Für die Freiheit und gegen den Etikettenschwindel der «Weltwoche» − Eröffnungrede anlässlich der «Zürcher Prozesse»*

Geehrte Vorsitzende, geschätztes Präsidium, werte Geschworene, Citoyens und Citoyennes

Es ist mir Ehre und Last zugleich, vor diesem hohen Gericht aufzutreten. Während sich die Ehre durch meine Präsenz vor der republikanischen Institution dieses öffentlichen Gerichts von selbst versteht, ist die Last begründungsbedürftig: Mit Bezug auf die Angeklagte, die «Weltwoche», sind wir alle mit einem grossen Verlust konfrontiert. Mein Vorredner, der hochgeschätzte Bürger Jürg Ramspeck hat es bereits geschildert.

Von einer republikanischen Wochenzeitung, die sich nicht immer, aber immer wieder der Aufklärung verbunden fühlte, konvertierte die «Weltwoche» unter ungeklärten monetären Umständen in eine antiliberale Propagandatrommel. Dieses Blatt diskreditiert zentrale Institutionen unserer helvetischen Republik, diffamiert Bürgerinnen und Bürger, die sich für unsere einst revolutionär entstandenen demokratischen Institutionen einsetzen und es diskriminiert Minderheiten, von denen viele dem Ruf der Freiheit, der von unserer Konföderation ausgeht, gefolgt sind – weil sie diesem Ruf vertraut haben! Als überzeugter Republikaner, als der allein ich hier stehe, ist freilich die Last, sich mit dem ungehörigen Nachfolger einer liberalen Zeitung im ohnehin schon gerodeten und dem Monetären verfallenen Bannwald der Demokratie zu beschäftigen, Pflicht.

Der Kürze halber, hohes Gericht, widme ich mich hier dem Faktum, dass auf der «Weltwoche» draufsteht, was nicht drin ist. Die neue «Weltwoche» behauptet, sie betreibe «eine kontinuierliche Berichterstattung aus liberaler Warte». Das, hohes Gericht, ist ein dreister Etikettenschwindel! Das Gegenteil ist richtig: Diese Postille schmückt sich mit den Insignien des Liberalismus, unter denen unsere Vorväter und -mütter – auch unter Einsatz ihres Lebens – ihren republikanischen Sieg über die autokratische und bigotte Herrschaft patrizischer Familiendynastien errungen haben – und bekämpft ausgerechnet unter der Flagge des Liberalismus unsere liberalen Errungenschaften. Sie betreibt diesen Frevel auf ihren redaktionellen politischen Seiten. Das externe Kommentariat, mit dem die neue «Weltwoche» – neben kleinbürgerlichem Lifestyle – weitere Seiten füllt, ist bloss Camouflage. Ich belege diesen Etikettenschwindel in drei Schritten:

Antiliberal zum Ersten ist die Reduktion des Politischen auf Freund und Feind: Alle Mitbürger, die die «Weltwoche» zu Feinden erklärt, werden diffamiert.
Ich beginne mit dem eigenen Beispiel: Auch wenn ich im republikanischen Raisonnement der Schweiz nur eine bescheidene Rolle spiele, hat mich dieses Blatt mit Charakterurteilen, die meine bürgerliche Ehre, ja mein ganzes Tun und Trachten beschmutzen, überhäuft: Ich soll ein «Irrlehrer» sein, von dem gewarnt werden muss, ein «Fossil», ein «Thesenritter», ein «unheimliches Elitenmitglied», nichts weniger als ein «Gross-Inquisitor», und einmal wurde ich zusammen mit weiteren, wesentlich respektableren Republikanern – auf einem Fahndungsplakat, das sich im Original gegen Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande richtete – als «Verschwörer gegen die Schweiz» diffamiert.

