Dumbing down the Site – Aderlass bei «20minuten.ch»

Auf der Redaktion von «20minuten.ch» rumort es. Nach dem Abgang des bei der Zusammenlegung von Print und Online übergangen Chefredaktors Hansi Voigt nehmen nun offenbar auch sein Stellvertreter Franz Ermel, Chefreporter Marius Egger (ebenfalls Mitglied der Chefredaktion), Blattmacher Martin Lüscher sowie die Leiter der Ressorts «Politik» (Lukas Mäder), «Digital» (Manuel Bühlmann) und «People» (Oliver Baroni?) den Hut. Dies berichtet – nach einigen Twitterern – nun auch «nzz.ch».

Mit ein Grund für den Exodus könnte die Angst vor einem möglicherweise verordneten «Dumbing down» des Newsportals sein. Ronny Nicolussi, auch er ein ehemaliger «20 Minuten»-Onliner, auf «nzz.ch» dazu:

«Die Unruhe rührt daher, dass es bei ‹20 Minuten› – im Gegensatz zu den meisten Zeitungen – die Online-Redaktion ist, die fundiertere Informationen und seriöseren Journalismus bietet, während das Blatt meist mit Agenturmeldungen und kurzen Eigenberichten gefüllt wird. Da Tamedia zwei grosse News-Websites führt und für diejenige des ‹Tages-Anzeigers› ein Bezahlmodell einführen will, befürchten manche Journalisten, dass die Qualität von ‹20 Minuten Online› künftig gedrückt werden könnte.»

Und tatsächlich: Gemäss den Kriterien des Jahrbuchs «Qualität der Medien» ist «20minuten.ch» neben «LeMatin.ch» der einzige Online-Ableger einer Zeitung, der seine Print-Mutter hinsichtlich Qualität oder genauer: Relevanz (zumindest derzeit noch) zu übertreffen vermag:

Quelle: «Qualität der Medien – Hauptbefunde» (PDF)

Update, 6. Januar 2013: Hansi Voigt in einem Interview mit dem «Sonntag»:

«Für Tamedia heisst das [i.e. die Einführung einer Paywall für «Tagesanzeiger.ch» etc.], dass ‹20 Minuten›-Online tiefer, also journalistisch anspruchsloser positioniert werden muss, um der Newsnet-Paywall User zuzuführen. Für die Macher von ‹20 Minuten›-Online stellt sich die berechtigte Frage, warum ein Portal, das mit journalistischen Inhalten alle gesetzten Traffic-Ziele erreicht, plötzlich schlechter werden soll. Hinter dieser Strategie steckt etwas zutiefst Unjournalistisches. Das ist Journalisten kaum zu vermitteln.»

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

2 Bemerkungen zu «Dumbing down the Site – Aderlass bei «20minuten.ch»»

  1. David Bühler:

    Eine schlechte Nachricht. Mir ist schon oft aufgefallen, dass 20 Minuten online übersichtlicher und gerade in der Innenpolitik “seriöser” berichtet als Tagesanzeiger online. Trotz der vielen People- und Seichgeschichten für die Zahnspangenwerbezielgruppe gab es immer wieder kritische Artikel z. B. zum Gripen, Bankgeheimnis oder anderen Themen, die auf dem Newsnetz irgendwo ganz unten links lande(te)n. Und die Qualität der Diskussionen war in der Regel höher als beim Tagi, wo es anscheinend immer noch viele Kommentarsöldner von Avenir Suisse und SVP und Hauseigentümerverband und und und gibt. Hoffen wir, dass die Website nicht zu sehr verdummt wird und es im neuen Jahr auch Online-Erfolgsgeschichten gibt … was genau läuft eigentlich bei Medien Meinungen Vielfalt und den anderen Projekten?

  2. Stephan Werder:

    Dass 20min.ch politisch tw. sachlicher und meiner Meinung nach auch weniger hyperventilierend als TA-Online berichtet, hat mich schon öfters gewundert, und wie dies gegenüber tagi-online innerhalb der tamedia-palette gerechtfertigt werden kann. Schade drum, sollt’s denn so kommen wie vermutet.

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