Die Parteipresse lebt, … in Liechtenstein

Seit rund 40 Jahren ist die Parteipresse in der Schweiz nahezu ganz verschwunden (aber vielleicht schon wieder auf dem Weg zurück?). Nicht so bei den Nachbarn im Fürstentum Liechtenstein, wie folgende Kurzanalyse des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich zeigt. [die Red.]

Von Mark Eisenegger und Angelo Gisler

Anfang Februar fanden im Fürstentum Liechtenstein Parlamentswahlen statt. Aus öffentlichkeitssoziologischer Sicht lohnt sich ein Blick auf die Wahlberichterstattung der beiden grossen liechtensteinischen Zeitungen «Vaterland» und «Volksblatt»: Während in der Schweiz die Ära der Parteipresse in den 1970er Jahren zu Ende ging, weist die liechtensteinische Medienarena bei der Berichterstattung zu den Landtagswahlen noch jene spezifischen Merkmale auf, die die klassische Parteipresse charakterisieren. Dies zeigt eine Analyse der Frontseiten von «Vaterland» und «Volksblatt».

Parteipolitische Ausrichtung von «Vaterland» und «Volksblatt»

Die nach wie vor existierende ideologisch-politische Nähe der beiden liechtensteinischen Zeitungstitel zu den zwei grossen Parteien des Fürstentums − Vaterländische Union (VU) und Fortschrittliche Bürgerpartei (FBP) − widerspiegelt sich in einer diametral entgegengesetzten Bewertung ebendieser Parteien. Im «Vaterland» (die VU hält nach wie vor die Aktienmehrheit an dieser Zeitung) wird die VU insgesamt sehr positiv bewertet, während die FBP überwiegend Kritik einstecken muss. Ein umgekehrtes Bild präsentiert sich im «Volksblatt»: Von allen untersuchten Akteuren erfährt hier die FBP, zu der das «Volksblatt» seiner Selbstbeschreibung zufolge in einem «Naheverhältnis» steht, die positivste Bewertung während bezüglich VU eine klar negative Sichtweise dominiert.

Wechselseitige Meinungsresonanz

Neben der eindeutigen Parteipräferenz zeigt sich im direkten publizistischen Konflikt der beiden Zeitungen zudem ein weiteres Merkmal der klassischen Parteipresse. In beiden Blättern finden sich auf den Frontseiten explizite Bezüge zur anderen Zeitung – mit einer jeweils deutlich negativen Bewertungstonalität für den publizistischen Kontrahenten. «Vaterland» und «Volksblatt» führen für ihre bevorzugten politisch-ideologischen Lager einen stellvertretenden, redaktionellen Meinungskampf: Die in der einen Zeitung geäusserten Ansichten werden dabei von der anderen zum Anlass genommen, die eigenen Argumente in Anschlag zu bringen und jene des gegnerischen Blattes zu bekämpfen (vgl. Zitate unten).

Geringe Resonanz anderer Akteure

Unter den Bedingungen der Parteipresse haben es politische Akteure ausserhalb des unmittelbaren Freund-Feind-Schemas ungleich schwerer, öffentliche Resonanz zu erhalten. Im Falle des Fürstentums Liechtenstein manifestiert sich dies in einer deutlich geringeren Resonanz der aufstrebenden neuen Parteien (DU – Die Unabhängigen bzw. Freie Liste) gegenüber VU und FBP.

Wahlberichterstattung_Liechtenstein
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Anhang: Der publizistische Konflikt der Redaktionen in Auszügen

  • «Vaterland», 30.3.2012: «Die VU nimmt mit Befremden Kenntnis davon, dass im Parteiorgan des Koalitionspartners FBP rufschädigende Aussagen gegen Regierungschef Klaus Tschütscher verbreitet werden, die jeder sachlichen Grundlage entbehren.»
  • «Vaterland», 31.3.2012: «Exklusive Wahrnehmungsstörungen scheinen derzeit beim ‹Volksblatt› zu grassieren. Beharrlich wird die Schlagzeile vom vergangenen Donnerstag ‹VU sammelt Unterschriften gegen Tschütscher› weiterhin einfach ausgeblendet.»
  • «Vaterland», 24.10.2012: «Das ‹Volksblatt› hat in seiner gestrigen Ausgabe aus einer Mücke, die nicht einmal losgelassen wurde, einen Elefanten gemacht. Es wird ein ‹VU-Codex für die Landtagsfraktion› im Lichte der Verfassung analysiert, obschon dieses Papier Parteiintern nicht mehr zur Debatte steht.»
  • «Volksblatt», 7.12.2012: «Regierungschefkandidat Adrian Hasler bedauert, dass die VU-Führung und das ‹Liechtensteiner Vaterland› grundsätzlich jeden Vorschlag der FBP ablehnen, ohne diese überhaupt zu prüfen.»
  • «Vaterland», 10.1.2013: «Dass nun aber der VU deshalb in einem ‹Volksblatt›-Kommentar vorgeworfen wird, sie verfolge einen Wischiwaschi-Kurs und der Wähler müsse bei der VU die Katze im Sack kaufen, entspricht haltloser Wahlkampf-Polemik.»
  • «Volksblatt», 11.1.2013: «Die Flexibilität, mit welcher die VU-Postille im gestrigen Kommentar mit der Wahrheit umging, grenzt allerdings an bewusste Irreführung der Leser.»
  • «Vaterland», 14.1.2013: «Dass sich das ‹Volksblatt› um nichts lieber kümmert als um Parteiinterne Angelegenheiten der VU, hat es in den letzten vier Jahren vielfach gezeigt.»
  • «Volksblatt», 15.1.2013: «Geradezu skurril ist allerdings, wie das VU-Parteiorgan bei ‹Volksblatt›-Berichten immer wieder verzweifelt versucht, die FBP […] in die Verantwortung zu nehmen. Das ‹Volksblatt› bekennt sich zu seinem Naheverhältnis zur Bürgerpartei, ist aber kein Parteiorgan und das inhaltliche Primat liegt beim Chefredakteur und nicht bei der Partei. Damit unterscheidet sich das ‹Volksblatt› ganz massiv vom ‹Vaterland›, das sich ja offiziell im Besitz der Vaterländischen Union befindet.»
  • «Volksblatt», 15.1.2013: «Anstatt sich die Frage zu stellen, weshalb vertrauliche VU-Papiere immer wieder den Weg zum &ösaquo;Volksblatt› finden und warum einige hochrangige VU-Persönlichkeiten offensichtlich das Bedürfnis haben, der eigenen Partei zu schaden, greifen Jakob Büchel und das ‹Vaterland› den Überbringer der Botschaft massiv an und fordern im selben Atemzug ‹Fairness›: Das verstehe, wer wolle.»
  • «Vaterland», 30.1.2013: «Die führenden ‹Volksblatt›-Redaktoren reagieren immer sehr empfindlich, wenn Kritiker ihrer Wahlkampfschreibe das Wort Österreich erwähnen und damit auf die ‹Ausländerkarte› setzen.»

Mark Eisenegger ist Mitglied der Leitung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich. Angelo Gisler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am fög.

von Mark Eisenegger und Angelo Gisler | Kategorie: Medienschau

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