Kollektive Gedächtnislücken

Welches Thema schaufelt denn hier Kommentare rein wie blöd? Herr Brüderle! 91 dürfte ein einsamer Rekord sein, lieber Andrea Masüger (Frau Andrea ist ein Mann, Freunde − der geschlechtsneutrale Name eignet sich gut für vorurteilsfreie Gender-Debatten). Wer hätte das gedacht, dass ein langweiliger deutscher Politiker auch auf einem Schweizer Medienblog Spitzenklickwerte erreicht. Sie schon?

Nun, dann sind Sie wahrscheinlich jünger als ich. Mir als Feministin alter Schule geht es dabei wie Stefan Keller in der «WoZ» bei einem andern Thema: Der wundert sich nämlich, dass das Schweizer Fernsehen kürzlich längst Bekanntes aus der Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs als journalistischen Primeur deklarierte und zahlreiche Printmedien das übernahmen. Haben die eigentlich, fragt er sich, noch nie vom Bergier-Bericht gehört?

Und ich, ich frage mich natürlich, was los ist in einer medialen Welt, in der Sexismus diskutiert wird, als wäre er soeben über uns hereingebrochen wie ein schleimiger Alien aus dem All. Als gäbe es seit Beginn der neuen Frauenbewegung in den siebziger Jahren nicht ganze Bibliotheken zum Thema. Die junge «Stern»-Journalistin war sogar so tief geschockt, dass sie ein ganzes Jahr brauchte, um den grausigen Ausserirdischen in Worten beschreiben zu können (Dirndl! Tanzkarte!). Hätte er ihr nachts an der Bar was Cooles auf Neudeutsch vorgerappt, wäre viel eklatanterer Sexismus womöglich anstandslos an ihr vorbeigerauscht.

Aber was hat denn Herr Brüderle mit einem Berliner Rapper zu tun, der, ganz in der gefeierten Tradition von Rappern in aller Welt, ohne Folgen die üblichen Vergewaltigungsfantasien reimen darf? (Lesen Sie die Beispiele auf «Tagesspiegel.de» selbst, sie wollen mir nicht über die Tasten.) Könnte uns das vielleicht ein junger Pop-Journalist sagen, der über den Tellerrand hinausblickt? Nein, solch gängige Schlampenrhetorik muss uns die feministische Rapperin Sookee in den Zusammenhang stellen (immerhin, sie wurde dazu interviewt). Diese Jungs, beklagt sie sich im Interview, werden für ihre Frauenverachtung noch belohnt: Sie werden

«in ein Sozialverträglichkeitsprojekt gestopft, Staat, Kirche, alle bezahlen dafür. Dabei braucht es nur zwei Klicks, um ungefiltert diese Vergewaltigungsfantasien zu hören. Das ist die Selbstverständlichkeit von Sexismus 2013.»

Also, kämpfen Stefan Keller, Andrea Masüger und ich einfach mit der üblichen Alterserscheinung (früher war alles besser), oder was ist los?

Los ist, dass die Medien geschichtsvergessen sind – und es immer mehr werden (wir generalisieren hier jetzt ein bisschen).

Los ist, dass in den Medien der Jugendwahn und der Szenejournalismus grassieren, weil Medienmanager hoffen, mit jungen Leuten die jungen Leute abzuholen, die ins Netz abwandern.

Los ist, dass junge Journalistinnen und Jounrnalisten, die schnelle, billige Allrounder sein müssen, sich selbstverständlich nie länger mit einem Thema auseinandersetzen, geschweige denn mal ein Buch über Sexismus (oder Schweizer Geschichte) lesen können. Dass sie nicht mehr von älteren Kollegen gecoacht werden, weil die fehlen. Oder die Zeit dafür fehlt.

Los ist, dass Dossier- und Spezialwissen ausgedient haben. Dass überall dort, wo mangels Sachkompetenz auch Analyse- und Urteilsfähigkeit verkümmern, keine Verknüpfungen mehr gemacht und Relationen mehr hergestellt werden.

