Fünf nach zwölf

Vorgestern war ich in der Pressevorführung von Costa Gavras‘ neuem Film. Er heisst schlicht «Le Capital» und ist eine konzise, bittere, elegante Studie über den Kapitalismus von heute. Den «Raubtierkapitalismus», wie Jean Ziegler sagen würde. Den Casino-Kapitalismus, wie es sich inzwischen auch bei den Nicht-Linken eingebürgert hat. Es ist ein Abzocker-Spiel in Reinkultur, das der grosse alte Politregisseur inszeniert (er stammt ursprünglich aus Griechenland).

Nicht ganz neu, wir haben es ähnlich schon in Variationen aus den USA und England gesehen. Aber der Zeitpunkt passt perfekt zur Nachrufschwemme auf Margaret Thatcher, der tatkräftigsten unter den politischen Wegbereitern dieses Spiels. Dass ausgerechnet die scharf rechnende Krämerstochter, die ihren Budget-Ministern Hausfrauentugenden wie Sparsamkeit und Schuldenvermeidung ans Herz legte, eine solche Geldspieler-Brut herangezogen hat, ist eine Ironie, für die andere bezahlen müssen.

«Le Capital» zeigt, satirisch zugespitzt, wie eine der altehrwürdigen Banken Frankreichs für den internationalen Wettbewerb aufgeblasen und dann im zunehmend skrupellosen Pisswettbewerb unter globalisierten Banken-Managern, CEOs, Spekulanten und Finanz-Cowboys kaputtgemacht wird (ungefähr so, wie wir es seit Jahren mit allen Konsequenzen in der Realität beobachten können). Zehntausend Arbeitsstellen gehen dabei drauf – bloss eine Pokerkarte für den Sieger, an der Börse aber Millionengewinne für alle Mitspieler. High Noon der Heuschrecken. Dem Fussvolk wird es schmackhaft gemacht als unumgänglicher unternehmerischer Schritt zur Bankenrettung. Wie gesagt, nichts, was mittlerweile nicht der letzte Kleinsparer begriffen hätte. Aber wahrscheinlich gehen mittlerweile auch nur noch die Kleinsparer ins Kino. Die Banker, Börsianer und Manager tummeln sich lieber im Theater – dort lässt man sie in Ruhe mit Politthemen.

Nach der Pressevorführung las ich die «NZZ»: ein Interview mit deren neuem Verwaltungsratspräsidenten. Er sagt, für die Medien sei es nicht fünf vor zwölf, sondern schon später. Wir müssten jetzt alle, von oben bis unten, unternehmerisch denken. Uns schwant Schlimmes. Bekanntlich wird nicht nur in den Banken, sondern auch in den Medien nun schon seit Jahren und weltweit «unternehmerisch gedacht». Dafür braucht es ebenfalls CEOs, und die brauchen Verwaltungsapparate, denn sie stehen im Wettbewerb mit andern CEOs und deren Verwaltungsapparaten, und jeder möchte den grössten haben.

Das ist das Wesen des Wettbewerbs. Alle müssen aufkaufen und abstossen und fusionieren und diversifizieren und konsolidieren. Und in neue Medien investieren, weil alle andern auch in neue Medien investieren. Das kostet, und dann haben wir den Strukturwandel, und die CEOs wollen schliesslich Gewinn ausweisen, also muss man sparen: Abbau, Entlassungen, Schliessungen und keine Gesamtarbeitsverträge mehr. Am billigsten wird’s, wenn gleich die gedruckte Zeitung eingespart wird. (Alle Details und den markgerechten Jargon dazu findet man in Christof Mosers aufschlussreichem «Zettelkasten».)

