Macht sich Islamfeindlichkeit auch in etablierten Medien breit?

Von Oliver Wäckerlig

Am 28. März 2013 veröffentlichte Thomas Wehrli in der «Basler Zeitung» (««BaZ»») einen Artikel, der am nächsten Tag, einem Karfreitag, unter dem reisserischen Titel «Alle 5 Minuten wird ein Christ ermordet» online gestellt wurde. Mehr oder minder unverblümt greift der stellvertretende Ressortleiter Politik der ««BaZ»» dabei auf die Thesen des in Deutschland wegen Volksverhetzung angeklagten Michael Merkle zurück. Der bekannte islamophobe Agitator tritt unter dem Pseudonym Michael Mannheimer seit Jahren in Blogs und auf Kundgebungen öffentlich in Erscheinung.

Dieser Beitrag möchte aufzeigen, wie Thomas Wehrli zu Ostern versucht hat, das Thema der «Christenverfolgung» für eine Abrechung mit dem Islam zu instrumentalisieren. Dazu plagiierte Wehrli einen Aufsatz von Mannheimer aus dem Sammelband Christenverfolgung in islamischen Ländern (2011). Der von den Professoren Jürgen Bellers und Markus Porsche-Ludwig herausgegebenen Band ist ein Beispiel für eine publizistische Plattform, die solchen – verharmlosend als «Islamkritiker» bezeichneten – Provokateuren als Sprungbrett dient, islamfeindliche Deutungsmuster in einer breiten Öffentlichkeit salonfähig zu machen. Dabei ist auch die «Weltwoche» wiederholt durch einen unkritischen Umgang mit solchen «Islamexperten» aufgefallen. [ACHTUNG: very, very Longread!]

Der tendenziöse Artikel des «BaZ»-Redaktors besticht im ersten Teil durch bunt ausgemalte Horrorszenarien mit wahllos zusammengewürfelten Daten über verfolgte Christen. Im zweiten Teil versucht Wehrli dann die beschriebenen Phänomene auf eine einfache Ursache zurückzuführen: den Islam.

Verschiedene Blogs haben auf den «BaZ»-Artikel reagiert (z.B. hier, hier oder hier), denn sowohl Wehrlis Informationen über verfolgte Christen als auch einige seiner Passagen über den Islam finden sich auch im Internet wieder. Von Mannheimers Sammelbandbeitrag, auf den Wehrli zurückgreift, existieren einige frühere Versionen auf islamfeindlichen Blogs, die wiederum auf einen Vortrag Mannheimers an einem katholischen Priesterseminar zurückgehen.

Durch die Einbindung der «BaZ» in die Tamedia Online-Plattform Newsnet, war Wehrlis Karfreitagsartikel auch in den Tamedia-Titeln publiziert worden. Dort wurde er nach Ostern aber wieder gelöscht, als in den Reaktionen auf den Artikel auch Mannheimers Anklage wegen Volksverhetzung problematisiert wurde. Nicht so auf «Bazonline.ch», wo gemäss einem Korrektureintrag vom 3. April 2013 nur zwei von Wehrli explizit als Mannheimer-Zitate deklarierte Aussagen zurückgenommen wurden.

Zuerst soll hier zunächst nachgewiesen werden, dass Wehrli den ganzen Teil zum Islam von Mannheimer übernommen hat und nicht bloss die zwei mittlerweile gelöschten inkriminierten Passagen (1. Kapitel). Dann werden die dem Wehrli-Text zugrundeliegenden Schmähschriften Mannheimers einer Prüfung unterzogen. Dabei wird aufgezeigt, wie die fehlende Sorgfalt im Umgang mit Bildern und Quellen mit den Vorurteilen islamfeindlicher Autoren gegenüber den etablierten Massenmedien zusammenhängt (2. Kapitel).

Als Nächstes wird der Grund für die Anklage Mannheimers wegen Volksverhetzung erläutert, denn er hat eben nicht primär gegen Muslime gehetzt, sondern gegen das «Establishment» (3. Kapitel). Daher wird zur Frage, weshalb die von Wehrli plagiierten Mannheimer-Texte in einen Sammelband aufgenommen wurden, die These vertreten, dass Mannheimer in der Rolle eines «Tabubrechers» eingesetzt wird, im Versuch eine als diskursiv gesetzt wahrgenommene Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Dazu wird eine religiös begründete Islamfeindlichkeit angeführt, die sich durch eine Glorifizierung des Christentums zugleich auch gegen die eigene liberale Gesellschaft wendet (4. Kapitel).

Daran anschliessend wird hier argumentiert, dass solche Vorstellungen einer bewusst unterdrückten öffentlichen Debatte über «den Islam» breit geteilt werden: Thomas Wehrli, Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», oder auch die international bekannte Aktivistin Ayaan Hirsi Ali reproduzieren solche Deutungsmuster (5. Kapitel). Die Wahrnehmung einer über Political Correctness legitimierten medialen Gesinnungsdiktatur verdichtet sich im harten Kern der sozialen Bewegung, die sich gegen eine «Islamisierung» zur Wehr setzt, zu einer Dolchstoss-Legende. Die Folge ist eine Radikalisierung der islamophoben Szene (6. Kapitel), verbunden mit einer ideologischen Konsolidierung aufgrund der «Eurabia»-Theorie (7. Kapitel), die zu einem geschlossenen Weltbild führt, in dem «die Linken» als «Hauptfeind» identifiziert werden (8. Kapitel).

Zum Schluss wird dargelegt, wie die islamfeindlichen Stereotype, die in der Debatte über die «Islamisierung» zur Anwendung kommen, auch die Diskussion um die verfolgten Christen prägen. Neben einer Skandalisierung der «Christenverfolgung» erfolgt auch bei Thomas Wehrli eine Dramatisierung mittels Statistik, was in der Wahrnehmung eines «Genozids» durch Muslime gipfelt (9. Kapitel). Befördert wird dieser Diskurs durch im Kalten Krieg gegründete christliche Organisationen (10. Kapitel).

Im Fazit wird die These wieder aufgegriffen, dass die Diskussion über verfolgte Christen von Seiten Thomas Wehrlis und seinen Gesinnungsgenossen primär dazu dient, ein Feindbild Islam aufzubauen und Zwangsmassnahmen einzufordern. Dabei wird durch eine politische Instrumentalisierung der Debatte eine Abrechnung mit «dem Islam» auf dem Rücken jener ausgetragen, die man zu schützen vorgibt.

1. Thomas Wehrli kupfert bei Mannheimer ab

Es wird hier zu zeigen sein, dass in Wehrlis «BaZ»-Artikel der ganze Teil zum Islam − und nicht bloss die zwei direkten Zitate − von Mannheimer übernommen wurde. Für die mittlerweile gelöschten Zitate hatte Wehrli auch keine Quelle angegeben, wodurch der Eindruck entstand, er hätte sie direkt von Mannheimer vernommen.

Die Kombination der aus dem «BaZ»-Artikel entfernten Textstellen und weiterer, nicht eindeutig gekennzeichneter Passagen zum Islam findet sich im Sammelband Christenverfolgung in islamischen Ländern (2011), herausgegeben von Jürgen Bellers und Markus Porsche-Ludwig. Im Informationskasten neben dem Artikel verweist Wehrli explizit auf die Publikation und zitiert daraus: Bellers und Porsche-Ludwig fordern, dass «Staaten, die Christen verfolgen», international zu sanktionieren seien (S. 151).

Die am 3. April 2013 aus dem «BaZ»-Artikel gelöschten und in der ursprünglichen Version als solche deklarierten Mannheimer-Zitate finden sich in den beiden Aufsätzen «Weltweite Christenverfolgung durch den Islam» (S. 9f.) und «Terrormonat Ramadan» (S. 64). Wehrli hat inzwischen denn auch eingestanden, die direkten Zitate dem Sammelband entnommen zu haben. Weitere Zitate aus den beiden Aufsätzen wurden von Wehrli aber weder als solche ausgewiesen noch scheint er es für nötig befunden zu haben, solche Passagen ebenfalls zu löschen. Besonders auffällig ist das Plagiat dort, wo Wehrli augenscheinlich ganze Argumentationslinien von Mannheimer übernommen hat.

«Juden und Christen sind dem Schweissgestank von Kamelen und Dreckfressern gleichzusetzen und gehören zum Unreinsten der Welt» und «Alle nichtmuslimischen Regierungen sind Schöpfungen Satans, die vernichtet werden müssen», habe Ayatollah Khomeini gesagt, habe er gar «offen» und «laut» gesagt. Das schreibt jedenfalls Wehrli gleich zu Beginn des Abschnitts zum Islam in der «BaZ». Wo oder wann dem ehemaligen iranischen Staatsoberhaupt diese Worte über die Lippen gekommen sein sollen, führt der Journalist jedoch nicht aus. Ebenso übrigens wie Mannheimer, der seinen ersten Aufsatz mit genau diesen Worten beginnt (S. 9). Mannheimer sieht in diesem Votum den «verbale[n] Auftakt einer weltweiten Kampfansage radikaler Muslime gegen den Rest der Welt» (S. 9) begründet. Die angeblichen Folgen in der Gegenwart kennen auch die Leser des «BaZ»-Artikels: «Wie selten zuvor in seiner Geschichte zeigt sich der Islam in seiner fundamentalsten und archaischsten Form», so Mannheimer (S. 9). Wehrli hat das Zitat eins zu eins übernommen; am 3. April wurde es aus der Online-Version entfernt.

Die angebliche Radikalisierung führt Mannheimer auf den Koran zurück, wie er im Abschnitt direkt nach dem Verweis auf Khomeini ausführt. An «mehr als 200 (!) Stellen ruft der Koran zur Verfolgung, ja zum Mord an ‹Ungläubigen› auf» (S. 10), behauptet er dort; am Schluss von «Weltweite Christenverfolgung durch den Islam» ergänzt er scharfsinnig: «Wie zuvor erwähnt, gibt es an über 200 Stellen im Koran und an weiteren 1800 Stellen der Hadith [sic!] solcherlei Auskunft über die Ungläubigen.» (S. 37). Und Wehrli? Auch er scheint den Koran sowie die sechs kanonischen Hadithsammlungen der Sunna und die vier der Schia gelesen zu haben: «An rund 200 Stellen im Koran, an etwa 1800 Stellen im Hadith [sic!], den Überlieferungen, ist von Verfolgung der Ungläubigen die Rede, von ihrem Tod auch», schreibt er in der «BaZ», verzichtet dabei aber auf eine Quellenangabe.

Sowohl im «BaZ»-Artikel als auch im Beitrag Mannheimers folgt auf den Ausflug in die Welt der Statistik ein kurzer Abstecher in die Welt der «Dhimmis», der «Schutzbefohlenen» (S. 12). Der Wortlaut ist gewiss ein anderer, die Hauptargumente hingegen sind dieselben: Die Mehrheit der Muslime sind friedlich; aber selbst diese ziehen eine scharfe, diskriminierende Grenze zwischen sich und Nicht-Muslimen. Mannheimer macht diesen Gedankengang auch in seinem zweiten Beitrag, in «Terrormonat Ramadan», respektive im vielsagenden Abschnitt «Mythos ‹moderate› Muslime» (S. 63-65), auf den sich Wehrli im Schlussteil des «BaZ»-Artikels mehrfach bezieht.

