Apropos Horror und Terror

Impression 1: Im Kino

Ein «Heidenspass für Erwachsene» («NZZ»), «solides Popcorn-Kino», dünne Geschichte, Einfälle gelungen («Züritipp»), ein Schweizer Kinoportal gibt 3,4 von 6 Sternen für einen Film, der nicht gut zu nennen, aber «recht unterhaltsam» sei für alle, die vor Zeitlupenaction und Splatter nicht zurückschrecken würden. «Hansel und Gretel, Witch Hunters» (Tommy Wirkola, 2013), Grusel-Fantasy in trendiger Optik. Billige Gags, dumm-gute Unterhaltung. Nichts wie hin.

Kunstvoller Vorspann, pseudohistorisch-pergamenten, aha, so bewältigen Hänsel und Gretel ihr Kindheitstrauma: Sie massakrieren Hexen, monströse, übergrosse alte Weiber widerwärtiger Gestalt, hängende Brüste. Eine erste Irritation muss weichen, die Erwartung lenkt und trägt, Cola Zero schmeckt, der Film schreitet fort, das energetische Märchenpersonal ballert auf der Suche nach verschwundenen Kindern variantenreich, schlachtet ab, rennt, kämpft, dazwischen wird etwas unmotiviert herumgeliebt.

Mein Wille zur Unterhaltung ist lebhaft, aber bald rissig. Die Freude an Klamauk und Übertreibung zerfällt schleichend, das Vergnügen kollabiert ausgerechnet auf dem Handlungszenith, während der Orgie auf dem Blocksberg, wo die Hexen tagen. Der rote Mond am Himmel, Maschinengewehrsalven als Sound der letzten Walpurgisnacht, die Hexen zersiebt, geköpft, mause. Grandiose Perversion: Jede Gruppe ist politisch korrekt vertreten: schwarze Hexen sind sie alle (die guten weissen: schon tot, bald tot oder jungfräulich, das Repertoire für die korrekte Hexe ist beschränkt), Hexen schwarzer Hautfarbe, Hexen aus Europa, aus Asien, Hexennachwuchs, altgediente Hexen, grauhaarige, dicke, dünne, kleine, grosse, eine ist behindert, flink kriecht sie übers Tableau, punkige, modische, eine anmutige Silhouette blitzt auf. Jetzt sind alle Typen Matsch, ihre Leiber zerstreut im Wald. So geht es den Satansbraten aus Ost und West, die es wagen, alleine aufzutreten, sich in die Lüfte zu erheben, Hybris! Ein schauriges Ambiente hat die Saubande kreiert, nun hat der Spuk ein Ende, das von repressiven Ordnungen losgelöst Weibliche ist vernichtet.

Unter den Augen der Rezension, mitten im politisch korrekten Diskurs nistet sich, «recht unterhaltsam», ein erschütternd misogynes Statement ein, nicht subtil, ganz ohne Subwoofer, nicht offensichtlich, weder als Porno noch als Werbung arrangiert, sondern als Pop, unpolitisch, massentauglich. Fass um Fass wird das Öl am Zuschauer vorbei auf den Dachboden geschleppt. Kawumm. Es fehlt die Zeit, vom Mikroskop aufzuschauen, zu sehr ist der Rezensent auf seiner Schiene, der Denkbarriere, der Blick für ein Big Picture an unerwarteter Stelle ist verkümmert. Er wüsste sofort: Sexistisch ist, wenn Obama eine Staatsanwältin als fähig und schön beschreibt, wenn ein älterer Politiker eine jüngere Blondine an der Bar plump zutextet; ob die voll alphabetisiert ist oder nicht, interessiert weniger. Drama. Das Verhältnis der Geschlechter, das einst grenzgängige Ding «Sex» hat korrekt zu sein, so schamlos besprochen wie respektvoll exekutiert. Rhetorisch gezügelt und eingefärbt, viele machen mit − Mimikry ist Pflicht. Jeder Fehlwahrnehmung wird zugunsten der Korrektheit zugenickt, dekretiert von der Community der Gutmeinenden, der Moralischen. Es wird geschwiegen, z.T. wider besseres Wissen und mit der Konsequenz, dass im Keller die allerschlimmsten Nachtschattengewächse üppig wachsen und ballernd in eine Welt wuchern, in der alle gleich sind, vor guter Absicht strotzend.

Impression 2: Beim Lesen

Daniel Weber fragt sich mit Rolf Dobelli im «Mediensatz» der vergangenen Woche («No News, please?»), inwiefern News unser Gehirn zum Flipperkasten machen. Er verweist auf journalistische Fehlleistungen nach dem Bombenanschlag in Boston, auf «Meldungen, Nullmeldungen, Falschmeldungen in hysterischer Echtzeit rund um die Uhr auf allen Kanälen». Das ist das eine. Zum anderen befassen sich Leitartikel und Analysen in auffälliger Hingabe mit dem Thema, als sei ein Massaker ungeahnten Ausmasses passiert, eine Katastrophe, als stünde Amerika kurz vor dem Kollaps − und Europa, das sich wie ein Co-Alkoholiker geriert, dazu (und damit die Welt).