Manchmal frage ich mich, wie es heute wohl wäre, wenn der eine oder andere Verlag sich damals, in den Neunzigern, diesem Spiel verweigert hätte. Wenn zum Beispiel die «NZZ» bei ihrem einen Pressetitel geblieben wäre. Bei der flachen Hierarchie von Redaktion und Chefredaktion und fürs Budget einen Chefbuchalter. Keine Ausgangsbeilage, kein Fernsehen, kein Magazin, keine Luxusbeilagen, keine Zukäufe und keine Beteiligungen. Keine Holding. Nur die alte Tante von der Falkenstrasse, vielleicht mit einer Sonntagsausgabe, mit frischem Anstrich fürs 21. Jahrhundert und mit Anschluss ans Internet. Schiere Naivität? Oder ob der Uhrzeiger ein bisschen weniger schnell auf fünf nach zwölf gewandert wäre?

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

9 Bemerkungen zu «Fünf nach zwölf»

  1. Hanspeter Spörri:

    Wahr und klar! Teile die Empörung! Diabolischerweise ist Margaret Thatchers «There is no alternative» in das System eingebaut: Wer nicht mitmacht, geht unter. Und wer mitmacht letztlich auch. Reiner Medialdarwinismus.

  2. Fred David:

    Insbesondere der letzte Absatz ist ein paar Ueberlegungen wert. Herdentrieb. Die „Zeit“, nur mal so als Beispiel, hat sich dem weitgehend widersetzt und ist auch noch mit ihrem unhandlichen, altertümlichen Format erfolgreicher als viele andere. Dazu würde ich übrigens auch die „Weltwoche“ zählen, obwohl ich sie nur im Notfall lese.

    Man darf das nicht alles Sparkommissaren und dem Willen ferner Aktionäre und Erben überlassen

    Aber letztlich bleibt bei all diesen Überlegungen eine Frage, die niemand wirklich stellt: Warum lassen wir das alles widerstandslos geschehen, als wären es unabänderliche Naturereignisse, die über uns hereinbrechen?

  3. Ich habe mich die ganze Zeit während des Lesens des NZZ Interviews gefragt, warum der Fragende nicht nachgekakt hat.

    Kundenorientiert schreiben? (wer ist Kunde: der Inserent oder der Leser oder wer sonst?)
    Der Journalist muss dafür sorgen, dass seine Artikel gelesen werden (wie geht das, bitte?)

    Das nur zwei Beispiele.

    Ich teile Fred Davids Frage: Warum lässt man das alles geschehen?

    • Walti:

      Mich hat ehrlich gesagt der Journi-Nachwuchs hier
      http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Warum-wir-kaum-noch-Zeitung-lesen/story/31981406
      mehr erschüttert als der Herr Jornod.

      • Hanspeter Spörri:

        Es ist eine Tatsache, dass Journalisten kaum Zeitung lesen, auch die eigene nicht. Häufig wird gründliche Lektüre nur vorgetäuscht. Das war schon früher so. Natürlich gibt es Ausnahmen. In manchen Redaktionen werden Lesende nicht gern gesehen: Die sollen Zeitung machen, nicht Zeitung lesen.

      • Frank Hofmann:

        Wenn das der Journalisten-Nachwuchs ist, sehe ich tiefschwarz für die Medien. Die SAL ist für Leute, die es nicht an die Uni schaffen. Mit Glück kommen diese Absolventen bei einem Lokalradio unter, mit der geschriebenen Presse werden die wenigsten etwas zu tun haben. Ergo spielts keine Rolle, dass die nicht Zeitung lesen.

        • Anmerkung zum Kommentar von Herrn Hofmann: SAL-Absolventen arbeiten oder arbeiteten unter anderem für die NZZ, den Tages-Anzeiger, den Landboten und für SRF. Und eine Frage: Warum wäre es schlimm, nach der Ausbildung bei einem Lokalradio zu arbeiten?

          Übrigens: Beim Pendeln beobachte ich, dass nicht nur junge Leute, sondern auch viele ältere die Zeitungen auf dem Smartphone oder Tablet lesen.

        • Charles:

          Ich möchte das präzisieren, Herr Hofmann: Wer es nicht an die Uni schafft, geht gern zum MAZ. Wer es tatsächlich schafft, bei der MAZ-Prüfung durchzufallen, geht gern an „Journalistenschulen“. Und wer auch das nicht schafft, geht gerne ans SAL.

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