Den beiden Autoren geht es sicherlich nicht primär darum, sich von Pauschalisierungsvorwürfen freizumachen. Sie wollen zeigen, dass dieses Mehrheitsverhältnis allmählich kippt. Wehrlis rhetorische Frage: «Doch war das nicht auch im Dritten Reich so? Waren es nicht auch dort die wenigen, welche die vielen kontrollierten, sie ideologisierten und sie letztlich beherrschten?» liesse sich nach der Lektüre Mannheimers mit einem simplen «ja» beantworten. Dessen «3-5-Prozent-These», die einem teleologischen Verständnis von Geschichte nicht entbehrt, soll den Analogieschluss Drittes Reich – Islam begründen. Sie wurde unterdessen aus dem «BaZ»-Online-Artikel entfernt. Aber nur teilweise: «Aus der Geschichtsforschung weiss man längst, dass eine zu allem entschlossene und gut organisierte Minderheit von 3-5 Prozent in der Lage ist, der Mehrheit der Gesellschaft ideologisch den Stempel aufzudrücken», schreibt Mannheimer (S. 64). Dieser Teil, in der ersten «BaZ»-Fassung als eines der beiden Mannheimer-Zitate gekennzeichnet, wurde gelöscht. Die Fortsetzung «(…) und sie zu kontrollieren und letztendlich total zu beherrschen» aber erinnert durchaus an die eben behandelte rhetorische Frage im Wehrli-Artikel.

Dem Artikel jedenfalls fehlt durch die Zurücknahme der «3-5-Prozent-These» strenggenommen die Begründung. Zwar schreibt Wehrli: «Es ist ein gefährlicher Irrtum, zu glauben, die Mehrheit der Muslime sei wegen des Islams friedlich; sie ist trotz dem Islams [sic!] friedlich.» Dadurch wird aber nicht gesagt, weshalb die gefährliche Minderheit allmählich zur Mehrheit werden soll. Auch Mannheimer ist der Meinung: «(…) die Mehrzahl der Muslime ist nicht wegen, sondern trotz des Islam friedlich geblieben.» Er ist der Überzeugung, dass es dem Islam – trotz seiner «1400-jährigen Terrorherrschaft» – eben schwerfalle, seine Anhänger zu Tötungsmaschinen zu formen, da dies dem Menschen seines «Gen-Code[s]» wegen widerstreben würde. Auch die Nazis hätten damit ihre Mühe gehabt (S. 63f.).

Nicht erspart bleibt den Lesern der «BaZ» auch dieser sinnige Vergleich: «Der Koran ist genauso rassistisch wie Hitlers ‹Mein Kampf› und müsste sofort verboten werden.» Wehrli will ihn angeblich bei der Publizistin Alice Schwarzer aufgeschnappt haben; Mannheimer auch. Und beide wollen sie nicht preisgeben, woher sie das Zitat haben. Während die «Frauenrechtlerin» für Mannheimer «der Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz gänzlich unverdächtig» (S. 37) ist, ist sie für Wehrli schlicht die «unüberhörbare Feministin, die mit Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz wirklich nichts am Hut hat».

Was Wehrli nicht weiss, und Mannheimer vielleicht nicht wissen will: Da das Zitat in islamfeindlichen Foren herumgereicht wird, wurde schliesslich auch Schwarzer selbst darauf aufmerksam. Sie hat den Vergleich gemäss eigenen Aussagen im Sammelband Die grosse Verschleierung nie gemacht und distanziert sich ausdrücklich vom Zitat: «Es stimmt selbstverständlich nicht» (2010, S. 59).

2. Krieg der Bilder

Im Kampf gegen «Islamisierung» und «Christenverfolgung» wird nicht nur mit Zitaten, sondern auch mit Bildern gefochten. Mit möglichst grausamen Bildern, die unter die Haut gehen und die Brutalität der Muslime aufzeigen sollen. In diesem Kapitel wird überdies noch eine Übernahme Wehrlis von Mannheimer aufgezeigt, um dann allgemeiner den Umgang islamfeindlicher Akteure mit Quellen – vor allem in Blogs – zu thematisieren.

So beginnt Thomas Wehrli seine Streitschrift in der «BaZ» mit den Worten «Gefangen, gefoltert, getötet» und erzählt die Geschichte einer «jungen Christin», die offenbar grausam gepeinigt und hingerichtet wurde, indem ihr ans Bett gefesselt «das Kreuz durch den Mund gerammt» wurde. Auf Quellenangaben verzichtet Wehrli bei seiner bildhaften Schilderung.

Das grausame Bild ist in Mannheimers «Weltweite Christenverfolgung durch den Islam» (S. 16) abgebildet und erscheint auch auf dem Cover des Sammelbandes Christenverfolgung in islamischen Ländern von Bellers und Porsche-Ludwig. Im Mannheimer-Artikel dient das Bild als Weckruf, da es zeige «welche kranke Virus-Ideologie» (S. 15) sich Europa durch den Islam eingefangen habe.

Allerdings zeigt das Bild keine reale Greueltat, es stammt vielmehr aus dem kanadischen Horror-Kurzfilm «Inner Depravity» und erscheint im islamfeindlichen Internet-Netzwerk erstmals 2010 auf Mannheimers Blog. Danach machte es die Runde im Netzwerk – als Foto oder eingebettet in den Mannheimer-Beitrag, den etwa seine Blogger-Kollegin «Kybeline» so kommentiert: «Er zeigt darüber hinaus, dass sich Muslime – sich auf entsprechende Stellen von Koran und Hadithen stützend – zu Bestien entwickeln, wenn es um die Vernichtung und Vertreibung nicht-islamischer Religionen geht» (26.01.2011). Im März 2011 verliess das Bild das Internet, als es grossformatig an einer Demonstration gegen «Christenverfolgung» in Frankfurt mitgetragen wurde.

Am 9. April 2011 entfernte Mannheimer das Bild der malträtierten «Christin» aus seinem Blog-Beitrag. Ein User hatte ihn im Kommentarbereich darauf hingewiesen, dass es aus einem Horrorfilm stamme. Mannheimer reagierte gleichentags ebenfalls im Kommentarbereich, bedankte sich für den Hinweis, bestätigte die Richtigkeit und meldete, dass er das Foto sofort entfernt habe und eine Rundmail an alle «islamkritischen Foren» gestartet habe, denn: «Bei aller berechtigten Kritik müssen wir stets seriös sein und uns an die Fakten halten».

Als aber sein Beitrag «Weltweite Christenverfolgung durch den Islam» im Sammelband Christenverfolgung in islamischen Ländern einen Monat später beim Verlagsshop und über Amazon bezogen werden konnte, illustrierte das irreführende Bild wie erwähnt den Beitrag und das Cover. Mannheimer hatte es offensichtlich verpasst, die Publikation des Bildes zu verhindern oder einen Korrektureintrag nachzureichen. Mehr noch: Als Bildquelle gibt Mannheimer den ihm nahestehenden anonym geführten islamfeindlichen Blog «Kopten ohne Grenzen» an. Dies, obwohl dort für die Herkunft des Bildes auch keine Quelle angegeben wird und Mannheimer die Aufnahme bereits ein Jahr früher selbst veröffentlicht hatte.

Ein weiteres Foto in Mannheimers Essay stammt zwar nicht aus einem Film, zeigt aber etwas völlig anderes als behauptet. Das Bild (S. 17) zeigt eben nicht die Verbrennung eines koptischen Christen durch einen muslimischen Mob, weil der Christ eine Liebesbeziehung zu einer Muslimin gehabt haben soll. Es zeigt vielmehr die Selbstverbrennung einer aus dem Kongo stammenden Frau am 5. Oktober 2004 in Luxemburg. Auf den islamfeindlichen Blogs geistert auch dieses Bild herum, und es wird vielfältig kommentiert: «Every year they sacrifice animals for EID, this year a christian!!!», «C’est une religion de merde pour des grosses merdes. Eux tuent!» oder «Deshalb muss auch für Deutschland eine ‹Ausschaffungsinitiative› her».

Auch zu dieser vermeintlichen Darstellung eines Lynchmordes, die ebenfalls das Cover des Sammelbandes Christenverfolgung in islamischen Ländern illustriert, gibt es bei Mannheimer keine brauchbare Quellenangabe. Wenn sich Mannheimer in seinen drei Sammelbandbeinträgen überhaupt dazu herablässt, Zitate oder Bilder mit Quellenangaben zu belegen, dann sind diese zumeist haarsträubend nutzlos. So verweist er − wie bei den erwähnten Bildern − etwa auf (anonyme) islamfeindliche Blogs, wo wiederum keine Quellen genannt werden, auf ein anonym verfasstes Pamphlet (ein ähnliches Sammelsurium wie Breiviks «Manifest»), das bei «PI-news» («Politically Incorrect») heruntergeladen werden kann, oder gar auf «kreuz.net». Dieses homophobe und antisemitische «katholische» Hetzportal ging letztes Jahr aufgrund des massiven öffentlichen Drucks offline, nachdem dort ein Bericht zum Tod des Fernsehmoderators Dirk Bach das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Die Verbreitung der zwei erwähnten Fotos zeigt exemplarisch das Netzwerk islamfeindlicher Blogs, die auch über Sprachgrenzen hinweg aufeinander verweisen (vgl. Abbildung unten). In diesem internationalen Netzwerk von Websites und Blogs werden Deutungsmuster über das vermeintliche Wesen des «Islam» und dessen unheilvolle Absichten aktualisiert, ausgetauscht und täglich mit (angeblichen) Vorfällen angereichert, welche die Thesen von islamischer Gewaltaffinität aufgrund einer inhärenten Unzivilisiertheit bis hin zu Weltherrschaftsabsichten bestätigen sollen. Wie im «BaZ»-Artikel findet nur dann eine Auseinandersetzung mit der «Christenverfolgung» statt, wenn sie als Beleg für die angebliche Bedrohung durch den «Islam» herangezogen werden kann.

Da dem professionellen Journalismus in den etablierten Medien vorgeworfen wird, solche «Wahrheiten» aus ideologischen Gründen – Stichwort: «Multikulturalismus» – zu zensieren, werden sie von anderen, nicht überprüfbaren Quellen unkritisch übernommen. Auf den zumeist anonym betriebenen islamfeindlichen Blogs wird im Umgang mit Informationen Qualität eben nicht an formalen Kriterien, sondern an Gesinnung festgemacht, was teilweise auch für die «Weltwoche» gilt.

Man wähnt sich eben auf der Seite der «Guten» und fühlt sich als Teil einer internationalen (Online-)Community der Rechtschaffenen. Deshalb gilt das (anonyme) Internet als letztes Refugium der Meinungsfreiheit.

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Abbildung: Über Verlinkung vernetzte deutschsprachige (rot) und englischsprachige (gelb) islamfeindliche Websites; zweisprachige sind orange markiert. Die Grösse der Knoten zeigt ihren Stellenwert, der Wichtigste ist hier PI-news (eigene Daten).