Unausweichlich der Gedanke an das «Boston Massacre» von 1770, als fünf Zivilisten von britischen Soldaten getötet wurden, was zu Propagandazwecken («Massaker») und als Trigger für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg genutzt wurde (1978 bezeichneten die New York Yankees ihren Sieg gegen die Boston Red Sox ungestraft mit dem gleichen Begriff). Jetzt kamen in Boston drei Menschen zu Tode. Drei sind zuviel. Ich sage das nicht gerne, weil es klar ist. Aber ich unterwerfe mich − um zu exemplifizieren − den kommunikativen Regeln des Gesäusels. Ich lebe nicht im sozialen Vakuum, niemand möchte 2013 der Herzlosigkeit bezichtigt werden, alle müssen genug Gefühl zeigen, unmissverständlich, um glaubwürdig als Teil des Diskurses zu funktionieren.

Die «Südostschweiz» hält am vergangenen Samstag fest, Boston bemühe sich tapfer, nach vorne zu schauen. Auf dem Foto dazu liegen Rosen auf dem Boden. Gleichentags, Leitartikel der «NZZ»: «Die amerikanische Nation will verstehen, was ihr widerfahren ist […]. Ein Terrorakt bedeutet den Einbruch einer archaischen Zerstörungskraft in die geordnete Welt […]; dies verstört zutiefst.» Im «Spiegel» steht: «Die Bomben von Boston haben viele Fragen aufgeworfen: Können wir Mitgefühl zeigen und trotzdem weiterlaufen? Ist diese Lauferei okay?» Das Cover des «Boston Magazine» zeigt ein Herz, eingefasst von farblich assortierten Turnschuhen, in der dunklen Mitte ein Zitat Obamas: «We will finish the Race.»

Ich verstosse nun leider gegen die Regeln, wenn ich sage: unerträglicher Kitsch. Als ginge hier eine verquere Trauerparty ab, der optische Übergang zum Valentinstag für Runner ist nahtlos. Parallel dazu die Personifikation von Boston (es ist tapfer) und der Nation (sie will verstehen). Als verstünden Gebilde etwas. Gefühlsduseleien, die Abwendung vom rationalen Denken zugunsten des magisch-poetischen Fabulierens und Irrationalen.

Die drei Toten aus Boston müssen unmerklich mit 1000 multipliziert worden sein, weil sie in Boston gestorben sind und nicht in Bangladesch. Vielleicht wurden sie noch weiter multipliziert, weil sie an einem Stadt-Marathon gestorben sind, emblematisch für einen Lebensstil: Wir sind alle Jogger. Die neuste, die gültige Ausgabe des Homo sapiens ist der Homo marathonensis. Er spricht korrekt, ernährt sich korrekt, bewegt sich korrekt. Der Marathon als neuer Gottesdienst. Der individuelle Turnschuh ein Gott. Hergestellt in Ländern, die noch den alten Göttern anhängen, ferne Galaxien der Unordnung; dort ist der Einbruch von Gewalt und Anarchie nicht erschütternd, sondern konstitutiv.

Kein Beobachter ist ein Rassist. Die Bezeichnung von Unterschieden wird geahndet. Mittendrin das gigantische rassistische Statement der Berichterstattung hypertropher Betroffenheit. Die Boston-Narration, ein Manifest der Überlegenheit, der Herabwürdigung anderer Kulturen. Die multikulturelle Gesellschaft des Westens wendet sich mit einem Bombardement aus News und Analysen gegen traditionsgebundene Gesellschaften, gegen Menschen, die noch bei sich zu Hause sind, vorab gegen den Islam. Aber kein Wort gegen Asylsuchende! Rückständig sind nach obiger Logik nur die, die nicht zu den Heilsbringern kommen. Mit Paradoxen könnte man fortfahren. Kein Wort gegen Behinderte! Kein Wort gegen Abtreibung! «Möngi» darf man nicht sagen. Seid beruhigt, Ihr Guten! Bald schon wird es keine Trisomie-21-Kinder mehr geben. Sie sterben aus. Sie werden abgetrieben, die schönsten Lilien auf dem Felde.

