Etienne Jornods Mission Statement für die NZZ-Gruppe

For the record hier ein paar Zitate aus einem am Dienstag erschienenen Interview mit Etienne Jornod, dem neuen VR-Präsidenten der AG für die Neue Zürcher Zeitung:

  • «In der Verlagsbranche ist es nicht fünf vor zwölf, es ist schon später. Alle Verlage sind mit demselben Problem konfrontiert, aber noch niemand hat die definitive Lösung gefunden. Eine Chance also, diese Probleme anzupacken und zu lösen. Die NZZ hat übrigens früh innovativ reagiert, als das Internet eine wachsende Bedeutung erhielt. Allerdings hat sie in letzter Zeit an Dynamik verloren. Nun müssen wir wieder aufholen.»
  • «Man muss lernen, in einer Welt zu leben, in der fast nichts mehr sicher ist. Das gilt es zu akzeptieren, und man muss lernen, unternehmerisch zu handeln. Ich denke, das betrifft auch die Journalisten. Auch sie müssen sich mit der Frage befassen, anders zu arbeiten.»
  • «Es gibt heute so viele Möglichkeiten, sich bequem aktuelle Informationen zu beschaffen. Damit kann sich ein Medium nicht mehr differenzieren. Aber mit der Qualität. Das zählt für unsere Leser. Wer verifizierte Informationen will, geht zur NZZ: Diesen systematischen Reflex müssen wir erzielen. Wenn uns das gelingt, sind wir einen grossen Schritt weiter.»
  • «Journalisten können nicht nur daran denken, einen guten Artikel zu schreiben. Sie müssen auch dafür sorgen, dass diese Artikel gelesen werden. Das ist für einige Journalisten eine Herausforderung.»
  • «Seinerzeit hatten wir bei Galenica im Logistikgeschäft über 15 Prozent Marge, heute arbeiten wir mit 6 Prozent und einer Ebit-Marge von 1,5 Prozent. Damals dachten wir, es sei absolut unmöglich, mit einer kleineren Marge zu leben. Aber es war möglich.» [Anmerkung M.H.: Tamedia strebt eine durchschnittliche Ebit-Marge von 15 Prozent an.]
  • «Ich glaube, dass die NZZ noch sehr lange eine gedruckte Ausgabe haben wird. Viele unserer Leser bevorzugen Papier, und das zu liefern, gehört auch zur Kundenorientierung. Daneben muss man aber parallel die Jungen, die Mobilen und die international orientierte Elite für sich gewinnen. [An anderer Stelle sagt Jornod zudem:] Wir haben in der Schweiz inzwischen viele Kader, die aus dem Ausland kommen. Diese haben andere Leitblätter als die NZZ. Insofern verliert die NZZ an Bedeutung.»

Und schliesslich – sicher zur grossen Freude des Verlegerverbands:

  • «Generaldirektor de Weck sagte, wenn das Problem der Verleger nur die Websites der SRG seien, dann hätten sie ein kleines Problem. Da hat er recht. Die Herausforderung ist viel grösser. Es gibt viele weitere Informationsanbieter, auch sie sind Konkurrenten.»
von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

4 Bemerkungen zu «Etienne Jornods Mission Statement für die NZZ-Gruppe»

  1. Fred David:

    «Seinerzeit hatten wir bei Galenica im Logistikgeschäft über 15 Prozent Marge, heute arbeiten wir mit 6 Prozent und einer Ebit-Marge von 1,5 Prozent. Damals dachten wir, es sei absolut unmöglich, mit einer kleineren Marge zu leben. Aber es war möglich.» [Anmerkung M.H.: Tamedia strebt eine durchschnittliche Ebit-Marge von 15 Prozent an.]

