Warrens Warnung

Die Meldung ging wie ein kollektives, tiefes Aufschnaufen durch die Presse. Milliardeninvestor Warren Buffett hat in den letzten 15 Monaten umgerechnet 335 Millionen Franken in 28 US-Zeitungen gesteckt. Buffett besitzt jetzt über 80 Zeitungen teilweise oder ganz. Wenn ein scharfer Rechner wie Buffett auf Gedrucktes wettet, so der erlösende Gedanke auf den Redaktionen, dann kann es nicht so schlecht um die Branche stehen. Wenigstens nicht so schlecht, wie sie selber schwarzmalt.

«Investition ins gedruckte Wort», «Die Rückkehr der Zeitung» und «Von diesem Mann lässt sich Zukunft lernen» hiessen die glückverheissenden Schlagzeilen. Und Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann glaubt, Buffett entschlüsselt zu haben: Das «Orakel von Omaha» investiere in Produkte, für die die Leute heute (wieder) zu zahlen bereit seien.

Seinen Aktionären und der übrigen, an seinen Lippen hängenden Welt erklärte Buffett schliesslich seine Investitionsüberlegungen. Und was er sagt (und in seinem Jahresbericht schreibt [PDF]) ist nicht annähernd so schön, wie es in den Schlagzeilen tönt.

Erstens schreibt Buffett erstaunlich viel über seine emotionale Bindung als früherer Zeitungsjunge. Auch für den scharfen Rechner ist unser Geschäft unerhört romantisch. Der Mann kann es sich auch leisten: Die Millionen, die er investiert, sind ein Klacks im Vergleich zu den Milliarden, die sein Investmentvehikel Berkshire Hathaway verdient.

Seinen Chefredaktoren macht Buffett im Geschäftsbericht zweitens aber auch klar, dass es nicht reicht, eine gute gedruckte Zeitung zu machen. Überleben werden, doziert er, nur Zeitungen, die eine vernünftige Internet-Strategie haben.

Und drittens hat die 81-jährige Investorenlegende hier nicht die langfristige Vision im Blick: Die Bareinnahmen aus dem Zeitungsgeschäft, prophezeit Buffett offen, werden über längere Frist abnehmen. Selbst eine vernünftige Internet-Strategie werde eine «bescheidene Erosion» nicht verhindern können. Auch seine Zeitungen seien nicht «isoliert» von den Kräften, die die Einnahmen nach unten treiben. Und diese Kräfte sind bekannt genug: Die Massendesertion der Inserenten sowie die Leser, die sich ihre News irgendwo, nur nicht unbedingt in einem klassischen Medium zusammensuchen.

Was Buffett, viertens, weniger klar sagt: Er war bei den eingekauften Zeitungen offenbar in der Regel der einzige Kaufinteressent. Das hatte Auswirkungen auf den Preis. Zudem fungiert er bei manchen Titeln als Bank und verleiht ihnen Geld zu saftigen Zinssätzen.

Die Hoffnung, die Warren Buffett der gedruckten Zeitung scheinbar verleiht, kann man also durchaus auch als Warnung sehen: Nur zum Schnäppchenpreis lohnt die Investition in eine Zeitung. Und auch dann wohl höchstens vorübergehend. Nämlich nur dann, wenn schliesslich jemand den Schlüssel findet, wie im elektronischen Geschäft nachhaltig Gewinne zu machen sind.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Warrens Warnung»

  1. Frank Hofmann:

    Eine realistische Einschätzung. Grund zum Strahlen an Medienevents haben weiterhin die Erheber von Zwangsgebühren.

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