3. Widerstand gegen das Establishment

Michael Mannheimer hatte am 9. April 2011 auf seinem Blog in Sorge um die «abendländische Zivilisation» «zum Widerstand gegen das politische Establishment» aufgerufen, da die «politischen Eliten» mit Unterstützung der Medien eine «proislamische Politik» gegen den «Volkswillen» betreiben würden. Die Ängste der «Völker» vor der «Islamisierung» würden dabei ignoriert. Am Ende forderte er: «Organisiert Euch! Erhebt euch von euren Sofas! Geht auf die Strassen! Greift zu den Waffen, wenn es keine anderen Mittel gibt!». Dies nachdem er ausgeführt hatte, warum es keine anderen Mittel mehr gäbe, denn das gesamte «Establishment» würde nun mit dem Islam kollaborieren, nachdem mit der «Kirche» auch die «letzte Bastion» im Widerstand gegen den «Islam» gefallen sei. Für diesen Aufruf hatte er schliesslich vom Amtsgericht Heilbronn einen Strafbefehl wegen Volksverhetzung erhalten, gegen den er Einspruch eingelegt hat.

Nun drängt sich die Frage auf, was die zwei Universitätsprofessoren Jürgen Bellers und Markus Porsche-Ludwig dazu gebracht hat, in ihrem Sammelband, zu dem sie selbst und auch Karl Kardinal Lehmann Beiträge beigesteuert haben, Michael Mannheimer auf 91 Seiten eine Plattform zu bieten.

Lehmann scheint sich bereits früh vom Sammelband distanziert zu haben, dennoch färben das Prestige des katholischen Würdenträgers sowie die Professorentitel der Herausgeber auf den Autoren Mannheimer ab. Er wird durch die Einbettung in diese illustre Gesellschaft als «Islamkritiker» diskursiv geadelt, was seinen Aussagen mehr Legitimität verschafft und ihn etwa für Journalisten zitierbar macht – wenn nicht gerade eine Anklage wegen Volksverhetzung dazwischen kommt.

4. Bedrohung aus dem Morgenland: «Dürfen Völker sterben?»

Ähnlich wie Mannheimer ist auch Professor Jürgen Bellers der Ansicht, dass die meisten Lehrer, Professoren und Journalisten in der «Tradition der 68er» stehen würden (Bellers Hg. 2011: Freiheit und Zuwanderung als Spannungsverhältnis. Beiträge zur Sarrazin-Diskussion, S. 7). Diese Leute dominierten Schulen, Universitäten, die Kirchen und das Fernsehen, wo sie die Tabuisierung von bestimmten Themen verordnen würden. Ein Grossteil der Bevölkerungsmeinung sei dadurch nicht mehr in der medialen Öffentlichkeit vertreten. Im Kampf um solche «Tabus» würden daher «Tabubrecher» auftreten, womit er Thilo Sarrazin mit seinem Buch Deutschland schafft sich ab meint (S. 199). Hat Bellers nun die Mannheimer-Texte fast gleichzeitig mit jenen zur Sarrazin-Debatte herausgegeben, weil er in Mannheimer auch einen solchen «Tabubrecher» sieht? Und unterstützt er auch dessen Aufruf zum Widerstand?

In seinem Sammelband zur Sarrazin-Diskussion thematisiert Bellers unter dem Titel «Dürfen Völker sterben?» die Zuwanderung nach Deutschland. Dabei komme es zu Problemen, wenn die «Mehrheit der Deutschen» keine Zuwanderung wolle. Dies habe man gesehen beim «z.T. sogar gewaltsamen Widerstand» 1990 bis 1994, worauf «die (angebliche) Asylzuwanderung» eingeschränkt worden sei (S. 205). Meint Bellers mit diesem «Widerstand» die Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die Anschläge von Mölln und Solingen? Glaubt er wirklich, die «Mehrheit der Deutschen» habe dahintergestanden, und zählt er sich selbst auch dazu? Jedenfalls wehrt sich Bellers für den Erhalt der «Deutschen», einem «Volk» im Sinne Johann Gottfried Herders, mit einer spezifischen «in sich vollkommene[n] Ausprägung des in sich unendlichen Geistes Gottes» (S. 206). Wenn sich die «Völker» also nicht vermischen dürfen, dann kann nach Bellers ein «schrumpfendes Volk» – das dadurch seinen «Lebenswillen» verliere – nicht durch Zuwanderung am Leben erhalten werden (ebd.). Auch Mannheimer wehrt sich auf seinem Blog gegen den Volkstod: «Die von den Linken vorangetriebene Islamisierung ist ein Genozid am deutschen Volk» (25.12.2011).

Problematisch ist die Zuwanderung gemäss Bellers insbesondere deshalb, weil sie zum Grossteil aus der Türkei und dem arabischen Raum komme. Denn die Gesellschaften dort seien «anders seelisch geprägt», wie er im Band zur Sarrazin-Diskussion im Beitrag «Abendland versus Morgenland» ausführt (S. 37f.). Dabei stellt er etwa dem gewaltlosen Jesus den Kriegsherrn Mohammed gegenüber.

Damit aktualisiert Bellers ein gängiges islamfeindliches Deutungsmuster, das etwa Hans-Peter Raddatz in der «Weltwoche» (16/2004) so auf den Punkt gebracht hatte: «(…) ein Christ missbraucht seine Religion, wenn er Gewalt anwendet, und ein Muslim missbraucht seine Religion ebenso, wenn er Gewalt nicht anwendet.» Auch Raddatz, ein islamophober katholischer Verschwörungstheoretiker, wettert in seinen vielen Büchern gegen das angebliche Ziel der «68er»-Eliten, durch muslimische Immigration die Eigenkultur abzuschaffen und gegen eine Multikultur auszutauschen.

Im Sammelband Christenverfolgung in islamischen Ländern nimmt Bellers das Jesus-versus-Muhammad-Deutungsmuster im Beitrag «Was tun gegen Christenverfolgung?» wieder auf (zusammen mit Porsche-Ludwig). Hier wird ein grundlegender Unterschied zwischen Christentum und Islam damit begründet, dass letzterer keine «inneren Schranken» aufweisen würde, weswegen diese Religion leicht durch «dämonische Kräfte» instrumentalisierbar werde (S. 147). Das Christentum sei zwar auch für Mord und Totschlag missbraucht worden, habe aber «eine innere Schranke, die Massen- und Völkermorde, zu denen die Kreuzzüge nicht gehören, verhinderten und verhindern.» Dies liege daran, dass der christliche Gott «die Liebe» sei (S. 148).

Dieses Christentum, das in der römisch-katholischen Kirche verkörpert jahrhundertelang alle «dämonische[n] Anfeindungen» überlebt habe, sehen Bellers und Porsche-Ludwig nun aber gefährdet: Es sei vom «Relativismus» infiziert, obwohl sich doch die Kirche durch das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes «von modischen Zeitströmungen» unabhängig gemacht habe.

Als Zeichen dieses wahrgenommenen Niedergangs gelten ihnen die Gleichstellung von Mann und Frau und der Schwangerschaftsabbruch. Als Heilmittel propagieren sie eine Re-Christianisierung der Gesellschaft unter der reaktionären Devise: «Frischwärts zurück!» (S. 148-151).

Just aus diesem letzen Abschnitt bei Bellers und Porsche-Ludwig zitiert Thomas Wehrli im Informationskasten neben seinem Text in der «BaZ». Sind die erzkatholischen Autoren und Thomas Wehrli etwa Brüder im Geiste? Denn gemäss einem am 3. April noch abrufbaren – und nun gelöschten – Porträt Wehrlis auf «fricktal24.ch» (30.11.2007) besuchte der Journalist berufsbegleitend Theologie-Vorlesungen, doch leider, so wird er zitiert, sei ein theologisches Studium mit dem Berufsleben nur schwer vereinbar: «Deshalb suchte ich nach anderen Wegen, um meine Verwurzelung im Glauben zu leben und dies auch beruflich anzuwenden.» Daher sei er Sakristan und Präsident der Kirchenpflege geworden. Ein Schelm, wer sich überlegt, wo Katholik Wehrli seine «Verwurzelung im Glauben» nun «beruflich» anwendet; 2009 hatte er seine kirchlichen Ämter abgegeben.

5. Wird «Islamkritik» durch den Islamophobie-Vorwurf zum Schweigen gebracht?

In der Auseinandersetzung um den «Islam» wird unter der Annahme einer zensierten öffentlichen Debatte «Islamophobie» als ein Kampfbegriff zur Unterdrückung legitimer Kritik am Islam verstanden.

Thomas Wehrli reagierte am Tag, als er die Mannheimer-Zitate zurückzog, mit einem neuen Artikel auf «BaZ»-Online, da sein Beitrag zum Karfreitag «heftig diskutiert» werde. Er publizierte ein Interview, das auch auf den Newsnet-Websites von Tamedia veröffentlicht wurde. Gleich zu Beginn wird dabei «auf den kontroversen ‹BaZ›-Artikel über die Christenver-folgung» verlinkt.

Weshalb verlinken die Tamedia-Publikationen nun auf jenen «BaZ»-Artikel, den sie gerade eben noch selbst gelöscht haben? Ein Artikel, auf den zum Beispiel der grösste islamfeindliche Blog «PI-news» (mit gegenwärtig 80‘000-100‘000 Besuchern pro Tag) als «Sehr lesenswerte[n] Artikel im Schweizer Tagesanzeiger» verwiesen hatte und der auf Facebook fleissig geteilt wurde? Auf dem Online-Portal des «Tages-Anzeigers» hatte der Beitrag bis zur Löschung knapp 300 Kommentare generiert. Ein User sinnierte dort etwa über eine bereits stattfindende muslimische Machtergreifung und folgerte: «Es braucht gewissermassen einen neuen ‹Kreuzzug› innerhalb Europas um dies zu verhindern»; eine Userin forderte für die Schweiz, «dass wir nur noch nicht-Muslime hier aufnehmen».

Thomas Wehrli schreibt im Fortsetzungsartikel: «Wer Kritik übt, sieht sich sofort mit dem Vorwurf der Islamophobie konfrontiert. Da bleiben viele lieber politisch korrekt und schweigen.» Welche statthafte «Islamkritik» meint Wehrli denn damit – seine eigene, die auch jene Mannheimers ist, jene von Beller, die von «PI-news», oder alle zusammen?

Ins gleiche Horn blies schon Philipp Gut in zwei «Weltwoche»-Artikeln über eine ev.-ref. Pfarrerin, die «PI-news» zeitweise geleitet hatte. «PI-news» würde den «demokratischen Rechtsstaat verteidigen», während Journalisten «die Probleme mit dem Islam» als Hirngespinste abtun und diese Wahrnehmung als «Islamophobie» pathologisieren würden («Weltwoche», 39/2011). Nachdem ein Strafverfahren gegen die Pfarrerin eingestellt worden war, schrieb Gut von einer «fehlgeleiteten medialen Empörung», insbesondere des «Tages-Anzeigers». Er beklagte den «Zeitgeist in den Schreibstuben vieler Medien» und verteidigte «PI-news» wiederum als eine «unabhängige Website». Nie seien angeblich hetzerische und «islamfeindliche» Äusserungen der Pfarrerin mit konkreten Zitaten belegt worden («Weltwoche», 46/2012).

