Die besten Trüffel liegen nicht in der Toscana

Nach all den Jahren darf man sich schon einmal eine Mütze voll maliziöses Eigenlob gestatten: Seit dem 5.1.2013 ist es sozusagen bankenamtlich, was auf dem Medienspiegel vor dreieinhalb Jahren (siehe u.a. hier) stand, inkl. des Nachweises der freien Lüge in höchsten Bankersphären, was ein paar äusserst heftige Drohungen zur Folge hatte.

Quasi bankenamtlich wurde bisher mit äusserster (auch medialer) Energie bestritten, was heute gerichtsverwertbar vorliegt: Gewerbsmässige Beihilfe zum Steuerbetrug (nicht allein die Amerikaner unterscheiden zurecht nicht zwischen Hinterziehung und Betrug) «ist in der Schweizer Bankindustrie üblich gewesen». Bis in die Spitze − und über Jahrzehnte hinweg − staatlich gedeckt und gefördert, müsste man bloss noch hinzufügen.

Das einzige Fragezeichen in dieser denkwürdigen Aussage von Wegelin-Bankier Bruderer (siehe hier) muss man hinter das Wörtchen «gewesen» setzen.

Und wieder ist die Empörung in der Branche riesig: Wie kann ausgerechnet ein Bankier so ehrlich sein? Er sagt nicht aus, er «schwärzt an», belehrt uns «Tagesanzeiger.ch» mit dem üblichen semi-patriotischen Unterton.

Man kann es nicht nur dort kaum fassen, dass jetzt eine Generalabsolution für gewerbsmässige Hehlerei zugunsten von Steuerbetrügern für Schweizer Banken in weite Ferne rückt.

Und die «NZZ», ratlos nach ihrem verschwundenen Profil als Weltblatt suchend, muss sich mal wieder winden − wegen ihres gewesenen oder doch nicht gewesenen VR-Präsidenten Konrad Hummler. So klar ist das nämlich nicht (siehe hier).

«NZZ»-Bankenkommentator Ermes Gallarotti schafft es, die Verbindung von Konrad Hummler zur «NZZ» und die sich zwingend daraus ergebenden Fragen über die intime Bankennähe des entscheidenden Teils der Redaktion völlig auszublenden (siehe hier). Lieber schwadroniert er wieder über die angebliche «Kanonenbootpolitik der USA». Von Unrechtsbewusstsein nicht der Hauch einer Spur.

Sein Bedauern, dass Hummler die eigene Bank wegen einer lächerlichen – angeblichen – Deliktsumme von 20 Millionen Dollar versenkte, kann er kaum verbergen. Wenn es wenigstens Milliarden gewesen wären! Das US-Geschäft sei ja nicht einmal Kerngeschäft gewesen. Stimmt. Dafür war die gewerbsmässige Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Betrug Kerngeschäft – und das nicht allein in den USA. Und natürlich nicht nur bei Wegelin.

Das Jahr mit der ominösen «13» fängt durchwachsen an − zumindest für einen Teil der Schweiz.

Langsam wäre es Zeit für ein bisschen mediale Selbstkritik in dieser Angelegenheit von nationaler und internationaler Dimension. Das Web hat ja doch die unangenehme Eigenschaft, Berichte und Kommentare auf Jahre zurück auffindbar zu halten. Es braucht sie nur jemand mit kritischem Blick und Lust auf ein kraftvolles eidgenössisches Sittengemälde mal einzusammeln.

Trüffelssuche in der Toscana ist dagegen geradezu Larfifari.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Die besten Trüffel liegen nicht in der Toscana»

  1. Stephan:

    Ein gutes Résumé. Für mich persönlich kommt noch ein weiterer Punkt dazu: Durch ihre unterlassene Berichterstattung bzw. Verdrehung der Tatsachen in dieser unappetitlichen Schwarzgeldsumpfgeschichte haben sich die Schweizer Tageszeitungen bei mir als langjährigem und treuem Abonnenten unmöglich gemacht. Wenn ich schon die beträchtlichen Abopreise entrichte, will ich dafür auch richtigen Journalismus, nicht Gequatsche oder Ideologie. Gerade die NZZ hat mich wiederholt schwer enttäuscht und ist gestrichen. Jetzt überlege ich mir ein Abo der Süddeutschen. Das ist auch teuer, bringt mir aber lesenswerte Artikel ins Haus. Und die Schweizer Skandale, News und Cervelats à la mode du jour kann man sich online bequem holen, falls gewünscht.

  2. Fred David:

    Zum Thema Wirschaftsredaktionen und dem dort überhand nehmenden Brachial-Oekonomismus ein Text von Ulrich Thielemann, ehemals Dozent und Institutsleiter für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

    2009 beging er den karriereschädigenden “Fehler” , der Schweizer Elite mangelndes Unrechtsbewusstsein vorzuwerfen, und das auch noch vor dem Schwarzgeldausschuss des deutschen Bundestags.

    Dass er danach förmlich “geköpft” wurde (folgsam auch von den meisten Schweizer Medien) gehört ins gleiche Kapitel.

    Extrem-Schnell-Lesern seien die letzten 5 Zeilen des Artikels empfohlen http://www.mem-wirtschaftsethik.de/blog/blog-einzelseite/article/der-unbedarf/

  3. Fred David:

    ….übrigens, zum Thema passend: Es war der Bankier und NZZ-VR Konrad Hummler, der regelrecht die Hatz auf Ulrich Thielemann an der St.Galler Universität eröffnete, weil der Dozent seine Geschäfte störte. In einem Artikel im “St.Galler Tagblatt” diffamierte er Thielemann als “vorgeschobenen Gefechtsposten der deutschen Steuerbehörden” – für einen Uni-Dozenten in der Schweiz faktisch eine gezielte Vernichtung. Es ist schon gut, dass das web solche Dinge aufbewahrt. Man vergisst sonst leicht, wie das alles so kam.

  4. Fred David:

    …und dies noch zur – vermutlich vergeblichen – Animation zu einer vertieften Forschungsarbeit http://www.medienspiegel.ch/archives/002370.html

  5. Fred David:

    Dass die Aufforderung zum sofortigen Rückzug aus dem NZZ-Verwaltungsrat an Konrad Hummler ausgerechnet aus dem Tessin kommen muss http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Hummler-zum-NZZRuecktritt-aufgefordert/story/28277041 ist für für die Medien von Wörld Sity Tsüri vielleicht etwas peinlich. Dem Renommée der NZZ jedenfalls tut es nicht gut. Da wäre der NZZ-Chefredaktor vorher gefordert gewesen – im Interesse der Integrität der Zeitung.

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