Erweitertes Bewusstsein

«‹Entrepreneurial Journalism› becomes critical for publications’ future success», schreibt die New Yorker Mediaagentur Digiday. «We’re breaking up cartels and creating a true kind of journalistic capitalism», verkündet Anarcho-Blogger Andrew Sullivan. «Die Frage ist, wie viel Verlag der Journalismus der Zukunft noch brauchen wird», sagt Ex-«20 Minuten»-Online-Chefredaktor Hansi Voigt. Endlich kehrt das Abenteuer in die Medienbranche zurück.

Nicht die Abrechnung mit Tamedia und auch nicht die Kritik am Verlegerverband war das Aufregende am Interview mit Hansi Voigt. Dass ein Kadermitarbeiter des dominierenden Schweizer Medienkonzerns auspackt und dem Mediendiskurs zitierbare Sätze beisteuert wie: «Leider wird erwirtschaftetes Geld nicht in bessere Inhalte oder neue Medienmodelle gesteckt, sondern eher für eine Art Dot-com-Bingo ausgegeben»? Geschenkt.

Sich über Renditebolzerei der Tamedia aufregen? Geschenkt. Und nochmals: geschenkt. (Und hier: gelacht). Sich über den Präsidenten des Verlegerverbands ärgern, der von einem «Krieg mit der SRG» fabuliert? Geschenkt. Über Urs F. Meyer, Geschäftsführer des Verbands Schweizer Medien, der mit einem Merkblatt zu RSS-Feeds auf sich aufmerksam machte und irrwitzige Pamphlete für ein Leistungsschutzrecht publiziert? – Ehrlich gesagt: gelacht. So wie auch hier.

Andererseits: Die Medienbranche ist derart aus dem Verlagshäuschen, man kann es als Journalist auch leicht mit der Angst zu tun bekommen. Was beim geselligen Bier oder beim gepflegten Rotwein im Gespött über das Führungspersonal gerne untergeht, ist der Ernst der Lage. Und der ist sehr ernst. Die Dampfer, auf denen wir Journalisten Kohle schaufeln, haben Leck geschlagen. An den Heizkesseln platzen Schweissnähte, Schrauben jagen pfeifend aus ihren Gewinden. Kollege David Bauer hat auf Facebook die schönste aller Analogien zum «Titanic»-Untergang gemacht:

«Manchmal habe ich das Gefühl, in einer Branche zu arbeiten, die den Eisberg längst gerammt hat, dem spielenden Orchester aber mehr Bedeutung beimisst als den Rettungsboten.»

Die New Yorker Mediaagentur Digiday hat den Eisberg, den die Verlage und ihre Journalisten gerammt haben, in der Kurzanalyse «Media’s Brave New Digital World» wie folgt umrissen:

«A future where the analog-dollars-to-digital-dimes equation is cemented. The idea of that gap closing, in a world of 4 trillion ad impressions, has moved beyond wishful thinking to pure fantasy. The question now for news publishers is what to do about it.»

Höchste Zeit für Journalisten, sich zu überlegen, in welchem Boot sie eigentlich sitzen − nach dem Untergang der Dampfer.

II

«Media’s Brave New Digital World» beschreibt eine Medienzukunft, die Grossverlage in einen Wettbewerb um immer noch billigere Inhalte zwingt. Es ist das Schnellboot, in das sich Verleger retten wollen. Eine Medienzukunft, bestenfalls mit Ansätzen journalistischen Unternehmertums oder eben «Enterpreneurial Journalism» («Forbes», «Business Insider»), im schlechteren Fall mit linearen Kostensenkungen, um aus dem bisherigen Geschäftsmodell noch möglichst lange noch möglichst viel Rendite herauszupressen (Tamedia und viele anderen auch).

Die Zukunftsprognose ist so niederschmetternd, fast überliest man den entscheidenden Satz:

«There’s still room, however, for genuine creativity, particularly in advertising, a point that’s often lost in breathless citations of the latest hockey-stick graph of real-time bidding growth.»