Dabei verschwieg Gut, dass gerade der «Tages-Anzeiger», den er für einen medialen «Entrüstungssturm» mitverantwortlich machte, zuvor die Pfarrerin folgendermassen zitiert hatte: «Der Islam unterdrückt Frauen, missbraucht Kinder für Hasserziehung, bringt Homosexuelle um und verfolgt Juden.» («Tages-Anzeiger», 25.5.2012). Oder ist für Gut eine solche Aussage eben nicht «islamfeindlich» – eine Bezeichnung, die er in Anführungszeichen schreibend wohl grundsätzlich für nichtig hält? Dann wäre er bei «PI-news», dessen aktivste bayerische Sektion nun vom deutschen Verfassungsschutz überwacht wird, in guter Gesellschaft. Der Blog wird auch im jüngsten Verfassungsschutzbericht Niedersachsens aufgeführt.

Auch international wird ins Lamento um eine angeblich unterdrückte «Islamkritik» eingestimmt. Am 10. Mai 2012 erhielt etwa die als Frauenrechtlerin und Islamkritikerin angesehene Ayaan Hirsi Ali in Berlin den «Axel-Springer-Ehrenpreis» (25’000 Euro) zugesprochen. Am Ende ihrer rund dreissigminütigen Dankesrede beklagte sie, dass wer sich gegen den radikalen Islam ausspreche, als «islamophob» verurteilt würde, worauf sie auf Breivik zu sprechen kam. Dieser habe 77 Menschen in Norwegen getötet, weil er befürchte, dass Europa vom Islam überrannt werde. In seinem «Manifest» habe er zwar Leute wie sie selbst zitiert, aber getötet habe er nicht wegen diesen, sondern wegen den «Anwälten des Schweigens». Breivik habe nach eigener Aussage keine andere Möglichkeit gesehen, als Gewalt anzuwenden, da ihm alle Kanäle zur Meinungsäusserung versperrt gewesen seien. Denn in Europa habe, so Hirsi Ali weiter, jahrzehntelang eine «informelle Zensur» über die Folgen der muslimischen Immigration geherrscht, die das grösste kulturelle Problem Europas seit dem Zweiten Weltkrieg darstellen würde.

6. Nürnberg 2.0 für Hochverrat am Volk und Reaktivierung der «Weissen Rose»

Diese Debatte um die angeblich unterdrückte Meinungsfreiheit führt innerhalb der islamfeindlichen Szene zu immer extremeren staatsfeindlichen Positionen, wo mit weniger als dem Vorwurf des «Hochverrats» der «Eliten» gar nicht mehr argumentiert wird.

In seinem bereits erwähnten Aufruf zum Widerstand vom April 2011 hatte Mannheimer verlangt, das «herrschende Establishment» vor Gericht zu bringen, da es wie 1933 versagt habe. Im Juli, sechs Tage nach dem Breivik-Massaker, stellte er den Internet-Pranger «Nürnberg 2.0» vor, wo − wie bei den Nürnberger Prozessen − die «Unterstützer der Islamisierung Deutschlands» gemeldet werden könnten. Im August veröffentlichte Mannheimer dann eine Liste der «Feinde Deutschlands» aus Politik, Wissenschaft und Journalismus, die an den «Schaltzentralen der Meinungsindustrie (…) ‹politisch korrekte› Desinformationen über die gesellschaftliche[n] Entwicklungen» verbreiten würden. Der Vorwurf jeweils: «Hochverrat».

Im September 2011 meinte Mannheimer, dass «Medien, Politik und das übrige politische Establishment» durch ihr Schweigen zur islamischen Bedrohung «längst schon selbst zur Bedrohung der westlichen Länder» geworden seien. Die «Leugner und Unterstützer der Islamisierung» würden deshalb bald zur Verantwortung gezogen werden. Die Namen «der Verräter» würden nun auf Nürnberg 2.0. erfasst, damit in den «Geschichtsbüchern der Zukunft» die Schüler die Namen der Täter erführen, aber auch die der Helden bei der «Rettung Deutschlands» – in einer Reihe mit den Geschwistern Scholl, Georg Elser oder Graf Stauffenberg.

Am 5. März 2012 schrieb Mannheimer, dass die totale Macht der «68er-Bewegung» bald gebrochen sein werde und sich «aufrechte Menschen» bald aus der Deckung trauen «und das tun, was getan werden muss.» Am 7. Juli 2012 wurde daraufhin die «Weisse Rose» reaktiviert. Die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, Susanne Zeller-Hirzel, wurde von Mannheimer und sieben Gesinnungsgenossen der «Bürgerbewegung Pax Europa», der Partei «Die Freiheit» und des Blogs «PI-news» dazu gebracht, mit ihnen auf einem Gruppenfoto zu posieren. Michael Stürzenberger, der bei all diesen Organisationen dabei ist, veröffentlichte einen Artikel («PI-news», 20.7.2012) zu diesem «Widerstand gegen den neuen Faschismus und seinen politischen Unterstützern». Die Weisse Rose wolle zwei Kernbotschaften vermitteln: «1. Der National-Sozialismus war eine linke Bewegung. 2. Die Nazis sind wieder da, sie nennen sich heute ‹Antifa›». Wie damals würden heute andere Meinungen gnadenlos unterdrückt, da die «68er» seit ihrem «Marsch durch die Institutionen» an den «Schaltstellen der Macht» sitzen würden.

Stürzenberger veröffentlichte bereits früher ein «Thesenpapier gegen die Islamisierung» («PI-news», 19.10.2011), in dem er von Muslimen verlangte: «Abschwören oder Abreisen». Im Gegenzug würden «in Form eines Bevölkerungsaustausches» Christen aufgenommen. Seit 2012 kämpft er gegen ein islamisches Zentrum in München; am 30. März 2013 führte er etwa zusammen mit Mannheimer eine Aktion durch. Nun werden sie unter anderem wegen ihrer Agitation gegen dieses Zentrum vom deutschen Verfassungsschutz überwacht.

Die Radikalisierung, die 2011 im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass seit dem Breivik-Massaker der öffentliche Druck auf die islamfeindliche Szene stark zugenommen hat. Wenn überall «Verräter» ausgemacht werden, befördert dies eine Wagenburgmentalität und führt zu einem zunehmenden Realitätsverlust. So schreibt Mannheimer auf seinem Blog, dass mittlerweile wichtige Politiker, Journalisten und die Mehrheit der Islamwissenschaftler heimlich zum Islam konvertiert seien (24.6.2012).

Diese Aktivisten glauben eine Bedrohung ausgemacht zu haben, die niemand ausser ihnen sehen will. Ihre Kassandrarufe verhallen seit mehreren Jahren ungehört und erzeugen dadurch einen Handlungsdruck, radikaler vorzugehen. Ausserdem hatte das Scheitern der neuen, dezidiert islamfeindlichen Partei «Die Freiheit» bei der erstmaligen Teilnahme an Wahlen den demokratischen Weg zur Teilhabe an der politischen Macht scheinbar versperrt. Dies hatte eine grosse Ernüchterung zur Folge, da man sich betont bürgerlich präsentiert und sich mit internen Säuberungskampagnen und Grabenkämpfen zwischen den verschiedenen Fraktionen nach «rechts» abzugrenzen versucht hatte; doch ausser der Aufsplitterung der Bewegung hatte es nichts eingebracht. Gegenwärtig befindet sich die Bewegung daher wieder in einer Konsolidierungsphase.

7. Der «Counterjihad» und die Islamophobie

Eine aktive Vernetzung findet in dieser sozialen Bewegung, die sich gegen eine «Islamisierung» wehrt, seit 2007 statt − sowohl innerhalb Europas, als auch transatlantisch, mit Skandinavien als Schnittstelle. Kommunikativ existiert ein dichtes Netz an untereinander verbundenen Websites und Blogs (vgl. Abbildung oben), die den Informationsaustausch aufrechterhalten und durch die gegenseitige Übersetzung von Texten Sprachgrenzen überbrücken. Der harte Kern der Bewegung vernetzt sich seit 2007 auch über jährlich abgehaltene Konferenzen, die als «Counterjihad»-Treffen bezeichnet werden. Sie finden in europäischen Städten unter US-amerikanischer und israelischer Beteiligung statt, 2010 etwa in Zürich, zuletzt in Brüssel. In einem 2009 ins Deutsche übersetzten «Counterjihad-Manifest» heisst es, dass sich der Westen seit 1400 Jahren in einem Krieg mit dem Islam befände. Es wird die Ausweisung aller Muslime, «die sich nicht völlig in die Kultur ihrer Aufnahmeländer einfügen können oder wollen» verlangt, die Ersetzung der «herrschenden politischen Eliten» und die Beseitigung der vorherrschenden «Multikulti-Ideologie».

Den theoretischen Überbau liefert die Vordenkerin der Bewegung, Gisèle Littman aus Gland (VD), die als Bat Ye’or auftritt und mit ihrem Buch Eurabia. The Euro-Arab Axis 2005 die «Bibel» des Counterjihads geschrieben hat. Sie wurde etwa in der «Weltwoche» (35/2005) herangezogen, um den «Mythos von al-Andalus» zu dekonstruieren, also die Vorstellung einer Zeit der religiösen Toleranz und kulturellen Blüte unter islamischer Herrschaft auf der iberischen Halbinsel.

Der islamophobe Counterjihad setzt mit dem zentralen Begriff «Eurabia» der bestehenden Muslimen- und Islamfeindlichkeit die Spitze auf. Während sich letztere aus Fremdenfeindlichkeit, Ethnopluralismus («Recht auf kulturelle Differenz») oder zivilisatorischem Überlegenheitsdenken speisen, nehmen islamophobe Akteure nicht bloss einen demographischen und kulturellen Wandel wahr, der zerstöre, was ihnen schützenswert erscheint. Die «Islamisierung» wird hier darüber hinaus als eine intendierte Handlung des Kollektivakteurs «Islam» verstanden, mit welchem dazu auch noch die westlichen «Eliten» kollaborieren würden, weshalb jede Kritik oder bereits die blosse Thematisierung der wahrgenommenen und in den Blogs seit Jahren dokumentierten «Islamisierung» ignoriert, diskursiv delegitimiert oder gar kriminalisiert würde.

Aus diesem selbstreferenziellen System heraus, das innerhalb eines webbasierten Kommunikationsnetzwerks für jedes Ereignis eine klare und eindeutige Erklärung bereit hält und die Schuldigen benennt (vgl. «Nürnberg 2.0»), entwickeln jene Akteure, die über Jahre hinweg täglich Nachrichten über diese alternativen Kanäle konsumieren und weiterverbreiten (auch z.B. über Facebook, das einen niederschwelligen Zugang für eigene publizistische Ambitionen bietet), ein geschlossenes manichäisches Weltbild.