Hohes Gericht! Das ist nicht Ausnahme, sondern Muster! Die neue «Weltwoche» rückt friedliche Mitbürger in die Nähe von Terroristen, sie bezichtigt weitere als «Gauner», «Lügner», «Falschmünzer», als «Verräter und Verdreher des Volkswillens», ja als «Attentäter auf die Demokratie». Diese ungeheuerlichen Bezichtigungen sind Mittel zum diffamierenden Zweck: Dieses Blatt spielt bei denjenigen, die sie als Feinde ausmacht, konsequent auf die Person als Mensch. Die Anprangerung ist ihr unitäres Merkmal. Kein anderes Presseerzeugnis unserer freiheitlichen Konföderation tritt auch nur annähernd dermassen respektlos auf den aufklärungsliberalen Tugenden des Respekts und der Höflichkeit – auch und gerade gegenüber Andersgesinnten – herum. Den von ihr ausgemachten Feinden spricht sie das ab, was uns allen selbstverständlich ist, nämlich, dass wir Menschen vieles zugleich sind. Gute Berufsleute und ehrlich versteuernde Citoyens sind gleichzeitig treusorgende Väter, Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und dann und wann auch Freier; es gibt auch Citoyennes, liebevolle Mütter, die im Kirchenchor singen, sich als Feministin verstehen, sadomasochistische Neigungen pflegen und auch schon mal heimlich die SVP gewählt haben. Diese reiche Pluralität des Menschseins wird durch charakterverurteilende Begriffe wie «Verschwörer», «Verräter» und «Gauner» erstickt.

Diese Carl-Schmittsche Verstümmelung alles Politischen auf Freund und Feind, Bürgerinnen und Bürger, muss umgekehrt Freunde – wie etwa der Fall eines Zürcher Museumsbediensteten zeigt – über Verschwörungstheorien nicht nur mit einem Persilschein versehen, sondern auch noch zum heldenhaften Opfer stilisieren. Kurz: Die Dichotomie Freund und Feind ist archaisch und zutiefst antiliberal. Sie entstammt dem Denken in Stammesgemeinschaften und klerikalem Absolutismus und verunmöglicht Vernunft ebenso wie Konsens und Konkordanz. Demgegenüber verdankt der Liberalismus der Aufklärung der Einsicht in die barbarische Unvernunft der Religionskriege eines seiner zentralsten Prinzipien: Nämlich Argumente nur gegen Argumente antreten zu lassen, niemals aber Argumente und Verunglimpfungen gegen Personen oder gar Personengruppen.

Hohes Gericht, werte Geschworene! Ein Organ, das in unserer freiheitlichen Republik solches betreibt, fällt hinter die Aufklärung zurück. Mehr noch, es sabotiert deren Kern: der sanften Gewalt des besseren Arguments zum Durchbruch zu verhelfen. Dagegen macht die Verstümmelung des Politischen auf Freund und Feind blind und dumm. Sie lässt nur eine einzige Differenzierung zu: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Nur deshalb verdanken Gegenaufklärer wie Viktor Orban, dessen Regime in Ungarn Grundfreiheiten abschafft, oder Silvio Berlusconi, der auf elementarste bürgerliche Tugenden spuckt, ihren staatsmännischen Status in der neuen «Weltwoche» … denn die Feinde meiner Feinde sind eben meine Freunde. Leider ist nun solche Dummheit lernbar: Die Simplizität des Freund-Feind-Schemas verschaffte diesem die ganze Moderne hindurch immer wieder Resonanz, und immer ging es dabei gegen die Republiken der Freiheit. Damit komme ich zu meinem nächsten Punkt:

Antiliberal zum Zweiten ist die einfältige Dogmatik, mit der alle politischen Inhalte der «Weltwoche» gestrickt werden. Denn: Wer die Komplexität des Lebens auf Freund und Feind reduziert, der muss mit Dogmen arbeiten, um die Feinde verlässlich ausmachen zu können. Die Dogmatik der «Weltwoche» besteht aus drei grobschlächtigen Unterscheidungen:

  1. Alles was der seelenlose Markt reguliert ist prinzipiell positiv; alles was im Bereich der Ökonomie durch unser republikanisch beseeltes Gemeinwesen geordnet wird, ist prinzipiell gefährlich.
  2. Das Volk ist prinzipiell gut; die classe politique oder gleich die ganze Elite (ausser den Freunden sowie der Feinde der Feinde) ist prinzipiell schlecht.
  3. Das Fremde, das Ausländische und das Internationale sind primär Täter; das Einheimische, die Zugehörigen sind primär Opfer.

