Rund um Recht und Ethik eines Twitterabdrucks

Leserinnen und Leser des «Tages-Anzeigers» staunten nicht schlecht: am letzten Donnerstag auf der vollen Breite einer Doppelseite das vierspaltige Bild eines ernst dreinblickenden jüngeren Mannes im Regenmantel: Alexander Müller (37). Grosser Titel über der Doppelseite: «Ich erlebe seit letztem Sommer den sozialen Tod». Untertitel: «Der ehemalige Zürcher SVP-Lokalpolitiker Alexander Müller verlor nach einem Twitterabend im vergangenen Juni alles – Job, Parteizugehörigkeit, politische Ämter und einen Teil seines sozialen Umfelds.»

Müller, ein pointierter Viel-Twitterer, der mitunter schneller schreibt als denkt, hatte im beschränkten Twitterformat (140 Anschläge für offenbar nicht sehr viele «followers») den erstaunlichen Satz in die Welt gesetzt: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht – diesmal für Moscheen». Dazu im «Tages-Anzeiger» vom letzten Donnerstag der redaktionelle Textkasten auf der Doppelseite: «Der TA-Beitrag interpretierte Müllers Tweet als Forderung nach einer neuen Kristallnacht. Diese Interpretation ging zu weit.»

Das ist eine erste Reueformel. Im textlichen Hauptteil der Doppelseite, einem Austausch von Fragen des «Tages-Anzeiger»-Chefredaktors Res Strehle und Antworten von Alexander Müller, beteuert der Twitterer gleich zu Beginn, er habe «nie eine Kristallnacht gefordert, sondern [seiner] Besorgnis über den radikalen Islamismus Ausdruck verliehen. Mein Tweet war ein rhetorisches Mittel […] in der Abfolge mehrerer Tweets zu verstehen».

Fest steht, dass Müller den Kristallnacht-Tweet nach wenigen Minuten löschte, als er das Potenzial eines Missverständnisses realisierte. Heute wäre der Tweet vermutlich nur noch durch «Tiefenforschung» am ausländischen Server aufzufinden.

Aber bereits war der Kristallnacht – vielleicht – -Satz einer Redaktorin von «Tagesanzeiger.ch/Newsnet» zugetragen worden. Als sie Müllers Originalsatz nicht mehr fand, griff sie sich den Screenshot eines anderen Twitterers und beschuldigte den protestierenden Müller, er würde abstreiten, den Kristallnacht-Satz verfasst zu haben.

Zweiter Reuesatz der «Tages-Anzeiger»-Redaktion: «Das war unzutreffend».

Dritter Reuesatz: «Der ‹Tages-Anzeiger› räumt selbstkritisch ein, dass Müller vorgängig zur Berichterstattung korrekt hätte angehört werden müssen» – und zwar vor der Publikation des Artikels.

Alexander Müllers Anwältin, die Medienrechtlerin Rena Zulauf, hatte mit einer – keineswegs aussichtslosen – Schadenersatzklage gedroht. Sie und Tamedia-Anwalt Simon Canonica betonen aber, es seien im Vorfeld der Doppelseite von letzter Woche «konstruktive Gespräche» geführt worden. Canonica unterstreicht überdies, dass die opulente Aufmachung der sorgfältig ausgehandelten Texte von der Redaktion beabsichtigt war. Sie habe damit die medienethische Dimension des «Falls» unterstreichen wollen.

Auf Strehles Frage nach dem Gefahrenpotential «sozialer Medien» antwortete der nach wie vor twitternde Müller, «Cybermobbing, Shitstorms und Identitätsklau» drohten latent.

Drei weitere Fussnoten dazu waren kurz darauf in der «NZZ am Sonntag» zu lesen:

1. Die Redaktorin und Verursacherin des Zwischenfalls habe am Abend des 24. Juni ihrerseits einen Tweet abgesondert – des Inhalts: «Ich schreib jetzt mal was über diese braunen SVP-Heinis».

Totale Preisgabe der Unbefangenheit, scheint mir.

2. «Tages-Anzeiger»-Chefredaktionsmitglied Peter Wälty liess sich mit der «redaktionsinternen Richtlinie» «shoot first, check later» zitieren, die allerdings «nur für Agenturmeldungen und zeitkritische Artikel» gelte –

die ominöse Umkehr einer alten Devise der «New York Times»: «Be first, but first be right». Sollte doch eigentlich für alle Textsorten gelten, oder nicht? Jedenfalls immer, wenn Risikoverdacht besteht.