Ein Befund, der kommenden April auch am International Journalism Festival im italienischen Perugia gefeiert wird: «Micro, beautiful, long and independent: journalism has a future».

In diesen Sätzen liegt das Funkeln, das auch in den Sätzen von Hansi Voigt geleuchtet hat: Zukunft. Nicht als Versprechen, sondern als Herausforderung. Was wiederum erklärt, warum das Voigt-Interview nach der Publikation eine überwältigende Resonanz ausgelöst hat. «Ich! sehe! es! genau! so!», echotete es aus den Social-Media-Röhrensystemen. «Vergesst! die! Verlage!, wir! schaffen! das! auch! selbst!» Kleine Protestwellen im Sturm des Untergangs.

Das Bewusstsein über den Zustand der Dampfer und die hilflosen Manöver der Kapitäne hat die Kohlendecks erreicht.

III

Es klingt so ganz anders, wenn die Zahlenschieber in den Schweizer Medienkonzernen das Wort ergreifen. Da ist kein Funkeln, keine Zukunft, da ist nur … ja, was denn eigentlich? Tamedia-CEO Christoph Tonini versuchte es an der Dreikönigstagung der Verleger mit einem Witz: «Bei uns ist nur ein Geschäftsfeld stabil: die Todesanzeigen». Man ist geneigt, mit Witz zurückzuschlagen: Das erste Opfer in einem Grossverlag wie Tamedia ist die Inspiration, das zweite die Innovation, bestattet ist beides im Familiengrab, wo dereinst auch die 35 Prozent Umsatzrendite von «20 Minuten» liegen werden.

Oder Ringier-CEO Marc Walder, der in einem Interview in der jüngsten Ausgabe des internen Mitarbeitermagazins «Domo» sagt: «Ich erwarte von allen Mitarbeitenden, dass sie aus ihrer Komfortzone herauskommen». Warum sagt Verlagsmanagern eigentlich niemand, wie hohl derlei Botschaften beim Personal ankommen, wenn das Management gleichzeitig versucht, sich mit einer Google-Steuer noch ein paar Jährchen in die Komfortzone hinüberzuretten? Der zweitgrösste Fehler von Verlagsmanagern ist ja: Sie nehmen ihre Journalisten genauso wenig ernst wie ihre Leser, Hörer, Zuschauer.

IV

Die Medienbranche ist derart aus dem Verlagshäuschen, man kann es als Journalist auch leicht mit Mut zu tun bekommen.

Das Aufregende im Interview mit Voigt war nicht die Abrechnung mit der Vergangenheit, das Aufregende war seine Botschaft, dass Journalisten schwimmen können. Dass wir nicht auf die Rettungsboote der Medienkonzerne angewiesen sind, auch wenn deren Untergang bereits im Gang ist. Dass das Schicksal des Journalismus nicht vom Schicksal des Verlagsgeschäfts abhängt.

Wir reden hier von einem bewusstseinserweiternden Momentum, das nicht zu unterschätzen ist. Um bei der «Titanic»-Analogie zu bleiben: Wir reden von sinkenden Dampfern, auf denen erste Besatzungsmitglieder meutern, weil die Kapitäne keine Rettungsboote wassern wollen.

Den Anfang machte US-Blogger Andrew Sullivan, der sich kürzlich spektakulär von etablierten Verlagshäusern losgesagt hat und im Interview mit der «New York Times» sein Businessmodell wie folgt umschreibt:

«Our basic principle is we’re simply journalism going directly to a reader with nobody — no newsstand, no proprietor, nothing — in between. That is an honest free-market journalism, with journalists offering their wares on the street.»

Seine Ansage hat weltweite Resonanz ausgelöst, da und dort auch hämische Wortmeldungen von Sesselklebern in Redaktionen, und spülte bisher über 400’000 Dollar Spenden auf sein Konto.

