Kriegsberichterstattung in 140 Zeichen

Sapperlot! Es wurde wieder mal gestorben – und kaum einer hat hingesehen. Die haben nämlich fast alle gelesen, Tweets gelesen.

Der jüngste bewaffnete Konflikt um den Gaza-Streifen dauert acht Tage, respektive 1500 Luftangriffe der israelischen Luftwaffe, über 1000 Raketen militanter Palästinenser − oder gefühlte 10’000 Tweets. 158 Palästinenserinnen und Palästinenser werden getötet, darunter laut der Menschenrechtsorganisation Palestinian Centre for Human Rights (PCHR) 102 Zivilisten, davon 35 Kinder, 55 Militante und ein Polizist.

Die israelische Armee (IDF) setzt die Zahl der Opfer tiefer an und verweist insbesondere auf getötete «Terroristen», nicht aber auf bei der «Operation Pillar of Defense» verwundete oder umgekommene Zivilisten.

Im Gegenzug sterben sechs Israeli, darunter ein Soldat.

Indes, der erste Schuss wird online abgefeuert. Oder wie «Forbes» – in einem Blogpost – meint: «the first war declared via Twitter».

Am 14. November 2012 eliminiert die israelische Luftwaffe mit einer gezielten Tötung Ahmed al-Jabari, den militärischen Kommandanten der Hamas-Bewegung. Während Al-Jabaris Überreste in Gaza noch von der Strasse aufgelesen werden, postet die israelische Armee bereits das Video der gezielten Tötung auf ihrem eigenen YouTube-Kanal. Das Video wird 4,66 Millionen Mal angeklickt – die «Likes» and «Dislikes» stehen 3:2. Minuten später lässt @IDFSpokesperson (209’136 Follower) wissen, worum es bei der Tötung al-Jabaris auch geht – in einem Tweet:

 

Innert weniger Minuten twittert @AlqassamBrigade (42’909 Follower) seine Sicht des Konflikts – Alqassam Brigades, der bewaffnete, militante Arm der Hamas an @idfspokesperson:

 

Mit dieser wohlkalkulierten Online-Eskalation des Konflikts ist absehbar, dass das Sterben im Gaza-Streifen – einem Küstenstreifen in der Grösse des Kantons Obwalden – und in Teilen Israels in die nächste Runde gehen wird. Dieses Mal allerdings live im Netz zu verfolgen.

Hunderte – oder sind es Tausende? – twittern ihre Sicht des bewaffneten Konflikts – aus Gaza-City, Ashdod, Tel Aviv, Khan Younis oder London. @BlogsofWar, @harryfear, @972mag oder @Mogaza liefern bits and pieces. «New York Times», «The Guardian», «Al Jazeera», «Al Arabiya» oder etwa auch die meistverbreitete israelische Newsplattform «ynet» setzen ihre News-Crews für Liveblogs ein.

Hochkarätige Nahost-Korrespondenten twittern und bloggen. Ben Wedeman (@bencnn), Jacky Rowland (@jackyaljaz) oder Jeremy Bowen (@BowenBBC) ergänzen im Netz die Berichterstattung ihrer Newskanäle kontinuierlich mit Eindrücken, Einordnungen und Analysen.

Und es funktioniert: Wer den jüngsten Gaza-Konflikt über öffentlich zugängliche Quellen verfolgt, sitzt dank einer Handvoll feiner Twitterer und Blogger in der ersten Reihe. Kein Warten mehr auf die Tageszusammenfassung nach dem Z’Nacht. Das allabendliche Ritual des «Und nun schalten wir nach Tel Aviv» hat sich selbst obsolet gemacht – in 1:40 (einer Minute und 40 Sekunden für drei Fragen) lässt sich Krieg nicht einordnen. Das haben Tweets und Blogposts übernommen.

Allerdings nicht ohne dass die Medienkonsumenten dafür einen teuren Preis zu bezahlen hätten. Bewaffnete Konflikte werden längst zu einem wesentlichen Teil auf dem Propaganda-Schlachtfeld geschlagen, geführt von Public-Affairs-Söldnern. Nicht von ungefähr nennt sich die Disziplin PSYWAR, Psychological Warfare. Im Fall des israelisch-palästinensischen Konflikts hat sich der kalkulierte Zynismus dieser Art der Kriegsführung besonders schön verfolgen lassen. Im Netz, versteht sich.

Jihad Misharawi, ein Video-Editor der BBC in Gaza, hält seinen jungen Sohn Omar in den Armen; das elf Monate junge Kind wird bei einem israelischen Luftangriff ebenso getötet wie seine 19-jährige Schwester Heba und sein 18-jähriger Bruder Ahmed. Gepostet von @AlqassamBrigade, geht das ursprünglich von einem AP-Fotografen geschossene (sic!) Bild um die Welt, um die Internet-Welt. In Hunderten von Blogs wird das Bild einer zerstörten Familie verlinkt, und Tweets verbreiten diese stumme Anklage gegen die Sinnlosigkeit bewaffneter Konflikte.

