info-Bombardement und das dauernde Hin und Her zwischen verschiedenen Thematiken die Effizienz hemmen, das Denken zerfasern und uns letztlich zu Psychopathen machen…“ Ob erwiesen oder nicht, ich glaube, mit dieser Erkenntnis schlägt sich letztlich jeder rum, der sich im web bewegt. Und muss sich heimlich eingestehen: Tammi, stimmt! Aber es gibt kaum ein Mittel dagegen.

    Insbesondere der Ausdruck „das Denken zerfaser“ gefiel mir, weil er, fürchte ich, nur zu genau trifft.

    Beim Kollegen Kurt W.Twittermann darf man ruhig auch mal ein bisschen in der Vergangenheit nachschauen, auf welchen Wellen er schon mit Verve mitgeschwommen ist, um dann irgendwann rechtzeitig wieder leise auzusteigen. Die nächste Welle schaut bestimmt irgendwann vorbei, gell?

    Okay Kurt, ich gebe zu, wir beide sind zwei alte Nörgler. Aber das Wort Surfen (surf = Brandung) haben wirklich die echten Wellenreiter von Hawaii erfunden, die als pröbelnde Pioniere tatsächlich noch der tosenden Brandung trotzten, bevor Surfen zur modischen Hype-Sportart für Jedermann wurde. Es gab ja auch mal eine Zeit, wo viele ihr Surfbrett links auf dem Autodach hatte, auch wenn sie zur Arbeit fuhren. Sah gut aus. Aber ging auch wieder vorbei.

  3. «[…] Und wenn Journalisten ihre Geschichten via Twitter anteasern, dann ist das auch wichtig und gut. […]»

    Teasern allein genügt nicht, «Geschichten» sollten auch verlinkt werden – Teaser allein sind in einem Link-basierten Medium wie dem Internet weitgehend nutzlos und damit frustrierend. Im Internet liest man, was jetzt online ist, nicht, was für morgen und allenfalls nicht direkt zugänglich angekündigt wird.

    • Fred David:

      Stimmt. Gute Links sind für mich das halbe (oder Dreiviertel) web-Leben. Ich meine auch, dass da für Medien noch viel, viel, viel mehr drin liegt: die intelligenten, zielführende Verlinkung von Themen, Hintergrund, Grafiken, wissenschaftliche Studien usw. usw.usw., die Schrott fernhält, und die dem user eine gewisse Garantie geben, dass die Links nach journalistischen Kriterien gecheckt wurden. Ich verstehe nicht, warum hier nicht mehr läuft. Twitter läuft daneben doch sehr nach dem Zufallsprinzip.

      • zufallsprinzip? ich bitte sie, werter herr david, das ist eine klassische fehlbeurteilung eines nichttwitterers. das ist ja der mehrwert an twitter, dass es menschengetrieben ist und nicht vom zufall oder einer maschine. mal abgesehen von spamaccounts.

        • Fred David:

          @)Bugsierer: Es ist keine Frage der Religion, sondern einfach der persönlichen Einschätzung. Ich twittere übrigens auch, aber für mich halten sich Spass und Nutzen in Grenzen. Vielleicht bin ich weltweit der Einzige, der das so sieht. Da kann man dann halt nichts machen.

          Aber äussern Sie sich doch mal zu facebook. In meinem Umfeld jedenfalls lässt das Interesse daran massiv nach, fast bei jedem/r, den/die ich darauf anspreche. War ja auch mal absolut unverzichtbar.

          • von religion hab ich nix gesagt. auch so ein vorurteilsklassiker. bobby california schimpft uns ja gerne „internetreligiöse“. bescheuert.

            sie twittern auch? wo denn? habe sie auf die schnelle nicht gefunden.

            facebook wurde schon immer gleichzeitig über- und unterschätzt. bei mir ist da auch nicht viel los, anderseits ist es erstaunlich, was das tool gerade jetzt wieder in der flutkatastrophe in D leistet. und die resultate z.b. bei http://www.10000flies.de/ sind auch eindrücklich.

          • Fred David:

            @)Bugsierer: Ich bin ein bekennender Twitter-Parasit. Ich ernähre mich von den Links anderer und lebe sehr gut damit. Wie gesagt, gute Links sind für mich das halbe web-Leben. Daneben gibts aber noch ein anderes.

          • Fred – mit Deinem Kommentar hast Du Christian Röthlisbergers religiöse Gefühle verletzt. Twitterkritik ist für Digitaljünger ungefähr so schlimm wie Blasphemie für strenggläubige Christen

  4. immer diese plakativen heuschnupfenbeispiele mit der grossen banalitätskeule. von medienleuten, die insgeheim immer noch hoffen, dieses internet möge bald wieder ausgeknipst werden. man glaubt es kaum, dass ausgerechnet medienleute an den neuen medien scheitern, ihre mailflut nicht geregelt bekommen und sich neuen kanälen verweigern wie weiland die rheinschiffer der dampftechnik.

    ein jammer.

  5. Reflexartig jaulen die Netzapostel auf, wenn jemand sich erdreistet, Twitter oder sonst eine Anwendung des glorreichen Internets zu kritisieren. Es wäre toll, wenn man übers WWW diskutieren könnte, ohne dass einem immer wieder unterstellt wird, man wolle das Internet abschaffen. Wenn man sich über die schlecht programmierten Billettautomaten aufregt, kommt auch niemand auf die Idee, einem zu unterstellen, man wolle die SBB abschaffen. Nur wenns ums Internet geht, ist eine Diskussion unmöglich, ohne dass der aberne Vergleich mit der Dampftechnik zum hunderttausendsten Mal aufs Tapet kommt.