Diese dreifache Dogmatik der Unvernunft – unsere Kinder würden sagen, dieses Triple A der Gegenaufklärung – beugt die Schreibe dieses Blattes ebenso wie die Fakten, die es herbeizwingt. Unsere Republik wird mitsamt dem Rest der Welt in diese Dogmatik hinein-gefügt, d.h. über die «Wirklichkeit», von der diese Postille vorgibt, sie zu beschreiben, wird ver-fügt.

Das Spannungskreuz Volk versus Elite und Zugehörige versus Fremde ist das Merkmal aller antiliberalen Kräfte in Europa vom «Front National» bis zu den «Wahren Finnen» und selbstverständlich auch von Viktor Orbans «Fidesz». Alle diese Unterscheidungen, hohes Gericht, sind allein schon aufgrund ihrer dogmatischen Unverrückbarkeit antiliberal. Das gilt auch für das Verhältnis politische Regulierung und Regulierung durch den Markt. Bei aller Vorsicht gegenüber dem Staat, der deshalb mittels Verfassung zum Rechtsstaat domestiziert und in seinen Gewalten geteilt wurde, wäre es unseren Pionieren der Aufklärung nie in den Sinn gekommen, die Freiheit einfältig dem Markt zuzuordnen und die Unfreiheit den Institutionen der Republik.

Hohes Gericht! Bezüglich der barbarischen Effekte der Behauptung eines per se guten Volkes gegen per se schlechte Eliten sowie der Gefährlichkeit des Fremden sind die Erfahrungsbestände unserer Moderne erdrückend. Es ist das Merkmal des reaktionären Nationalismus – des schlimmsten Gegners des Aufklärungsliberalismus, werte Citoyens –, der das Freund-Feind-Schema auf Institutionen und auf Gruppen überträgt und Ressentiments bewirtschaftet. Das macht dieses Blatt seit Jahren: Bei den «Roma» haben wir es mit «Familienbetrieben des Verbrechens» zu tun. Aber nicht nur «[d]ie Roma kommen» in Scharen, sondern auch die «Schwarzen», «die dunkle Seite der Zuwanderung» – so die raunende «Weltwoche» –, immer wieder werden die Kosovaren kriminalisiert und natürlich «die Muslime», die in den Kampagnen dieses Blattes beständig im Kollektivsingular verfolgt werden.

Fremd und Täter sind aber nicht nur die Fremden; fremde Täter sind auch Richter, selbst unsere Bundesrichter (!) und natürlich die internationalen Institutionen der Rechtspflege. Alles, was das auf widersinnigste Weise als verfassungspatriotischer Kernbestand gefeierte Bankgeheimnis tangiert, geschieht für die «Weltwoche» aus dunklen Absichten; und selbst die mit der grossartigen Idee des Kantschen Weltbürgertums verbundenen Institutionen der Menschenrechte – nichts weniger also, also die auf die amerikanische und französische Revolution gründenden Institutionen der Freiheit (!) – werden als Bedrohung der Schweiz diskreditiert. Es ist deshalb nur konsequent, dass das Herrschaftsverständnis dieses Blattes dasjenige der Aufklärung buchstäblich auf den Kopf stellt! Damit komme ich zu meinem letzten Punkt:

Zutiefst antiliberal zum Dritten, hohes Gericht, ist eine Propaganda, die unsere Republik in nichts weniger als eine Tyrannis verwandeln will. Seit Platon wissen wir um die platte Willkür politischer Herrschaft, die des Nomos, also der Gesetzmässigkeit, entbehrt. Genau das will diese Postille: Der Souverän soll – wie ein Tyrann – seine Macht schrankenlos ausüben: Keine Verfassung und schon gar keine Menschenrechte und Religionsfreiheiten, notabene die grossen Errungenschaften unserer republikanischen Vorväter und -mütter, dürfen der von der «Weltwoche» herbeigeschriebenen Tyrannei der Mehrheit im Wege stehen. Ihr wisst es bereits Citoyens: Im Licht des Aufklärungsliberalismus unterscheidet sich eine Tyrannei der Mehrheit kein Jota von einer simplen Tyrannis.