3. «Dem Vernehmen nach», so die «NZZ am Sonntag» weiter, «ist es das letzte Mal, dass Müllers Name in der Zeitung [i.e. «Tages-Anzeiger»] erscheint». Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer gegenüber dem Sonntagsblatt: «Wir schätzen Alexander Müller nicht mehr als Person von öffentlichem Interesse ein, weshalb eine Namensnennung nicht mehr gerechtfertigt ist».

Achtung: Liefert jemand einen Bona-fide-Anlass für Berichterstattung, muss diese angemessen stattfinden können.

Chefredaktor Res Strehle hat definiert, was an Reue zu sagen war. Er unterstrich inhaltlich die alte Richtlinie 3.8. des Presserats: Betroffene sind vor der Publikation schwerer Vorwürfe anzuhören: «Deren Stellungnahme ist im gleichen Medienbericht kurz und fair wiederzugeben.»

Alexander Müller ist Unrecht widerfahren. Unter den Abstrusitäten, die er in seinen Antworten auf der Doppelseite auch noch äussern durfte, möchte ich aber eine anders werten als Müller selbst: «Der Tweet [über die vielleicht wieder benötigte Kristallnacht] war keine Dummheit. Dumm ist vielmehr, dass man ihn zur Dummheit gemacht hat». Der Tweet für sich allein genommen (140 Zeichen!) ist so dumm wie jener auch schon gehörte, dass Folter vielleicht benötigt werde, um Verbrechen zu verhindern.

Aber bitte, Wertungen wie «dumm» oder «klug» sind frei.

Peter Studer war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und des Schweizer Fernsehens. Später präsidierte er den Schweizer Presserat. Er schreibt über Medienrecht und Medienethik.»

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

27 Bemerkungen zu «Rund um Recht und Ethik eines Twitterabdrucks»

  1. Michael:

    Kein Wort darüber, dass es eine (sehr) lange Tweet-Vorgeschichte gab. Ist vielleicht juristisch nicht relevant, aber wichtig für den Zusammenhang.

  2. Fred David:

    Abgesehen von allen Vor- und Nebengeschichten, was soll an diesem Satz missverständlich sein:«Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht – diesmal für Moscheen»?

    Wenn eine Journalistin diesen Satz (auch wenn er wieder gelöscht wurde) zum Anlass für einen Artikel nimmt, kann sie nicht verpflichtet werden, beim Satz-Verursacher, einem Lokalpolitiker, eine nachträgliche Interpretation einzuholen, weil der Satz weder relativierbar noch interpretierbar ist. Er spricht für sich selbst. Und zwar 100%ig eindeutig.

    Es ist wichtig zu wissen, dass es in der Schweiz Politiker gibt, die solche Sätze in die Welt setzen, auch wenn dieser wieder gelöscht wurde. Das ist keine private Kleinigkeit. Das ist von eminentem öffentlichem Interesse.

    Mir ist völlig unverständlich, warum der Chefredaktor einer sehr grossen Tageszeitung ein solches Interview überhaupt führt und ohne Widerspruch eine Doppelseite voller Abstrusitäten in Kauf nimmt – wegen einer allfälligen Klage eines ehemaligen Lokalpolitikers?

    Steckt da noch ganz anderer Druck dahinter, von dem wir nichts wissen? Noch nichts?

  3. Kleines Detail (?) am Rande: Die Newsnet-Redaktorin hat die ehemalige Person von öffentlichem Interesse nicht beschuldigt, abgestritten zu haben, den Kristallnacht-Tweet verfasst zu haben. Das stand erst einen Tag später im TA: «Müller selber bestreitet, auf seinem Twitter-Konto den umstrittenen Satz verfasst zu haben. Weiter wollte sich der 37-jährige Kredit-Analyst und SVP-Schulpfleger nicht äussern, und er war für den Tages-Anzeiger nicht erreichbar.» Geschrieben hat das ein TA-Journalist. Die Newsnet-Journalistin hatte in ihrem Artikel nur geschrieben: «Theoretisch wäre es möglich, dass Müller die Tweets nicht selber verfasst hat.»

