Das müssen Sie nicht lesen

In meiner letzten Kolumne war hier die Rede davon gewesen, wie die Medien zunehmend die Fähigkeit verlieren, Fakten und Ereignisse richtig einzuordnen. Es ging um den «Fall» Brüderle und um die Inszenierung eines Skandals. Diese Inszenierung ist mittlerweile in sich zusammengebrochen, nach einem kurzen heissen Luftstoss ist das Thema verschwunden.

Doch gleich nach Brüderle in Deutschland tauchte in der Schweiz Frau Nationalrätin Jacqueline Badran auf. Sie wurde aus einem Zürcher Nachtclub geworfen, weil sie verbotenerweise geraucht und beim Hinauswurfvorgang angeblich einen Türsteher beschimpft hatte. Zu diesem Thema publizierten Schweizer Zeitungen gegen 30 Artikel. Die Empörung war dreifach: 1. Rauchen im Rauchverbot, 2. Uneinsichtigkeit, 3. Angeblicher Anspruch der Fehlbaren auf Sonderbehandlung als Parlamentarierin (was Zeugen allerdings bestreiten).

Auch hier, immer dasselbe Muster: Zuerst wird via Twitter eine virtuelle Empörung entfacht, dann kommt die Angst der klassischen Medien, eine Story zu verpassen, und damit beginnt die Spirale der gepowerten Nicht-News. Hier ein zusätzliches Detail, dort eine Einschätzung, da ein neuer Aspekt. Alles von lähmender Unwichtigkeit. In diesem Fall kam noch eine besondere Perfidie ins Spiel: Der betreffende Nachtclub nutzte das Thema gezielt als PR-Vehikel und verbreitete entsprechende Mitteilungen und Verlautbarungen an die Medien.

Diese wurden wiederum Opfer ihrer selbst. Das Thema wurde gegenseitig befeuert und landete natürlich auch in sog. Qualitätsmedien wie dem «Tages-Anzeiger» − und dort sogar grossflächig. Eigentlich wäre da der Zeitpunkt für jeden klar denkenden «Tages-Anzeiger»-Leser gekommen gewesen, das Abo zu kündigen. Dies wurde offenbar auch Teilen der Redaktion klar, und einer ihrer Starreporter rückte wie zum Protest eine kritische Kolumne in die 5. Spalte.

Und hier stellt sich die Grundsatzfrage: Sollen derartige Hypes kritisch beschrieben werden? Sollen Journalisten protestieren, wenn ihre Medien wieder einmal einer Fata Morgana aufsitzen? Oder passiert damit im Gegenteil sogar das, was die Kritiker vermeiden wollen, nämlich ein zusätzliches Anheizen eines Nicht-Themas, weil man es medienkritisch auseinandernimmt? Gibt man ihm dadurch erst die Importanz, die es nicht hat? Wäre es nicht klüger, von Anfang bis zum Schluss den Mantel des Schweigens über einer rauchenden Nationalrätin auszubreiten?

Sorry, ich hätte mir diese Frage am Anfang stellen sollen. Dann wäre ich für einmal darum herumgekommen, einen «Mediensatz» schreiben zu müssen.

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Das müssen Sie nicht lesen»

  1. kann es sein, dass die sog. leitmedien ihre absolute deutungshoheit nun doch verloren haben? noch vor zwei drei jahren haben die meisten journalisten mit sozialen medien nix anfangen können und diese aus der sicheren deckung ihrer redaktionsstuben bestenfalls belächelt. und die verlage haben sich grandios darum foutiert.

    heute, so ihr lamento, treiben also die sozialen medien die leitmedien vor sich her. das ist zwar etwas überspitzt, aber die tendenz geht durchaus in diese richtung. und zwar schneller, als selbst kühnste netzkenner es voraussagten.

    die frage ist also nicht, ob themen, die in den sozialen medien viel beachtung finden, in den leitmedien ankommen sollen. natürlich sollen sie das. die verlage wären ja schön blöd, würden sie nicht versuchen, die netzrealität abzubilden. die frage ist nur, wie sie das tun. da ist noch viel luft gegen oben.

    klar ist, dass die importanz nicht mehr nur von medien definiert wird, sondern zunehmend auch vom user.

  2. Nachwuchs-Journi:

    Ich finde durchaus, dass ein wichtiger Teil der Medienkritik darin besteht, die Themensetzung der Medien kritisch zu hinterfragen. Die Befeuerungen des Themas haben ja bereits stattgefunden, für den Mantel des Schweigens ist es längst zu spät – eine sachliche Auseinandersetzung damit ist dadurch umso wünschbarer. Gerade die Medienbranche, die doch selbst gerne hinter die Kulissen blickt (oder es zumindest sollte) ist eben auch verpflichtet, ihrerseits Transparenz und Selbstreflexion walten zu lassen. Ihre Kritik, Herr Masüger, ist meiner Meinung daher durchaus berechtigt und hat auch ihren Platz.