Bilder, die zwingend einer Einordnung bedürften. Zum Beispiel einer Antwort auf die Frage, weshalb sich westliche Staatschefs nicht zu den Ursachen der immer und immer wieder aufflammenden israelisch-palästinensischen Kämpfe äussern mögen. Journalistische Fragen würden verstehen helfen, weshalb im israelisch-palästinensischen Konflikt gestorben wurde, gestorben wird und weiter gestorben werden wird. Das scheint in Tweets und Blogposts nicht vorgesehen, ist aber auch in der traditionellen Berichterstattung kaum mehr zu lokalisieren. Stattdessen wird nicht selten ein subjektives Menü an Teil- und Falschinformationen aufgetischt; und zum Dessert der Krieg der Bilder aufs Unappetitlichste geführt.

Bewaffnete Konflikte benötigen aber zwingend einer distanzierten, medialen Begleitung; alle wissen wir, dass «War reporting» einiges mehr ist als Todesstatistiken nachzuführen.

Doch nur wenige tun es, reden nicht nur von crossmedialem Arbeiten, sondern setzen ihre Ressourcen insbesondere bei hochemotionalen News-Events auch entsprechend systematisch ein. Die Konfliktparteien füllen dieses Informationsvakuum mit Wonne − und mit Propagandamaterial, das zwischen Fiktion und Wirklichkeit kaum noch unterscheiden lässt. Kriegsprofis wie die israelische Armee, militante Palästinenser, US- und andere Verbände haben dieses Prinzip längst verinnerlicht. So wird das Netz während des letzten gewaltsamen Ausbruchs des Gaza-Konflikts als zeitgenössisches Schlachtfeld genutzt – der Schlacht um die Public Opinion.

Kurz vor Ende des jüngsten bewaffneten israelisch-palästinensischen «Account-Settlings» dann doch noch der Griff zur TV-Fernbedienung. Um Viertel vor zehn wird der Herr Kollege von Zweiten Deutschen Fernsehen zugeschaltet. Er steht in Tel Aviv auf dem Dach der Produktionsfirma, erzählt also nicht aus Gaza, sondern über Gaza. Ob Israel denn diesen Krieg aus wahltaktischen Gründen führe, möchte die Moderatorin im fernen Deutschland wissen. Die Unschärfe in der Frage aus dem Studio Mainz wollen wir grosszügig übergehen, denn it takes two to tango, und auf dem korrekterweise zu verwendenden Begriff des «bewaffneten Konflikts» wollen wir schon gar nicht beharren. So denn, Krieg aus wahltaktischen Gründen? Nun, so die Antwort aus Tel Aviv, so könne man das nun nicht sagen. Wie Mann es denn sagen könnte, nun, das vermochte der TV-Korrespondent in seiner 40-Sekunden-Antwort auch nicht zu sagen.

Stellt sich höchstens die Frage, ob sich TV-Korrespondenten nicht besser aufs Twittern verlegen sollten. In 140 Zeichen lässt sich offensichtlich mindestens so viel − und mehr − wie in 40 TV-Sekunden sagen. Oder kann man das jetzt so nicht sagen?

André Marty war die letzten 25 Jahre als Journalist für Tages- und Wochenzeitungen sowie als Auslandkorrespondent, Krisenreporter und Moderator für das Schweizer Fernsehen tätig. Im April 2012 wechselte er ins Aussendepartement (EDA), um bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Kommunikationsarbeit zu übernehmen. Hier gibt er seinen persönlichen Standpunkt wieder.

von André Marty | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Kriegsberichterstattung in 140 Zeichen»

  1. Danke André für die träfe Zusammenfassung, Interpretation, Verdichtung einer traurigen Realität. Was mir beim Lesen einfällt: Je näher dran, desto weniger Distanz. Je kürzer die Berichterstattung (egal ob 140 Zeichen oder 1:40 Minuten), desto undifferenzierter das Bild. Aber vielleicht will ja auch gar niemand mehr einordnen, das Ganze zeigen oder das Ganze verstehen?

  2. Kari:

    1500 Luftangriffe (also „raids“) in 8 Tagen? Sie meinen wohl 1500 Luft-Boden-Raketen oder Bombenladungen – alles Andere ist unmöglich. Bitte saubere Wortwahl. ist gerade in diesem Konflikt nötig.

  3. Mara Meier:

    Früher war alles besser.