Die These

Sexismus und Rassismus, Diskriminierung, Gewalt. Jede Ritze birgt sie, ein Wort, sie sitzen in der guten Stube, an der Bar. Die dazu passenden Bösen finden sich an den üblichen Orten. Die Guten, das sind die Heutigen, die persönlich Betroffenen, sie leisten jederzeit verbalen Widerstand, zeigen sich präventiv und abstrakt solidarisch mit den Opfern. Sie sehen sich als kritische Beobachter. Ihr reflexhaftes Eingreifen und die damit verbundene Selbstdarstellung steigern Akzeptanz, moralische Glaubwürdigkeit, Attraktivität in einer Community, die Begriffe und Themen tadelt oder adelt und in einen Kontext stellt. Dieser Kontext ist angereichert mit viel Gefühl und Verständnis. Für die richtige Performance, das moralisch richtige Verhalten und genug Biedersinn gibt es Küsse, ansonsten: Kopfnüsse. Erkenntniswert und Niveau sind egal, Hauptsache die Temperatur stimmt. Stimmt die Temperatur, gibt es Preise zu gewinnen: Gemeinschaft, Nestwärme, Überlegenheit, Abgrenzung, Identität. Prima − wären Menschen eindeutige Wesen (die Guten gut, die Bösen bös), wären nicht zu viele Blicke vom ewigen Mikroskopieren versaut. Da der Mensch jedoch ambivalent ist, produziert er durch den Zwang zur behaupteten Eindeutigkeit fatale Fehlleistungen, verengt sein Denken. Wer ausgelastet ist mit Gutsein im eigenen Biotop, mit Schwebearbeit im Gefühlshaushalt, der verpasst halt so einiges. Das ganze Leben in seiner Doppeldeutigkeit. Im Kino. Beim Lesen. Und überhaupt.

Romana Ganzoni schreibt einen Roman, wenn sie nicht gerade auf dem Medienspiegel prokrastiniert.

von Romana Ganzoni | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Apropos Horror und Terror»

  1. Dominique:

    Gehts auch kürzer?

    • TScholdigong:

      Gehts auch dümmer?

    • Thomas Läubli:

      Sie meinen auf Twitter-Niveau?

      (Oh, und dann empören sich wieder die, die glauben, Twitter sei die neueste Kunstform, um einen Sachverhalt im Haiku-Stil auf den Punkt zu bringen. Nun, religiös sind heute die meisten Leute, nur merken Sie’s nicht. Auch die, die einem Film 4 von 4 Sternen geben, nur weil es aus der US-Küche kommt und dank der Selbstbespiegelungsmanier der finanzkräftigen Unterhaltungsindustrie mit 4 Oscars geadelt wurde.)

  2. Romana Ganzoni:

    getAbstract

    Film gesehen. Im Film geht es Hexen heftig an den Kragen. Die Hexen sind kostümierte Frauen jeden Typs. Der Film richtet sich in widerlicher Weise gegen das Weibliche, das sich eigenständig bewegt. Unüberbietbar sexistisch. Die Kritik hat das nicht bemerkt; sie verstösst damit gegen den aktuellen Diskurs, der gebietet, bei Unkorrektheit in Genderfragen medial sofort Alarm zu schlagen.

    Zeitung gelesen. In Boston gab es ein Attentat mit drei Toten. Die Berichterstattung ist emotional, überschlägt sich, als hätte es 3000 Tote gegeben. Westlicher Rassismus, unübersehbar; auch er steht im Gegensatz zum aktuellen Diskurs, der keine rassistischen Äusserungen zulässt, jede Bezugnahme auf Unterschiede ist verdächtig.

    Aus der Spannung zwischen der hellen Wohnung mit Kuschelecke im ersten Stock, wo es korrekt und moralisch zugeht, und dem weitläufigen Keller, wo die Bemerkungen hinter vorgehaltener Hand muffen, die verbotene Wahrnehmung, das Ungeliebte, die hässliche Verwandtschaft der erlaubten Begriffe gärt. Der Moralische, der Biedere, der Mikroskopierer des Korrekten würde sich von dieser Verwandtschaft lossagen, wüsste er von ihr. Er wüsste von ihr, wüsste er mehr über sich – und über andere. Er, gutmeinend, geht aber nicht nur davon aus, dass der Mensch ein eindeutiges Wesen sei, sondern auch, dass mit Betroffenheit, Gefühl und Zensur ein Diskurs geführt werden könne. Der Applaus der Werte-Gemeinschaft ist ihm so sicher wie der Preis unbekannt: blinde Flecken, ein kleinkarierter Blick, Konditionierung, ein Keller, der lebt; in ihm materialisiert sich Verdrängtes, Hasswerk oder Ignoranz, es drückt gefährlich durch die Gitter-Fenster ins Freie, während im ersten Stock die Tasse mit dem Grüntee zum Mund geführt wird.

  3. Bernhard Folda:

    Offen gesagt, gefällt mir der längere Text weit besser, auch, weil ich ihn ein zweites Mal lesen musste, um ihn zu verstehen. Warum also muss alles immer stromlinienförmig, einfach verständlich und eingängig formuliert vorliegen? Gerade die genannten Anforderungen verleiten zu Verkürzungen, Simplifizierungen, Verfälschungen und haben obendrein verloren, was die Verbindung von Worten nämlich auch sein kann: sinnlich sein, also Intellekt und Emotion ansprechen, beides herausfordern. In der Kurzform wird aus dem Text eine Aufzählung. Ich frage daher nochmals: Ist das wirklich nötig?

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