    Ich möchte aber noch eine kleine Differenzierung aus meiner Sicht hinzufügen: Die Aufnahme des Themas Sexismus war doch um einiges berechtigter als der Fall Badran. Die beiden in einem Topf macht nur Sinn, wenn das Thema „Social Media vs. klassische Medien“ ist. Aber geht es denn immer darum, wer denn nun die Themen setzt? Ich denke Social Media nehmen häufig Themen aus den klassischen Medien auf. Umgekehrt ist es aber genauso. Journalisten dürfen und sollen schliesslich Themen aufnehmen, die vielen Leute beschäftigen – ob nun im Netz, in Leserbriefen, oder im beruflichen wie privaten Umfeld. Was aber nicht fehlen darf, ist die Einordnung:

    Während nun der Fall Badran einfach nur eine Person betrifft und die Skandalliebhaber bedient, wurde beim Fall Brüderle aus einer Mikro- rasch eine Makrogeschichte. Das ist doch ein grosser Unterschied.

    Also mein persönliches Fazit: Weniger Personalisierung, dafür mehr Themen, die alle angehen. Ganz egal, wer denn die Geschichte befeuert. Selektion, sprich, die Spreu vom Weizen zu trennen – genau das gehört doch zu den Kernaufgaben des Journalismus.

  3. Einmal mehr wirft der Netzapostel Bugsierer mit suggestiven Worthülsen wie «Deutungshoheit» und «Importanz» um sich. So dass man sich fragt, ob er überhaupt verstanden hat, was Andrea Masüger sagen wollte.

    Thema Deutungshoheit: Es ist klar, dass die von Masüger erwähnte Benützerin der Sozialen Medien die Deutungshoheit kolossal verloren hat, nachdem die sogenannten Leitmedien sich ihrer Botschaft angenommen hatten und ihre Aufgabe erfüllten, nämlich recherchierten. Nachdem die Leute in der sicheren Deckung der Redaktionsstuben herausgefunden hatten, warum die Benützerin der Sozialen Medien aus ihrem Club bugsiert worden war, wurde die Sache für letztere unkontrollierbar. Weder Twitterer noch Blogger konnten die Arbeit leisten, die die Leute in den Redaktionsstuben einmal mehr erledigten.

    Thema Importanz: Die Offshore-Leaks, ein Thema, dessen Importanz zweifellos wesentlich höher einzuschätzen ist als die Frage, warum die Benützerin der Sozialen Medien aus einem Club bugsiert wurde, also die Offshore-Leaks zeigen, was die Redaktionsstuben heute noch vermögen, wenn sie sich international vernetzen. Die vom Bugsierer abschätzig als «sogenannte Leitmedien» benannten Zeitungsredaktionen verfügen über ein Fachwissen, das den kühnsten Netzkennern abgeht. Mit ihrem Fachwissen können die Rechercheure Informationen zutage fördern und verbreiten, die wesentlich nachhaltiger wirken als die oft eher kurzlebigen Duftmarken, die den Charme der sozialen Medien ausmachen.

    • ich wollte nur testen, ob der netzphobiker bobby california noch auf zack ist ;)

      zur erinnerung, das schöne wort der importanz hat herr masüger in die runde geworfen. man wird ja wohl darauf antworten dürfen.

      klar, die offshoreleaks waren eine saubere gemeinschaftsarbeit der leitmedien. nur: wer hats erfunden? assange?

  4. Thomas Läubli:

    Der Tages-Anzeiger ist nur noch ein „sog. Qualitätsmedium“. Da wird Stimmung gemacht für den Kandidaten Wolff und es werden 3 Kommentare von Pseudonymen wie „f.a.blume“ mit demselben Pro-Inhalt veröffentlicht. Wenn man aber dasjenige aufgreift, was auf den Inseraten der CVP steht, nämlich die Gratisarbeit und einen Kommentar schreibt, der Gratisarbeit als etwas kritisiert, was geradesogut von einem neoliberalen Unternehmer kommen könnte, wird man unterdrückt. Es ist offensichtlich, dass hier der TA eine politische Kampagne fährt zugunsten seines bevorzugten Kandidaten.

    Und bevor es jetzt wieder heisst, der Läubli sei nur frustriert, weil sein Kommentar nicht publiziert wurde, sei entgegengehalten, dass ich erstens gar nicht mehr unter richtigem Namen schreibe, weil ich nicht mehr darf, und zweitens diese Erfahrung der einseitigen Bevorzugung täglich mache – sowohl was die Artikel selbst als auch was den Kommentarbereich betrifft.

    Fazit: Ein Kommentarbereich, der einseitig freischaltet und anonyme Schreiber bevorzugt, ist abzuschalten. Ich gebe Herrn Masüger insofern recht, als dass hier die Qualität sich auf dem Niveau eines Blogs bewegt, mithin keine Leistung seitens der Journalisten mehr zu erkennen ist, die sich vom weissen Rauschen des Internets abheben würde. Davor habe ich jedoch schon lange gewarnt.

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