Hohes Gericht, ich komme zum Fazit. Wie gezeigt, steht in der neuen «Weltwoche» nicht drin, was draufsteht. Sie ist zum Gegenteil einer «liberalen Warte» verkommen. In ihrer Verstümmelung des Politischen auf Freund und Feind zum Ersten, in ihrer dreifachen Dogmatik der Unvernunft zum Zweiten und in ihrem Bestreben, unsere freie Republik in eine nackte Tyrannis zu verwandeln, zum Dritten, manifestiert sich ein zutiefst antiliberaler Standpunkt.

Geehrte Vorsitzende, werte Geschworene, Bürgerinnen und Bürger: Inmitten unserer Helvetischen Republik haben wir ein Organ, das ehrbare Citoyens diffamiert, Minderheiten diskriminiert und unsere nationalen wie internationalen Institutionen der Freiheit diskreditiert.

Brüder und Schwestern des aufklärungsliberalen Denkens – träge geworden durch die allzu selbstverständlichen Freiheiten, die uns die Aufklärungsbewegung einst erkämpfte, haben wir es bereits zugelassen, dass rein pekuniär orientierte Verleger die Öffentlichkeit unseres Gemeinwesens mitsamt unseren Köpfen mit Gratisnachrichten über Blut, Busen und Büsis zukleistern und diese Belanglosigkeiten tatsächlich als «Informationsjournalismus» verkaufen – zumindest den dreisten Etikettenschwindel dieses Blattes dürfen wir nicht dulden!

Da der wahre Liberalismus selbst seine Gegner schützt, wäre ich der erste der bei einem Verbot dieses Erzeugnisses der Unvernunft auf den Strassen unserer Republik wieder für die Freiheit der Presse kämpfen würde, aber in unserer republikanischen Öffentlichkeit muss wieder klar werden, wer in der Tradition der Aufklärung steht und – wer nicht!

* Ungekürzte Fassung der anlässlich der «Zürcher Prozesse» gehaltenen Eröffnungsrede (Theater Neumarkt, Zürich, 3. Mai 2013).

Kurt Imhof ist Mitherausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera» des «fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft» der Universität Zürich.

von Kurt Imhof | Kategorie: Mediensatz

19 Bemerkungen zu «Für die Freiheit und gegen den Etikettenschwindel der «Weltwoche» − Eröffnungrede anlässlich der «Zürcher Prozesse»*»

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  2. Skepdicker:

    Oha, Professor Robespierre usurpiert die Aufklärung!

    Darf man davon ausgehen, dass die wiedergeborenen Citoyens ihre neomarxistischen bzw. postmodernen Flausen hinter sich gelassen haben? Fertig Gurkensalat, A.C.A.B., Spassguerilla und La République n’existe pas? Werden Adorno, Horkheimer und Marcuse nun verschämt vom Bücherregal in den Keller befördert? Wird von den wiedergeborenen Citoyens nun sogar die republikanische Institution der Miliz-Armee (levée en masse) gegen die Verfassungsfeinde (Art. 58 BV) verteidigt?

    Oder handelt es sich hierbei ganz einfach um einen klassischen Fall eines unfriendly takeovers? Erspart sich das freche Wiesel den mühsamen Diskurs, indem es heimlich den Inhalt des Eis aussaugt, an dem die Etiketten „Aufklärung“ und „liberal“ angebracht sind, und einen beliebigen Inhalt ins Ei füllt?