Ihre glasklar scheinende Bedrohungswahrnehmung soll daher aus dem Schatten der Nischen- und milieubezogenen Medien in die massenmedial hergestellte Öffentlichkeit durchdringen. Deshalb ist es ein Erfolg für die Bewegung, wenn ihre Deutungsmuster − etwa dass «der Islam» inhärent gewalttätig und unvereinbar mit der Demokratie sei oder eine Weltherrschaft anstrebe − in Forumsmedien gelangen. Doppelt erfolgreich sind sie, wenn ihre Akteure selbst in Massenmedien affirmativ zitiert werden, Gastartikel verfassen dürfen oder Beiträge in Sammelbänden renommierter Verlage beisteuern können und damit als Diskursakteure legitimiert werden.

8. Der Hauptfeind: «die Linken»

Dennoch bleibt in diesen Kreisen die generelle Wahrnehmung bestehen, dass das «Establishment» und mit ihm die «Mainstream-Medien» die Meinungsfreiheit beschränken und die «Wahrheit» unterdrücken würden. Deshalb versteht Anders Behring Breivik seine Terrorakte als Mittel um Öffentlichkeit zu erzeugen, indem er die Medien dazu gezwungen hat, ihrer Nachrichtenwert-Logik folgend contre cœur über das Ereignis zu berichten und es ihm damit ermöglichten, sein «Manifest», das auf der «Eurabia»-Vorstellung basiert, möglichst breit zu streuen.

Nun hatten sich nach dem Terroranschlag in Norwegen zwar die islamophoben Akteure empört von der Tat distanziert, Breiviks Lagebeurteilung jedoch verteidigt. Denn Breivik hatte ja keine eigenen Vorstellungen publiziert, sondern nur zusammengetragen, was Bat Ye’or, Fjordman und andere bereits geschrieben hatten. Breivik mag krank sein oder nicht, netzwerkanalytisch war er einfach ein (bis dahin unbedeutender) Teil des islamophoben Web 2.0, wo sich jeder mit jedem austauschen und Informationen weiterverbreiten kann. Deshalb verwundert es nicht, wie Mannheimer am Tag nach Breiviks Massenmord die Frage der Verantwortung beurteilte: «Die westlichen Verteidiger des Islam sind Kollaborateure der islamischen Hassideologie, haben Muslime millionenfach in ihre Länder geholt und das Gesicht Europas in einem historisch beispiellosen Ausmass bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Sie haben damit den Willen der überwiegenden Mehrheit der indigenen Europäer vergewaltigt und sind daher die wahren Verantwortlichen für das Norwegen-Massaker.»

Fjordmans 174-seitiges Pamphlet «Defeating Eurabia» kann bei «PI-news» in deutscher Übersetzung heruntergeladen werden wie auch eine Adaption Mannheimers unter dem Titel: «Eurabia: Die geplante Islamisierung Europas». Als Autor publiziert Mannheimer auch selbst auf «PI-news», allerdings wurde seine Rechtfertigung «M. Mannheimer zur Denunzierung der Islamkritik» vom 19.8.2011 mittlerweile gelöscht. Hier verteidigte er nach dem Breivik-Anschlag wiederum die «Eurabia»-Theorie, wiederholte seinen Aufruf zum Widerstand und schloss nach seinen Jetzt-erst-recht-Durchhalteparolen mit: «Europa kann, ja darf sich nicht ohne Gegenwehr islamisieren lassen.»

Ein Jahr nach Breiviks Anschlag veröffentlichte Mannheimer die deutsche Übersetzung eines weiteren Essays von Fjordman, der wiederum Ye‘ors Eurabia-Vorstellung aufgreift: «Warum die Linken und nicht der Islam unser Hauptfeind sind» mit einem eigenen Vorwort unter dem Titel: «Eurabia. Die geplante Vernichtung unseres Europa durch linke Hochverräter» (26.7.2012).

Diese Weltsicht erklärt, weshalb Breivik in Oslo das Regierungsgebäude und keine Moschee sprengte und danach keine Muslime jagte, sondern auf Utøya das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation angriff. Denn auch Breivik hatte als Fan von Fjordman die «Eurabia»-Dolchstoss-Theorie kultiviert, die ihn schliesslich dazu brachte, die seiner Meinung nach norwegischen Kollaborateure der «Islamisierung» zur Verantwortung zu ziehen.

9. «Christenverfolgung»: Der totgeschwiegene Genozid?

Auch Ayaan Hirsi Ali glaubt an eine mediale Zensur durch Multikulturalisten. So schrieb sie im Magazin «Newsweek» (13.2.2012) einen Leitartikel, in dem sie etwa von «Christophobia» und einem «Genozid» an Christen in der «islamischen Welt» sprach.

Noch 2005 meinte Hirsi Ali in einem Kommentar in der «Weltwoche» (Nr. 31), dass sich die Muslime in drei Gruppen einteilen liesse: Terroristen, Reformer und der grosse Rest, um den erstere buhlen würden. Sie selbst sei «als Muslimin geboren und aufgewachsen» und zähle sich zur Gruppe der Reformer, die sich für eine «offene Gesellschaft» einsetzen würden. Die dritte Gruppe seien die «Unentschiedenen», die in einem «Zustand kognitiver Dissonanz» lebten, da sie wüssten, dass Muhammad dazu auffordere, «Ungläubige abzuschlachten», gleichzeitig aber auch wüssten, dass es «die offene Gesellschaft» ihnen verbieten würde, «unschuldige Menschen zu töten».

In der November-Ausgabe des amerikanischen Magazins «reason» erklärte sie 2007 dann aber in einem Interview, dass sie Atheistin geworden sei. Im Vorspann heisst es, sie habe bereits im Mai 2004 (sic!) dem Islam und allem Religiösen abgeschworen. Im Interview machte sie dann keinen Unterschied mehr zwischen «radical Islam» und «Islam» und erklärte dazu auf Nachfrage, dass der «Islam» besiegt werden müsse, denn: «I think that we are at war with Islam.»

Die «Weltwoche» (10/2012) übernahm das Titelbild von «Newsweek» und machte aus der Überschrift «The War on Christians» den eigenen Titel «Der stille Krieg gegen die Christen». Darin schrieb Urs Gehriger unter «Verschwörung des Schweigens» über Hirsi Alis «Newsweek»-Beitrag und befand: «Das Unheimlichste am Phänomen ist die globale Stille darüber». So ähnlich formulierte es auch Wehrli in seinem «BaZ»-Artikel zum Thema: «Die Welt schweigt» oder «Die Welt bleibt stumm. Ein Schweigen der Lämmer ists».

Ein weitere Beitrag Gehrigers trug den Titel «Alle fünf Minuten wird ein Christ getötet». Thomas Wehrli überschrieb seinen Online-Artikel ebenfalls mit diesem Zitat, einfach ohne Anführungszeichen. Es bleibt unklar, woher Wehrli seine empirischen Informationen zur «Christenverfolgung» hat. Er scheint nach dem Prinzip vorzugehen, einfach alle möglichen Zahlen zusammenzutragen: Wenn Urs Gehriger schreibt, dass alle «fünf Minuten» ein Christ getötet werde und Mannheimer «alle drei Minuten» (Weltweite Christenverfolgung durch den Islam, S. 12), dann macht Wehrli «alle drei bis fünf Minuten» draus. Das macht dann aufs Jahr hinaus einen erklecklichen Unterschied, den er aber als «Detail» abtut, denn «Nero, der alte Römer, hätte an beiden Zahlen seine helle Freude gehabt». Auf Nero verweist dazu auch Mannheimer (ebd.).

Es wäre tatsächlich schlimm genug, wenn eine der Zahlen zutreffen würde. Wehrlis Perspektive bleibt dadurch aber eigentümlich auf die Täter fokussiert. Vor allem deren Verhalten scheint ihn betroffen zu machen; die Opfer bleiben im Hintergrund, sind bloss Objekte, Zahlenschiebereien.

Doch bedeutet das Vorhandensein verschiedener Zahlen eben nicht unbedingt, dass dann eine davon schon die Richtige sein müsste. Dieser Umstand deutet eher darauf hin, dass vielleicht gerade keine der Zahlen zutrifft. Schaut man sich nämlich die Quellen an, so wird schnell ersichtlich, dass die zitierten Urheber der Aussagen die Daten gar nicht selbst erhoben haben, sondern wiederum auf andere verweisen und diese wieder auf andere. Dieses Zitierkartell erzeugt den falschen Eindruck einer intensiven und breit abgestützten Forschungstätigkeit mit sich gegenseitig bestätigenden Ergebnissen. Tatsächlich stehen am Ende dieser Verweisketten nur wenige, zumeist ältere Quellen, die keine Aussagen über aktuelle Entwicklungen zulassen.

In seinem «Weltwoche»-Beitrag weist auch Urs Gehriger im Abschnitt «Zweifel an Statistik» darauf hin, dass die Zahlen unter Experten umstritten seien: «Kritiker monieren, es sei nicht genau ersichtlich, woher die Autoren ihre Daten beziehen.» Dies erwähnt Wehrli in der «BaZ» indes nicht und er getraut sich überdies, in einem weiteren Abschnitt zwei andere, sehr unterschiedliche Zahlen unkommentiert nebeneinanderzustellen: «Open Doors» spreche von jährlich 100 Millionen verfolgten Christen, «Kirche in Not» von 200 Millionen. Warum er sich daraufhin wie selbstverständlich auf die grössere Zahl abstützt, bleibt sein Geheimnis, vielleicht weil er der katholischen Organisation mehr Glauben schenkt. Oder aber weil man manchmal «zuspitzen» müsse, wie er im «BaZ»-Folgeartikel vom 3. April meinte, damit ein Thema, «das sonst unter dem Deckel bleibt», gehört werde.

Bei Thomas Wehrli bildet die Feststellung einer angeblich systematischen «Christenverfolgung» – die dazu noch verschwiegen werde – den Übergang zu seinen bereits im eingangs analysierten Aussagen über den Islam. Denn er bringt alles, was er im ersten Teil seines Artikels an «Verfolgungen» aufgezählt hat, so auf den Punkt: «Wer sagt, das seien alles Zufälligkeiten, wer glaubt, das seien nur Momentaufnahmen, der irrt. Oder will irren.» Wehrli nimmt die Opfer durch diese gewollte Undifferenziertheit nicht als solche ernst, sondern benutzt sie nur, um sein Feindbild Islam aufzubauen. Am 27. April aktualisierte er in der «BaZ» seine Vorstellungen bezüglich der «Christenverfolgung».

10. Im Kalten Krieg geboren

Wie «Kirche in Not» hatte früher auch die sich selbst als «überkonfessionelles internationales Hilfswerk» bezeichnende Organisation «Open Doors» noch von 200 Millionen und mehr verfolgten Christen zu berichten gewusst. 2010 kam dann der Einschnitt, seither wird im «Weltverfolgungsindex» (WVI) von «Open Doors» jedes Jahr dieselbe Zahl genannt: 100 Millionen.

«Open Doors» betreibt seitdem eine sehr effektive Öffentlichkeitsarbeit als «Hilfswerk», das sich auf den WVI spezialisiert hat und den Medien jedes Jahr ein Ranking mit Auf- und Absteigern präsentiert, das auf immer breitere Resonanz auch in etablierten Medien stösst. Wenn es dann im WVI von 2013 heisst: «Weltweit betrachtet nimmt die Verfolgung von Christen zu», dann fällt niemandem auf, dass sich die Aussage nicht in den veröffentlichten Zahlen wiederspiegelt.