    In diesem Punkt ist Peter Studers Zusammenfassung nicht ganz präzis.

  4. Der Reuegang des Tages-Anzeigers ist für mich in keiner Weise nachvollziehbar. Also eigentlich will er mir sogar etwas feige, und was den Umgang mit dem eigenen Personal anbelangt, auch mehr als hinterhältig vorkommen.

    Es würde mich auch nicht erstaunen, wenn A.M., der von seiner Partei (zurecht) wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen wurde, über die Bande nicht doch wieder ein hübsches Sümmchen von, naja, wem auch immer erhalten hätte, um sich juristisch überdurchschnittlich beraten zu lassen. Jedenfalls war damals in seinem Blog ein Spendenaufruf platziert.

    Nun denn, ich bin kein Jurist, würde aber trotzdem immer noch gerne ein einziges vernünftiges Argument hören, warum eine Schadenersatzklage realistischerweise Erfolg haben sollte? Ich checks immer noch nicht.

  5. Martin:

    So würden Journalisten fair arbeiten: http://ratgeber.presserat.ch/ Ein Lesetipp für alle Journalisten – auch jene in den Kommentaren –, die offensichtlich nicht einmal über Grundkenntnisse im Medienrecht verfügen.

    • Michael:

      Dann kannst Du sicher auch sagen ob die Reaktionen/Folgen anders ausgefallen wären, wenn:

      -es keinen Tweet der Journalistin gegeben hätte
      -Der Wortlaut des Tweets zwar wiedergegeben worden wäre, jedoch in ausführlicherem Zusammenhang (war er ja, IMHO), oder sogar im Rahmen eines eher satirischen Beitrags.

      • Fred David:

        @) Martin: Die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen ist ein gutes und richtiges Prinzip. Aber man muss daraus keinen religiösen Glaubenssatz machen.

        Dieses Zitat, das ja nicht bestritten wird, braucht keine weitere Interpretation. Der Verursacher nimmt es ja im Interview auch nicht zurück, sondern nennt es bloss eine „Dummheit“, es auf facebook veröffentlicht zu haben

        @)Peter Studer spricht zurecht von „Abstrusitäten“, die unwidersprochen im Interview stehen bleiben. Das hat nichts mehr mit Gegendarstellungsrecht zu tun.

  6. Für mich ist immer noch die entscheidende Frage, wie »öffentlich« Inhalte auf Social Media sind. Ich habe versucht, die Frage analog zu den Regeln bei Fotografien aufzuarbeiten:
    http://schulesocialmedia.com/2012/07/02/zur-offentlichkeit-von-inhalten-auf-social-media/

  7. Fred David:

    „Tages Anzeiger“-Chefredaktor Res Strehle schrieb begleitend zu seinem rätselhaften Interview mit Alexander Müller: «Für den Tages-Anzeiger sind die Konsequenzen, die Alexander Müller wegen seines Tweets zu tragen hat, ungerechtfertigt».

    Diese Konsequenzen hat der „Tages-Anzeiger“ nicht zu verantworten, sie waren so nicht vorhersehbar. Auf das bewusste Zitat, wenn auch eines Lokalpolitikers, aufmerksam zu machen, liegt im öffentlichen Interesse.

    Es geschah im halböffentlichen Raum. Eine halböffentliche Rede mit diesem Zitat hätte man journalistisch ähnlich behandeln dürfen/müssen, mit dem Unterschied, dass das Zitat nicht einfach nachträglich hätte gelöscht werden können.

    Allmählich deutet sich an, was der Hintergrund oder einer der Hintergründe dieser jeden Rahmen sprengenden „Gegendarstellung“ sein könnte: Eine in der neusten „Weltwoche“ erschienene Titelgeschichte (kein direkter Link möglich) über die wilden Jahre des jungen Res Strehle.

    Bei allen Vorbehalten, aber da gibt es Erklärungsbedarf, auch von Seiten von Strehle insbesondere , warum er darüber nie geschrieben hat, obwohl er die „68er-Jahre“ schriftstellerisch und autobiografisch bewältigt hat.

    Da der Wewo-Artikel einen direkten Bezug zum Fall Alexander Müller herstellt, wäre es gut @Peter Studer, von Ihnen hier auf medienspiegel.ch eine Einschätzung zu lesen.

    Man lässt den einigermassen verwirrten Leser sonst „in der Luft hängen“.