    … und zur weiteren Erinnerung: Wir hatten hier auf medienspiegel kürzlich eine kleine Diskussion mit dem Tenor, eine Rendite von 15% in der Medienbranche sei völlig normal, ja sie müsse sein, sonst breche der Kapitalismus zusammen, aber subito …

  2. Journi-Nachwuchs:

    Das mit der kleineren Rendite ist hier wohl auch der Knackpunkt: Dem Journalismus geht es ja nicht schlecht. Es geht ihm nur nicht mehr so gut wie in den Boomjahren. Sozusagen: Die fetten Jahre sind vorbei. Das bedeutet aber noch lange nicht das Ende. Natürlich spielt da noch die Zukunftsangst mit rein: Wie tief werden die Auflagen noch sinken, die Werbeeinnahmen, etc.? Trotzdem: Etienne Jornod spricht hier wieder mal etwas an, was häufig im Zusammenhang mit dem Strukturwandel genannt wird, worin aber keiner so richtig investieren will: Qualität. Ich traue ihm und der NZZ jedoch zu, diesen Kurs (weiter) zu fahren. Auf jeden Fall hoffe ich das.

  3. Kommentar 20.4.2013 Medienspiegel

    Langsam begreife ich, dass die Medienfürsten und die meisten ihrer Bannerträger, die Journalisten, nicht begriffen haben, dass ihnen mehr als nur die Nichtmehrleserschaft um die Ohren fliegt. Das ganze Mediensystem IST zerfallen und seine Einzelteile lösen sich nun dampfend in Luft auf. Die drei Finanzierungssäulen Abonnements, Werbung und Kleininserate tragen einen Verlag nicht mehr. Die Werbebudgets der Markenwelt fliessen heute in schier unzählige Kanäle. Für die Marken der Medien bleibt da je weniger desto zahlreicher die digitalen Zugänge zu den Konsumenten werden. Im Ansatz haben die Verlage darauf reagiert indem sie angefangen haben ihren Dienstleistungsbegriff weiter zu entwickeln. Frühzustellung, Gratiszeitungen, Webseiten, Lokalradio, Lokalfernsehen als Stichwörter. Das waren alles bloss Massnahmen in der Distribution unter Abbau der eigentlichen Produktqualität. Also gab es innerhalb dem Dienstleistungerbringungsanspruch eine horizontale Verlagerung von der Produktqualität hin zur Distributionsqualität. Dabei hätte man die Qualitätsvertikale innerhalb des ursprünglichen Produktes ziehen müssen. Wie kann die Dienstleistung Informationsvermittlung, Einordung, Handlungsempfehlung usw. vertieft und gleichzeitig erhöht werden? Was gehört alles dazu, was ist alles möglich, zu welchem Erlös führen die einzelnen Dienstleistungen? Wer produziert sie? Wer sind die einzelnen Zielgruppen? All diese Fragen stellen sich den Verlagshäusern. Sie stellen sich so nicht den elektronischen Medien und im Bereich ePublishing stellen sie sich ganz anders. Medienkonvergenz ist genauso ein falscher Denkansatz wie Telekommunikationskonvergenz. Killt der Ehegatte im Garten das Glasfaser, so schiessen die Kleider der Gattin in Tat und Wahrheit nicht aus der Bruchstelle. So ist es mit der Medienmarke. Ist deren Ansehen zerstört, interessiert die eigentliche Leistung dieser Marke auf keinem einzigen Kanal. Die teuer bezahlten Medienmanager haben also in den letzten 10, 20 Jahren seit dem Einsetzen des Zeitungsterbens nichts anderes gebaut als Klumpenrisiken. Anhäufung von Schwächen zu einem einzigen Jurasic Park voller dampfender Aussscheidungen. Nährboden für eine völlig andere Zukunft.

  4. Fred David:

    Man könnte Monsieur Jornod ja auch mal fragen: Wäre die NZZ zu diesem Journalismus überhaupt in der Lage? Hätte sie sowohl die Skills wie die nötige personelle und finanzielle Ausstattung, so etwas in kurzer Zeit zu stemmen? Und überhaupt den Willen dazu? Statt bloss staatsmännischer
    Fern-Kommentare?

    Einfach mal so in die Runde geschmissen, um die Sache aus theoretischen Höhen wieder ein wenig auf realistische Bodennähe zu bringen:http://www.bostonglobe.com/metro/2013/04/19/relatives-marathon-bombing-suspects-worried-that-older-brother-was-corrupting-sweet-younger-sibling/UCYHkiP9nfsjAtMjJPWJJL/story.html

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