Doch die Missionsorganisation braucht auch keine derartigen Zahlen, um eine Zunahme der Verfolgung zu begründen. Laut dem Leiter von «Open Doors» (Schweiz) wüssten «aufmerksame Bibelleser», dass die Christen vor dem Ende der Welt von «allen Völkern» gehasst würden («Open Doors», 3/2013, S. 2). Auch der holländische Gründer der Organisation spricht im Interview mit der «Jungen Freiheit» (26.12.2008) von einer «Christenverfolgung», die vor allem vom «Islam» ausgehe: «Wir im Westen müssen erkennen, dass wir uns in einem Kampf befinden, oder besser: in einem geistlichen Krieg. Der Islam greift an.» Die Muslime würden darauf hinarbeiten, «die Welt für ihren Glauben zu erobern». Und die Antwort darauf heisst: Muslimmission.

Interessant ist, dass solche Hilfs- und Missionsorganisationen in der Auseinandersetzung mit dem damaligen kommunistischen Ostblock gegründet wurden, um etwa Bibeln hinter den Eisernen Vorhang zu schmuggeln oder Priester zu unterstützen. Nach dem Ende des Kalten Krieges folgte dann vermehrt die Ausrichtung auf den «Islam». Dies gilt für «Open Doors», «Kirche in Not» und auch für die in Thomas Wehrlis «Baz-Artikel» ebenfalls erwähnte Organisation «Christian Solidarity International» (CSI). Letztere wiederholt seit Anfang 2012 regelmässig ihre «Genozid-Warnung» für die Christen im Nahen Osten.

Obwohl sich der Begriff der «Christenverfolgung» allmählich einzubürgern scheint, ist jener des «Genozids», der die Vorstellung einer Systematik bei dieser Verfolgung aufnimmt und zu Ende denkt, erst in christlichen Kreisen verbreitet – trotz etwa der prominenten Schützenhilfe durch Hirsi Ali. Bellers und Porsche-Ludwig stehen allerdings schon Gewehr bei Fuss, wenn sie im bereits mehrfach zitierten Beitrag «Was tun gegen Christenverfolgung?» fordern: «Völkermord an Christen (wie früher in Armenien) ist mit militärischer Intervention zu begegnen.» (S. 151).

Fazit

Die unheilige Allianz von islamfeindlichen Blogs, Massenmedien und (pseudo-)wissenschaftlichen Publikationen wird nicht primär durch geteilte islamfeindliche Deutungsmuster gebildet. Die Überschneidungen kommen stattdessen durch die geteilte Vorstellung einer zensierten massenmedial hergestellten Öffentlichkeit zustande: Durch das Einfordern einer Political Correctness würden die «68er» dafür sorgen, dass gewisse Themen totgeschwiegen werden, um als «Gutmenschen» ihre «Multi-Kulti-Ideologie» durchsetzen zu können. An eine solche Vorstellung kann diskursiv nun sehr vielfältig angeschlossen werden: Etwa aus libertär-antietatistischer Warte, aus reaktionärer Ablehnung der liberalen Gesellschaft oder aus völkischem Reinheitsdenken inbezug auf kollektive Identitäten.

In der Diskussion um die verfolgten Christen kommt dieselbe Deutung eines angeblich gewollten Totschweigens des Phänomens zum Zuge, wie bei der Debatte um die «Islamisierung». Auch in dieser Debatte wird behauptet, dass eine dramatische Entwicklung stattfinde, diese aber in den Medien tabuisiert werde. Schliesslich wird mit Hilfe christlicher Hilfs- und Missionsorganisationen gar von einem «Genozid» durch Muslime gesprochen, um Handlungsdruck zu erzeugen und mit dem Kampfbegriff der «Christenverfolgung» die politische Tat einzufordern. Eine solche Deutung der «Christenverfolgung» beruht dabei auf islamfeindlichen Prämissen: Es gibt «den Islam», er ist handlungsfähig, skrupellos und barbarisch. Er geht planvoll vor, will die Welt erobern und dabei das Christentum vernichten – so wie er es seit über 1000 Jahren immer wieder versucht hat. Wer den Koran lese, könne das erkennen, so wie man die Absichten der Nazis hätte voraussehen können, hätte man «Mein Kampf» als programmatische Schrift ernst genommen.

Bei solchen Vergleichen zwischen «Islam» und «Drittem Reich» wird dabei auch eine Analogie zum Begriff der «Judenverfolgung» hergestellt, der klar im Sinne einer systematischen Verfolgung verstanden wird.

Selbstverständlich ist es eine Tatsache, dass Menschen verfolgt werden, weil sie Christen sind. Es macht aber einen Unterschied, ob man von «verfolgten Christen» oder eben von «Christenverfolgung» spricht. Letzteres ist ein bewusst gewählter Begriff, mit dem versucht wird, politische Entscheidungen herbeizuführen. Darauf verweist auch Thomas Wehrli im Informationskasten neben seinem «BaZ»-Artikel, wenn er auf die vielen parlamentarischen Vorstösse eingeht, die Entwicklungshilfe-Gelder von der Frage der «Christenverfolgung» abhängig machen wollen. Da der Bundesrat dies für kontraproduktiv hält, stellt Wehrli dessen Position jene von Bellers und Porsche-Ludwig gegenüber, die für die fraglichen Staaten Zwangsmassnahmen fordern, die bis hin zu militärischer Intervention reichen – was weit über die Frage der Gewährung von Entwicklungshilfe hinausgeht.

Der postulierte Zusammenhang zwischen «Christenverfolgung» und «Islam» hatte bereits die Anti-Minarett-Initiative befördert: Ein Bauverbot für Minatette wurde auch aufgrund eines Reziprozitätsgedankens als Retorsionsmassnahme gefordert und gemäss der Wählernachbefragung bei vielen auch so verstanden. Demnach wird eine Diskriminierung der «eigenen Leute» im «Islam» mit einer Gegen-Diskriminierung «ihrer Leute» im «christlichen Abendland» vergolten.

Dadurch kann nun die Vorstellung eines muslimischen Schweizers oder einer Schweizer Muslimin als schwer erträglicher Widerspruch erscheinen. Deshalb wollte die SVP in der Frühjahrssession des Nationalrats in der Diskussion um die Verschärfung der Einbürgerungsbestimmungen auch, dass die Religionszugehörigkeit der Einbürgerungswilligeno ffengelegt werden sollte. Muslime würden durch diese vorenthaltene Loyalitätsunterstellung unter Generalverdacht gestellt.

Ob es den Menschen, die explizit als Christen verfolgt werden, nun aber hilft, wenn diskursiv ein möglichst tiefer Graben zwischen «Abendland» und «Morgenland» gezogen wird und «der Islam» dabei verteufelt wird, ist mehr als fraglich. Denn durch die Vorstellung, dass Muslime in Europa Fremdkörper sind – und sich hier auch noch «wie die Ratten» vermehren, wie es Oriana Fallaci 2004 in ihrer Hetzschrift mit Millionenauflage «Die Wut und der Stolz» (S. 139) formulierte – stehen die Christen im «islamischen Morgenland» logischerweise auf der vermeintlich falschen Seite, im Feindesland, nämlich. An diese Argumentation kann jeder anschliessen, der eine Diskriminierung von Christen ausserhalb des «Westens» begründen möchte. Er kann etwa auf Michael Stürzenberger verweisen, der Muslime gegen Christen austauschen möchte, um zu belegen, dass Christen vertrieben werden sollten, da sie eigentlich» ins «Abendland» gehören würden.

Oliver Wäckerlig ist Doktorand am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich.

von Oliver Wäckerlig | Kategorie: Medienschau

58 Bemerkungen zu «Macht sich Islamfeindlichkeit auch in etablierten Medien breit?»

  1. Sehr schöner Beitrag, Kompliment!

  2. Maggy Ritz:

    Von mir einen Ehrendoktor ;) Ganz herzlichen Dank für diese umfassende Darlegung!

  3. Vielen Dank für die gute, kenntnisreiche Recherche. Das nenn ich eine gehaltvolle Medienkritik. Dem Medienspiegel wäre aber vermutlich kein Zacken aus der Krone gefallen, wenn er nach dem Motto «Ehret einheimisches (Blog-)Schaffen» erwähnt (d.h. verlinkt) hätte, dass das Silver-Train-Blog (Disclaimer: es handelt sich um mein Blog) das Thema zuerst aufgegriffen hat, nämlich bereits am Erscheinungstag von Wehrlis Artikel, d.h. zwei bis drei Tage vor den deutschen Blogs, die der Medienspiegel verlinkt hat. Eine Qualität des Internets ist ja die Möglichkeit, schnell zu reagieren (analog McLuhans seinerzeitiger Forderung, dass vor jedem Fernsehgerät ein kritischer Kommentator sitzen sollte). Auch wenn Oliver Wäckerlig über viel mehr Detailinformationen verfügt.

  4. Pingback: «Friedlich trotz Islam»: BaZ macht Stimmung gegen Muslime | SILVER TRAIN

  5. Ja, gute Ausführung. Die Weltwoche wird offenbar nicht zu den «etablierten Medien» gezählt. Anhand deren Reaktion auf Breiviks Anschläge konnte man die Vernetzung der «islamkritischen» Kreise und die Verbreitung dieser Ideologie schon direkt nach Breiviks Anschläge aufzeigen.

    Da es hier offenbar gerade schick ist, den eigenen Blog zu verlinken, Beitrag vom 29. Juli 2011: http://ivinfo.wordpress.com/2011/07/29/verantwortung-2/ Nicht so ausführlich und wissenschaftlich wie obiger Beitrag. Aber die Vernetzungen und gegenseitige Beeinflussung der «Islamkritiker» Breivik-> Rob Spencer->PI-Blog-> Die Freiheit (Partei von Mannheimer)-> Oskar Freysinger waren damals schon klar ersichtlich.

    Evtl. habe ich das überlesen, aber Freysinger wurde oben nicht erwähnt? Er sprach am Gründungsparteitag «der Freiheit» (Landesverband Bayern) und ebenso am 3.9.2011 auf einer weiteren Veranstaltung der Freiheit, an der auch der auch Rob Spencer hätte teilnehmen wollen (dann aber kurfzristig absagte).

    Fragwürdige Tendenzen werden offenbar erst dann wahr- und ernst(?)genommen, wenn sie schon soweit «normalisiert» sind, dass sie auch in die «etablierten Medien» einfliessen können. Das sollte zu denken geben.

  6. Thomas Läubli:

    Wir kennen den faktenfreien Polit-Journalismus doch schon von der Weltwoche. Die Islamfeindlichkeit konnte man schon im Vorfeld des Minarettverbots in den “etablierten Medien” beobachten. Auch dort gab es vorwiegend Artikel über den bösen Muslim und die übliche Fokussierung auf den narzisstischen Politikbetrieb (d.h. der Durchschnittspolitiker, der über Themen urteilt, von denen er, wenn es sich nicht gerade um ökonomische oder juristische Fragen handelt, keine Ahnung hat) in gewissen Medien, wozu beileibe nicht die üblichen Verdächtigen gehören, und über gelungene Integration oder eine Herausstellung der Ähnlichkeiten von Muslimen und Andersreligiösen war nichts zu lesen.

