Die Abrechnung des Hansi Voigt

Für eine Abrechnung mit dem ehemaligen Arbeitgeber vielleicht etwas gar früh, als Denkanstoss aber durchaus anregend: Christof Mosers «Sonntag»-Interview mit dem vormaligen Chefredaktor von «20minuten.ch»:

«Controlling-Wahn, Sparübungen trotz Millionen-Gewinnen, Dot-com-Bingo: Hansi Voigt, Ex-Chefredaktor von ‹20 Minuten›-Online, rechnet mit Tamedia ab und redet erstmals offen über die Gründe seines Abgangs.»

Weiter geht’s auf der «Sonntag»-Website.

Siehe dazu auch:
- Dumbing down the Site – Aderlass bei «20minuten.ch»
- Bad Vibrations bei «20 Minuten[.ch]»?

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

16 Bemerkungen zu «Die Abrechnung des Hansi Voigt»

  1. Frank Hofmann:

    Das Hochjubeln des Onlinejournalismus ist nicht nachvollziehbar. Es geht nicht nur um die Wirtschaftlichkeit, die noch längst nicht belegt ist, sondern auch um die Substanz. Webpublishing ist und bleibt Fastfood. Vertiefte Recherche fehlt weitgehend, sodass kaum jemand Beiträge speichert, wie das beim Print geschieht. Die Marke “20 Minuten” ist zudem durch die Gratis-Printausgabe abgewertet, sodass eine Paywall völlig illusorisch wäre. Von daher ist der Entscheid, das inskünftig kostenpflichtige Newsnet zu stärken, nachvollziehbar, die Aussichten sind jedoch auch dort höchst unsicher. – Der Vergleich “Beobachter” / “20 M. online” ist völlig schief. Und schliesslich kann im Online bei Bedarf sofort richtiggestellt werden, hingegen “gedruckt ist gedruckt”.

  2. @Frank Hofmann: Ihre Idee, dass die Marke “20 Minuten” durch die Printausgabe abgewertet ist, gefällt mir. Doch “Webpublishing ist und bleibt Fastfood” – das stimmt so nicht. Es gibt im Netz buchstäblich ALLES zu lesen, vom hingerotzten Blogeintrag über die falsch umgeschriebene Agenturmeldung bis zu gehaltvollen Interviews, Recherchen, Langtexten, Studien, Berichten und Büchern. Diese Haltung, dass Webpublishing Fastfood ist und auch bleiben soll, war doch bisher genau das grosse Problem der Printverleger. Der Medienwandel vom Papier hin zu zeitgemässer konsumierbaren Trägern wird so oder so stattfinden, ganz egal, wie lange es die Printverleger ihren Leser einzutrichtern versuchen, dass es Nicht-Fastfood nur in der Zeitung und nur auf Papier gibt. Im Ergebnis werden die Kunden im Netz neue Produkte konsumieren, und die alten, schönen Marken gehen dann irgendwann gemeinsam mit den Druckmaschinen in Rente. Dass die Leser für schlecht bekömmlichen Schnellfrass nicht zu zahlen bereit sind, kann man ihnen nun wirklich nicht vorhalten.

    Für mich ist das “Hochjubeln des Onlinejournalismus” durchaus nachvollziehbar, denn nirgendwo wird ein Journalist bessere Möglichkeiten finden, seine Arbeit umfassend darzustellen. Zu Bedauern ist nur der aktuelle Zustand des Onlinejournalismus, was wiederum viel zu tun hat mit den aktuellen Refinanzierungsmöglichkeiten.

  3. Fred David:

    Eins gebe ich zu bedenken: Tamedia und NZZ werden sich absprechen, wann und unter welchen Bedingungen sie newsnet bez. nzz.ch kostenpflichtig machen werden. Das geht in den monopolrechtlichen Bereich hinein.

    Bleiben noch die Gratisanbieter 20minuten.ch und blick.ch, die zwangsläufig das Angebot weiter nach unten schrauben müssen, wollen sie gratis erfolgreich bleiben.

    Die Schweiz muss wirklich aufpassen, wie rasch sich hier ein Quasi-Monopol in einem für die Oeffentlichkeit eminent wichtigen Bereich bildet. Auch der Tages- und Sonntagszeitungsangebot ist zum überwiegenden Teil im Besitz von Tamedia und NZZ.

    Wie Hansi Voigt ja richtig bemerkt, spielen daher die Eigentumsverhältnisse eine immer wichtigere Rolle.