Voigts Verdienst: Er hat die Botschaft von Andrew Sullivan eingeschweizert, hat auf den Tisch gehauen, Mut und Wahrhaftigkeit − zwei der wichtigsten journalistischen Tugenden − in seine Aussagen gelegt und schonungslos die Aussichtslosigkeit des Unterfangens geschildert, sich als Journalist an die Paywalls der Verleger klammern zu wollen wie Schiffbrüchige an eine Reling.

Was machen wir jetzt mit dieser Bewusstseinserweiterung?

V

«2012 ist Entscheidendes passiert: Nur noch eine Stunde meines Medienkonsums verbringe ich damit, direkt Medienmarken wie die NZZ oder den ‹Tages-Anzeiger› anzusurfen. In der anderen Stunde lese ich, was mir auf Twitter oder Facebook empfohlen wird»,

beschreibt Hansi Voigt die Veränderung seiner Mediennutzung im letzten Jahr.

Ich bin die Zeitung, und du bist sie auch.

«Ex und hopp», antwortete Voigt auf den Tweet eines Followers, der ihn nach seinem Interview darauf hingewiesen hatte, dass in seinem Twitter-Profil immer noch «Chefredaktion 20 Minuten Online» geschrieben steht.

«Ex und hopp», das klingt wie: Leinen los!

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Der Sonntag» und Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

19 Bemerkungen zu «Erweitertes Bewusstsein»

  1. Interessanter Beitrag, danke dafür.

  2. Dark skies. Und noch sieht man die Journalisten kaum, sich aus ihrer Komfortzone bewegen.

    Jemand – ich? – müsste wohl mal einen Intensiv-Crash-Kurs geben, um denen (die Noch-nicht-webaffinen) den Start mit der eigenen Veröffentlichungsplattform zu erleichtern. :)

  3. Marc Schiess:

    Merci Christof für den spannenden Artikel! Doch von was lebt dieser neue New-Journalism, wie genau funktioniert sein Geschäftsmodell? Das (metaphorisch gemeinte?) «Auf der Strasse» seine Artikel zu verkaufen, heisst aber doch, dass man im Internet irgendeine Form der Bezahlung finden muss, eben eine Paywall. Und ob diese Paywall nun von einem Verlag oder einem Verbund freier Journalisten geschaffen ist, sie wird es genauso schwer haben, gegen die Flut von Gratismedienangeboten und noch mehr dem Tsunami der Gratismentalität zu bestehen. Oder habe ich den Artikel falsch verstanden?

  4. Ich bewundere alle Kolleginnen und Kollegen, die sich gerne als «entrepreneurial journalists» betätigen möchten. Für mich ist das nichts. Ich habe es selber ausprobiert, ein paar Jahre als Freier zu existieren, und ich werde es nie mehr ausprobieren. Jedem Franken nachrennen, unbezahlte Ferien, keinen 13. Monatslohn – das tue ich mir nicht mehr an. Wir Journalisten leisten konstant harte Arbeit, jedenfalls die, die ihren Job ernst nehmen. Wir müssen uns von keinem Marc Walder oder Sam Steiner empfehlen lassen, die «Komfortzone» zu verlassen. Leidenschaftlich betriebener Journalismus war noch nie eine Komfortzone. Sam Steiner sollte sich mal eine Redaktion von innen anschauen, bevor er grosszügig «Crashkurse» anbietet.

    Es ist relativ einfach, zu behaupten, Journalisten bräuchten keine Verlage. Bisher sehe ich herzlich wenig Kolleg/innen, die gut leben von ihrer Arbeit ohne Verlag im Rücken. Auf diese Art von Abenteuer kann ich verzichten. Warum sollen wir Journalist/innen die wirtschaftliche Krise ausbaden? Ich finde Hansi Voigts Argumentation absurd, nicht aufregend. Es ist einfach, «vergesst die Verlage» zu posaunen – es ist viel schwieriger, das in die Tat umzusetzen. Momentan sind es immer noch die in Medienblogs leidenschaftlich geschmähten Verleger, die brillanten Schreibern wie Constantin Seibt das brillante Schreiben ermöglichen.