    Auch entlarvt sich die Rede von der “Politischen Korrektheit” als Chimäre, denn hier zeigt sich, dass immer in allen Bereichen jene am lautesten Korrektheit einfordern und aktiv herstellen, die sich die freie Meinungsäusserung als Anliegen des Liberalismus auf die Fahne geschrieben haben. M.a.W. die Politische Korrektheit ist ein machiavellistischer Schachzug des rechtslibertären Bürgertums, um von anderen Anstand einzufordern und gleichzeitig für sich die totale Freiheit zu beanspruchen, Andersdenkende zu beleidigen und fertigzumachen. (Das gilt im übrigen auch für das Prinzip Kommentarforum der Online-Medien.)

  7. Fred David:

    @) Marie Baumann, weil Sie unsern Walliser Staatsrat Freysinger erwähnten, der vor einiger Zeit als SVP-Parlamentarier vor der Partei “Die Freiheit” als Experte referierte, hier der Hintergrund, in welchen Kreisen sich diese Art Politiker besonders zu Hause fühlen: “In Bayern wird der Verfassungsschutz künftig die Partei Die Freiheit und das Blog “Politically Incorrect” beobachten. Dies kündigte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in München an. Hermann warnte vor einer Islamfeindlichkeit, die sich auch außerhalb des Rechtsextremismus entwickele. Die Partei Die Freiheit und die Münchner Organisation von “Politically Incorrect” schüre pauschale Ängste vor Muslimen.” (Die Welt, 12.März 13).

    Staatsrat Freysinger hat bei sich zu Hause “aus dekorativen Gründen” die deutsche Reichskriegsflagge aufgehängt. Dazu die Wikipedia-Definition:”Durch die häufige Verwendung durch Rechtsradikale wird diese Flagge heutzutage mitunter mit rechtsextremem Gedankengut in Verbindung gebracht.” – Mit andern Worten: Das Gedankengut, das ein konservativer deutscher Innenminister als verfassungsgefährden betrachtet und das Oliver Wäckerlig hier kenntnisreich analysiert, ist bei uns schon ziemlich weit oben in der Exekutive angekommen.

  8. Frank Hofmann:

    @Fred David: Die erste Frage ist, inwieweit die Wikipedia-Definition verlässlich ist. Ist diese neutral oder politisch gefärbt? Die zweite Unklarheit betrifft das Wort “mitunter”: Was bedeutet es genau? Der Ausdruck wird seit ein paar Jahren gerade von Journalisten falsch verwendet, nämlich in der Bedeutung von “unter anderem”. Die korrekte Bedeutung ist jedoch “manchmal”, “gelegentlich”. Sie, Herr David, übernehmen diese unklare und somit unbrauchbare Wikipedia-Definition auf Ihre Weise, um Freysinger in die rechtsextreme Ecke zu stellen.

  9. Fred David:

    @) Frank Hofmann, jeder, der sich in diesen Kreisen bewegt weiss, welche Bedeutung der Reichkriegsflagge dort gegeben wird. Ich war lange genug in Deutschland Korrepondent um zu wissen, in welcher Weise in diesen Kreisen diese Flagge gezielt und bewusst eingesetzt wird. Die Hakenkreuzflagge ist verboten und diese – nicht verbotene – Flagge gilt in diesen Kreisen als Ersatz, als gegenseitiges Gesinnungsmerkmal.

    Man muss in der Schweiz aufhören mit dieser Herumdeutlerei und Relativiererei in diesem Zusammenhang, und man muss Klatext reden, gerade in den Medien. Die Politik schafft das nicht mehr.

    • Frank Hofmann:

      @Fred David: Es geht mir allein um Ihre Argumentation mithilfe der sog. Definition aus Wikipedia. Dies halte ich für intellektuell unredlich. Warum gehen Sie nicht darauf ein? Selbstverständlich dürfen Sie glauben, OF sei ein Rechtsextremer. Die Deutungshoheit zu beanspruchen, ist dann allerdings ein weiterer Schritt, ich nenne dies die Tamedia-Methode.

  10. Kompliment und Dank für diesen hervorragenden Beitrag!

    • Kurt Imhof:

      Dem möchte ich mich gerne anschliessen! Man muss die Netzwerke dieser organisierten Islamophobie primär im Dreieck Blogs (wie etwa auch Gates of Vienna), einschlägige Informationsmedien und rechtspopulistische Akteure analysieren.

  11. Oliver Wäckerlig:

    Zu Oskar Freysinger: Er gehört nicht direkt ins oben beschriebene Kommunikationsnetzwerk, da er im deutschsprachigen Raum nicht als Autor auf einschlägigen Plattformen in Erscheinung tritt. Er wird aber wegen seinen Teilnahmen an Veranstaltungen mit islamfeindlicher Ausrichtung in einem Akteur-Event-Netzwerk erfasst.
    Freysinger hatte in der Frühjahrssession 2011 eine Delegation der bayerischen Sektion der Partei „die Freiheit“ ins Bundeshaus geladen. Mit dabei war auch ein Kamerateam von PI-news mit Michael Stürzenberger, der auch Vorsitzender der „Freiheit“ in Bayern ist (vgl. Artikel). Dieser Partei-Landesverband, wie auch die entsprechende PI-news-Gruppe, wird wie erwähnt vom deutschen Verfassungsschutz überwacht. Empfangen hatte die Delegation NR-Lukas Reimann und die im Artikel ebenfalls erwähnte ev.-ref. Pfarrerin. PI-news bzw. „die Freiheit“ führte dort Interviews mit Freysinger, Reimann sowie mit Ulrich Schlüer. Reimann erklärte: „Der Islam gehört ganz klar nicht zur Schweiz“. PI-news war mit Stürzenberger bereits früher bei Freysinger im Wallis zum Fondue-Plausch eingeladen und berichtete ausführlich darüber.
    Die Pfarrerin und Reimann nahmen im Juni 2010 am geheimen „Counterjihad“-Treffen in der Schweiz teil. Reimann wurde wohl durch die Pfarrerin eingeführt, die bereits den im Artikel erwähnten Fjordman bei sich zu Hause empfangen und Bat Ye’or (vgl. Artikel) als PI-news-Redaktorin mehrmals interviewt hatte.

  12. Skepdicker:

    Die Titelwahl irritiert mich. Warum sollen etablierte Medien über 300 Jahre nach Voltaires Geburt nicht islamfeindlich sein?! Ich wünschte mir dringend mehr Islam-, Christentum- und Judentumfeindlichkeit in etablierten Medien!

    Alte weisse Männer können ihr Alter, ihre Hautfarbe und ihr Geschlecht nicht wählen. Trotzdem ist es im Juste-Milieu-Journalismus chic, alte weisse Männer zu verspotten. Biologismus pur, aber scheinbar akzeptiert. Angehörige einer Religion haben ihre Religionszugehörigkeit aus freien Stücken gewählt. Kritik an Religion bzw. Religionsangehörigen gleicht daher der Kritik an Ideologie bzw. Ideologen. Trotzdem wird sie gerne mit Rassismus gleichgesetzt – auch von selbsternannten Fahnenträgern der Aufklärung. Warum eigentlich?

    • Skeptiker, haben Sie Oliver Wäckerligs Artikel gelesen? Falls ja, sollte Ihnen nicht entgangen sein, dass das Problem nicht «Kritik an Religion» ist, sondern die Irreführung der Leser mit nicht zutreffenden Behauptungen (wie zB die Horrorfilmszene, die Thomas Wehrli als reale Greueltat darstellte, oder das Operieren mit falschen Zahlen), die das Schüren von Emotionen zum Ziel hat. Der Begriff Rassismus ist ziemlich zutreffend für diese verantwortungslose Art, Journalismus zu betreiben.

      • Skepdicker:

        Darum habe ich ja geschrieben: “Die Titelwahl irritiert mich.”

        Oliver Wäckerligs Text stimme ich grösstenteils zu. Ich stimme Ihnen aber ausdrücklich nicht zu, dass der Begriff Rassismus ziemlich zutreffend für diese verantwortungslose Art sei, Journalismus zu betreiben. Es ist Rassismus, wenn man Araber, Iraner oder Tschetschenen als Angehörige einer Ethnie herabwürdigt.
        Dass viele Journalisten mittlerweile eine Rassismus-Definition mittragen, die Religion mitumfasst, finde ich schade. Sie erklären somit Voltaire, Flaubert oder Atatürk zu Rassisten. Aufklärung à la carte…

        • Kurt Imhof:

          Wichtiger Hinweis zur Differenzierung vom Skepdicker: Aufklärung war zunächst Kunst- dann Religionskritik und mit letzterem wurde sie politisch. Das “Ecrasez l’infâme” Voltaires etwa richtete sich allerdings gegen die Kirche als Institution der Unvernunft und gerade nicht gegen die “Christen” im Kollektivplural. An letzterem ist Oliver Wäckerlig genauso interessiert, wie der Aufklärungsliberalismus, der das mündige Individuum an die Stelle der Kollektivverbände setzte.
          Ausserdem: Erwerbbare Merkkmale versus nicht erwerbbare Merkmale. Religionszugehörigkeit ist leider nicht so einfach. Faktisch besteht eine Wahl, die keine Unbill einträgt, nur in säkularen Gesellschaften.

        • Raess Rolf:

          @Skepdicker: Sie lassen jedoch aus, dass mindestens bei einer der monotheistischen Religionen der Glaube mit der “Rasse” zusammen fällt. Oder wollen Sie, als “Kaukasier” (Ausdruck gebräuchlich in den USA für uns weissen Europäer) ein Jude werden? Das können Sie nicht!

          • Skepdicker:

            @Raess Rolf: Das ist nachweislich falsch. Die Konversion zum Judentum ist durchaus möglich. Lediglich die ultraorthodoxen Zeloten lehnen Konversionen ab.

            Aber das ist nicht weiter schlimm. Welcher Neo-Jude will schon von Irren akzeptiert werden, die am Sabbat Strassen sperren, Kleidervorschriften erlassen, von der Militärpflicht befreit sind und zu grossen Teilen den Staat Israel ablehnen (weil nicht vom Messias ausgerufen)?

          • Raess Rolf:

            Ja, Skepdicker (Anonymus…) bekommen wird dann auch Nasen wie der selige Gamal Abdel Nasser oder die Golda Meirson?

    • Thomas Läubli:

      Skepdicker, Sie haben “heterosexuell” vergessen, um sich noch mehr zu bemitleiden…

  13. Fred David:

    Wichtig scheint mir die klare Unterscheidung zwischen Islamkritik, von mir aus auch Islamfeindlichkeit und der gezielten Instrumentalisierung und das Schüren von Ängsten zu politischen Zwecken. Das beschränkt sich nicht auf den Islam. Das gleiche lässt sich in der Asyldebatte beobachten.