    Es ist keineswegs sicher, dass die bisherige Eigentümerstruktur der NZZ (sehr breit gestreutes Aktionariat) auf Dauer gehalten werden kann.

    Die Tamedia, eine AG mit frei handelbaren Aktien, gehört mehrheitlich einem weitverzweigten Familienverband, über den man wenig weiss, der sich immer weiter von der Publizistik entfernt und die Tamedia vor allem nach Renditegesichtspunkten behandelt. Auch hier können sich Mehrheitsverhältnisse über Nacht verändern.

    Ein Medienuntenehmen ist aber keine Konservenfabrik.

    Zumindest der meinungsbildende Teil der Publizistik sollte in finanziell sehr gut ausgestattete – unabhängige – Stiftungen überführt werden. Das ist durchaus möglich, es gibt gute Beispiele dafür.

    Journalisten müssen dazu eigene Ideen und Vorschläge entwickeln und sie auch öffentlich diskutieren. Online ist dabei ein wichtiger Aspekt.

    Aber nicht der einzige.

  4. Fred David:

    …übrigens: Diese Diskussion medial und offensiv im grösseren Umfeld zu führen, wird schwierig sein. Da wird dann eben die quasi-monopolartige Entwicklung plötzlich deutlich spürbar….

  5. ras.:

    “Zumindest der meinungsbildende Teil der Publizistik sollte in finanziell sehr gut ausgestattete – unabhängige – Stiftungen überführt werden. Das ist durchaus möglich, es gibt gute Beispiele dafür.”
    @Fred David: wo, welche Stiftungen?

  6. Frank Hofmann:

    @Ronnie Grob: Vielen Dank für Ihre Antwort. Sie haben recht, Webpublishing ist nicht gleichzusetzen mit Fastfood, ich bitte um Entschuldigung für die falsche Wortwahl, die mir eine Stunde später bewusst wurde. Ich meinte den tagesaktuellen Online-Journalismus. Der “Medienspiegel” beweist ja, dass man im Web sehr viele Texte mit Substanz findet. Trotzdem würde bzw. wird mir das gedruckte Wort sehr fehlen. Zudem ist die Langzeitarchivierung für Online fast nicht machbar.

  7. Fred David:

    @) ras : Die gibt es in der Schweiz so noch nicht. Die muss man sozusagen herbeizwingen, eben: weil zwingend notwendig. Das geht.

    In der Schweiz gibt es ca. 125 Milliardäre, die dem Land ausserordentlich viel zu verdanken haben: Das ist eine Zielgruppe. Alternde Milliardäre haben durchaus Sinn für “Denkmäler”, die sich setzen könnten. Aber man muss sie natürlich aktiv dafür gewinnen.

    Oder: In der Schweiz gibt es sehr grosse, kapitalstarke Konzerne: Eine weitere Zielgruppe. Das ergäbe dann ein wirtschaftsnahes Medienunternehmen (warum denn nicht, wenn’s eine entsprechende Konkurrenz, gleichfalls als reiche Stiftung, gäbe?), wobei aber – was juristisch durchaus möglich ist – sichergestellt sein muss, dass keiner der Stifter auf die Stiftung irgendwelchen Einfluss geltend machen kann. Man kann ja auch Lehrstühle stiften, die ziemlich viel Geld kosten, ohne das Unternehmen inhaltlich Zugriff erhalten.

    Oder: Einige grössere Verleger könnten sich sagen, ihre privaten Gemäldesammlungen seien nun gross und erlesen genug (was nun wirklich stimmt). Während Jahrzehnten aus dem Unternehmen gezogene Gewinne könnten auch anders investiert werden. Keiner von ihnen müsste danach arm nach Hause gehen, auch nicht ihre Erben.

    Oder: Rudolf Augstein hat 51% des “Spiegel” an die Belegschaft verschenkt, die daraus eine Stiftung machte. Läuft seit vielen Jahren prima. Zwar soll Augstein später bereut haben, das getan zu haben, aber nicht, weil es nicht funktionierte, sondern weil starke Figuren von Natur aus dazu neigen, lieber alles selbst zu regeln.

    Sowas könnte ja auch einem Schweizer Grossverleger einfallen, mit dem Argument: Ich habe verstanden. Meinungsrelevante Medien können nicht mehr nach den üblichen Renditeüberlegungen funktionieren.