    Fragen über Fragen.

    • Kurt Imhof:

      Klassische Nebelpetarde

    • Was genau das jetzt mit dem Thema zu tun hat wird wohl ewig unklar bleiben. Aber für echte Argumente ist man halt zu feige

      • Skepdicker:

        Was das mit dem Thema zu tun hat?

        Kurz: Der sozialdemokratische Weltanschauungsprofessor kritisiert das konservative Weltanschauungsblatt. So weit, so langweilig.
        Seltsamerweise tut er dies, indem er sich als Hohepriester des Liberalismus und der Aufklärung aufspielt. Das ist zwar unterhaltsam, weil sich auch das konservative Weltanschauungsblatt gerne auf den Liberalismus und die Aufklärung beruft. Der Erkenntnisgewinn bleibt allerdings gering, wenn man sich Abstraktes wie Antiliberalismus, das Verlassen des Pfades der Aufklärung oder unbotmässige Kritik an Institutionen vorwirft.

        • Kurt Imhof:

          Weder Nebelpetarden noch Personalisierung überraschen. Wie viele, die sich irgendwo im bürgerlichen Mainstream wähnen, hat der Skepticker keine Ahnung mehr von der Ideengeschichte der grandiosen Weltanschauung des Bürgertums. Das Resultat dieser fatalen Liberalismusvergessenheit im zeitgenössischen Bürgertum, bedeutet zwangsweise die Notwendigkeit sich politisch nur in Abgrenzung von als links ausgemachten Personen oder Positionen verorten zu können. Hier idealtypisch vom Skepticker vorgetragen. Liberalismus oder Antiliberalismus sind ihm nur noch inhaltsleere Schlagworte im Pulverdampf der Alltagspolitik.
          Genau auf diesen Missstand zeitgenössischen bürgerlichen Denkens zielte mein Pamphlet. Denn: Carl Schmitt und die Reduktion des Politischen auf Freund und Feind, die drei Dogmen der Unvernunft (Dissoziation von Freiheit und Republik, Distinktion von Volk und Eliten, Opposition von Zugehörig und Fremd) sowie die Trennung von Rechtsstaat und Demokratie sind weiter von der reichen Ideengeschichte des Liberalismus bis hin zu den Positionen der Mont Pèlerin Society entfernt, als es etwa Karl Marx je war.

          • Bernhard Folda:

            Ich behaupte in aller Freiheit, dass die merkwürdige Benennung als „Skepdicker“ Beweis an sich ist, dass es sich beim Schreiberling um einen Feigling handelt, der nicht einmal mutig genug ist, seinen eigenen Namen zu nennen. Wer aber so feige ist, hat seine Glaubwürdigkeit schon dadurch verwirkt. Es ist erbärmlich, wenn man seine kruden Behauptungen nur verbreiten kann, wenn man sich hinter Pseudonymen versteckt.

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  4. Chapeau! – Besser: Vivisektion!

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  6. Skepdicker:

    Professor Imhof definiert dank seinem immensen ideengeschichtlichen Wissen den archimedischen Punkt des Liberalismus und sagt frei nach Karl Lueger: „Wer a Liberaler is, des bestimm i!“

    Schön, über Geschmack und Definitionen lohnt es sich bekanntlich nicht zu streiten. Es sei Professor Imhof unbenommen, sein Katze als Hund oder seine politische Weltanschauung als Liberalismus zu bezeichnen. Aus nomologischer Warte kann eine Definition weder richtig noch falsch sein.

    Schade ist jedoch, dass Professor Imhofs eher exotische Liberalismus-Definition den gesellschaftlichen Diskurs erschwert. Liberalismus umfasst in der Regel gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Liberalismus.
    Wirtschaftsliberale, die gesellschaftlich nicht liberal eingestellt sind, nennt man in der Regel Konservative. Für gesellschaftlich Liberale, die dem seelenlosen Markt prinzpiell negativ gegenüberstehen, gibt es ebenfalls gängige Bezeichnungen: Linke, Sozialdemokraten, Grüne.