    • Michael:

      Und dieses in der Luft hängen führt schnell zu Verschwörungstheorien, in der Tat. Deshalb sollte in dieser Sache dringend vom TA nachgelegt werden.
      Sogar wenn man redaktionsintern der Meinung sein sollte, dass der Betreffende zu viel Schaden zugezogen habe, ist mir unverständlich wie bereitwillig man sich hier klein macht, gerade wegen der journalistischen Wirkung über den konkreten Einzelfall hinaus.

  8. Fred David:

    …und erklärungsbedürftig ist auch, welchen Zugriff die Wewo auf Polizeiakten hat…

  9. Kurt Imhof:

    Ich würde mir vom geschätzten Peter Studer eine juristisch informierte Position über Strafinstanzen wünschen: Inwieweit ist es funktional und gerechtfertigt, dass Sanktionen auf der Basis positiven Rechts durch Sanktionen in Gestalt öffentlicher Anprangerung überformt oder gar ersetzt werden. Im Fall des Topkadermitglieds hat sich ja das Gericht ausbedungen alleinige Strafinstanz zu sein und die öffentliche Benennung des überführten Täters untersagt. Hier lauert natürlich das Problem der Klassenjustiz.

    Aber wenn wir das beiseite lassen und den Begriff des sozialen Todes des Twitterers ernst nehmen, dann haben wir es hier mit einer Stigmatisierung zu tun, die der moderne Rechtsstaat überwinden wollte. Der Pranger oder die körperliche Stigmatisierung (geschlitzte Ohren oder eben Schlitzohren) widersprechen dem modernen Strafrechtsprinzip der Rehabilitierung und der Resozialisierung. Mit anderen Worten in diesem Fall haben wir es – eventuell durch die mildernden Umstände einer wahrhaft bedrückenden Borniertheit begünstigt –, ganz ohne formelles Gericht, wieder mit dem Phänomen geschlitzter Ohren zu tun. Das Netz vergisst nicht mehr. Das müsste auch diejenigen interessieren, die zivilisiert politisch denken.

  10. Peter Studer:

    … und schon stecke ich – non-digital-native, der ich bin – nach ein paar Zeilen mitten in einem «argument storm» − von «shit storm» will ich nicht reden, wir waren ja alle höflich miteinander. Ich äussere mich nur zu Beiträgern, die mit Namen zu ihrer Bemerkung stehen. Ich selber bin ja auch mit Namen etikettiert.

    @kurt imhof: Bundesgericht und Presserat verpflichten (Gerichts-)Berichterstatter, Personen in amtlicher Abklärung oder vor Gericht oder sonst in unvorteilhaften Umständen nicht zu identifizieren. Zahlreiche Urteile und Presseratsentscheide sind in den Standardwerken nachzuschlagen. Ausnahmen von der Regel: Personen der Öffentlichkeit (Delikt im Zusammenhang mit öffentlicher Rolle), gewählte oder amtlich eingesetzte Amtspersonen / Politiker, Verwechslungsgefahr, Personen, die sich bereits selber äussern zu den Vorwürfen. Von «Klassenjustiz» könnte man nur sprechen, wenn der (privat delinquierende) Unternehmenskadermann am Sihlquai anders behandelt würde als der Bauarbeiter. Dass die Boulevardpresse mit Bild und Text oft dagegen verstösst (und die Betroffenen oft andere Prioritäten haben als zu klagen), ändert nichts an den Grundsätzen.

    @ Fred David: Die Mechanik des Twitterns, eine Art gedrucktes Stammtischgespräch, wird es oft unabdingbar machen, dass man die Kurzbemerkung (140 Anschläge) in den vernünftigen Zusammenhang einiger unmittelbar vorausgegangener und nachfolgender Tweets stellt. Das hat Kristallnacht-Twitterer Müller verlangt. Wenn man Müller damals eine Aussage in einem nach wenigen Minuten gelöschten Tweet vorhielt, machte man ihm einen schweren Vorwurf, wozu man ihn nach Richtlinie 3.8. des Presserats (die ich 2003 selber geschrieben habe) hätte befragen müssen. Die Antwort kann man dann wiederum kritisieren. Das war Strehles Position, die ich begrüsse.