    Kleiner Exkurs: Auf die Gefahr, als Spassbremse wahrgenommen zu werden: Ich würde es bevorzugen, wenn man Argumente, die einem nicht gefallen, mit Argumenten zu widerlegen versucht, statt sie mit Gelächter und Beschimpfungen wie «Sesselkleber» zu quittieren. Die Argumente von Urs F. Meyer fürs Leistungsschutzrecht sind durchaus in sich logisch, ob sie einem (aus ideologischen Gründen) gefallen oder nicht, und es ist billig, sie als «irrwitzig» zu verspotten.

    Kurz: Ich glaube Christof Mosers Botschaft nicht. Ich glaube nicht, dass ein grosser Teil der Journalisten ohne Medienkonzerne schwimmen kann. Wenns jemand gerne ausprobieren möchte, nur zu, ich finde die Idee gut, aber für mich persönlich hat diese Idee keinen Reiz. Wenns für einen Andrew Sullivan funktioniert, fein, ich mag es ihm gönnen, aber das beweist nicht, dass es für viele Journalisten funktionieren kann. Offering wares on the street? Nein danke. Ich habe via Twitter mitbekommen, dass Christof Moser einen Businessplan wälzt, und ich wünsche ihm viel Erfolg mit seinem Projekt – aber dieser Mediensatz überzeugt mich nicht.

    «Was mir auf Twitter oder Facebook empfohlen wird», das ist natürlich alles spannend zu lesen, vor allem, weil es gratis ist. Das ist die Gegenwart, aber nicht notwendigerweise die Medienzukunft. Möglicherweise ist es mit dem fröhlichen Empfehlen bald aus. Denn die Medienverlage werden es sich nicht mehr unendlich lange leisten können, die Inhalte, die Journalisten erarbeiten, zu verschenken. Nur schon diese Überlegung zeigt, dass Hansi Voigts Gratis-Medienkonsum via Twitter und Facebook kein Modell für die Zukunft ist. Genausowenig wie Christof Mosers Vision der Unternehmer-Journalisten.

    Und bevor jetzt Fred David einmal mehr ein feuriges Plädoyer für «unabhängige» Stiftungen platziert: Ich finde die Idee auch nicht ganz unproblematisch. Denn auch edle Mäzen/innen wie Frau Oeri sind keine unpolitische Wesen, genausowenig wie Leute wie Tettamanti. Ich glaube nicht, dass die Stiftungen so unabhängig sein können, wie das Fred David vorschwebt.

  5. Fred David:

    Es ist ja nicht so, dass das nur eine schweizerische Debatte wäre, z.B. hier aus “The European” http://www.theeuropean.de/frank-werneke/5700-staatliche-subvention-von-journalismus ein paar Kernsätze:

    “Im Branchendurchschnitt werden schwarze Zahlen geschrieben, Renditen erwirtschaftet, die sich sehen lassen können”

    “Die Verleger ziehen sich mehr und mehr aus ihrer publizistischen Verantwortung zurück, betrachten ihre Zeitungen als einen Portfoliobestandteil”

    “Ein Verlag trägt mit seinem journalistischen Kernprodukt wesentlich zum Erhalt der Demokratie bei”

    “…was alles verschlafen wurde seit den goldenen Neunzigerjahren, als Zeitungen eine Lizenz zum Gelddrucken waren…”

    “Eine Zeitung ist dann gut, wenn sie dasselbe bringt wie die Konkurrenz, ist zum Beispiel so ein Konzept”

    “Statt Investitionen in Zukunftskonzepte (…) wurde gespart und gestrichen”