    Es fragt sich, warum Professor Imhof so viel Wert darauf legt, seine spezifische Ausprägung sozialdemokratischer Weltanschauung als „Aufklärungsliberalismus“ zu etikettieren. Dies erstaunt aus zwei Gründen:

    1. In Kontinentaleuropa verwenden die allermeisten Menschen, die weltanschaulich mit Professor Imhof mehr oder minder im selben Boot sitzen, das Adjektiv „liberal“ als abwertende Fremdbezeichnung. In Frankreich ist „liberal“ gar ein Schimpfwort. Warum also „Aufklärungsliberalismus“ als Synonym für Sozialdemokratie in der Öffentlichkeit etablieren?

    2. Die allermeisten etablierten Liberalismus-Definitionen in der Wissenschaft widersprechen der Imhofschen Definition in wesentlichen Punkten. Wozu eine neue Exoten-Definition?

    Auch die Imhofschen Dogmen der Unvernunft stehen nur partiell in der Tadition des Liberalismus:

    Was das Verhältnis zwischen Rechtstaat und Demokratie betriff, wandelt Professor Imhof klar auf liberalen Pfaden. Von Tocqueville über Montesquieu bis Hayek (Die Verfassung der Freiheit, 1960) wurde von liberalen Denkern stets vor einer Tyrannei der Mehrheit gewarnt. Zeitgenössische Hyper-Liberale wie Hans-Hermann Hoppe (Democracy: The God That Failed, 2001) gehen wohl noch einige Schritte weiter als Imhof, was die Relativierung der Demokratie betrifft.
    Umso unverständlicher ist die prinzipielle Ablehnung des „seelenlosen Marktes“ gegenüber dem „beseelten Gemeinwesen“ in zahlreichen Publikationen des Aufklärungsliberalen Imhof. Ähnlich wie der unbeseelte Rechtsstaat schützt der unbeseelte Markt die Individuen vor der Tyrannei der beseelten Mehrheit. In der Realität funktioniert die Bürokratie nicht so unbeseelt wie in Max Webers Idealbild. Auch der Markt ist nicht so anonym wie in den Modellen naiver Ökonomen. Rechtsstaat und Markt schützen jedoch gerade durch ihre Unbeseeltheit in der Tendenz Individuen, die sich sozial abweichend verhalten oder aus irgendwelchen Gründen diskriminiert werden.

    Bezüglich Distinktion von Volk und Elite ist Professor Imhof insofern zuzustimmen, als das Volk im Durchschnitt kaum weniger fehlbar ist als die Elite. Es fällt allerdings auf, dass Professor Imhof und seine Mitstreiter eine relativ selektive Liebe zur Elite aufweisen. Das ist auch verständlich: In Zeiten einer verfilzten freisinnigen Elite tendierten die Anhänger des „Aufklärungsliberalismus“ (bzw. der Sozialdemokratie) dazu, die Elite zu kritisieren und das Volk zu überhöhen. Dieses Muster tritt bei allen Anhängern von Weltanschauungen auf, die bei einem vermeintlichen oder tatsächlichen Elite-Volk-Konflikt das Volk auf ihrer Seite sehen. Insofern steht der Liberale nicht prinzipiell auf der Seite des Volkes oder der Elite.

