Vom Umgang mit der Hitze in der Küche

Es war Ende November 2008 im Fernsehstudio 3 zu Leutschenbach. Der Verein Qualität im Journalismus hatte geladen, Chefredaktoren, Redakteure, Reporter und Korrespondenten waren gekommen, um den Umgang mit Krisen- und potenziell traumatisierenden Erlebnissen zu debattieren. Die Messlatte legte der damalige Chefredaktor in seinem TV-Studio recht tief: Wer als Journalist die Hitze nicht ertrage, der müsse raus aus der Küche.

Will heissen: Keine Verantwortlichkeit der Verantwortlichen der Medienhäuser bei Kriseneinsätzen, einzig der einzelne Journalist habe sich um sein Wohlbefinden und seine Sicherheit zu kümmern. Was dann auch zur Bemerkung aus der Entourage des damaligen Chefs zu einem soeben im Libanon wieder aufgetauchten Korrespondenten führte: «Nimm eine warme Dusche, dann wird das wieder gut.» Der Krisenreporter war im Libanon verschwunden und konnte nur dank grossem Engagement des Schweizer Botschafters vor Ort gefunden und befreit werden. Eine kalte Dusche, was der Verschleppte da von seiner Chefetage zu hören bekam.

Der Chefredaktor ist jetzt nicht mehr Chefredaktor, hat sich die Finger in einem internen Machtpoker mächtig verbrannt. Und der eine oder andere anwesende Krisenreporter hat in der Zwischenzeit wieder über sterbende Menschen berichtet, über verbrannte, verkohlte Kinder, über niedergestochene Revolutionäre – und der eine oder andere einstige Krisenreporter zuckte zusammen, als er letzte Woche «die News» hörte — denn offenbar haben Teile der Branche nichts dazugelernt!

Die News: Es war Mittwoch, der 27. Februar 2013. Im Luzerner Hinterland geschieht das, was in den nächsten Stunden und Tagen als «Der Amoklauf von Menznau», als «Unfassbar», «Kronospan-Amoklauf» oder etwa als «La tuerie de Menznau» die journalistische Hilflosigkeit im Umgang mit Krisen- und Extremsituationen dokumentiert. Dass auf YouTube auch gleich eine 3D-Annimation des Vorfalls auftaucht, macht die mediale Minimalleistung auch nicht verdaubarer.

Nein, es geht nicht um Fragen der journalistischen Moral, wenn beispielsweise das Zentralschweizer Monopolblatt am Tag nach dem Tod von vier Personen und mehreren teils schwer Verletzten mit einer schwarzen Frontpage (PDF) aufwartet und meint: «Eine Tragödie, für die sich kaum Worte finden lassen.» Ja, die Freude eines Lokaljournalisten auf Facebook mag nicht nur «lu-wahlen»-Blogger Herbert Fischer erstaunen: «Medien aus der ganzen Welt wollen Interviews mit unseren Journis. Ausnahmezustand.» Keine Freude, solche Sätze aus der Feder eines Journalisten zu lesen.

Auch wenn die Nummer Zwei der Fernsehsendung «10vor10», auf Facebook kommentierend, die Dinge etwas anders sieht: «Einordnung? Bei dem Wissensstand?! Wohin soll man das bitteschön einordnen, ohne die Hintergründe zu kennen?»

Exakt darum geht es im Journalismus – auch im Jahr 2013: Um Worte der Einordnung, des Hintergrunds, es geht um das qualifizierte Fragenstellen, um das Skizzieren möglichst sachlicher Erklärungsansätze, insbesondere in Extremsituationen, in denen es an Emotionalität beileibe nicht mangelt. Und wenn das eigene Wissen nicht genügen sollte, wäre eventuell die externe Expertise gefragt? Dafür, nicht für das «Unfassbare» und «Unerklärbare», bezahlen die Kunden, auch Leserinnen oder Zuschauer genannt.

Und es geht, das mit dem bewussten Umgang mit Krisen – auch in der Schweiz. Offenbar aber nicht unbedingt am Sonntag, also drei mögliche Rechechertage später. Denn der Blick in die sechs – oder wie viele Blätter sind’s denn nun eigentlich? – Zeitungen zum Weekend ergab ernüchternd wenig Einordnung («Jetzt redet der Vater des Amok-Schützen», um nur eine der Enttäuschungen zu zitieren).

Nein, es sind die nicht selten belächelten Lokalen, die zeigen, wie’s gehen könnte: Radio Pilatus in Luzern, oder Radio Rottu im Oberwallis. Diese Lokalradios haben längst ihre Lehren gezogen und haben sich professionelle Unterstützung geholt: Die Ausbildungsleiterin der Kantonspolizei Luzern wurde eingeladen, die Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit potenziell traumatischen Situationen zu schulen. Ähnlich die Walliser, auch dort wurden Profis der Blaulicht-Organisationen eingeladen. Was geschieht in Extremsituationen wie etwa bei einem Autounfall oder einer Schiesserei? Was geschieht mit den Journalistinnen und Journalisten? Wie entwickelt sich eine traumatische Situation? Welchen Impact hat dies auf Beteiligte? Basics für den professionellen Umgang mit Krisen.

Und dann wäre da noch das DART Centre, ein Zusammenschluss von Journalisten und Psychologen, die sich für den informierten medialen Umgang mit Krisen und potenziell traumatisierenden Extremsituationen zusammengeschlossen haben. Ganz konkrete Tipps und Tools, Erklärungen rund um Traumata, Hinweise für Chefredaktoren und Medienmanager, Hintergundinformationen zum Beispiel für die Vorbereitung eines Interviews mit Folteropfern, Online-Learning zur Interviewführung mit Opfern, Best-Practice-Beispiele – gibt es alles gratis.

Darum geht es, um die Professionalität, auch in «unerklärbaren» und «unfassbaren» Situationen. Oder ganz einfach um den Respekt vor dem Beruf – und vor den Opfern von Krisen und Katastrophen.

André Marty war die letzten 25 Jahre als Journalist für Tages- und Wochenzeitungen sowie als Auslandkorrespondent, Krisenreporter und Moderator für das Schweizer Fernsehen tätig. Im April 2012 wechselte er ins Aussendepartement (EDA), um bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Kommunikationsarbeit zu übernehmen. Hier gibt er seinen persönlichen Standpunkt wieder.

von André Marty | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Vom Umgang mit der Hitze in der Küche»

  1. Nicole Suter-Murard:

    Merci!

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