    Und wenn Politiker sich anmassen zu dekretieren, was “ganz klar nicht zur Schweiz gehört” , muss man ihnen auch medial Kontra geben (die Politik selber ist dazu nicht mehr in der Lage), vielleicht auch mal durch eine etwas ausführlichere Religionsdarstellung, woraus hervorgeht, dass Judentum, Christentum und Islam sehr tiefe gemeinsame Wuzeln haben, und dass alle drei Weltreligionen starke Elemente aus dem Orient tradieren – die entscheidenden vier Jahrhunderte des Christentums, in denen sich die heutige Lehre formte, waren stark orientalisch geprägt. Im Uebrigen wandelte Jesus meines Wissens nicht über den Tsürisee….

    Schon im 19.Jahrhundert haben Politiker lautstark trompetet, dass eine bestimmte Religion “ganz klar nicht zur Schweiz gehört”. Damals betraf es das Judentum, genauer: “das Weltjudentum”, “den jüdisch beherrschten Grosskapitalismus”, “die jüdische Gefahr”, der “jüdisch beherrschte Kommunismus” usw. usw.

    Abgesehen davon widerspricht dies alles der in der Verfassung garantierten Religionsfreiheit. Das sind keine Kleinigkeiten, die man so oder anders sehen kann.

    Es gibt eine dunkle Schweiz, und die muss man ausleuchten, wie das hier Oliver Wäckerlig tut.

  14. Raess Rolf:

    Der Artikel über die neuen Kreuzzüge ist mir schlicht zu lang. Ich habe nicht alles gelesen, denn die dort aufgedeckten böswilligen Verdrehungen und Verleumdungen kotzen mich an. Den Grundstein für die darin beschrieben, faschistischen Praktiken hat – meines Erachtens – doch DarthVader (Cheney) und Bush jr. und die Clique der US-Neocons gelegt. Nun, nach dem Kalten Krieg muss nun ein neuer Krieg her, da kommen andere Semiten wieder einmal grad recht und das Rüstungslobby frohlockt. Es ist schon zu lange her, seit der Faschismus sich ab 1945 ducken musste. Jetzt kommen sie wieder aus ihren Rattenlöchern. Auch in den 30er Jahren des letzten Jahrhundert waren prominente Schweizer dabei inkl. rechtslastige Zeitungen aus der Schweiz, die das dann nicht mehr wahrhaben wollten… Also, nichts Neues im Westen.

  15. Fred David:

    Welche paranoiden Folgen diese gezielt geschürten Islamisierungsängste inzwischen hervorbringen, zeigen die Leserkommentare zu diesem Bericht von newsnetz/Tagesanzeiger: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Vermeintlich-islamische-Phaenomene/story/19196378

  16. Fred David:

    …und hier noch ein einschlägiges Beispiel, wie weit das inzwischen geht – ohne medialen Widerspruch. Thematisiert wird es vom gemeinnützigen “Infosperber”: http://www.infosperber.ch/Artikel/Medien/Die-Sprache-der-Politik-wird-zusehends-primitiv

    • Oliver Wäckerlig:

      SVP-Grossrat Andreas Glarner (AG), um den es bei „Infosperber“ geht, ist nach dem Minarettverbot der rechtsradikalen islamfeindlichen Bürgerbewegung Pro Köln beigetreten. Trotz einer aufwändigen Anti-Islam-Kampagne schaffte Glarner 2007 nicht den Sprung in den Nationalrat.

      • Fred David:

        Der Herr ist immerhin Fraktionschef eines Kantonsparlaments. Von den einschlägigen politischen Kontakten und Aktivitäten des Staatsrats Oskar Freysinger war hier schon die Rede. Erwähnt werden sollte auch, dass Freysinger ernsthafte Ambitionen hat, Ueli Maurer als Bundesrat in die Regierung nachzufolgen. Er hat Kreise um sich, die dieses Ziel ernsthaft und professionell anpeilen. Wenn die Medien da nicht besser aufpassen, haben sie nicht begriffen, was hier vor sich geht.

  17. Lieber Wäckerlig, ich weise hiermit daraufhin, dass bereits vor der BaZ “Die Welt” und die “Die Weltwoche” ähnliche Artikel mit gleichem Titel verfasst haben. Hier die Links:

    http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2012-10/glauben-alle-fuenf-minuten-wird-ein-christ-getoetet-die-weltwoche-ausgabe-102012.html

    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article109334415/Alle-fuenf-Minuten-wird-ein-Christ-getoetet.html

    Beim Weltwoche-Artikel sehen sie die Quellen, soweit ich erkennen kann, ist dieser Mannheimer nicht dabei. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass diese Quellen in ihren Augen nichts taugen und dass Sie diese umgehend herunterspielen werden. Mir geht es nur darum, darauf hinzuweisen, dass es bereits ältere Artikel als jenen der BaZ zu diesem Thema gibt.

    Report Mainz hat vor Jahren übrigens über die Verfolgung von Christen in Deutschland berichtet. Haben Sie die Sendung gesehen? Ist das auch nur Hetze?
    http://www.youtube.com/watch?v=gNbPfyEveGY

  18. Facebookler:

    Ich rate allen hier Schreiben, insbesondere den zahlreich vorhanden Islamverharmlosern sich einmal wöchentlich auf der Facebook-Fanseite des islamischen Zentralrates der Schweiz zu informieren. Dabei interessieren nicht unbedingt die äusserst vorsichtig verfassten Einträge der Seitenbetreiber, sondern vielmehr die Äusserungen der bereits beinahe 10’000 Fans. Hier erkennt man erst, wie militant und extrem die Ansichten eines wachsenden Teils unserer muslimischen Mitbewohnern doch ist. Alternativ darf man sich gerne die Fanseite des Islamofaschisten Pierre Vogel betrachten, denn dort erkennt man endgültig, welche Ziele die Anhänge des Salafismus in Europa langfristig verfolgen: Die Errichtung eines islamischen Kalifats.

    Obwohl im Grundsatz liberal, kann man meines Erachtens die Gefahr des Islams nicht oft genug betonen und es ist somit notwendig, bereits in diesem frühen Stadium der “Islamisierung” Europas korrigierend einzugreifen. Angesichts der Unfähigkeit der meisten Medien sowie aller “wichtigen” Politologen etc. diese Problematik wenigstens ansatzweise zu erkennen, braucht es heute Plattformen wie PI dringender denn je, auch wenn diese natürlich teilweise bedenkliche Inhalte publizieren.

    • havenofacebookler:

      “Obwohl im Grundsatz liberal, kann man meines Erachtens die Gefahr des (irgend eine Religion) nicht oft genug betonen und es ist somit notwendig, bereits in diesem frühen Stadium der “(irgend eine Religion)isierung” (irgend ein Land) korrigierend einzugreifen.”

      Wird weltweit (ich vermute sogar im ganzen Universum…) von allen Individuen, welche sich in Ihrem Urvertrauen beraubt fühlen als Begründung für ihre Ängste gebraucht.
      Ängste werden auf etwas anderes (grosses, unbekanntes, neues, unlösbares, etc.) projiziert. So entsteht das Gefühl, man macht etwas dagegen, da es ja keine real messbaren Fort- / Rückschritte gibt in der Anstrengung dagegen. Und man kann immer auf etwas zeigen. Man wird sich so seine Erfolge selber setzen. Geht in Richtung Hendrik Ibsen – Die Wildente.

      Ich kenne Facebookler nicht und kann mir aufgrund seiner paar Zeilen hier auch keine fundierte Meinung bilden. Meine Antwort ist allgemein zu verstehen.

      Grundsätzlich zum ganzen Thema hier ist zu sagen, dass Extremisten immer gefährlich sind. Egal aus welcher Ecke und Epoche.

  19. Bernhard Folda:

    Die differenzierte und ausserordentlich informative Darstellung der Gegebenheiten steht diametral im Gegensatz zu der Art, wie aus den zitierten Kreisen “argumentiert” wird. Allerdings muss man sich auch bewusst sein, dass genau diese sorgfältig erarbeitete Form der Kritik an der simplifizierenden Volksverhetzung von rechts die Adressaten, die es lesen müssten, nie ankommt. Selbst intelligente und weitgehend unverdächtige Menschen sind vom Virus der irraitionalen Ängste gegen alles, was mit Islam in Verbindung gebracht werden kann, so weit angesteckt, dass sie bereit sind, Artikel wie die im Text genannten als bare Münze zu nehmen. Genau das ist besonders besorgniserregend!

    • Frank Hofmann:

      Einfach wieder mal “Biedermann und die Brandstifter” lesen. Oder im Frauenhaus nachfragen.

      • Fred David:

        Ich glaube, Frisch würde heute einen andern Titel wählen, zum Beispiel: “Brandstifter-GmbH Biedermann” oder “Die Brandstifter und ihre Lenker” . Zugegeben, das sind noch Arbeitstitel. Aber in diese Richtung geht es.

  20. Oliver Wäckerlig:

    Die “Schweizerzeit” (21. Juni) hat im Internet recherchiert und ist auf dasselbe Bild gestossen wie die BaZ. Wie im obigen Artikel aufgezeigt, handelt es sich um eine Abbildung aus einem kanadischen Horrorfilm (siehe: „2. Krieg der Bilder“).
    Anian Liebrand, Schweizerzeit-Redaktor und SVP-Sekretär LU, verzichtet wie bereits BaZ-Redaktor Thomas Wehrli auf den Abdruck des Bildes („zu brutal“). Wie Wehrli belässt er es bei einer Beschreibung: Das Bild zeige eine „junge Christin“, der „an ein Bett gefesselt“ „ein massives Kruzifix in den gewaltsam aufgerissenen Mund getrieben“ worden sei.
    Aktualitätshalber situiert Liebrand das vermeintliche Geschehen („Christenverfolgung“) in Syrien. Dazu druckt er auch ein Bild der „jungen Christin“ ab, bevor sie den „oppositionellen Horden“ in die Hände gefallen sei. Liebrand kennt auch die Todesursache: „Zu Tode vergewaltigt“.
    Dieser Beitrag ist in den Artikel „Kopftuch-Kindergärtnerin in Kriens“ eingebettet.

  21. Fred David:

    …und in dumpfen Köpfen verbindet sich denn jedes Kopftuch mit einem in den Mund geschlagenen Kruzifix. Das ist die Absicht. Ohne diese Dumpf-Themen wäre die äusserste politische Rechte in diesem Land verloren. Journalisten sollten dieses simplen Mechanisus eigentlich kapieren.

  22. Oliver Wäckerlig:

    Der Presserat hat nun Beschwerden gegen den BaZ-Artikel von Thomas Wehrli weitgehend gutgeheissen: http://presserat.ch/_61_2013.htm

    Die Online-Version des Artikels ist weiterhin abrufbar.

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  27. Oliver Wäckerlig:

    “Es wurden getötete Christen gefunden, denen man ein Holzkreuz durch den Mund in den Hals gerammt hatte.” http://www.bz-berlin.de/thema/schupelius/wieso-fuehlt-niemand-mit-den-verfolgten-christen-article1782230.html?vote=voted_1782231#box_1782231

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