Meinungen statt Fakten

Weshalb hat jemand die Meinung, die er oder sie hat? Warum steht jemand politisch links oder rechts, ist national-konservativ oder EU-freundlich-liberal gesinnt? Die persönliche Meinung gehört zu den Rätseln der Spezies Mensch. Vermutlich hat sie nichts zu tun mit Intelligenz oder Moral. Wer links ist, muss kein besserer Mensch sein, wer rechts ist, hat nicht unbedingt mehr Verstand. Für Letzteres ist aus meiner Sicht die «Weltwoche» ein guter Beleg, Ersteres weiss ich aus eigener Erfahrung.

Ein noch grösseres Rätsel: Wieso ändern manche Leute im Erwachsenenalter nicht nur ihre Meinung zu einzelnen Themen, sondern ihre grundlegende politisch-moralische Haltung? Warum sind beispielsweise Daniel Vasella und Markus Somm, die sich kürzlich im Interview so gut verstanden, keine Linken mehr? Was hat einst ihren Wandel bewirkt? Meines Wissens haben sie sich dazu nie geäussert. Wahrscheinlich halten sie sich und ihre Haltung für selbsterklärend. Selbstzweifel scheinen sie nicht zu plagen.

Oder Res Strehle, dem die «Weltwoche» Nähe zu Terroristen unterstellt: Er ist Chefredaktor jener Zeitung, die in den letzten Jahren Christoph Blocher die wirksamste Plattform bot, weil sie im Streben nach Originalität häufig ohne publizistische Notwendigkeit seine Thesen und Themen aufgriff.

Res Strehle ist zweifellos ein Alt- (und bald ein pensionierter) Achtundsechziger. Er steht zu seiner Vergangenheit und hat sie auch schon publizistisch ausgebeutet. Dass die «Weltwoche» sich mit seiner Vergangenheit beschäftigen würde, war zu erwarten. In Philipp Guts Artikeln ist allerdings vieles nicht ganz richtig und manches ganz falsch, wie Daniel Binswanger im «Magazin» zeigt. Sie wirken konstruiert, vor allem weil sie die These von Strehles Terroristen-Nähe belegen sollen. Thesenjournalismus ist das Gegenteil von Qualitätsjournalismus – das müsste bekannt sein, trotz gewolltem Rückfall in die Zeiten hetzerischer Publizistik.

Aber auch wenn man in Stehles Werdegang nur in Betracht zieht, was dokumentiert ist – etwa seinen empathischen Nachruf auf eine Schweizerin, die in der Türkei ums Leben kam – vermute ich eine tiefergehende politische Wandlung. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es wäre einfach interessant, mehr zu wissen. Res Strehle ist jedenfalls kein Vordenker der Linken mehr, wie er es noch in den frühen 1990er Jahren war, sondern ein alles in allem scharfinniger, geradezu brillanter Journalist und Chefredaktor eines linksliberalen und manchmal eben auch Blocher-nahen Blattes.

Politische Bewegungen führen oftmals einen Gewalt-Diskurs. So, wie die Tell-Sage den Tyrannenmord rechtfertigt, hielt man in linken Kreisen den gewaltsamen Widerstand ab einer gewissen Schärfe der politischen Repression für berechtigt. Man unterstützte also beispielsweise die Sandinisten in Nicaragua oder die kurdischen Rebellen in der Türkei und war dabei – wie alte Texte von Res Strehle und Markus Somm belegen – hie und da ziemlich pathetisch.

Dazu gab es ein rechtes – oder wenn man will: bürgerliches – Gegenstück: Pathetisch waren auch hiesige Unterstützter der afghanischen Kämpfer gegen die Sowjetunion, an die man sich leider selten erinnert. Sie deckten einst die Medien mit Reklamationen ein, wenn diese von afghanischen Rebellen sprachen: «Das sind Widerstandskämpfer, die ihr Leben für die Freiheit zu opfern bereit sind. Merken Sie sich das, Sie hinterhältiger Kommunist!» Das sagte mir einst eine freisinnige Lokalgrösse in St. Gallen. Von Islamisten und Taliban war zu jener Zeit noch nicht die Rede.

Solche Aussagen sind keine Jugendsünden, sie entsprechen dem Zeitgeist während des kalten Krieges: Wer links stand, liebäugelte ein wenig mit der Revolution, die Rechten liebten den Antikommunismus. Zwischen ihnen befand sich Niemandsland. Wer sich dort aufhielt, hatte einen schweren Stand.