    Mackensen:
    (…) Im Vorzimmer interviewte mich ein Vertreter der ›Neuen Freien Presse‹, ein Herr Goldmann, der direkt aus dem noch im österreichischen Besitz befindlichen Wien hierher gefahren war, um mich zu sehen, und der nun seinen Regenschirm verloren hatte. Bülow versprach ihm einen neuen, und ich antwortete auf die Frage, wie ich zum Kriege stehe: »Wo haben Sie ihn denn stehen lassen?« Goldmann war tief erschüttert und ging ohne Regenschirm, aber siegesgewiß vondannen.“

    Bülow:
    (…) Draußen im Vestibül empfing ich den Berichterstatter der ›Neuen freien Presse‹, Paul Goldmann, der direkt aus Wien gekommen war, um mich zu sprechen. Goldmann war stets ein verständnisvoller und kluger Journalist, der nie mehr telegrafierte, als wir erfinden konnten, und er hat auch nie versucht, selbständig zu denken – das überließ er im Kriege den Generalen und im Frieden seinem Verleger. Wir sprachen viel über die berliner Theateraufführungen eines Herrn Steinhardt oder Reinhardt, und der gute Mackensen machte ersichtliche Anstrengungen, diesem Gespräch, das so ganz andre Kulturbegriffe als die militärischen zur Basis hatte, zu folgen.

    Paul Goldmann: Bülow stellt neue Siege in Aussicht!
    Mackensen optimistisch! (Spezialtelegramm unsres Sonder-Berichterstatters)

    Gr. Hauptquartier, 13. Juli

    Es ist Hohenzollernwetter, die Truppen sind aber trotzdem prachtvoller Stimmung, denn der Kaiser hat mich zum Frühstück eingeladen, das ich in der schlichten, aber einfachen Feldküche einnehmen darf.
    Die hohen Gestalten der Heerführer und die der politischen Spitzen nahen sich – ich stehe dicht bei ihnen und lasse mich von ihnen ins Gespräch ziehen. Ich drücke die Hoffnung aus, daß wir nun bald wieder unter Dach und Fach kämen, und wies auf den Schutz und Schirm hin, den die Feinde gestern verloren hätten. Bülow sagte mir, wörtlich:
    »Wir werden ihnen bald einen neuen besorgen!«
    Seine Exzellenz der Generalfeldmarschall von Mackensen fügte hinzu:
    »Der Sieg ist unser. Wir werden ihn stehen lassen!«
    Ein Schwarm von Lakaien war inzwischen hineingekommen und putzte den historischen Gestalten die Stiefel, und auch ich ging nachdenklich an meine schwere journalistische Arbeit.
    Unsre Sache steht gut! Das kann ich im vollen Gefühl meiner Verantwortung sagen.

    Paul Goldmann

    Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Bd. 9, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 158 ff (Memoiren aus der Kaiserzeit)

  4. Fred David:

    Warum bloss ist der Marty dem Journalismus verloren gegangen? Dort würde er dringend gebraucht.

  5. Skepdicker:

    Das Hauptproblem ist wohl, dass die Serie „Nahostkonflikt“ ziemlich repetitiv geworden ist. Die Staffeln von 1948/49, 1967 sowie 1973 waren viel unterhaltsamer und erzeugten in der Schweiz eine gewisse Identifikation. Charismatische Figuren wie Ben Gurion, Dayan oder Arafat lösten damals zudem Emotionen beim CH-Publikum aus. Mit Hauptdarstellern wie Netanjahu kommt man da gegen Unterhaltungsmassenvernichtungswaffen wie Mörgeli-Gate oder Hafenkräne kaum an. Ein Fall für Herr Seibt und andere Stimmungskanonen!

    BTW: Kennt die Kulturpessimisten- und Leistungsschutzrecht-Fraktion die Herren Bischoff und Woker oder Frau Bolliger, die täglich „Einordnung“ betreiben? Oder jammert sie wie eine Schulklasse über den angeblich didaktisch schlechten Lehrer, der Vektorgeometrie nicht auf das gleiche Spass-Niveau hieven kann, auf dem sich das angesagteste Playstation-Game befindet? Der Verdacht: Qualität liegt vor unseren Füssen. Wir wollen uns aber nicht bücken, viel zu anstrengend. Wir wollen „abgeholt“ werden. Und wenn uns jemand zu offensichtlich „abholen“ will, dann jammern wir über mangelnde Qualität. Wir wollen als E-Journalismus getarnten U-Journalismus.

  6. Im Gegenzug sterben sechs Israeli, darunter ein Soldat.

    Aufrechnen funktioniert hier nicht recht.

    Die israelische Zivilbevölkerung hat Zugang zu Schutzräumen, die palästinensische Zivilbevölkerung wird von der Hamas als Schutzschild benutzt.

  7. Salo:

    …und in 1500 Zeichen hat André Marty nichts gescheiteres herausgebracht als der Mainzer TV Korrespondent in seinen 40 Sekunden. Es geht eben nicht um die Menge… .

    Salo

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