    “Doch ganz überwiegend wurde an alten Konzepten festgehalten”

    “Die Leserin und der Leser sind zunehmend von dem, was die Verleger anbieten, enttäuscht” (weltweit einzige Ausnahme: natürlich die Schweiz, wie der “Verband Schweizer Presse” immer wieder mit Nachdruck betont…)

    “Erste Ansätze für alternative Finanzierungsmodelle werden in Stiftungen sichtbar, die den Charme der verfassungsrechtlich gebotenen Staatsferne haben” (aha? Wobei in der Schweiz eher der beherzte Zugriff aus der Wirtschaft das Problem ist…

  6. Heinrich von Grünigen:

    Danke für den interesssanten Diskurs. Das Bild von der Titanic und den schwimmenden Journis hat allerdings eine Schwachstelle: man erinnere sich daran, dass die meisten Leute damals nach dem Crash im eiskalten Wasser erfroren sind oder von dem versinkenden Schiffskoloss in die Tiefe gerissen wurden. Da hätte sichs dann ausgeschrieben. Aber ich habe ja gut unken, vom sicheren Port mit der in der Wohlfühlzone erworbenen Pension…

  7. Thomas Gruber:

    Ich finde, man muss das Ganze differenzierter sehen. Professionelle Strukturen werden notwendig bleiben – dafür gibt es gute Gründe. Interessantes Buch zu dem Thema, über das ich neulich bei einem Vortrag gestolpert bin:

    Dolata, U/Schrape, J. (2013): Internet, Mobile Devices und die Transformation der Medien. Radikaler Wandel als schrittweise Rekonfiguration. Berlin: Sigma

    “Social Media und Massenmedien stehen also weniger in einem rivalisierenden als in einem interagierenden bzw. sich ergänzenden Verhältnis zueinander … Die aktiv partizipierenden Onliner … unterscheiden sich vom reinen Publikumsstatus, indem sie themenzentriert journalistische Recherche-, Selektions-, Ordnungs- und Darstellungsprogramme prozessieren; sie lassen sich andererseits aber auch eindeutig von primären Leistungsrollenträgern abgrenzen, weil sie zentrale Merkmale journalistischer Identität wie Universalität oder Periodizität nicht erfüllen.”

  8. Ferdi Bärlocher, Zürich:

    Das gleiche Interview innerhalb einer Woche schon zum dritten Mal analysiert; Gratuliere, Moser! Allerdings, ich weiss gar nicht wo anzufangen. Also am Anfang. Dass da eine “Mediaagentur” zitiert wird, lasse ich unkommentiert. Aber “Anarcho-Blogger”, TF? Sullivan ist alles andere, seine Nische ist die des gemässigten US-Konservativen, die träfsprüchige Stimme der Vernunft. Sullivan ist gerngesehener Talkshowgast, ein im punditrysüchtigen US-Medienmarkt entscheidender Faktor dafür, dass der Schritt in die Unabhängigkeit möglich ist. Da zählt Krawall und Sichtbarkeit. Im Interview mit Carr zum Alleingang zieht Sullivan Radiohead als Modell heran, und natürlich hat er damit recht. Das Radiohead-Modell geht für Radiohead auf, taugt aber nicht als Blaupause für irgendjemanden sonst. Radiohead gelangten zum In-Rainbows-Punkt über jahrelange Arbeit von Plattenfirmen und PR-Häsli (hey, analysiert doch das mal. Die Musikindustrie hat die Abkehr von der Physik anders als die Presse de facto schon hinter sich). The Dish war bei Time-Warner unter den Fittichen, beim Atlantic (haha, warum macht eigentlich niemand das Scientology-Fiasko?) und zuletzt Newsweek (ob Sullivan seine Sunday-Times-Kolumne (Murdoch) immer noch hat, weiss ich gerade nicht). Sullivans Verkickstarterisierung mag eine Lösung für Sullivan sein, nicht aber für den Journalismus. Noch weniger in der Schweiz, angefangen bei den Rahmenbedingungen (50 mal weniger Medienkonsumenten) und beim Fakt, dass sich in der Schweiz mit Sullivan vergleichbare Figuren mit viel Gutmütigkeit an einer Hand abzählen lassen (Schawinski, Köppel, äh…). Wenn Sullivan die Antwort auf “die Frage” ist, “wie viel Verlag der Journalismus der Zukunft noch brauchen wird”, dann lautet sie: Ziemlich viel.