Und heute? Es hat auch wieder mit Zeitgeist zu tun, wenn ein SVP-Lokalpolitiker über eine Kristallnacht für Moscheen twittert und dann vom «Tages-Anzeiger» an den Pranger gestellt wird. Und ebenso zeitgeistig ist es, wenn der gleiche «Tages-Anzeiger» nach dem Medien-Hype dem Twitterer ein zweiseitiges Interview gewährt, in dem dieser ausführen kann, dass er nie eine Kristallnacht gefordert, sondern seiner Besorgnis über den radikalen Islamismus Ausdruck verliehen habe. Sein Tweet sei ein rhetorisches Mittel gewesen.

Den Zeitgeist, der sich hierin manifestiert, begreifen wir noch nicht, sind ihm aber unterworfen. Verbale Verstösse gegen den guten Geschmack, gegen die politische Korrektheit, gegen die elementare Vernunft werden einerseits unerbittlich geahndet und getadelt und anderseits als heldenhaft gepriesen oder als Unbedarftheit entschuldigt. Hektische Aufgeregtheit beherrscht die Medienwelt, die sich immer mehr um Meinungen und immer weniger um Fakten und Verhältnisse kümmert. Von Meinungen, eigenen und anderen, sind viele nahezu besessen. Die «Weltwoche»-Texte zu Res Strehle sind ein Beispiel dafür. Wird man sich einmal schämen für das, was man heute schreibt?

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

12 Bemerkungen zu «Meinungen statt Fakten»

  1. Markus Schär:

    Das Treffendste am Text von Hanspeter Spörri ist der Titel: Meinungen statt Fakten. Nur ein paar Feststellungen, wie es der Autor selber damit hält:

    „Res Strehle, dem die Weltwoche Nähe zu Terroristen unterstellt“:
    Res Strehle wohnte jahrelang mit rechtskräftig verurteilten Terroristen zusammen, arbeitete mit einer rechtskräftig verurteilten Terroristin, pflegte auf der Woz-Redaktion Umgang mit rechtskräftig verurteilten Terroristen und führte Gespräche mit rechtskräftig verurteilten Terroristen; er lehnte den liberalen, demokratischen Staat als Herrschaftsinstrument ab, sprach sich für ein Widerstandsrecht gegen die Rechtsordnung aus und diente den Schweizer Atomterroristen als Corporate-Communications-Abteilung. Aber natürlich unterstellt die Weltwoche die Nähe zu Terroristen nur.

    „Res Strehle ist zweifellos ein Alt- (und bald ein pensionierter) Achtundsechziger. Er steht zu seiner Vergangenheit und hat sie auch schon publizistisch ausgebeutet.“
    Res Strehle (*1951) war 1968 Gymnasiast und später unauffälliger HSG-Student, zusammen u.a. mit Walter Kielholz, wie er stolz vermerkte. Darum konnte er seine Autohagiographie originell mit „68, aber lieb“ betiteln. Für Strehles Biografie – und für die Öffentlichkeit – relevant sind die gewalttätigen Achtzigerjahre. Wie die Debatte der letzten Wochen gezeigt hat, steht er offensichtlich nicht zu dieser Vergangenheit (weil sie immer noch Gegenwart ist?) – eine Haltung, die Kurt W. Zimmermann zutreffend als „Schande für jeden Journalisten“ bezeichnet hat. (Eine unbewältigte Vergangenheit führt bekanntlich zu Erpressbarkeit. Ist die Vorstellung so abwegig, dass zB Andrea Stauffacher sagen könnte: Aber du weisst schon, Res, dass ich einiges erzählen könnte?)

    „Aber auch wenn man in Stehles Werdegang nur in Betracht zieht, was dokumentiert ist – etwa seinen empathischen Nachruf auf eine Schweizerin, die in der Türkei ums Leben kam – vermute ich eine tiefergehende politische Wandlung.“
    Hanspeter Spörri muss nicht zur Kenntnis nehmen, was – vor allem dank der Weltwoche – zu Strehles Werdegang alles dokumentiert ist; er kann ja fakten- und argumentefrei vermuten.

