No news, please?

Er hat es schon öfter getan, zuletzt im «Guardian»: Unter dem Titel «News is bad for you – and giving up reading it will make you happier» hat der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli unserer Branche die Leviten gelesen. News, so seine These, sind für den Geist das, was Fastfood für den Körper ist: Sie machen krank. Sie sind irrelevant und irreführend, statt Erklärungen zu liefern, bedienen sie Vorurteile. Sie fördern nicht das Nachdenken, sondern die Fahrigkeit. Sie sind eine Droge, eine Zeitverschwendung, sie machen passiv, zerstören die Kreativität.

Das wollte der «Guardian» nicht auf sich sitzen lassen. Madeleine Bunting hat in ihrer Replik Dobellis «manifesto for slow thought» zwar den einen und anderen Punkt zugestanden; auch sie findet, die Konzentrationsfähigkeit leide unter dem unablässigen News-Ansturm. Aber letztlich seien nicht die News das Problem, sondern die Art, wie wir sie konsumierten. Die von Dobelli propagierte News-Abstinenz führe in die Isolation, beraube einen der «kollektiven Konversation» über die «riesige Vielfalt der menschlichen Erfahrung». Das sind grosse Worte; die Argumentation gipfelt im Hinweis, Dobellis Verweigerung gefährde die Demokratie.

Der Artikel wurde unmittelbar nach dem Bombenanschlag in Boston geschrieben. Vielleicht wäre er nach dem Delirium der multimedialen Jagd auf die Attentäter anders ausgefallen. All die Meldungen, Nullmeldungen, Falschmeldungen in hysterischer Echtzeit rund um die Uhr auf allen Kanälen – besser hätte man Dobellis Thesen gar nicht illustrieren können. (Mein Lieblingsstatement ist jenes des tschechischen Botschafters in Washington, der besorgt ein «äusserst unglückliches Missverständnis» in den sozialen Medien richtigstellte: «The Czech Republic and Chechnya are two very different entities.»)

Eine zerknirschte Auflistung der Tiefschläge in der Berichterstattung über die Attentäter von Boston hat der Journalist Farhad Manjoo von «Slate» geliefert. Zerknirscht, weil auch er im Jagdeifer die Meldung über einen irrtümlich Verdächtigten weitertwitterte. Unter dem Eindruck seines «news hangover» hat er für künftige «breaking news events» Verhaltensanweisungen verfasst, die von Dobelli sein könnten:

Renne zum Fernseher und schalte ihn aus. Zieh den Telefonstecker raus. Lösche deine Twitter App. Schliess dein E-Mail-Programm. Steck den Computer aus. Geh für ein, zwei Stunden spazieren. Setz dich im Park auf eine Bank und lies einen alten Roman. Gönn dir ein anständiges Abendessen und geh früh zu Bett. Setz dich am nächsten Tag 10 Minuten an den Computer und lies, wie deine bevorzugte Zeitung die Geschichte zusammenfasst.

Bei seinen Chefs käme ein Journalist mit dieser Strategie wahrscheinlich nicht durch. Ab und zu ein bisschen Entschleunigung täte dem News-Journalismus zwar gut, aber zu gross sind die Verlockungen der Sofort-Kommunikation. Um die Kollateralschäden wird man sich auch beim nächsten Mal lieber nachher kümmern, statt sie zu verhindern. Wer will schon die Handbremse anziehen, wenn er Vollgas fahren kann. (Zurecht wird in dieser Diskussion übrigens erwähnt, dass auch in «langsameren» Zeiten Falschmeldungen über den Fernschreiber tickerten.) Dennoch hätte ich nichts dagegen, gelegentlich unter einer Eilmeldung zu lesen: «Dies und jenes ist angeblich passiert. Wir wollen jedoch keine Spekulationen verbreiten. Wir melden uns wieder, wenn wir Genaueres wissen.»

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «No news, please?»

  1. Mercator:

    Häppchen sind eine ungesunde Ernährung, das stimmt. Aber das soll mir bitte nicht der Mann erzählen, dessen NZZ-Beilage-Heftchen die Monumente der Weltliteratur auf „Take-Aways“ und Inhaltsangaben reduzieren.

    • Mara Meier:

      Alle Häppchen ins selbe Töpfchen, Sie Gestrenger? Ich wehre mich nicht für den ungestümen Genuss von Blätterteigstangen und Chips in Kombination mit Rivella oder billigem Weisswein auf nüchternen Magen. Und doch: Man sieht nur ab und zu einen Unterzuckerten vor seinem Tablet liegen. Läge er nicht wegen des News-Konsums da, wäre er vielleicht betrunken unter einem Tisch. Internetabstinenz macht uns erschreckend produktiv, das ist klar. Weniger klar ist, ob wir diese Produktivität denn wollen. Mir scheint das Phänomen der Zeitverdummung, Prokrastination und Faulheit nicht besonders neu. Nehmen wir den E.T.A. Hoffmann (, um jetzt neben dem Herrn Dobelli noch einen anderen Schriftsteller zu nennen). Das war also schauerlich, wie der permanent über seinen Schreibarbeiten einnickte, wie Tausende, die alle nicht so recht schlafen wollten des Nachts, obwohl ärztlich wärmstens empfohlen. Und wegen der auf Zusammenfassungen geschrumpften Monumente („für Leser ohne Zeit“, d.h. für die, die gerade keine Zeit für den oben empfohlenen Spaziergang haben, weil sie News lesen), die uns auch der Herr Dobelli, scheinbar ein Meister des Paradox‘, beschert hat, muss ich Sie nochmals als sehr gestreng rügen: Immerhin gibt es darin vollständige Sätze. Und die können Sie z.B. langsam lesen, total slow. Denn es könnte noch schlimmer kommen. Stellen Sie sich vor, die NZZ würde Werke der Weltliteratur, wie z.B. Anna Karenina oder Tausend und eine Nacht mit „schmatz“ oder „mampf“ wiedergeben. Nur so ein kleines, schreckliches Gedankenexperiment am frühen Abend.

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