    Es braucht neue Modelle für den Journalismus. Bloss liegt kein brauchbares vor. David Bauer kann natürlich über lecke Dampfer lachen, sein Yächtlein schunkelt in einem Basler Binnengewässer, (noch) finanziert von Mäzenen und durch BaZ-Backlash, ohne unter dem Druck von Relevanz, Finanzierbarkeit oder Leserintegration zu stehen; alles Kriterien für ein gangbares Modell für eine journalistische Zukunft. Pro Publica? Mäzene und HuffPo-Millionen, das kann ja nicht ernsthaft ein Modell sein. Wie gehts eigentlich Flattr? Die Antwort kann doch nicht Wohltätigkeit sein. Mäzene, kleine oder grosse, die aus Mitleid das Portemonnaie öffnen. Bezahlen die das, was niemand bezahlen will? Bezahlen die Formate, die langeweilig, aber wichtig sind? Bezahlen die Polizeireporter, die ihre Arbeit machen, die dem Gewaltmonopol auf die Finger schauen? Die Verlage tun das nämlich.

    Ich weiss nicht, was Voigt vorhat. Ich weiss nicht, ob er eine Lösung hat. Bis jetzt habe ich von ihm ganz bestimmt keine gehört.

  9. Christof Moser:

    @Ferdi: Wer anonym postet, ist entweder ein Hasenfuss oder ist bezahlten Loyalitäten verpflichtet. Deshalb nur soviel: Es gibt noch keine neuen Modelle, das ist richtig. Ebenso richtig: Das Herbeischaufeln von Rendite in unanständiger Höhe ist definitiv keine journalistische Aufgabe und somit auch kein Zukunftsmodell für den Journalismus. Das ist ja genau das Verblüffende: das Harakiri-Verhalten der Grossverlage schafft ja genau erst Möglichkeiten für Leser und Journalisten, sich direkt zu finden, weil sich viele angewidert abwenden. Von daher: macht weiter so!

  10. Fred David:

    Bei der Schläfrigkeit von Schweizer Journalisten diesen hier angerissenen Themen gegenüber hat man immer noch ein Eindruck, als ginge es um ein weltfremdes Geplänkel auf der Insel der Seeligen.

    Zum Aufwecken dieses: http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/pressefreiheit-eu-berater-wollen-medien-staerker-ueberwachen-12032982.html
    (der Originaltext der EU-Kommission ist im FAZ-Text integriert).

    Ein Kernsatz daraus: “….. dass die Pressefreiheit in Europa von politischer Einflussnahme, übermäßigem kommerziellen Druck, einer sich verändernden Medienlandschaft mit neuen Geschäftsmodellen und dem Aufstieg neuer Medien bedroht sei.”

    ” Für ein besonders großes Problem hält die Gruppe einen schleichenden Qualitätsverlust in der Berichterstattung.”

    “Außerdem müssten nationale Behörden (…) bei Wettbewerbsentscheidungen stärker auf Pluralismus achten, vor allem in den Onlinemedien”.

    Das passt bei dem sich anbahnenden Duopol der entscheidenden und wohl demnächst Pay-Wall-geschützten Onlinemedien in der Schweiz wie die Faust aus aufs Auge.