    „In Philipp Guts Artikeln ist vieles nicht ganz richtig und manches ganz falsch, wie Daniel Binswanger im Magazin zeigt.“
    Marianne Fehr lügt in einem Facebook-Eintrag. (Philipp Gut sprach mit ihr, und alles, was er zitiert, steht wörtlich in ihrer Meienberg-Biografie.) Daniel Binswanger schreibt die Lügen ab und wirft damit der Weltwoche ein „frei erfundenes Lügengebäude“ vor. Und Hanspeter Spörri verbreitet dieses Beispiel von Journalismus unter aller Sau locker daherschwafelnd weiter. Für seine Meinung, dass die Weltwoche Thesenjournalismus betreibt, braucht er ja keine Fakten.

  2. Hanspeter Spörri:

    Diese Auseinandersetzung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sogenannte Tatsachen verschieden wahrgenommen und wiedergegeben werden – und zwar unter dem Einfluss der Meinung. Je überzeugter wir von der eigenen Wahrnehmung sind, desto rechthaberischer argumentieren wir.

  3. Markus Schär:

    Von einem Ex-Chefredaktor, der immer noch freihändig Zensuren austeilt, darf man erwarten, dass er nachweist, was am Text eines ausgezeichneten Journalisten und Historikers nach den Regeln der Journalistenschule oder des Historischen Seminars nicht stimmt. Oder schweigt und sich schämt.

  4. Journi-Nachwuchs:

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag, Herr Spörri! Genau das Gefühl hatte ich auch, konnte es aber nicht so wie sie in Worte fassen: Es geht hier eben um Meinungen. Ich fragte mich, wieso der Weltwoche-Artikel irgendeine Relevanz besitzen sollte. Interessanter als die Frage, was Strehle früher dachte, wäre doch, was er heute denkt oder sogar noch verwegener: Wie er handelt. Wer Anzeichen von Terrorismus-Nähe im Tagesanzeiger findet, kann das ja gerne thematisieren. Nur leider wird man den Verdacht nicht los, dass sich hier ein Teufelskreis zu entspinnen beginnt: Der Tagi schreibt über Alexander Müller, die Weltwoche über Res Strehle – wie wärs, wenn nun die Sonntags Zeitung etwas über Roger Köppel schreiben würde? So kann man journalistische Ressourcen auch binden.

    Schade, dass die Personalisierung in den Medien immer mehr oberhand gewinnt. Die Zeitungen beschäftigen sich lieber mit Chefredaktoren als der Qualität der Medien, sie beschäftigen sich lieber mit Daniel Vasella als mit der Pharmaindustrie. (Natürlich finde ich die Berichterstattung über Vasella gerechtfertigt und notwendig. Leider geht dabei aber auch vieles vergessen, was in diesem Kontext durchaus auch interessant wäre). Das Problem ist nicht, dass über die Menschen berichtet wird. Das Problem liegt in der Art und Weise: Man versteift sich auf die Personen, ohne die Hintergründe zu analysieren. Dabei verhält es sich damit wie mit Symptomen und Ursachen: Die Menschen gehen, das System aber bleibt.

  5. Ich schliesse mich dem Dank an Hanspeter Spörri an für die spannende Analyse. In der letzten Ausgabe legte die Weltwoche nochmals nach und versuchte die gesamte Zürcher 80er Bewegung als Terrorgruppe zu verunglimpfen. Zwar heisst der Autor diesmal nicht Philipp Gut, sondern Lucien Scherrer, aber er verwendet die gleichen fragwürdigen Methoden. Mit Jahrgang 78 ist Scherrer zu jung, um aus eigener Anschauung zu wissen, was 1980 in Zürich geschah. Mit Zeitzeugen hat er auch nicht gesprochen. Diesen schweren Mangel macht er mit einer überbordenden Fantasie wett, und er entwirft gar schreckliche Szenarien: «Das Ausmass der Gewalt war derart heftig, dass sich Bürger und Behörden ernsthaft fragten, ob das staatliche Gewaltmonopol noch gewährleistet sei.» Der Satz klingt ähnlich überkandidelt wie die Beschreibungen des Anti-Abzockerinitiative-Werbespots von Michael Steiner, die kürzlich in der Presse herumgeboten wurden. Wie Gut sucht sich Scherrer Häppchen im Archiv zusammen, die zu seiner vorgefertigten These passen, und auch er stellt die Häppchen nach Belieben in einen falschen Kontext. So fantasiert der Weltwoche-Schreiber, eine Zeitschrift der «Roten Hilfe» namens «s fräche Blatt» sei «das Organ der Jugendbewegung» gewesen. Diese Behauptung ist natürlich totaler Quatsch, ermöglicht es der Weltwoche aber, die Bewegung in ein Terrorumfeld zu rücken, ganz nach dem Motto: Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt. Sogar eine Scheibe der harmlosen Züribänd Platza muss dafür herhalten, um die vorfabrizierte These des Autors zu stützen. Hatte doch Platza ein Lied namens «Kontrolle unfair» komponiert, mit der Zeile «ich checke genau / die blaui VBZ-Sau.» Das war vielleicht nicht besonders freundlich von Platza, einen Kontrolleur als «Sau» zu bezeichnen… aber was sagt es über das journalistische Selbstverständnis des Weltwoche-Schreibers aus, wenn er diese Songzeile als Beweis für die Terrorverliebtheit der Bewegung darstellt?