    Alle übrigen Aktivitäten sollen die Unternehmen ja behalten. Sie könnten völlig frei schalten und walten und müssten nicht pro forma noch auf “publizistische Grundwerte” Rücksicht nehmen, wie sie es heute tun (oder auch nicht).

    Oder: Die Scott/Guardian-Stiftung (GB) wurde mit einem nach heutigen Massstäben lächerlichen Vermögen (ich glaube, es war 1 Mio. Pfund) 1936 gegründet. Einziger Zweck: die “Unabhängigkeit des ,Guardian’ auf Ewigkeit zu sichern”. Seit wenigen Jahren gehts der Guardian-Gruppe zwar schlecht, wie vielen andern Medienunternehmen auch, aber das hat mit der Stiftungsstruktur wenig zu tun.

    Im Gegenteil: Die Stiftung buttert jetzt auch noch ihr “Tafelsilber” in des Unternehmen, um den Zweck zu erfüllen, und zu retten, was noch zu retten ist.

    Man wird sehen, wie es weitergeht, wie auch bei andern Unternehmen, die als normale AG funktionieren.

    Oder: Die Politik, weil sie die öffentlich wirksame Bedeutung erkennt, kann spezifisch Medien-Stiftungen rechtlich bevorzugen, so dass allfällige Stifter angelockt werden (Konstruktionen nach besonderem Recht müssen ja nicht bloss Topmanagern und Banken zugute kommen, nicht wahr?).

    Es gibt unendliche viele Möglichkeiten (und viel bessere, als sie mir jetzt einfallen). Man muss die Sache nur konkret und halt lautstark auf die Schiene setzen: Es ist schliesslich von starkem öffentlichem Interesse. So viel Zeit ist nicht mehr.

    Ich glaube übrigens, Nicolas Hayek – ich hatte die Ehre, ihn näher zu kennen – hat das erkannt, und wenn er länger gelebt hätte, wäre vielleicht eine solche Stiftung entstanden.

    Solche Gestalten mit dem nötigen Background müssen vorangehen, dann wird’s auch was.

    Und die gibt es. Geld ist in der Schweiz nicht das Problem. Es ist halt nur noch nicht überall am richtigen Ort…

  8. Fred David:

    @)sorry ras. für die Ueberlänge. Aber wenn Sie mich schon mit Ihrer Frage – positiv – provozieren, sollen Sie auch eine ordentliche – positive – Antwort erhalten…

  9. ras.:

    @ Fred David: Angesichts der grossen Änderungsdynamik im Mediensektor: Könnten da Stiftungen mithalten? Stiftungen neigen zur Inflexibilität. Betr: Guardian: Allzu lange kann die Stiftung die GMG nicht subventionieren, sonst verblutet sie. Stiftungen können wohl nur punktuell helfen.

    • kata:

      Nein, der Zustand des Guardian macht nicht viel Hoffnung. Gemäss ZEIT von letzter Woche wurde der Scott Trust 1936 gegründet “um Erbschaftssteuern zu sparen” und vor wenigen Jahren in der Krise schien das Stiftungsgebilde nicht mehr dynanisch genug, es wurde in eine “Kapitalgesellschaft” umgewandelt, was nicht verhindert hat, das schwere Fehlinvestitionen getätigt wurden.
      Der Chefredaktor verdient eine Million im Jahr und wäre lieber Meisterpianist als Zeitungsschreiber.
      http://www.zeit.de/2013/06/Guardian-Medien-Internet-Journalismus

      • Fred David:

        @) Kata: Das mit dem Steuersparen ist kein Nachteil, im Gegenteil: Nur so kann man sehr reiche Leute dazu veranlassen, mit ihrem Geld aufs Lebensende hin noch etwas Vernünftigeres anzufangen, als alles irgendwelchen Erben zu überlassen, die nichts zum Vermögen beigetragen haben. Stiftungen schützen nicht vor schweren Fehlinvestitionen, AGs allerdings auch nicht. Stiftungen sind nicht das Wundermittel, aber eine praktikable Basis für besseren Journalismus.

  10. Fred David:

    @) ras., das glaub ich überhaupt nicht. Der Schwede Jacob Wallenberg, öfter in Zürich da Grossaktionär von ABB, kann Interessenten sehr präzis darlegen, wie man eine solche Stiftung aufbaut und wie man sie führt. Die Wallenbergs tun das operativ in der 5.Generation.