    Hat Chefredaktor Res Strehle mit der Doppelseite über Twitterer Müller – dem meines Erachtens teilweise Unrecht geschehen ist – der einige Tage später folgenden «Revolutionsarchäologie» der «Weltwoche» gegen seine Person zuvorkommen wollen? Diese Frage kann nur Res Strehle selber beantworten. Ich erinnere an Joschka Fischer, damals deutscher Aussenminister, und Daniel Cohn-Bendit, Europapolitiker, die ähnlichen halbbelegten Angriffen über Jugendvorkommnisse mit klaren Selbstdarstellungen begegnet sind.

    • Fred David:

      @) Peter Studer: „…die ähnlichen halbbelegten Angriffen über Jugendvorkommnisse mit klaren Selbstdarstellungen begegnet sind…“. Ja. Man könnte noch Stefan Aust erwähnen,langjähriger Chefredaktor des „Spiegel“, der als junger Mann im Umfeld von Ulrike Meinhof verkehrte, der später ähnliche Angriffe wie Strehle erlebte und der sehr ausführlich und erschöpfend dazu Stellung nahm. Nichts blieb hängen.
      Strehle sollte sich die Mühe machen, sehr viel detaillierter auf die Vorwürfe einzugehen, als er das bisher tat. Als Journalist hat er die Möglichkeit dazu, als Chefredaktor erst recht. Er kann die Wewo zwingen, Beweise vorzulegen.
      So etwas kann man nicht stehen lassen.

    • Michael:

      „@ Fred David: Die Mechanik des Twitterns, eine Art gedrucktes Stammtischgespräch, wird es oft unabdingbar machen, dass man die Kurzbemerkung (140 Anschläge) in den vernünftigen Zusammenhang einiger unmittelbar vorausgegangener und nachfolgender Tweets stellt. Das hat Kristallnacht-Twitterer Müller verlangt.“

      Das wurde verlangt, nachdem viele der Tweets gelöscht wurden, die m.E. in der Summe und über die Zeit zum Eklat führten.

      Die Sache ist leider nicht so einfach.

      Für eine gerechte „Aufarbeitung“ oder Analyse müsste man alles einbeziehen, und das ist im Ggs. zu früheren Medien halt grundsätzlich möglich.

      Als juristisch ungebildeter, ist mir deshalb nicht ganz klar, ob sich der Tagi dieser Möglichkeiten nicht bewusst ist, den Aufwand scheut, oder halt ein solcher Einbezug einer möglichst lückenloser Vorgeschichte für die juristische Beurteilung letztlich doch irrelevant ist (d.h.: ob und wie viel Kohle zu zahlen ist oder nicht).

      Der ganze Vorfall diente vielleicht wenigstens dazu, Unterschiede neuer Medien mal einem grösseren Publikum bewusst zu machen.

      • Fred David:

        @Michael, Sie insistieren zurecht auf einem wichtigen Punkt: Der Tweet-Verkehr, in den der bewusste Satz „eingebettet“ war, wurde offensichtlich gesäubert. Ob das technisch darstellbar ist, weiss ich nicht. Aber falls möglich, sollte eine grosse Zeitung diesen Aufwand im Nachhinein nicht scheuen.

        Eine gerichtliche Klärung dieses Falls wäre durchaus wünschenswert gewesen. Der Ausgang des Verfahrens wäre überhaupt nicht so eindeutig ausgefallen, wie hier dargestellt.

        Es geht um grundsätzliche Dinge und nicht bloss um einen angeblich unbedacht losgetretenen Satz, den man rasch wieder verschluckte.

        Ein Politiker, der twittert, will Oeffentlichkeit und Beachtung. Und einer der solche Sätze formuliert, tut dies nicht in einer kurzfristigen Blackout-Situation.

        Solche Sätze haben eine lange Vorgeschichte. Und genau diese wäre die Aufgabe von Rechercheuren gewesen. Das hätte auch im Nachhinein noch viel Sinn gemacht. Mehr jedenfalls, als dieses unglaubliche Interview.

        • Martin:

          Exemplarisch für die Schweizer Medienlandschaft, dass ein ehemaliger Chefredaktor offensichtlich nur rudimentäre Ideen vom medienrechtlichen Rahmen hat, in dem sich Journalisten bewegen. Wie kann man so erwarten, dass ein Chefredaktor seine Mitarbeiter diesbezüglich in Zaum halten kann?