Aber wo zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Phänomenen in der einen und der andern Szene, keine Verbindungen und Einordnungen hergestellt werden können, darf die gröbste Doppelmoral grassieren. Sonst hätte es in den Medien vielleicht längst einen ähnlichen Aufschrei gegeben über, zum Beispiel, den Sexismus in der Jugendkultur (aber die muss der Verlag bei nächster Gelegenheit ja wieder vermarkten). Darum hat eben nicht nur Andrea Masüger recht, sondern auch die Kommentatorin, die genau darauf hinweist:

«Zum wirklichen Thema gemacht haben das aber nicht die etablierten Medien, sondern all die Frauen, die sich an der Diskussion im Netz beteiligt haben. Weil es ein Thema IST.»

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Kollektive Gedächtnislücken»

  1. ras.:

    Den Spitzenwert an Kommentaren erzielte hier meines Wissens die Debatte Blogs und Journalismus, über 100 Einträge. Aber das ist ja auch eine Art Sexismusthema, aber noch ohne grossen historischen Hintergrund.

  2. ras.:

    Ach, wenigstens habe ich es auf den zweiten Platz geschafft.

  3. Balz Bruppacher:

    Kollektiver Gedächtnisverlust – das beschäftigt mich seit langem. Das News-Recycling ist ja nicht ein heuriges Phänomen, sondern war schon in den Zeiten vor dem Internet gang und gäbe. Das Internet wäre ein hilfreiches und nützliches Instrument, um dem Wiederkäuen von bereits Bekanntem vorzubeugen. Was früher ohne aufwändige Recherche nur mit gutem Gedächtnis und/oder Fachkenntnissen in der Redaktion innert nützlicher Frist möglich war, ist heute mit zwei, drei Klicks zu haben.
    Zum Beispiel die Einsicht, dass schon vor fünf Jahren über das Aus für die „Patrouille Suisse“ spekuliert wurde, weil der Flugzeug-Typ der Kunstflugstaffel ausgemustert wird. Mithin die Einsicht also, dass die Aussage eines unter Sparzwang stehenden Verteidigungsministers, man könne sich keine Folklore mehr leisten, nicht der ganz grosse Aufreger ist. Und auch das Sammeln von 100 000 Unterschriften zur Rettung der Patrouille Suisse aller Voraussicht nach überflüssig machen wird.
    Ich glaube nicht an Theorien, dass das Internet die Denkfaulheit fördert und das Gedächtnis schwächt. Das erinnert mich an die Maschinenstürmer-Mentalität, mit der vor Jahrzehnten gegen den Einzug des Computers in die Redaktionsstuben gekämpft wurde. Es sind vielmehr die von der Mediensatz-Autorin beschriebenen Mechanismen, die den Gedächtnisverlust fördern (oder befeuern, würde man heute wohl schreiben).
    Ergänzend zwei Reminiszenzen: Man werde künftig weniger Pflichtstoffe abhandeln, sagte mir einst der Chefredaktor einer führenden Tageszeitung, und begründete dies damit, dass das Internet die Rolle des Chronisten übernommen habe. Und zur grossen Frage der Relevanz: Ich habe mich seinerzeit mit Andrea Masüger trefflich darüber gestritten, wie bedeutsam der blöde Spruch von Pascal Couchepin über den „Dr. Mörgele“ in einer Kommissionssitzung war. Beziehungsweise darüber, wie gross man diese Kiste fahren muss.
    Balz Bruppacher

  4. Meier:

    Vielen Dank für den Text, Pia Horlacher! Sie habens auf den Punkt gebracht. Bezeichnend finde ich ja folgendes Phänomen: Da widmen Sie sich einem Thema, das Sie zwar medienpolitisch angehen, bei dem es aber im Kern um gesellschaftliche Missstände und Sexismus geht. Und was machen die Männer in den Kommentaren? Ich will jetzt nicht allzu derb sein und formuliere es mal so: Sie messen sich. Mit Ranglisten! Mit keinem Wort gehen sie (ausser Bruppacher) auf den Inhalt ein – nein, sie kommen tatsächlich mit Ranglisten und belehren sich auch noch gegenseitig. Auch diese Art der Reaktion auf das Thema ist Teil des Problems.

  5. Witwe Clicquot:

    @)Meier, der Punkt geht an Sie!

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