    Immer wieder werden zudem Mythen heruntergebetet, die bei der x-ten Wiederholung nicht wahrer werden. Zum Beispiel der Mythos, man dürfe nicht über Twitter reden, ohne es ausprobiert zu haben. @Ronnie Grob: Ich habe Twitter seit circa drei Jahren ausprobiert und bin so schlau wie zuvor. Bevor ich es ausprobierte, hielt ich Twitter für einen Haufen Geschwurbel, durchsetzt mit einigen interessanten Häppchen. Nach drei Jahren weiss ich, dass Twitter ein Haufen Geschwurbel ist, durchsetzt mit einigen interessanten Häppchen. Klar sollte man als Journalist alle möglichen Kanäle durchforsten. Aber Twitter ist bei weitem nicht die unverzichtbare Wundermaschine, als die sie Leute wie Ronnie Grob hinaufstilisieren.

    Klar kann man Leute entfolgen, die langweiligen Klatsch twittern. Doch wenn man keinen langweiligen Klatsch in seiner TL sehen will, hat man am Ende kaum noch Leute, denen man folgen kann. Wenn man jedoch wie Ronnie Grob 988 (neunhundertachtundachtzig) Twitterern folgt, ist die TL garantiert mit 90 Prozent Klatsch und Heuschnupfen-Tweets verstopft, so dass es grausam mühsam (oder eine Sache des Zufalls) wird, noch irgendwelche interessanten Meldungen heraus zu filtern. Daraus folgt: Twitter ist sicher nicht die «digitale Zukunft der Medienbranche» (Zitat Zimmermann), deshalb ist es auch nicht nötig, dass alle Chefredaktoren selber twittern. Und die, die es nicht tun, sind deshalb auch nicht «reine Theoretiker», wie Zimmermann schwadroniert.

    Und es ist purer Blödsinn, wenn Ronnie Grob und Andreas Kunz in der Weltwoche schreiben: «Freunde der Wahrheit haben allen Grund, dieses Werkzeug zu schätzen». Twitter bringt nicht «die Wahrheit» an den Tag (was immer das sein mag), sondern entfesselt eine gewisse Eigendynamik. Twitter macht die User entweder konzilianter oder provokativer, als sie normalerweise sind, hat Jaron Lanier festgestellt. So wie Lanier sollte man über Twitter diskutieren. Und nicht immer wieder den gleichen Schwachsinn von wegen «medienleute hoffen, das internet möge bald wieder ausgeknipst werden» zu repetieren.

    • Matthias Giger:

      Bravo. Denn auch die Neuen Medien sollen kritisch beäugt werden können, ohne dass einem gleich der Stempel des kulturpessimistischen Medienverweigerers aufgedrückt wird.

      Andererseits habe ich den Eindruck, dass gewisse CEOs grosser Medienhäuser schon nicht besonders gut informiert sind. Der kann auch täuschen. Vielleicht sollten sie passiv twittern. Man lernt schnell, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

      Hier lauert aber auch wieder eine Gefahr von Twitter: Das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nicht stündlich am digitalen Tropf hängt. Burn out lässt grüssen.

  6. hallo bobby california aka andreas gossweiler, gestern hast du mir via twitter einen ziemlich unflätigen dings geschickt (grosse klappe, keine ahnung von journalismus) und dann nach wenigen stunden wieder gelöscht. wie so oft in den letzten jahren. das lässt 2 interpretationen zu: entweder bist du genau der höseler, als den ich dich seit jahren bezeichne, oder der schurni, der seine some kanäle nicht im griff hat, mit amokmässigen aussagen um sich wirft, und damit seinem berufsstand keine ehre antut, im gegenteil. aber henusode.

    wenn du das alles für schwurbel hältst, dann ist das dein problem und nicht das von twitter. wem du folgst und wer dir liegt an dir und nicht am bösen internetz. wenn du nichts gelernt oder profitiert hast, liegt es auch an dir. leute, die nur motzen und nichts teilen haben nun mal die timeline, die sie verdienen, nämlich eine stinkbanale.

    melde dich doch einfach ab von dem ganzen dings, du wirst es eh nie kapieren und deine beiträge waren eh noch nie konstruktiv, sondern immer so destruktiv wie dieser.

  7. Pingback: Twitter und die Dampfmaschine | SILVER TRAIN

  8. @freddavid: na ja, jedem sein parasitäres kleinbiotop. aber warum wollen sie uns ihren twitterdings nicht verraten?

  9. Fred David:

    @) bugsierer: „Hätte ich einen Twitter-Account, bliebe keine Zeit mehr für viel Wichtigeres“ (Daniel Domscheit-Berg, ehemalige Nummer zwei von Wikileaks, im Interview auf medienwoche.ch; er will mit Openleaks eine neue Plattform für Whistleblowers schaffen). Merke: Nicht jeder, der Twitter etwas gelassener beobachtet, ist ein Schnarchsack…

    • herr berg in ehren, von schnarchsack hab ich nichts gesagt, mit verlaub. und gelassen heisst noch lange nicht kompetent.
      ich erwarte von schurnis, dass sie diese tools kennen, bevor sie darüber urteilen (wie z.b. höchst unterirdisch letzten sonntag in der nnzas. das ist alles und wohl nicht zu viel, oder?

      aber nochmals, warum verraten sie uns ihren twitter account nicht?

  10. Fred David:

    Ich verstehe das Problem nicht. Um mich auf Twitter zu finden braucht’s keine Gebrauchsanweisung. Andere haben es jedenfalls ohne geschafft.

  11. Fred David:

    Übrigens habe ich nur 27 followers, dafür erlesene. Ich bin halt wählerisch. Twitter erlaubt das. Und das finde ich nun wieder lobenswert.

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