  11. Interessanter Artikel, danke Fred für den Link. Interessant ist vor allem der Satz:

    «Deshalb schlägt die Gruppe auch vor, unprofitable Medien, die für die Meinungsvielfalt „unerlässlich“ seien, staatlich zu fördern.»

    Die Berater schlagen kein Mäzenatentum vor. Und sie schlagen vor allem auch nicht vor, dass Journalisten auf eigene Faust als Selbstausbeuter tätig sein sollen, wie das Christof Moser vorschwebt.

    PS: Ferdi Bärlocher stellt die richtigen Fragen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Das Pseudonym ist doch wurst. Es gibt auch andere, bessere Gründe, ein Pseudonym zu verwenden als die von Christof erwähnten.

  12. Ferdi Bärlocher, Zürich:

    Du hast übrigens den “gelacht”-Link falsch gesetzt.

  13. Martin Hitz:

    Danke für den Hinweis. Ist gefixt. Das war übrigens nicht der Moser, sondern der Hitz.

  14. Unternehmerischer Journalismus find i guet. Und ich würde gerne mehr davon beim Infosperber sehen, wo Christof Moser publiziert. Oder eher, besseren.

    Die heisse Story im Moment dort drüben: Eine Studentin schreibt nach x Jahren auf, was für alle mit Augen immer schon offensichtlich war – die Autoseiten im 20Min. sind gesponserte PR. Wohlgemerkt, seit Jahren liegt das offen zu Tage.

    Da gibt es also dieses Gefäss für freie Journalisten, mehrere davon lese ich seit der grossen Zeit der Pressebüros, bekannte Namen, und immer noch dümpelt der Sperber so vor sich hin. Mir unverständlich.

    Sperbern langt halt eben nicht, man muss auch trommeln und pfeifen wollen. Nicht nur schreiben, sondern auch verkaufen. Leser suchen. Leser binden.

  15. @Hotcha. Hinter einem Pseudonym versteckt ist es einfach, ohne jegliche Daten Dummes zu behaupten. Laut Gesetz über unlauteren Wettbewerb wäre die Darstellung, Infosperber würde vor sich her dümpeln, einklagbar. Lieber Hotcha: Ich muss davon ausgehen, dass Du weiteren Unsinn verbreitest, ohne Dich auf irgendwelche Fakten abzustützen. Ist das der Grund für das Pseudonym? Infosperber bietet übrigens keinen unternehmerischen Journalismus, sondern einen gemeinnützigen. Aber obwohl dies «seit Jahren offen zutage liegt», scheinst Du es nicht gecheckt zu haben. Zum Glück gibt es Infosperber!

  16. Hotcha ist nicht irgendein Pseudonym, sondern sozusagen der Künstlername eines legendären Bieler Kulturaktivisten, der schon vor Urzeiten ein Frank-Zappa-Fanzine namens «Hotcha» verteilte (daher der Künstlername), und der später Gitarrist bei der Rockband Pull My Daisy war, dann als «Bruder Bernhard» bloggte und so weiter. Sein bürgerlicher Name ist kein Geheimnis. Der Link zeigt, dass Hotcha wieder ein neues Blog hat, was ich erfreulich finde.

  17. @UPG: dass Du mich nicht mehr kennst, ist nicht erstaunlich, aber wir sind uns schon beruflich begegnet, allerdings noch zu Pressebüro-Zeiten, das ist eine Ewigkeit her. Zum Pseudonym sagt @Andreas ja was zu sagen ist. Merci.

    Ich spreche doch dem Infosperber nichts ab, wenn ich mir wünsche, er hätte eine stärkere Wirkung. Gerade weil sich dort ja grosse Namen der 70er versammeln, die Journalismusgeschichte geschrieben haben. Mein Eindruck, hier würde etwas unter seinem Wert gehandelt, täuscht aber dann wohl?

  18. Pingback: Journalisten als Unternehmer? | SILVER TRAIN

  19. Foger Rederer:

    1:0 für den sehr entspannten Hotcha.

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