    Was die Opposition von Zugehörig und Fremd betrifft, rennt Professor Imhof liberal-offene Türen ein. Allerdings ist auch das Gegenteil dieses Dogmas der Unvernunft kein Grundsatz der Vernunft: „Das Einheimische, die Zugehörigen und das Nationale sind primär Täter (und irgendwie provinziell); das Fremde, die Zugezogenen sind primär Opfer (und iregendwie cool).“ Schwulenfeindliche Holocaust-Leugner aus Pakistan sind nicht weniger rechtsradikal als schwulenfeindliche Skins aus dem Fricktal. Naürlich: Das liberale Herz erfreut sich an jedem zugewanderten Verfassungspatrioten, heisst ihn als Eidgenossen willkommen und plädiert für ein Ius Soli. Der Liberale ist aber nicht bereit darüber zu diskutieren, ob Mozarts „Idomeneo“ oder Voltaires „Le fanatisme ou Mahomet le Prophète“ angesichts eventuell verletzter religiöser Gefühle nicht mehr gespielt werden sollten. Der Liberale ist auch nicht bereit, Menschen, die aus religiösen Gründen wissentlich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt reduzieren, vor Unbill zu bewahren. Wer sich aus ästhetischen Gründen den Kopf volltätowiert oder aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt, nimmt gleichermassen in Kauf, seine Chance auf einen Job am Bankschalter zu mindern. Ein orthodoxer Jude, ein Islam-Konvertit mit demonstrativ langem Bart, ein Christ mit einem Fischli am Auto oder ein SVP-Mitglied an einer Universität grenzen sich allesamt bewusst und freiwillig vom jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld ab. Entsprechend dickhäutig sollten sie auf Anfeindungen reagieren, sofern keine rechtlichen Grenzen überschritten werden. Der liberale Staat ist kein nanny state – und er zeigt bei Bedarf seine Zähne. Siehe Jesuitenverbot und Klosterverbot.

    Abschliessend bedankt sich der Skepdicker bei Professor Imhof aufrichtig für die republikanische Deliberation.

    • Frank Hofmann:

      Brillante Replik, Skepdicker. Chapeau!

    • Thomas Läubli:

      Schwache Replik, Skepdicker. Gesslerhut!

      Dem Philosophen kommt schon die Formulierung einer „Definition in der Wissenschaft“ verdächtig vor. Welche Wissenschaft darfs denn sein? Die Ökonomie? Oder sollen wir uns nach der Definition selbsternannter „Freunde der Freiheit“ richten? Wer an einem Begriff festklebt, offenbart vor allem eines: Ideologie.

      Der „unbeseelte Markt“ schützt die Individuen nicht vor der Tyrannei der Mehrheit. Und der Wettbewerb- und Konkurrenzdenken garantiert schon gar keine Freiheit. «Die Konkurrenz bereichert gegenseitig. Das ist kein leeres Wort, das Prinzip funktioniert überall», hiess es heute im TA auf Seite 30. Nun gut, dann fordere ich alle verliebten Pärchen auf, ihre Beziehung jederzeit dem freien Wettbewerb auszusetzen. Sie werden sehen, dass das nicht mehr Freiheit bringt. Der Mensch muss an gewissen Werten festhalten, damit Freiheit überhaupt möglich wird.

      In diesem Sinne sind die heutigen Verfechter des Liberalismus Antiliberale. Sie wollen die Menschen permanentem Stress aussetzen, indem sie Gewissheiten ständig zerstören und dadurch ihren Machtgelüsten aussetzen – natürlich bis auf die Sicherheiten, die der Unternehmer selber besitzt. Der darf alles. Der Liberalismus des Rechtsfreisinns bedeutet bloss Freiheit für den Unternehmer. Sein Werkzeug ist der freie Markt, der so angelegt ist, dass jene, die schon viel Geld haben, das System auch beeinflussen können. Ein Liberaler erkennt, dass hier die Tyrannei der Mehrheit angelegt ist, und verhindert Machtballungen und Deutungshoheiten, indem er einen staatlich organisierten Ausgleich schafft.

      Wer die Geschichte des Liberalismus studiert, sieht, dass kein ernsthafter Denker eine so krude Meinung wie ein Skepdicker vertreten hat. Er käme auch nie auf die Idee, Leute wie Michael Sandel, Stiglitz oder Sedláček oder als Feinde der Freiheit zu bezeichnen, weil er weiss, dass Definitionen Teil des Streites zur Frage ist, was denn nun Freiheit sei, und die Sachlage zu komplex ist, um endgültige Antworten zu liefern.