          • Fred David:

            @) Martin: Wir sind einfach unterschiedlicher Meinung, das müssen Sie mir schon gestatten. Ich begründe die meine, Sie begründen die Ihre. Aber noch gibt es keinen medienrechtlichen Vatikan mit Absolutheitsanspruch.

        • Michael:

          Ja genau, das meinte ich. Deshalb finde ich persönlich mittlerweile diesen Riesenbericht die journalistische Fehlleistung und nicht der Ursprungsartikel.
          (Die einzige _wirklich_ fragwürdige und zu unterlassende Sache war IMO der Tweet der Journalistin vor dem ersten Artikel).

          Nicht falsch verstehen: ich fand die Auswirkungen, die das Ganze letztlich für den Betroffenen hatte, überzogen, aber das war nicht der Fehler der Zeitung. Da hätte man ja auch (wenn nötig) rein finanziellen Goodwill zeigen können, ohne eine carte blanche zu geben und ohne das eigene, meiner Meinung nach, richtige journalistische Vorgehen zu negieren.

          Wie gesagt: entweder steht da massiver juristisch/finanzieller Druck dahinter, oder dann halt einfach ganz banal: eine Fehlleistung/.einschätzung und Fehlentscheidung.

          (Anm: technisch wäre das möglich gewesen, ich kann mir sogar vorstellen, dass die Zeitung bereits eine unbereinigte Timeline besitzt.)

  11. Christoph Müller:

    Herr Studer, ich frage mich wer hier Abstrusitäten verbreitet. Es ist unmöglich, dass einer schneller schreibt als er denkt. Der Gedanke ist der Vater aller Dinge! Es ist peinlich, dass Sie das offenbar nicht wissen.

    • Peter Studer:

      @Christoph Müller: Mehrere – vielleicht verbundene- Schreiber haben mir dasselbe mitgeteilt: Es sei peinlich, dass ich nicht wisse, schneller zu schreiben als zu denken sei physiologisch unmöglich. Nun, ich bediente mich einer Redewendung, die ich schon oft mit eifrigen Journalisten diskutiert habe. Duden, Band 11, Redewendungen: Sie bestehen aus mehreren Worten und sind in der Regel nicht „wörtlich“ zu verstehen. Beispiel: Jemandem einen Bären aufbinden. OK?

  12. Oliver Wäckerlig:

    Ja, beim Tweet von Alexander Müller sollte man den Kontext mit berücksichtigen. Mit seinem Blog dailytalk.ch ist Müller seit Jahren Teil einer sozialen Bewegung gegen „Islamisierung“.
    In seinen Artikeln beruft sich Müller auf „Islamkritiker“ wie Pastor Terry Jones oder Robert Spencer und er empfiehlt Bücher von Udo Ulfkotte. Müller schreibt von der „Islamisierung Europas“ und Sätze wie: „Wer sich Sorgen um die Religionsfreiheit macht sollte seinen Blick auf den Islam richten! Der Islam ist nämlich streng genommen nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar.“ oder wiederum auf den Islam bezogen: „Ein säkularer Staat darf Religionen gegenüber nicht neutral sein. Er muss gegen Religionen, die im Widerspruch zu seiner Verfassung stehen, vorgehen!“
    In der „islamkritischen“ Szene ist auf vernetzten Blogs und FB über die Jahre eine mediale Gegenwelt zu den „politisch korrekten“ „Mainstream-Medien“ entstanden, die sich zunehmend einkapselt und sich in eine Bedrohungswahrnehmung hineingesteigert hat, die Handlungsdruck erzeugt und für jene, welche nicht täglich PI-news (der grösste solche Blog) lesen, schlicht nicht mehr nachvollziehbar ist.

    • Fred David:

      @) Oliver Wäckerling, danke für die interessanten Zusatzinformationen. Sowas würde ich in erweiterte Form gern im „Tagesanzeiger“ lesen – falls nach diesem fulminanten Interview, von dem hier die Rede ist, noch jemand den Mut hat, sich in solche Themen reinzuknien.

  13. Pingback: Burkas und Busen: Das Blog dailytalk.ch | SILVER TRAIN

  14. Hans Meier:

    Ich lese das Dailytalk-Blog schon seit Jahren und mir gefällt das Blog. Ich teile die üble Nachrede von Oliver Wäckerlig in keinster Art und Weise!

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