  6. @hanspeterspörri daumen hoch für ihren klugen und unaufgeregten text. danke.

    @markusschär sie sind ein hetzer. im dienst eines hetzerkonsortiums. degoutant.

  7. Mara Meier:

    Schmettert doch dem Schär gleich „¡No pasarán!“ an die Birne. – Saublöde Diskussion hier.

    „Spannende Analyse.“ Wie unbedarft darf man eigentlich sein?

  8. Kurt Imhof:

    Spannende Frage von Hanspeter Spörri: Was beschert uns sozial auffällige Konvertiten? Und darüber hinaus: Warum vorab von links nach rechts und nicht umgekehrt? Letzteres lässt sich immerhin über Statuserwartungen erklären. In einer bürgerlichen Gesellschaft hängen die ertragreichen Pfründe simpel Mitte-rechts. Die soziale Auffälligkeit, das heisst der Schritt ganz weit nach rechts in die Dogmatik hinein hängt dann wohl mit kompensatorischer Überanpassung zusammen.

    • Michael:

      Über dieses Thema gibt es ein beinahe schon klassisches Fachbuch von Chlodwig Poth (selig): „50 Jahre Überfluss“.

    • Mara Meier:

      Die gute Fee Imhof da, zum Glück. Offensichtlich akademisch gebildet, verzaubert sie mit hypotaktischem Naschwerk, differenziert den ausgeleierten, griffig-simplizistischen Spruch, wer als junger Mensch nicht links sei, habe kein Herz, wer als nicht mehr junger Mensch nicht rechts sei, keinen Verstand. Falls Verstand zum Rutsch gehört: Wo bleibt der Text von Herrn Strehle? Er wird oben als „scharfinniger, geradezu brillanter Journalist“ bezeichnet. Mich würde ein Elaborat, das dieser Qualifizierung gerecht wird, als historisch interessierte Leserin ausserordentlich interessieren.

    • Mara Meier:

      Oha, habe mich geirrt. Die Fee: voll parataktisch. Hatte wohl noch einen anderen Text im Kopf. – Manchmal irrt der Mensch.

  9. Fred David:

    Was mich betrifft, möchte ich keine Wortdeutungen, keinen Gesinnungsstriptease, keine Artikelexegese, sondern nur ein paar Fakten. Ich denke, darauf habe ich Anspruch als „Tagesanzeiger“-Leser.

    1. Wie war das damals mit dieser WG und seinen vielfältigen Bewohnern wirklich? Das ist mit der üblichen lockeren Bohème bei diesem Thema nicht angemessen beantwortet. Dazu ist der Hintergrund der damaligen Jahre zu brisant; in Deutschland herrschte Ende der siebziger Jahre phasenweise immerhin eine bürgerkriegsähnliche Situation.

    2. Was sind das für Polizeiakten, aus denen die „Weltwoche“ schöpft? Es wurde kein Strafverfahren eröffnet, es kam zu keiner Anklage. Trotzdem sind offenbar noch personenbezogene Akten vorhanden. Was ist das für ein Archiv? Wer hat Zugang? Warum erfahre ich dazu vom „Tages-Anzeiger“ nichts?

    3. Nach aussen hat die Redaktion nichts von sich verlauten lassen. Auch keine wahrnehmbare Unterstützung für den Chefredaktor. Warum nicht?

    4. Glaubt der VR-Präsident von Tamedia, mit zwei, drei unwillig dahingeworfenen Sätzen von ihm sei die Sache erledigt? Es geht um seinen wichtigsten Chefredaktor und seine wichtigste Zeitung. Warum kommt auch von ihm kaum eine nach aussen wahrnehmbare Unterstützung?

    Antworten, wenn’s genehm ist, gern an medienspiegel.ch.

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