  7. Klaus Mueller:

    Ich mach’s kürzer:
    Klöppels Weltwoche ist eine verachtenswerte Gazette, da können Sie noch so viel schwurbeln, Skepdicker.

    • Frank Hofmann:

      Verachtenswert ist eine sich selbst legitimierende Instanz, nämlich ein staatlich finanzierter, linkselitärer kulturell-politisch-universitärer Apparat, inkl. SRF und importierter „Zeugen“, der sich nicht entblödet, in einem politischen Schauprozess eine kleine Wochenzeitung zu diffamieren.

      • Mara Meier:

        Herr Hofmann

        „Verachtenswert“ ist keine Instanz, sondern ein Werturteil.

        Sie sagen, der staatlich finanzierte Apparat (Kulturschaffen, Sozialdemokratie, Universität, SRF) sei solcher Art („verachtenswert“) sowie „sich selbst legitimierend“. Seltsam, dass auch Leute, die durchaus nicht links stehen, Sozialistengesetze nicht herbeisehnen und die Universität für eine tendenziell sinnvolle Institution halten; man denke beispielsweise an die Berliner (Himbeerkonfi) im Rondell, die besten der Stadt.

        SRF. Sie wollen mir jetzt nicht im Ernst „Glanz und Gloria“ vergällen? In Sachen Kultur haben Sie zu 100% Recht; darauf könnte man ohne Verlust verzichten.

        Zu den importierten „Zeugen“ (d.h. „Experte“ und „Co-Ankläger“): Gerade am Austria-Import müssten Sie sich erfreut haben; der Herr hat in grossartiger Selbstüberschätzung aus Versehen die eigene Rolle persifliert.

        Dann: Ein Schauprozess ist ein Prozess, dessen Urteil vorher feststeht. Ergo waren die Zürcher Prozesse kein Schauprozess. Das Verdikt stand nicht fest und hatte keinen rechtlichen Rahmen, der ausserdem eine Diktatur voraussetzte; diese Form hat die Schweiz bekanntlich schon länger nicht zu bieten. Viergeteilt wurde auch niemand, nicht einmal zum Spass.

        Die „kleine Weltwoche“ wurde „diffamiert“? Sie wurde im Rahmen eines Kunstprojekts angeklagt und konnte sich bühnenreif verteidigen. Was gelang.

    • Mara Meier:

      Herr Mueller

      Skepdicker kann unter keinem Titel als „Schwurbler“ gelten; Sie sind ideologisch nicht mit ihm einverstanden.

      Der Mann, den Sie meinen, heisst nicht „Klöppel“, sondern Köppel. Köppel, Roger. Ob Sie ihn mögen oder nicht, das ist sein Name.

      Die „verachtenswerte Gazette“ hat für mich seit den Zürcher Prozessen an Attraktivität gewonnen; ich werde das Nischenprodukt für Sonderlinge, das scheinbar niemand liest, ausser Journalisten, das zu ignorieren oder zu verabscheuen ist, abonnieren und mich jeweils donnerstags von 10:30–11:30 an meinem verruchten kleinen Minderheitenstatus laben.

      Während des diskursiven Vorgangs auf der Bühne wurde behauptet, die Weltwoche liebäugle mit der Anarchie. Falls dem so wäre, würde die Lektüre Kreativität und Trotz freisetzen. Wohlan!

      Das Theater um die Weltwoche hat nicht nur die Debatte auf der Bühne beleuchtet, sondern – dramatischer – die Mechanismen der Kritik im Nachgang. Eine ganze Branche ist ins Badezimmer gestürzt, aber statt aus dem Fenster zu schauen und auf der Toilette zu lesen, nachzudenken und sich in Ruhe zu entleeren, hat sie gebannt in den Spiegel geschaut und ist wie der Magier in Hermann Burgers Erzählung „Diabelli“ – vom eigenen Spiegelbild fasziniert – dazu übergegangen, mit einem zweiten, hinter das Ohr gehaltenen Frisierspiegel das Ich zu vervielfachen.

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