    Ihr Imperium – eins der grössten Privatvermögen Europas – wird über eine winzige Stiftung in Stockholm kontrolliert, die auch in Schweden kaum jemand kennt. In insgesamt 3 Stiftungen, die enorme Erträge abwerfen – pro Jahr ca. 100 Mio. für gemeinnützige Zwecke, und das kontinuierlich seit Jahrzehnten – sind die Beteiligungen zusammengefasst.

    Das nur mal als Beispiel. In der Schweiz gibt es genügend Stiftungsexperten, die mögliche Varianten sehr genau darstellen können. Die könnten ja Wallenbergs Berater zuziehen.

    Und weil’s mir grad einfällt: Der Stadt Friedrichshafen am Bodensee gehört über eine Stiftung einer der grössten Automobilzulieferer der Welt (“ZF”). Die Stadt weiss gar nicht recht wohin mit all den jährlichen Erträgen.

    Gründer der Stiftung ist übrigens ein “verrückter” Unternehmer, der nicht wusste, wohin mit seinem Vermögen: Graf Zeppelin. Er hätte ja auch ein Medienunternehmen mit seiner Stiftung finanzieren können. Tolle Vorstellung, nicht? Auch der Bosch-Konzern gehört einer Stiftung usw.

    Das nur nebenbei. Es gibt x mögliche Stiftungs-Varianten, die seit langem sehr erfolgreich – auch unternehmerisch erfolgreich – erprobt sind.

    Nur: Am Anfang muss halt eine(r) mal viel, sehr viel Geld bez. Vermögen in die Hand nehmen….

  11. Taka:

    Vielleicht lässt sich in Basel schon bald etwas Stiftungsähnliches beobachten: CB sieht die BaZ nicht als Konservenfabrik und möchte die “Unabhängigkeit” der Zeitung, halt nach seiner Vorstellung, aber jenseits von Renditedenken, in die Zukunft erhalten.

  12. Fred David:

    @)Taka: Genau solchen schwer korrigierbaren Fehlentwicklungen muss man rechtzeitig vorbeugen. Eine Stiftung könnte man nicht einfach verkaufen oder übernehmen.

    Eigentümerverhätnisse können sich – je nach wirtschaftlicher Lage – über Nacht ändern, siehe BaZ. Je weniger an relevanten Medienhäuser es gibt, umso wichtiger wird die Frage der Eigentümerschaft. @) Hansi Voigt hat Konsequenzen daraus oben aus der konkreten, täglichen Erfahrung in der Redaktion gut beschrieben.

    Wir gleiten, bis auf einige regionale Ausnahmen, in eine quasimonopolistische Medienlandschaft. Scheint aber kaum ein Diskussionsthema zu sein..

    In dem von Ihnen angesprochenen Fall: Wer sagt denn, dass Doktor Blocher die BaZ nicht der Tamedia komplett anbietet, gegen Tamedia-Aktien und Einzug eines Adlaten in den Tamedia-VR?

    Sein Ziel ist sicher nicht Basel. Sein Ziel war und ist Zürich. Halt auch auf Umwegen.

    An seiner Stelle würde ich das , aus seiner Interessenlage heraus, eher heute als morgen tun, und an Stelle der Tamedia würde ich, aus deren Interessenlage heraus, nicht lange über ein freudiges Jaa! nachdenken.

    Kurz: Diese Perspektive hat viel an ideologischer (Blocher) und ökonomischer (Tamedia) Logik für sich.

    Und das macht die Sache nicht heiterer.

    • Frank Hofmann:

      @Fred David: Ihre These könnte sich bewahrheiten. Strehle wird jetzt von der WeWo demontiert. Bis jetzt gabs keine Rückendeckung von Supino & Coninx. Der Kanton ZH ist bürgerlich, nur die Stadt ist mehrheitlich rotgrün.

      • Fred David:

        @) Frank Hofmann: Ich hoffe nicht. Aber seltsam ist die Entwicklung schon. Blocher kann Bedingungen stellen. Und Tamedia muss, will sie den “Basler Brocken” kriegen, darauf eingehen. Ich behaupte nicht, dass dies der Hintergrund zum Fall Weltwoche/Strehle sei weil ich keinerlei Belege habe. Aber man macht sich da zurecht so seine Gedanken. Das bis jetzt nichts von Verlagsseite zu hören war, um den eigenen Chefredaktor in einer sehr heiklen Situation zu stützen, fällt in der Tat auf.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>